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anz zufällig, wie an hundert anderen. Du lieber Gott! sie mußte doch die Augen irgendwo hinwenden, wollte sie dieselben nicht zudrücken. Aber doch doch überkamen mich in diesem Momente unter dem Eindruck dieses Blicks gar wundersame, fantastische Ideen und Luftgebilde.

Wenn nun möglicher Weise so dachte ich nämlich die hohe Prinzessin in dieser einen Sekunde durch eine seltsame Laune des Geschicks, durch einen geheimntßvollen, unerforschlichen Zug des Herzens eine tiefgewurzelte, unwiderstehliche Neigung zu dir gefaßt hatte, wenn es ihr urplötzlich klar geworden wäre, daß sie nicht leben könne ohne dich und wenn sie in dieser Über­zeugung vor ihre Eltern träte, mit imponirender, angestammter Hoheit und sagte: Hört! lieb Mütterchen und du bester Papa, gebt mir den Jungen da drunten zum Mann, sonst lauf' ich euch noch heute auf und davon und kann nimmer froh werden zeitlebens; der oder keiner! wie es in Rittergeschichten und rührenden Historien heißt. Und wenn dann die über­raschten Eltern ja sagen müßten mir nichts dir nichts und nach dem Jungen schickten, den ihr geliebtes Kind sich auserkoren, ihn ihr zuführten und uns segneten: Da nehmt euch und seid glücklich! Wahrhaftig, ich sah mich ordentlich schon, wie ich mit einfältigen, verwunderten Mienen dastünde und nicht wüßte, wie ich mich geberden sollte mit meiner hohen Braut. Mußt' ich doch kaum mit Nachbars schlichtbürgerlichem Julchen ein vernünftiges Wort zu reden, deren Anbeter ich war, wie meine Kameraden behaupteten. Und wenn man dann endlich, um die Mesalliance auszugleichen, dem künftigen Gemal ein Königreich einrichtete weit am Kaukasus und ihm eine Krone aufS Haupt setzte! Mir fielen gleich alle die Regenten und Potentaten ein, die es nichtvon Gottes Gnaden" waren, zumal Napoleon Bonaparte und seine königlichen Brüder, und ich hegte wahrhaftig ganz destruktive, nivellirende Ideen. Was Wunder auch, daß ich vor Jahren in kindischer Träumerei mich in Fantasien wiegte und Luftschlösser aufbaute, die heutzutage gereifte Männer über die vierzig Jahre hinaus ganz ernsthaft verwirklichen wollen. Ich eilte der Zeit ein wenig voraus nicht weiter. Sei eS, daß dieser Traum der Hoffnung eines Bettlers glich, der daS große Loos gewinnen wollte, ohne den Einsatz erschwingen zu können; eS gibt Momente in der Jugend, wo man am Ende noch fantastischer und ungemeffener schwärmt.

Solche Träume und Luftschlösser, unabhängig von äußeren Verhältnissen und Satzungen, sind dem Erdenptlger ebenso ein Bedürfniß, wie der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele und an das Jenseits, wenn er das irdische Dasein mit all seinem Jammer und seiner schaalen Leere auf die Dauer ertragen soll. Träume find das Surrogat für die unerreichbare Wirklichkeit, wie Manchester für den aristokratischen Sammet wie Flitter für Goldbrokat wie Cichorienkaffee für Mocca und pierres de Strass für Krondiamanten.-

Also träumte ich und hätte noch lange fortgeträumt, nach der Orangerie auf dem Balcone hinaufstarrend, wäre nicht wieder die leidige Polizei mit ihren unberufenen Maßregeln dazwischen getreten, um die Straße von denmüßigen Gaffern" zu säu­bern. Marsch nach Hause, ihr JungenS! brüllten die un­gehobelten Gesellen und thaten wol auch einen kühnen Griff nach dem Kragen eines widerspänstigen Proletariers. Klein­laut, niedergedonnert schlich ich von dannen. O grausame Ironie deS Schicksals! Ich hatte von einer KönigSkrone geträumt und mußte nun einem elenden Büttel weichen. Wie ängstigte ich mich, es könnte jemand meine Gedanken erraten und mir ins Herz blicken. Aber nein! eS gibt Dinge, von denen sich alle Philosophen der Welt nichts träumen lassen, geschweige denn jene Flaneurs in meiner Nähe. Wer mich so still versunken ah selbigen Abend, glaubte nicht anders, als daß ich in der

Schule eine empfindliche Strafe erlitten. Die engherzigen See­len! Als ob nur eine Stande Arrest oder ein Scheltwort mir weh thun könnte. O eine zerronnene Illusion, eine ungestillte Sehnsucht schmerzt wol tiefer.

(Fortsetzung folgt.)

Robert Reittick.

Ein Gedenkblatt-

Vor Menschen sei ein Mann, vor Gott ein Kind.

Im Denken sei ein Mann, fühl' als ein Kind.

Sei Mann im Leben, Kind in der Natur.

So sang und war Robert Reinick. An ihm, der am 7. Februar früh in Dresden von der Welt geschieden ist, haben wir einen der zartesten Sänger und einen der edelsten Menschen verloren. Unser Dichter war am 22. Februar 1805 * zu Danzig geboren und erhielt in dieser Stadt seine erste Bildung. Später begab er sich zum weitern Studium nach Berlin, wo er sich unter BegaS in der Malerei ausbtldete, bis er nach Düsseldorf übersiedelte. Als er an dieser Akademie sich die nötige Vorbil­dung angeeignet zu haben glaubte, reiste er nach Rom', wo er sich der Malerei und Poesie widmete. Mit Vorliebe erzählte er von den süßen Tagen, die er in Italien verlebt hat. Im Jahr 1844 kehrte er nach Deutschland zurück und schlug in Dresden seinen Sitz auf. Er war ein Doppelkünstler wieKopisch, Maler und Dichter zugleich. In Liedern und Gemälden feierte er die Lebenswonne und die Frühlingspracht, und die Lust seines zwie­fachen Künstlerbcrufes schildert er am besten in den Versen:

Wie ist koch die Erde so schön, so schör!

Das wissen die Fluss' und Seen;

Sie malen in klarem Spiegel Die Gärten und Stadt' und Hügel,

Und die Wolken, die drüber gehn.

Und Sänger und Maler wissen cs,

Und cs wissen's viel andere Leut;

Und wcr'S nicht malt, der singt es,

Und wer's nicht singt, dem klingt eS In dem Herzen vor lauter Freud'!

Reinick hatte unter den deutschen Dichtern ml die heiterste Gabe, daö dolce far niente, die kindlichste Last am seligen Schweifen durch wogende Kornfelder, durch kühlen Waldschatten, durch liebliche Fluren, während die unmutigst.n Empfindungen und Bilder durch Sinn und Seele zogen.

So geh' ich lustig durch die Welt,

Wo jeder gern mich sieht;

Und wem mein Malen nicht gefällt,

Den freut mein lustig Lied.

Nicht leicht ein Dichter neuester Zeit ist so glücklich in der ein­fachen, naiven Darstellung unschuldiger Liebe wie Reinick. Eine kindliche Frömmigkeit athmet in vielen seiner Lieder, während

* So gibt 1)r. Schenckcl in seinerdeutschen Dichtcrhalle des neun­zehnten Jahrhunderts" als richtig an, während andere und in den jüng­sten Tagen noch der InnsbruckerPhönix" 1810 als das Geburtsjahr des Dichters bezeichnen. D. Red.