aber die Stadt, da ist selbst ein Graukopf von sieben und fünfzig Jahren vor solchen Thorheiten nicht sicher. Wenn ich nur wüßte, bei welchem Zipfel ich die Sache anzufassen habe. Die Nähterin wird sich nicht mit einem Stückchen Geld absinden lassen. Sie wird ihr Planchen gut angelegt haben, und hält den alten Gvldkarpfen in ihrem Netze fest. Nun vor Allem den Bruder ausgeforscht und dann das Möglichste versucht."

Jetzt trat der Kammerdiener mit dem Gabelfrühstück herein und bald darauf zeigte der Jäger an, daß der Wa­gen vorgefahren wäre.

(Fortsetzung folgt.)

ABC für Frauenzimmer.

Reise nach Tarandolina.

Jetzt endlich schreibe ich Dir, - so lautet der dritte Bericht der reisenden Dame, aus Tarandolina. Ach! wie schrecklich hat sich Alles bei Deiner unglücklichen Freundin verändert. Die Insel hier ist eine Art von Ein­öde ; ein ewiger Winter herrscht auf derselben; hohe schnee­bedeckte Berge, traurige Fichten- und Tannenbäume, un­absehbare Eisfelder, kalte Nordwinde, erschreckliche Nord­lichter, wilde Bären und Wölfe, das ist es, was man hier sieht und hört. Als ich ankam, überfiel mich ein ge­waltiger Frost; der Wind rauschte durch die Tannen und der Schnee stöberte; meine Begleiter verließen mich und ich stand einsam in der unendlichen Wüste des Norden, fern von aller menschlichen Hälfe; ich verzweifelte. End­lich, durch die Angst getrieben, wunderte ich durch den tie­fen Schnee, eilte mit Anstrengung aller meiner Kräfte wei­ter, kam m ein enges Thal, dann in einen Tannenwald, wo ich endlich kraftlos niedersank. Da erschien plötzlich ein altes Weib, welches zu mir trat, mir die Hand reichte, mich erquickte, und mich fortführte. Sey ohne Furcht, meine Tochter! sagte die Alte; ich werde Dich in unser Kloster führen, wo Du gastliche Aufnahme finden und in unseren Orden eingeschrieben werden sollst. Aber wo bin ich und wer bist Du? Du bist auf der Insel Ta­randolina oder dem gelobten Lande der alten Jungfern, und ich bin die Aebtissin des weltberühmten Altenjungfern­klosters, welches Dich bald, meine liebe Schwester in sei­nen heiligen Frieden aufnehmen und allen Sturm des Le­bens in "Deiner Brust zur Ruhe bringen wird. Noch kennst Du nicht das Glück des Altjungfernstandes. Wehe mir, daß ich es kennen lernen soll! Ich werde schon im Noviziat sterben. Weiter konnte ich nicht reden. Schauer­liche Gedanken rannten in meinem Kopfe umher; gräßliche Nachtgespenster wuchsen aus meiner Phantasie; hundert Dolche sah ich auf mich eindringen; ich schleppte mich in starrer Bewußtlosigkeit weiter. So kamen wir an das unselige Kloster. Wie schauerlich lag eS da, gleich einem riesengroßen, steinernen Sarge! Ich hörte die Abendglok- ken tönen und mir schien es, als wollten sie all' meine Lebensfreuden zu Grabe läuten. Wir traten ein und ver­fügten unS in einen großen Saal. Was sah ich da! Keine goldgelockten Brautbewerber, keine ritterlichen Minne­sänger, keine modischen Stutzer, sondern eine Schaar al­

ter Jungfern. Den Anblick vermag ich nicht zu beschrei­ben. Zahnlos, mit rothen, triefenden Augen, langnäsig, mit Runzeln bedeckt, hager, die Wangen eingefallen, mit grauen Haaren traten sie auf mich zu und begrüßten mich. Das war ein Geschnatter, ein Gekrächze, ctn Fistuliren, ein Kreischen, ein Gesichterschneiden, ein krampfhaftes Ver­zerren, kurz, es war schrecklich. Und sie nannten mich ihre neue Freundin, versprachen mir selige Tage bei Kaffee, Schnupftabak und Klatscherei, schimpften auf die Welt und auf die Thorheiten der Männer, zeigten mir ih­ren närrischen Putz und quälten mich schrecklich, indem sie mich zu erheitern glaubten. Ach! eine Lage, wie die wei­nige, will ich meinem Todfeinde nicht wünschen.

(Fortsetzung folgt.)

Jerusalems Zerstörung im Jahr 70.

(Fortsetzung.)

So wie indessen der religiöse Einheitspunkt, der diese Centralisation ihrer Kräfte hervorgerufen hatte, zerfiel, oder wenigstens für die große Masse des Volkes verloren ging, d. h., wie der Verfall ihrer Religion uyd die mit demsel­ben stets Hand in Hand gebende Demoralisation ihre Kraft gelähmt hatte, so waren die späteren Anstrengungen des Volkes, seine Selbstständigkeit zu erhalten oder wreder zu erlangen, nur als die letzten ohnmächtigen Windungen ei­ner sterbenden Nation zu betrachten. So wie aber ein Licht vor seinem gänzlichen Erlöschen noch einmal hell auflodert, so steht auch die letzte Anstrengung des jüdischen Volkes, sich den Fesseln des mächtigen Römervolkes zu entwinden, die ihm stets drückender wurden, als ein ausgezeichnetes Phänomen in der Geschichte da. Mit der Eroberung und der Zerstörung Jerusalems und des Tempels losete sich das Band, das die einzelnen Glieder dieser Nation an ihr ge­meinschaftliches Vaterland fesselte. Die Juden waren zer­streut, ihr Staat verschwunden.

tz. 2.

Veranlassung des Römerkriegs.

Nachdem Pompejus der Große das jüdische Land der römischen Botmäßigkeit unterworfen hatte, wurde die rö­mische Oberhoheit durch einen dort residirenden Statthalter oder Landpfleger repräsentirt. Um den Gottesdienst der Juden kümmerten sich die Römer nickt; dieser wurde fort­während auf die vorgeschriebene Weise, unter dem Vor-, stände des Hohenpriesters, verwaltet. Selbst die weltliche, Gerichtsbarkeit durfte von einem Jdumäischen Fürstenftamme, den Herodianeru, verwaltet werden (was freilich den Ju­den, die eben keinen Grund hatten, die Fürsten aus dieser Familie zu lieben, als keine Vergünstigung erschien). Nur mußten sie sich stets als römische Vasallen beweisen, was sie auch nicht zu thun versäumten; denn da ihre'Regierung durchaus nicht populär war, so mußten sie sich die römi­schen Herrscher günstig erhalten. Sie erwiesen auch dem Triumvir M. Antonius, als er noch Herr im Oriente war und nach seiner Niederlage bei Actium dem Augustus, viele Schmeicheleien. Darum wurde diese Familie stets von den Römern geschützt. Besonders stand Herodes der