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gepfropft mit Decreten, Ladungen, Sportelnoten und anderen Dingen, von denen ein schuldloses Gemüth nichts weiß. Schweigend gingen beide Männer eine Strecke neben einander her. „Dienst ist Dienst," sagte Kinsky, alsdann den Bleistift aus dem Munde nehmend. „Ich kann's nicht ändern. Länger warten darf ich nicht, sonst kommen sie mir auf den Pelz." Kaspar machte eine Geberde, als wolle er sagen: Was verstehe ich davon?
(Fortsetzung folgt.)
Wielopolski und Zamoyski.
Nach der Revue des deux Mondes.
(Fortsetzung.)
Bis zum Jahre 1855 mußte seine Thätigkeit in den engen Kreis «ingeschränkt bleiben. Der Thronwechsel brachte eine Erleichterung des schwer auf Polen lastenden Druckes, aber im Gmnde war die Erleichterung keine bedeutende. „Man erkannte", sagt Wielopolski in seiner Denkschrift, „die Nothwendigkeit einer Reform des öffentlichen Unterrichts, der höheren wissenschaftlichen Anstalten und der akademischen Kurse; aber die Menschen der Zwischenträgerstation, die, an das alte System gewöhnt, überzeugt waren, daß uns zu viel Licht zur Revolution führe, Hintertrieben die beabsichtigten Reformen» Statt den öffentlichen Unterricht zu organisiren, überredete man den Gesetzgeber, daß es bester sei, das Gebiet derjenigen Studien zu beschränken, welche Idealisten und Anarchisten schaffen, und lieber reine Industrie- und Handelsschulen zu gründen. An Stelle einer Universität, die in der Gesellschaft größere Bildung verbreitet hätte, errichtete man an den philologischen Gymnasien einen beschränkten Cursus für Rechtslehre; mib um für die Gesundheit des menschlichen Körpers zu sorgen, gründete man eine Akademie der Medicin. Die Jugend strömte schaarenweis in dieselbe — und in zehn Jahren hätten wir ein starkes ärztliches Proletariat, sonst weder höhere Bildung, noch Talent gehabt!"
Es war immer die alte Politik der nothwendigen Förderung der unmittelbaren materiellen Interessen, aber zugleich der Verhinderung allen geistigen Emporkommens zu Gunsten der politischen Knechtung.
Es gab übrigens einen Moment, in welchem die dunlle aber ausdauernde Bewegung, welche vom Grafen Zamoyski angeregt worden war, ein Organ besaß, unscheinbar und einfach, wie sie selbst, ein Journal: „Jahrbücher der Landwirthschaft." Es entwickelte sich ans diesem Unternehmen eine „Landwirthschaftliche Gesellschaft". Anfangs bestand diese aus Mitgliedern der Redac- tion und Hilfsarbeitern des Journals; aber bald erweiterte sie sich und wurde eine Macht, vor welcher der Marquis Wielopolski, der sie später auflöste, zurückschreckte, wie vor dem plötzlich aufgetauchten Schreckbilde des Vaterlandes.
Es war klar, daß eine so nationale Vereinigung nicht impro- visirt sein konnte; war auch die Entstehung derselben dunkel, begriff man namentlich nicht gleich die Organisation der raschen Verbreitung, so war cs doch offenbar, daß die Bewegung bei dem Erreichten nicht stehen bleiben würde. Der Graf Zamoyski wenigstens zweifelte nicht daran; er hatte gearbeitet ohne schlaue Berechnung, ohne intrigante Conspiration, ohne den persönlichen Ehrgeiz, der eine Rolle spielen will — aber indem er sich zum Ausgangspunkt der socialen Wiedergeburt machte, wurde er ohne sein Zuthun Mittelpunkt aller politischen Hoffnungen und Bestrebungen. Sein vornehmster Gegner im Freundeslager, der auf das Entschiedenste in seinen politischen Anschauungen, in seiner
geistigen Organisation, in seinem Temperament von ihm abweicht, ist der Marquis Wielopolski. Abgesehen davon, daß beide Männer in ihrer Jugend eine kurze Zeit während einer Revolution, die vergebens an die öffentliche Meinung Europa's ap- pellirte, ihr Vaterland im Ausland vertraten, und abgesehen davon, daß Beide nach der schweren Niederlage des Vaterlandes nicht auswanderten, hat ihr Leben nichts Gemeinsames.
