477
den Fürsten Adam Czartoryiski zum künftigen König von Polen erwählt hat, auf dessen politische Wiedergeburt sie, allen Weltereignissen zum Trotz, mit standhafter Begeisterung hofft. Als die politische Constellation sich durchaus nicht zu Gunsten Polens gestalten und sich nirgend eine Begründung dieser Hoffnung zeigen wollte, da stellte diese Partei einen neuen Trostgedanken auf: sie erwartete nämlich das Heil ihres Vaterlandes von einem politischen Messias, einem mit besonderer Kraft ausgerüsteten Begeisterten, der unter ihnen aufstehen werde. Diese Idee ist in dem „Buche der Pilger" ausgeführt und klingt zuweilen noch in Mizkiewiczs Vortragen nach. Als nun aber ein zu diesem Prophetenamt Designirter auf Veranlassung einer der fremden Gesandtschaften aus Paris verwiesen wurde und alle Versuche zur Aufhebung dieser Verbannung fruchtlos blieben, als die Spaltungen unter den Polen immer größer wurden und einer der heftigsten Fanatiker einst in der Kirche selbst den Fürsten Adam Czartoryiski, nachdem er sich vom Gebet erhoben, beim Arm ergriff, ihm öffentlich und laut vorwerfend daß er sich zu wenig mit dem Heile Polens beschäftige; als nordisches Geld das schwache bedrängte Gemüth manches Verbannten umwandelte, da überzeugten sich viele daß man sich mit leeren Phantasien hingehalten, daß Hoffnung Täuschung sey. Sie gaben Polen speciell auf und wählten sich ein größeres Vaterland. Es entstand der sogenannte Panslavismus. Auch Mizkie- wicz fand für seine Schmerzen Trost in einer größern umfas- sendern Liebe. Nicht mehr das kleine Polen, sondern alles Land in welchem die siavische Junge erklingt, st jetzt sein Vaterland, dem er, wenn auch fern, mit ganzer Seele angehört, und dessen innern Zwiespalt er beweint. Von diesem höher» Standpunkt aus betrachtet er nun in seinen Vorträgen die ganze siavische Litteratur in ihrem Zusammenhang. Er forscht mit einer bewundernswerthen Gründlichkeit nach den ersten Anfängen dieses uralten Volksstammes, er führt seine Zuhörer, meistens auf ethnologischen Wegen, von den alten Etruskern und Volskern (deren Namen in der That slavischen Klang haben) zu den Assyriern (wo z. B. die meisten Königsnamen, wie Ne- bukadnezar, mit dem Wort endigen, das noch jetzt bei den Slaven den Herrscher bezeichnet), er zeigt die alten Wohnsitze dieser Rare, deutet auf die wahrscheinlichen Gränzen ihrer Ausbreitung hin und bricht bei Beobachtung ihrer Schicksale und ihres jedesmaligen geistigen und politischen Standpunktes nicht selten in die auf seinen Lippen so wehmüthige Klage aus daß' dieses Volk von jeher das Joch der Knechtschaft zu tragen bestimmt scheine, daß in den meisten Perioden der Geschichte seiner innern Erniedrigung nichts gleich komme, wenn nicht seine gränzenlosen Leiden. Einer derartigen Betrachtung folgt gewöhnlich versöhnend ein religiöser Trost, in dessen Form das Erbtheil der polnischen Nation, die treue und innige Anhänglichkeit an den Katholicismus, nicht zu verkennen ist. Die Proben, welche er aus den verschiedenen Zeiträumen der slawischen Litteratur mittheilt, sind von ihm selbst meisterhaft ins Französische übertragen; bei ihrer Lectüre unterbricht er sich oft ^urch einen kurzen aber umfassenden Commentar. Diese interessanten Vorlesungen sind jetzt der Sammelplatz der" feinen literarischen Welt beiderlei Geschlechts in Paris. Man trifft dort häufig Berühmtheiten, und namentlich ist es Georges Sand, welche ihrer Verehrung für Mizkiewicz ihre seit lange gehegte Liebe zur strengsten Zurückgezogenheit hier nicht selten zum Opfer bringt. (L. A. Z.)
