Frankfurter Konverfationsblatt.

Belletristische und kritische Beilage zur Postzeitung.

Nr. 39.

Samstag, den 14. Februar.

1863.

*** Fremde heilt.

Novelle von .

(Fortsetzung.)

Die Freunde umarmten sich aufs Neue, und Albert eilte heim. Gegen Abend erschien Mosemann, dem er den Auftrag gab, seine Sachen zur Post zu bringen. Eine halbe Stunde später fuhr unten ein Wagen vor. Beim Scheine der Lichter erkannte er die von Dippelt'sche Equipage. Herr von Dippelt stieg aus, ein starker alter Herr mit schwarz und grau gemischtem Haare und einem Orden auf der Brust. Dann folgte Fräulein Anna von Dippelt, eine schlanke schmale Figur mit schwarzem Haare und gelber Gesichtsfarbe. Es gab ein Lachen und Begrüßen auf der Treppe. Dann nach einer halben Stunde etwa stiegen Anna von Dippelt und Emilie Winhold mit Herrn Advocaten Schleich in den Wagen. Albert konnte Alles deutlich sehen. Emilie sprach und lachte, als sie der Anwalt in den Wagen hob. Sie war reizend in dem weißen Kleide. Der Wagen rollte davon und kam wieder. Diesmal stiegen die beiden alten Herren, v. Dippelt und Winhold ein. Als dies vorüber war, schloß Albert die Thüre ab und ging hinunter. Dorette war in der Küche und sehr verwundert, Herrn von Wingefeld in Reisekleidern zu sehen. Albert händigte ihr eine Abschiedskarte für die Herrschaft ein, und ging.

Der Thee bei dem Landrichter war überaus glänzend diesen Abend. Die gewähltesten Toiletten sah man da, die Räume er­strahlten von Lampen, Kerzen und Kronleuchtern; Alles war aufs nobelste und feinste hergerichtet. Gegen neun Uhr traten unter allgemeiner Acclamation Emilie und der Advocat Schleich ans Klavier, um eine Ouvertüre zu spielen, die sie eingeübt hatten. Dann spielte Fräulein Anna von Dippelt eine Sonate und dar­auf sang wieder Fräulein Emilie von Herrn Schleich begleitet ein Lied. So ging es in schönster Abwechslung fort. Gegen 10 Uhr war Emilie an Anna's Arm einmal auf die Schwelle des Herrenzimmers getreten, um ihren Vater etwas zu fragen. Sie warf dabei den Blick über die zahlreichen Gruppen, als suche sie etwas. Man hatte indessen genug gesungen und gespielt und wollte auch tanzen. Herr Schleich arrangirte das. Mehrere jüngere Herren wurden wohl oder übel aus dem Spielzimmer dazu ge­preßt, um die Zahl der Tänzer zu verstärken, und der Advocat eröffnete mit Emilie den Ball. Es war eine Lust sie tanzen zu sehen. Sie schwebte nur am Arme ihres Tänzers. Von Zeit zu Zeit warf sie verstohlene Blicke durch die Thüre, welche von Zuschauern aus den andern Zimmern besetzt war, und gegen elf Uhr hatte sie ihren Vater, der im Rauchzimmer spielte, wie­der etwas zu fragen. Was sie gerne hätte wißen mögen, das sagte ihr Niemand, und sie getraute sich nicht zu fragen, so sehr sie sich Mühe gab, eine unverfängliche Einkleidung zu finden.

Als die Gesellschaft zum Aufbruche Miene machte, wurde Emilie sichtlich verstimmt und einsilbig. Sie wollte nicht mehr tanzen, und blätterte in einem Album. Herr Schleich nahte sich ihr mit dem verbindlichsten Lächeln, allein sie hörte kaum auf das, was er sagte. Als man nach Hause zurückgekehrt war, und Dorette ihre Herrin entkleidete, sagte diese:Du hast doch nicht die Haus- thüre verriegelt?"Doch!" erwiderte Dorette.Ist denn der Referendar schon zu Hause? Der wird nun einen rechten Lärm machen."

Seien Sie unbesorgt, Fräulein, der ist heute Abend auf lange Zeit verreist. Sein Karle habe ich drinn an den Spiegel ge­steckt."

Als Dorette dies sagte, überfiel Emilien ein jäher Schreck. Sie zitterte und verstummte.Ach, wie kalt ist es," sprach sie sodann. Als Dorette sich entfernt hatte, ging sie mit dem Lichte ins Wohnzimmer, trat vor den Spiegel und uahm Alberts Karte. Leb' wohl!" sagte sie leise und hauchte einen Kuß darauf.

Herbst und Winter vergingen in Hattenheim wie immer in Fröhlichkeit und Wohlleben. Man sprach in der Zeit am mei­sten von dem Processe, welchen Herr Albert von Wingefeld durch den Advocaten Mehlttetter gegen die von Dippelt anhängig ge­macht hatte. Jedermann schüttelte den Kopf darüber. Man sagte, es sei pure Chikane vom Advocaten Mehlttetter und Un­besonnenheit von Albert. Der Landrichter war ganz ungehalten über den muthwilligen Handel. Auf einen Termin im März 1854 hatte er den Herrn von Wingefeld persönlich vorgeladen, und so kam dieser denn eines Tags zu Anfang März wieder in Hattenheim an. Als er an der Post ausgestiegen war, eilte er aus einige Minuten zu Mehlttetter und von da nach Hause ins wohlbekannte Erkerzimmer. Der Zollinspector und Emilie waren nach Ryneck gefahren. Dorette sagte es ihm. Kaspar Mose­mann, der aus der Stelle erschien, hatte die Reisetasche und den Koffer Alberts abzuholen, und war keine zwanzig Schritte von der Post, als ihm das wohlbekannte Narbengesicht des Gerichts­dieners aufstieß, der soeben aus demLämmchen" kam, wo er seine Lebensgeister mit einemGrünen" erfrischt hatte. Wenig­stens roch seine Rede auf eine Armslänge nach Pfeffermünzgeist.

Ist dein Herr daheim?" frug er.

Eben ist er mit der Post gekommen," antwortete Kaspar.

Gut," sagte der Gerichtsdiener nickend,dann kann ich's ihm gleich insinniren."

Gott soll sich erbarmen, was ein Elend!" rief Kaspar un­willigeEben die Nase ins Logis gesteckt, so kommen auch schon die Nothkragen. Wenn doch nur ein kaiserlich könig­liches...."

Das Uebrige verschluckte der zornige Diener. Vielleicht ge- nirte ihn das Gebühren des Herrn Kinsky, welcher, einen Blei­stift im Munde, mit verweisender Geberde den Kopf schüttelte. Er hatte dabei eine dicke lederne Brieftasche in der Hand, voll--