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blick sagte der General: „Das Militär werde zwar aus Pflicht des Gehorsams seine Schuldigkeit thun; er könne aber nicht auf besondere Anhänglichkeit des Officiercorps rechnen, indem viele Lfficiere vom Herzog vernachlässigt wären und viele durch jahrelangen Mangel und Entbehrungen erbittert seyen." Der Herzog, ohnehin kein starker Geist, ließ sich einschüchtern: er reiste ab, oder vielmehr er floh. Er ertheilte dem Generallieutenant v. Herzberg den Oberbefehl mit unbeschränkter Vollmacht und trug ihm auf das Schloß zu erhalten, das gerettet werden müsse. Hr. v. Herzberg antwortete: „Da Ew. Durchlaucht mir das Commando geben, bin ich sehr glücklich. Das Schloß Ew. Durchl. soll und muß gerettet werden." Dabei ergriff er mit beiden Händen des Herzogs rechte Hand und küßte sie mehrmals. Der Herzog zog die Hand zurück; kaum war er eine halbe Stunde fort, so stund das Schloß seiner Väter in hellen Flammen. Hr. v. Herzberg hatte seinen Posten verlassen, ohne den Soldaten Befehle zu geben, und so blieb dem Pöbel, der von Vermummten geleitet wurde, freier Spielraum. Das Schloß wurde angezündet und ausge- plündert. Kein Schuß war zur Verteidigung desselben gefallen; einige bedrängte Artilleristen hieben auf eigene Faust ein und sogleich wich der Pöbel mit den Worten: „Ja, wenns so gemeint ist!" Noch wäre vielleicht Rettung möglich gewesen, aber Hr. v. Herzberg gab der Artillerie Befehl mit den Kanonen abzufahren und „zur Verhütung von Unglück" die Munition ins Wasser zu werfen. Die Pöbelmassen gehörten zum Theil der Stadt Braunschweig nicht an, sie waren am Harze und in benachbarten hannöverfchen Dörfern geworben worden, und dort sprach man auch schon Tage lang vorher vom Schloßbrande. „Es ist schade", sagt das Buch, „daß die neue Regierung nicht den Befehl des Bundes befolgte und die Theilhaber und die Triebfedern dieses glorreichen Aufstandes durch öffentliche Behörden ermitteln ließ." Der Herzog Wilhelm kam schleunig von Berlin. Der Adel umgab ihn. Man erzählt daß ein in der Nähe von Braunschweig ansässiger Edelmann, der in des Herzogs Gegenwart zu dem Oberstaatsrath v. Münchhausen in gereiztem Tone sagte: „Sie werden nun doch wohl aufhören zu regieren?" von diesem die Antwort erhielt: „Wollen Sie etwa jetzt regieren?" Man sieht, von dem monarchischen Princip war hier nicht die Rede. Doch genug der Auszüge. Die tollen Anstalten, welche Herzog Karl traf, waren nicht geeignet ihm sein Land wieder zu verschaffen, so leicht das vielleicht schon nach einem Jahr als seine Gegner die Hülle abwarfen gewesen wäre. Das Officiercorps, dessen Chef Hr. v. Herzberg war, hatte sich des Eides gegen seinen Fürsten selbst entbunden. Daß einer von den Mordbrennern, welche das Schloß anzündeten und plünderten, bestraft worden wäre, weiß man hier nicht; dagegen wurden sogenannte Karlisten verurtheilt. Der Herzog Karl lebt in London und hat Muße genug Betrachtungen über das anzu- stellen, was die Throne stützt". (Wir stellen dieser der Deutschen Wochenzeitung entlehnten Beurtheilung einer Schrift, die doch mehr als es hier geschieht schon ihrem Ton nach als Parteischrift scheint betrachtet werden zu müssen, in der heutigen Zeitung eine zweite Beurtheilung zur Seite.)
Mizkiewicz.