Zustände in der Türkei.
s Konstantinopel, 7 Febr. Die Pforte untergräbt sich selbst; aber die Langmuth der Mächte ist uns hier unbegreiflich , uns die wir den größten Theil unseres Lebens hier zugebracht. Man könnte mit den Türken machen was man wollte, wenn man ihnen die Zähne zeigte; sie sind entnervt und fürchten jeden dem sie Muth und Kraft zutrauen, trotz Dünkel und Stolz; zahm könnte man sie machen wie man will, aber man sehe zu, es ist die höchste Zeit. Man kennt in Europa die Türkei nicht, weder das Volk noch die Regierenden. Das Volk, zum geringsten Theil Muselmänner, deren Rare in Asien und Europa immer mehr abnimmt, läßt sich von den Paschas ohne Murren aussaugen und schlachten, hält es für Bestimmung und folgt in allem dem Beispiel der Großen. Konstantinopel ist darin Paris: dieses schnitt den Zopf ab und Frankreich thats; Konstantinopel warf den Turban weg und setzte die rothe Kappe auf, die Türkei that es auch. Die Ule- mas, sie wittern gar gut daß es mit ihnen zu Ende geht, die werden sich nicht viel sträuben, denn sie wissen daß sie nur von den alten Gläubigen angehört werden. Die Ianitscharen sind nicht mehr. Was zaudert man? Der Sultan ist jung und gutmüthig, man entreiße ihn den Klauen seines Groß- marschalls Riza, der ihn gefesselt hält; er möchte gern frei seyn, ist aber zu schwach, man helfe ihm, setze Reschid hin und halte ihn, aber fest und für lange Jahre, dann wird's gehen. Wenn man in Europa nur wollte und sich einverstehen könnte'. Ordnung im Reiche oder Administration, Mäßigung (Sparsamkeit ist gar nicht nothwendig) in den Ausgaben, Anstellung junger redlicher Männer, die in Europa edle Gesinnungen eingesogen, Verweisung alter habsüchtiger Fanatiker, Beschützung der Christen, gutes Einvernehmen mit allen fremden Mächten werden die Früchte seyn; die Muselmänner, die ganze Bevöl-' kerung wird sich zufrieden stellen, das Reich wird aufleben, ganz Europa wird seinen Vortheil finden und in den Schneeregionen wird man alle Schwärmereien aufgeben. Die jetzige türkische Generation ist empfänglich für jede Reform; man schließe nach dem Acußern, betrachte die jungen Truppen, die Officiere, Beamten, geschnürt, gestiefelt, bespornt, selbst den Ulema mit Glace-Handschuh — er fürchtet nur die alten fanatischen Barte: sieht er einen, flugs zieht er den Handschuh aus; man sehe die Zöglinge in Galata Sera'r, wie sie gegen Mohammeds Gesetz die Leiber ihrer Väter zergliedern. Nur die rothe Kappe zeichnet den Türken, aber selbst in ihren Häusern findet man europäische Sitten, europäischen Tisch. Man will die Türkei erhalten? Man läßt einen Riza und einen verschmizten Juden wie Sarim schalten; er zieht euch herum, täuscht, beleidigt; man antwortet ihm rücksichtsvoll, spricht ihm von freundschaftlich geleisteten Diensten, rechnet auf der Pforte Dankbarkeit (der Türke hat gar kein Wort für Dankbarkeit, sagt nie: ich danke, selbst nicht im gemeinen Leben, weil er den Grundsatz hat daß ein jeder Mensch Egoist ist und darnach handelt) und sagt höchstens: „Geben Ew. Ercellenz Acht, das könnte Folgen haben — so geht es nicht." *) Sarim lügt euch dafür an; nützt dieß nichts, so wird er grob; ihr geht und berathet euch wieder, und laßt euch wieder durch Versprechen beschwichtigen, und das geht so fort seit zwei Jahren. Den Maroniten, welche fremde Agenten zur Vertreibung der Aegyptier aufgewiegelt, ihnen goldene Tage versprochen haben, hat die Pforte alles genommen was sie Gutes unter jenen besaßen, ihren Fürsten unter dem sie ruhig und zufrieden waren, ihre Waffen die ihnen selbst
*) Bei einer bekannten neuern Gelegenheit scheint doch entschiedener zu Sarim gesprochen worden zu seyn.