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wem Regierungsantritt wohl noch hatte mit einer so wichtigen Angelegenheit warten können; mindestens, meinte er, hätte man nach feinem Regierungsantritt ihm als Landesfürsten wohl die Ehre anthun und um Bestätigung nachsuchen können. Das unterblieb. Er grollte mehr und mehr als die Stände ihn durch zwei Herren vom Adel beim Bundestage verklagten. Dieser ließ die Sache unerledigt, gab aber dem König von England Genugthuung wegen einer beleidigenden Proklamation welche der Herzog gegen ihn erlassen; er trug sogar dem König­reich Sachsen die Erecution auf, doch dieses zögerte. Der Her­zog ließ den Grafen Münster aufPistolen fordern; dieser lehnte ab. Jetzt wurden immer mehr böswillige Lügen auf Kosten des Herzogs verbreitet; ihm wurde immer mehr Aerger berei­tet; dann kam der Streit mit einem seiner Kammerherren, der ihm keinen Eid leisten wollte, und der Herzog verbot dem Hof- chirurgus die Frau jenes Kammerherrn zu entbinden. Durch solche tadelnswerthe Handlungen, die übrigens nicht planmäßig bei ihm waren, gab er seinen Gegnern gewonnenes Spiel. Darauf folgte die vielbesprochene Sierstvrpff'sche Angelegen­heit. Hr. v. Sierstorpff, herzoglicher Oberjägermeister, sollte an der Tafel des Herzogs von Cambridge gesagt haben daß man in Braunschweig bald einen Oberhofmeister nöthig haben werde." Der Herzog ließ anfragen ob das wahr sey, und Hr. v. Sierstorpff gab schriftlich die Antwort:Es gehe an der Tafel des Her­zogs von Cambridge viel zu rechtlich her als daß man von dem Herzog von Braunschweig sprechen könne." Auf die Bitte des Oberstaatsraths, daß diese beleidigende Stelle wegbleiben möge, weil der Herzog sich ohnedieß in gereizter Stimmung befinde, entgegnete der Oberjägermeister:was er einmal ge­schrieben, nehme er nicht wieder zurück." Nun ernannte der Herzog den bisherigen Jägermeister zum Oberhofmeister mit tausend Thaler Gehalt offenbar eine geringe Strafe für die übermüthige Beleidigung des Fürsten; Hr. v. Sierstorpff lehnte aber die Ernennung in einem unartigen Briefe ab, und nun verbot ihm der Herzog die Rückkehr nach Braunschweig. Dagegen klagte derselbe, und das Landesgericht in Wolfen­büttel erkannte am 4 Januar 1830, daß seiner Rückkehr nichts entgegenstehe. Es ließ auch dieses Erkenntniß sogleich durch den Druck publiciren, bevor es dem Beklagten, dem Herzog, dasselbe mitgetheilt hatte; eine große Rücksichtslosigkeit. Der Herzog ließ dieses Erkenntniß eigenmächtig durch einen Justizrath, Namens Fricke, cassiren und vor dem versammel­ten Landesgericht zerreißen. Jetzt war er verloren; nun fand er keine Fürsprache mehr; seine Gegner hatten gewonnenes Spiel. Dazu kam daß man ihm wohl nicht mit Unrecht Geiz vorwarf; daß er die Beamten, welche an bequemes Leben ge­wöhnt waren, mit Geschäften überhäufte, ohne ihnen Vergü­tung zukommen zu lassen; daß er auch bei den Officieren Er­sparnisse vornahm, und so die Bürger durch Willkür und Ca- binetsjustiz, das Militär durch unzeitige Sparsamkeit, die Be­amten durch Ueberbürdung mit Arbeit von sich abwandte. Mißvergnügt war der Adel, mit dessen Angehörigen nicht alle Stellen besetzt wurden, da der Herzog ihm seit den Erfahrungen, welche er an Hrn. v. Phiseldeck gemacht hatte, sehr mißtraute. Auch die reichen Kaufleute waren ihm nicht gewogen, weil er sich nicht um sie bekümmerte, während sein Vater und Großvater die Liebe der Bürger in hohem Grade hatten, und sich in jeder Nvth auf dieselben verlassen konnten, da sie es verstanden mit dem Bürger umzugehen, den sie achteten. Mit Schadenfreude, sagt das Buch, wurden von gewissen Seiten die erzählten Vorfälle mit vielen für den Her­zog nachtheiligen Ausschmückungen weiter verbreitet und man war auf jede Weise bemüht das Volk gegen seinen Fürsten zu stimmen, man verbreitete das Gerücht von der Existenz! einer

