das wundervolle Ereigniß, dessen wir gewiß sind, die Eroberung der Welt, in so kurzer Seit hat vollbracht werden können: fünfzig oder sechzig Jahre haben dazu ausgelangt. Durch wen ist sie bewirkt worden? Durch Tölkerstämme der Wüste, klein an Zahl,, unwissend, sagt man, nicht krieggewohnt, ohne Mannszucht, ohne Sy­stem; und dennoch wirkten sie gegen die civilisirte, an Mitteln so reiche Welt! Das läßt sich nicht aus dem Fanatismus allein erklären; denn er bedurfte Zeit, um sich, zu entwickeln und die Laufbahn Mahomeds schloß sich nach dreizehn Jahren.

Napoleon dachte, daß, unabhängig von zufällige« Umständen, die bisweilen Wunder bewirken, noch irgend etwas hier im Hinterhalte gewesen sein müsse, was wir nicht wissen; daß Europa ohne Zweifel unter den Re, fultaten einer ersten Ursache erlegen habe, die uns ver, borgen blieb; daß vielleicht diese Völker, plötzlich im Schooße der Wüste erstanden, in ihrem Innern lange bürgerliche Kriege gehabt hätten, während welcher sich große Eharactere, große Talente, und unwiderstehliche Antriebe gebildet hätten.

Beim Lesen der römischen Revolutionen von Ver­töt, den er sehr schätzte, fand er die Deklamationen doch wässerig. In Folge dessen hatte er sich damit un­terhalten, die überflüssigen Phrasen zu streichen, die er im Vertat gefunden; wirklich erschien das Ganze, nach diesen Weglassungen, geistreicher und kräftiger. Es würbe eine verdienstliche und ohne Zweifel anerkannte Arbeit fein, sagte er, auf diese Weife, mit Geschmack und un­terscheidendem Urthell, die vorzüglichsten Werke unserer Sprache -u reduciren. Ich kenne fast keinen Schrift, stellet als Montesquieu, der diesen Abkürzungen entge­hen würde.

Der Kaiser nannte gewöhnliche Schauspiele Tragö­dien für Kammerfrauen. Ein gutes Trauerspiel, sagte er, gewinnt alle Tage mehr; die höhere Tragödie ist die Schule großer Männer: es ist die. Pflicht der Fürsten es zu befördern, zu verbreiten und es ist nicht uöthig» Dichter zu fein, um darüber zu urtheilen; es genügt, die Menschen und die Dinge zu kennen, Erhabenheit des Charaeters zu haben und Staatsmann zu sein. Das Trauerspiel erwärmt die Seele, erhebt das Herz, und muß Helden schaffen. In dieser Hinsicht verdankt viel­leicht Frankreich Corneille einen Theil seiner schönstem Thaten: auch würde ich ihn, wen» er noch lebte, zum Fürsten erheben.

Talma kam oft in die Tuilerien. Napoleon, der sein Talent hoch i« Ehren hielt, belohnte ihn mit kaiserlicher: Freigebigkeit. Das Gerücht ging, daß er Talma kommen, lasse, um Unterricht in Anstand und Eostüme zu neh, men. Der Kaiser, dem diese Sage nicht unbekannt war^ scherzte eines Tages mit Talma darüber; dieser wurde darüber verlegen und verlor eimgermaaßen seine gewöhn­liche Fassung. Sie haben Unrecht, sagte der Kaiser;, ich) könnte nichts besseres thun, wenn ich die Zeit dazu hatte ; Und dann war er es,, der Talma. Lehren über seine. Kunst gab. Racine, äußerte er, hat den Orest mit mu- zMgen. Armseligkeiten helade« und. Sie. überladen ihm

noch mehr; in dem Tode des Pompejus spielen Sie Cäsar nicht als großen Mann, im Britanniens den Rero nicht als Tyrannen.

Der Kaiser hatte die Absicht gehabt, den Oedipns von Sophokles, buchstäblich übersetzt, auf dem Theater von St. Clvud aufführen zu lassen. Talma hatte im­mer diese Idee bestritten; aber hw ^'.ser bereuete, nicht darauf bestanden zu haben; nicht, daß ich hätte versu­chen wollen, sagte er, diese Gattung wieder in die Mode zu bringen oder unser Theater zu verbessern, Gott be­hüte ! aber nur, weil ich gern von dem Eindruck des antiken Drama'ü auf unsere modernen Begriffe und Nei­gungen hätte urtheilen mögen.

Der Kaiser hatte den Plan, die Universalgeschichte nach einem neuen Systeme schreiben zu lassen; denn, sagte er, wir haben keine gute Geschichte und haben keine haben können. Die mehresten Völker Europa's find in demselben Falle; die Mönche und die Bevorrechteten d. h. die Leute, die vom Mißbrauch leben, die Feinve der Wahrheit und des Lichts, haben einzig dieses Mono­pol ausgeübt; sie haben uns erzählt, was sie gewollt, was ihnen gefallen, d. h. alles, was ihren Interessen, ihren Leidenschaften und ihren Ansichten entsprach. Na- poleon hatte den Vorsatz gefaßt, alles dieses zu refor- miren und umzuschaffen; er hatte Commissionen des Instituts oder von Gelehrten, die die öffentliche Mei­nung bezeichuete, ernannt, um die Annalen durchzugehcn, zu kritisiren und zu reproduciren. Er wünlchte, daß die klassischen Autoren, womit man den Geist der Jugend nährt, durch Commentare erläutert würden, die geeignet wären, sie mit unfern modernen Institutionen in Ein­klang zu bringen.

Auswärtige Theater.

Leipzig, im Nov. 1828 .

Nachdem den Sommer über das Theater leer ge­standen hatte, half uns die Stadt Magdeburg für die Michaelismesse mit ihrer Gesellschaft aus. welche uns viele alte Bekannte noch von dem Küstnerschen Theater her, als Hrn. Genast, jetzt Regisseur der Magdeburger Gesellschaft, Mad. Genast, Hrn. und Mad. De vrien r, Hrn. und Mad. Köckert, Mad. Schmidt und die Herren K-och und Fischer mitbrachte, die auch die> beste Aufnahme fanden und angenehme Erinnerungen: an die alte Zeit erweckten. Manche Stücke waren bei-- nahe allein mit diesen älter» Mitgliedern besetzt als der beste To n und die Schleichhändler. Von de« uns neuen Mitgliedern wußte besonders Mad. Fran- chetti Walze! in den Rollen der Julia (Vestalin), der Emilie (Maria) und Rosine (Barbier), weni­ger in den Rollen der E l v i r a (Don Juan) und R e- zia (Oberon) sich die Gunst des Publikums und der Kenner zu «rwrrbem Der Sängerin, Mad. Rosner, gestand man Schule und Mnsikkenntniß zu,, doch konnte mau sich nichp mit dem Schneidenden ihrer Stiw'.ne und besonders ihver Koloraturen, befreunden. Der Te­norist, Hr. Schmuckert, hat ein günstiges Aeußere^,