Paris. Die Wiedergeburt welche die Polen im Felde der Politik durch die Siege von Raclavice, Sandomir und Wawer nicht erkämpfen konnten, errangen die Dichter Brodzinski, Mizkiewicz und Bogdan Zaleski ihrem Vaterlande im Felde der Litteratur. Unter diesen verdankt Adam Mickiewicz seinen Kämpfen und Leiden eine europäische Berühmtheit, welche, durch Schmerzen erworben, um so verdienter und dauerhafter
ist. Seine Werke sind sein Leben, und sein Leben ist die Geschichte des polnischen Volkes seit 40 Jahren. So entsprechen auch den drei Hauptphasen dieser Geschichte — dem Erwachen, dem Kampfe und der Verbannung — die drei Hauptwerke des Dichters: seine Oden, sein „Konrad v. Wallenrod" und sein Buch der Pilger. Wie seine „Ode an die Jugend" die letzten Schlummerer aufrüttelte, so stählte sein Konrad die letzten zagenden Herzen zum bevorstehenden Kampfe. Als dieser vorüber war, belebte fein Buch der Pilger noch einmal den letzten Hoffnungsfunken und ward der Verbannten letzter Trost. Auf dieser innigen Erfahrungs- und Gesinnungsverbrüderung beruht nicht nur die wahre, warme Liebe aller Polen zu dem Manne der sie wachen, kämpfen und weinen lehrte, sondern auch der fast an Vergötterung streifende Enthusiasmus der Heranwachsenden Jugend, welche sich an dem Jünglingswahne des längst Enttäuschten noch zu Hoffnungen berauscht. Er ist Polens nationellster und populärster Dichter. Frankreich, so großherzig gegen alle irgend ehrenvoll leidenden Fremdlinge, übergab dem gründlich gelehrten Manne die Professur für slavische Litteratur am Collöge de France in Paris. Hier lehrt er nun, umgeben von einer großen Schaar polnischer und französischer Jünglinge und Fremder aus allen Landen, in welche der Ruhm seines Namens gedrungen ist. Die zahlreiche Versammlung, welche an den Lippen des berühmten Lehrers hängt, erinnert an jenes Bild des polnischen Malers Statler, das Mizkiewicz darstellt, wie er vor der Kirche Unserer lieben Frau zu Krakau der versammelten Menge „das Buch vom polnischen Volke" vorliest. Ja, das sind die edlen Züge welche der Bildhauer David auf Goethe's Verlangen verewigt hat, das ist der schwärmerische Blick der das Feuer eines in reiner Liebe glühenden Herzens abspiegelt. Doch nur für Augenblicke glänzt dieses Auge, wie der Stern Polens als sein Volk unter Kosciuszko die Waffen ergriff, als es durch den beredten Mund Kollontay's sprach und durch Lelewels Hand aus der Quelle der Wissenschaft schöpfte. ■ Der Ernst der Zeit spricht aus jedem Zuge ihres Repräsentanten. Ein aufmerksames Auge zählt in den Furchen dieses edlen Antlitzes die schweren Tage denen es getrotzt. Der feuchte Hauch der Kerkergewölbe von Wilna konnte zwar dein Haar bleichen, würdiger Freund des edlen Thomas Zan, doch weder die Verhöre des Senators Nowost'ltzoff noch die vielversprechenden Schmeicheleien der freundlichen Höflinge in Petersburg vermochten dein treues und festes Herz zu bewegen. Es liegt etwas Marmornes in dem Gesichtsausdruck dieses berühmten Polen. Sein Organ ist rauh. Er spricht das Französische sehr hart aus, fast gebrochen. Da ist nichts Einschmeichelndes in dem Vortrage des Redners, kein ausdrucksvolles Mienenspiel, keine lebhafte Gestikulation; da sieht man nicht die gewählte Toilette der jüngern französischen Kathederhelden, nicht jenes Haschen nach Effecten, jenes Ringen nach Beifall. Ganz eingehüllt in seinen einfachen dunkelbraunen Rock sitzt der ernste Mann regungslos vor der dichtgedrängten Zuhorer- menge, nur hin und wieder sein graues struppiges Haar, dessen einst glänzendes Schwarz an einigen Stellen noch hervortritt, aus der niedern dichtverwachsenen Stirn streichend. Seinen Energie und Festigkeit ausdrückenden Lippen entringen sich schmucklose, doch darum nicht minder geistvolle Worte. Ost fehlt ihm der bezeichnende Ausdruck; dann sucht er ihn zwar, aber — er findet ihn. Der Zuhörer fühlt es wie sich in dem Redner die Gedanken während des Redens entwickeln; gefesselt folgt er ihrem oft kühnen Flug und vergißt bald die Form über dem Inhalt. Mizkiewicz behandelt in seinen Vorträgen die slavische Litteratur, und zwar auf eine ganz eigenthümliche Weise. Von den vielen Parteien, welche unter den in Paris lebenden Polen bestehen, gehörte er früher derjenigen an, welche