Aettetristische Beilage zur Gberpostamts-Zeitung

M«. 32. Montag,

1. Marz 1832.

Bilder aus einem Zugendleben.

Mitgethcilt von Nielenka.

(Fortsetzung.)

AuS diesem Buch der Vergangenheit will ich nun ein Blatt aufschlagen, aus der bilderreichen Zeit der Jugend, auS den Tagen jener kostbaren Seidenfaden und Aepfelschalen. Es war im Jahr aber indem ich, um endlich von der romantischen Abschweifung zurück und zur Sache zu kommen mit der Angabe eines Datums beginnen will, geht es mir, wie K. v. Holte! in seinem BuchVierzig Jahre" von sich sagt: Jahres­zahlen entfallen mir gar zu schnell; Ereignisse, waö sich an diese knüpft, Lokalitäten, geringfügige Nebenumstände bleiben desto fester. Ja, ich hatte von jeher keinen Zahlensinn und konnte schon aus der Schule füglich ein im Irrgarten der Algebra umhertaumelnder Scholar heißen. Es geschieht daher nicht aus besonderer pflichtschuldiger DiScretion für noch lebende Familien­mitglieder wie gewöhnlich in Vorreden zu abenteuerlichen Romanen heißt noch aus Geheimnißkrämcrei, um die fol­gende harmlose Episode mit einem interessanten Nimbus zu um­kleiden es ist reine Vergeßlichkeit, wenn ich sage: es war im Jahr 183* unb die letzte Ziffer mit einem mysteriösen Sternchen bezeichnen muß. Ach ja, die Zahl weiß ich nicht mehr, da doch sonst jene Zeit mit ihren Erlebnissen, mit ihren kleinsten Momenten, mit allen ihren äußern Anschauungen und tief inneren Empfindungen so lebendig und unverwischt mir vor der Seele steht! Im Jahr 183* also war es und zwar zur Sommerzeit, als eines TagS in den Nachmittagsstunden auf der Albrechtstraße in Breslau ein dichtes Menschengewül wogte. Die Polizeimannschaft, so zahlreich sie auch versammelt war, hatte ihre Not, um mitten durch die ineinanderflutende Menge einen freien Raum zu erhalten für die Wagen der allerhöchsten, höchsten und hohen Herrschaften, die jeden Augenblick eintreffen mußten. In diesem Gewül stand ich denn auch und wartete der Dinge, d. h. der Notabilitäten, die da kommen sollten. Wie hätte ich bet solchen Gelegenheiten wol fehlen können! Ich weiß wahrlich nicht zu sagen: war es jene angeborne Bewunderung für Potentaten, die der Deutsche zum Entsetzen aller Republi­kaner einmal nicht überwinden kann, oder war es bloße Neu­gierde und Schaulust, die ja auch einziehenden Kunstreitertrup­pen und Seiltänzerbanden huldigt genug, die Ankunft sol­cher Herrschaften begrüßte ich immer als ein festliches Er­eigniß.

Damals stralten übrigens Krone und Scepter noch in un­angetasteter Glorie, die Regenten hießen bet jedermannvon Gottes Gnaden" und dassouveräne Volk" war noch lange nicht erfunden. An selbigem Abend galt es aber nicht nur

einem Kaiser zu huldigen oder die Neugierde zu befriedigen: ein Schwesterpaar war es zumal, das die Gedanken der Jugend sicherlich mehr erfüllte, als alle gekrönten Häupter der civili- firten Welt.

Marie und Olga! An den Schaufenstern der Kunsthand­lungen hatten schon einige Tage vorher die Bildnisse ausgehan- gen, die zwei Gestalten auf einem Tableau, in schwesterlichem innigem Aneinandcrschmiegen; und nun sollten sie selbst er- scheinen. Da wurde es plötzlich laut; die Menge wogte heran, die Reihen öffneten sich die Straße entlang ich weiß nicht mehr, wie die Wagen folgten, wie viele es waren und wer darin saß; ich überflog und unterschied die fremden Ge­stalten nur flüchtig, aber die beiden Schwestern sie sah ich, sie fand ich unter allen heraus. In einer zurückgeschlagenen Chaise saßen sie links Marte, rechts Olga oder umge­kehrt. Ich wußte kaum mehr, was rechts, was links war, nur das wußte ich bestimmt, daß die eine Olga war und daß-

Da trat eine Stille ein, eine wahre Kirchenruhe und ich wagte gar nicht weiter zu denken, als urplötzlich in meiner Nähe ein wagehalsiger Gamin seine Mütze hoch in die Luft wirbelte und im Uebermaß seines Entzückens ausrief: Die Olga ist die schönste ich nehm' mir die Olga! Im selbigen Augenblick brummte dem gefühlvollen Schwärmer der Kopf von einem Backenstreich, daß ihm die Hellen Thränen in den Augen standen und ein dienstbefliffener entmenschter Gendarm schleppte ihn unbarmherzig fort von seinem Glück, einer dunklen Zukunft entgegen. Damals lernte ich die Despotie der Polizeiherrschaft hassen, da ich sah, wie wenig sie den inneren Menschen reftwe- tirte und wie sie die heiligsten Gefühle knechtete. Der Märtyrer aber ertrug standhaft die Züchtigung er litt jaum ihret­willen" ; kein unharmonischer Laut kam über seine Lippen, trotzig wischte er sich das Wasser aus den Augen und unein- gcschüchtert unter der Faust dcS Schergen rief er trtumfirend noch aus der Ferne: Und die Olga ist doch die schönste!

Nichtsnutziger Blitzjunge, Taugenichts! wenn er nur wenig- stenSdie schönere" sagte, da nur von zweien die Rede ist; aber warte nur, ich will ihm morgen die ComparationSlehre schon geläufig machen. Also faselte ein grämlicher Magister neben mir und verhieß dem unglücklichen Opfer neue Strafen. Nüchterne Pedantenseelen! die ihr die zartesten, duftigsten Ge­fühle des Herzens nach Declination, Conjugation und Compa- ration grammatikalisch ablciern wollt!

Ja, Olga ist doch die schönste! sagte ich selber, nur wol- weislich etwas leiser als mein büßender Meinungsgenosse; nicht die schönere von zweien, die schönste auf der ganzen Welt ist sie, die alleraüerschönste. Nun hielt der Wagen vor dem Portal. Ich drängte mich und schlüpfte wie ein Wiesel durch das Gewül, um sic noch einen Augenblick beim Aussteigen zu sehen, ehe sie in der Halle verschwand. Da streifte zufällig ihr Blick über die Straße und an mir vorüber natürlich