Der Marquis Wielopolski ist einer der Männer, die den Kampf lieben und suchen; nicht sowohl wegen der damit verbundenen Auftcgungen, als weil sie den Eingebungen eines zwar bedeutenden, aber herrschsüchtigen Geistes folgen, der ' sich in schwierigen Verhältnissen gefällt und der am wenigsten durch Mangel an Popularität, durch Haß und Hinderniste zurückgeschreckt wird. Seine Physiognomie ist der Abdruck dieses Geistes, sein Blick ist streng und energisch, in seinem Gesicht liegt der Ausdruck der entschiedenen Kraft; in seiner Haltung spricht sich das Bewußtsein eines stolzen Selbstvertrauens aus. Es ist derselbe Mann, der als Student auf der Universität zu einem anderen Studenten, dem man zum Gegenstand eines literarischen Vortrages eine Abhandlung über die Eitelkeit gegeben hatte, sagte: „Ich hoffe, Sie werden beweisen, daß die Eitelkeit eine Tugend ist!" Es ist der Mann, der noch heute in seiner anonym herausgegebenen Broschüre sagt: „Die Vorsehung gibt ihren Organen große und ausdauernde Kräfte". Marquis Wielopolski besaß einen außerordentlichen Vorrath davon. „Der Triumph der von der Vorsehung Auserlesenen ist um so größer, je schlechter der Empfang ist, welcher ihnen seitens des großen Haufens zu Theil wird!" Seine Erziehung war eine sorgfältige gewesen: man prägte ihm Geduld ein, Ausdauer bei der einmal vorgeschriebenen Beschäftigung, Sparsamkeit. Er wurde ein gründlicher Rechtskenner, ein gelehrter Humanist, ein gewandter Redner. Er hatte schon in seinen Iünglingsjahren eine große Reihe von Processen zu führen: Personalgläubiger seiner Ascendenten (deren Güter er später erbte) hatten ihre Schuldforderungen eingeklagt, ein großer Gütercomplex sollte auf Veranlastung des Gerichts zur Befriedigung der Gläubiger verkauft werden; da schritt die Mutter des Marquis, der noch ein Knabe war, ein und verlangte Aufhebung der eingeleiteten Verkaufsverhandlungen zu Gunsten der Erbrechte ihres Sohnes. Die Verhandlungen zogen sich sehr in die Länge, der junge Marquis überkam die Pro- cesse, und in vielen Fällen führte er selbst seine Sache vor Gericht mit einer Schärfe der Logik und einer Beredtsamkeit, welche die ganze Energie und Klarheit seiner Persönlichkeit erkennen ließ. In diesen Kämpfen stählte sich sein Talent und sein Charakter; er vertheidigte seine Feudalrechte gegen die Anschauungen des modemen Civilgerichts, — und in der That: er ist ein ächter Repräsentant des Feudalwesens.
Mitten in diese zahlreichen Processe siel die Revolution von 1830; er warf sich mit allem Talent und aller Leidenschaftlichkeit auf die Politik, aber was nahm er aus seiner Thätigkeit als Mitglied des polnischen Landtages in Warschau, und als Gesandter in London für die Tage mit, welche auf die traurige Niederlage feines Vaterlandes folgten? Er hatte zwei Erscheinungen gesehen, welche auf eine Natur, wie die seimge, einen unauslöschlichen Eindruck machen mußten: in England hatte er die Gleichgiltigkeit von ganz Europa gegenüber der nachdrücklichen Appellation der Diplomatie erkannt; als Abgeordneter in Warschau hatte er den Kampf der inneren Parteien gesehen, der in gleichmäßigem Feuer fortbrannte, als die Feinde Aller schon siegreich vor den Thoren standen! — In Alledem hatte er nicht ein Unglück seines Vaterlandes gesehen, sondern eine völlige Ohnmacht, und das Gefühl einer Ohnmacht war seinem stolzen Geiste tausendmal unerträglicher als das Unglück. Er schöpfte aus diesen jugendlichen Erfahrungen ein bitteres Urtheil über