geheimen Polizei. Das war aber eine Lüge; denn hätte der Herzog eine solche gehabt, so hätte er wohl von der so sorgsam vorbereiteten Revolte etwas erfahren müssen. Auch erklärten später die Gerichte daß über das Borhandenseyn einer gehei­men Polizei kein Thatbestand vorliege. Weiter wurde behaup­tet, der Fürst lasse alle Briefe eröffnen. Das war zum Theil wahr; seit der Phiseldeck'schen Angelegenheit ließ er die Corre- spondenz zwischen hier und Braunschweig genau beobachten und wirklich das Briefgeheimniß verletzen. Das erbitterte den Rechtlichkeitssinn der Bürger, und dieser Unfug hat sich schwer an ihm gerächt. Er geriet- in Zwist mit dem Hofjägermeister und Kammerrath Grafen v. Veltheim, der weitverzweigte Fa­milienverbindungen hatte, die für letzter» lebhaft Partei nah­men. Hr. v. Sierstorpff wollte nach Braunschweig zurückkeh­ren, denn in Paris war die Juliusrevolution ausgebrochen, und die mißvergnügte Partei suchte die allgemeine Gährung für sich auszubeuten. Der Adel traf Anstalten Hrn. v. Siers­torpff mit großen Ehrenbezeugungen festlich einzuholen, um den Herzog zu ärgorn, der natürlich fein Mißvergnügen nicht verbarg. Nun wurde ausgesprengt, er wolle die Menge mit Kano­nenschüssen auseinandertreiben lassen. Man beschuldigte den Für­sten des Mordes an einem Stallmeister v. Oyenhausen, den er habe vergiften lassen. Kein Mensch glaubt mehr an diese Lüge, und längst ist erwiesen daß dieser Mann.natürlichen Todes starb; so wie auch ein Oberstlieutenant v. G., dem der Herzog Karl viele Beweise seiner Gnade gegeben hatte, noch heute lebt, ob­wohl er, wie es hieß, ausgesagt haben sollte, der Herzog habe ihm Gift geben lassen, woran er nach einem Jahr sterben müsse. Derselbe ist jetzt Vice-Oberstallmeister. Die Gifte, hieß es, beziehe der Herzog aus Italien; nach der Revolte sollte eine Kiste voll Gift angekommen seyn; eine Commission öffnete die­selbe und fand darin ein in Göttingen gemaltes Bild! Weiter wurde verbreitet: der Herzog sey katholisch geworden, was den altprotestantischen Sinn der Braunschweiger nicht wenig reizen mußte, und die Bauern suchten des Fürsten Gegner zu über­reden: dessen Sünden seyen Ursache des Hagelschlags. Die allgemeine Stimmung war auf diese Weise planmäßig irre ge­leitet; jetzt traten auch die Verschwörer mit ihrem Plan her­vor. Am 6 September sollte der Schlag geschehen. Schon einige Tage vorher wurde-in Ortschaften, die mehrere Meilen von Braunschweig entfernt waren, vom Schloßbrand geredet. Der Herzog erfuhr von allem nichts; hatte er wirklich eine geheime Polizei, so wurde er schlecht von ihr bedient. Als man ihm meldete daß eine üble Stimmung herrsche, ließ er Kanonen auffahren. Die Ereignisse jener Tage sind bekannt; ich schreibe Ihnen also nur was der Verfasser an Enthüllungen gibt. In der Menschenmasse welche sich am Abend des 6 Sept. vor dem Schloß versammelte, waren verkleidete Gestalten ge­schäftig den Pöbel zu Gewaltthätigkeiten zu ermuntern und Geschenke auszutheilen. Der Herzog saß im Theater, fuhr aber früher als gewöhnlich ab, was ihn vom Tod rettete. Die Rotte welche vermittelst Hebebäumen und quer über die Straße gezogener Stricke den Wagen aufzuhalten angewiesen war, be­fand sich noch nicht auf ihrem Platz, wohl aber die zweite, welche die Stränge abschneiden, den Wagen umwerfen und den Herzog steinigen sollte. Der Wagen kam zu früh; keiner der Bösewichte hatte den Muth den Wagen aufzuhalten; sie sand­ten aber dem Herzog einen Hagel von Steinen nach. Der Herzog flüchtete sich ins Schloß. Man rief:Cs lebe der Herzog Wilhelm!" Der General v. Herzberg rieth dem Herzog ab Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, obwohl am 7 September der Pöbel am eisernen Gitter des Schlosses die Namenszüge des Herzogs und Thüren zertrümmerte. Man empfahl Scho­nung gegen den aufgereizten Pöbel. In diesem kriüfchen Augen-