18. Juni 1908.

Klein» Presse.

Hrr. in. Seite s:

Heber die Ereignisse des letzten Tages liegen uns eine Nulle von Meldungen vor. Wir geben daraus einiges wieder. Lieber das

Bergrennen bei Bacharach

schreibt man uns von dort: Schon gestern Vormittag um fünf llhr trafen zahlreiche Automobilfreunde und Zuschauer mit den Zügen ein, um sich zu dem Nennen einen Platz zu sichern. In der Nähe der gefährlichsten Kurve der ganzen Streck« war auf einer Anhöhe eine Tribüne für die Fürstlichkei­ten errichtet. Eine Abteilung Soldaten von dem Telegra- phen-Bataillon aus Koblenz hatten unter Leitung eines Offi­ziers eine Telegraphenstation errichtet. Die ganze Rennstrecke war am Tag vorher mit Westrumit begossen worden. Gegen acht Uhr morgens traf Prinz Adolf von Schaumburg- Lippe auf der Rennstrecke ein. Kurze Zeit danach erschienen der Grohherzog von Hessen, Prinz Heinrich von Preußen, Prinz Max von Baden und andere Fürst­lichkeiten. Von den in Trier gestarteten Wagen passierten von II Uhr vormittags bis J45 Uhr nachmittags 113 das Ziel. Voraussichtlicher Sieger im Bergrennen ist Erle auf Benz, der in 4 Min. 27 Sek. die Strecke zurücklegte. Seine Mindestzeitunterschritt" er somit um 4 Min. 3 Sek. P o e g e auf Mercedes hatte in 5 Min. 15 Sek. Fahrzeit, also ein Plus von 2 Min. 39 Sek.

Tie Veranstaltung verlief ohne ernsteren Unfall. Das war Glückssache, denn ein Wagen stürzte eine zehn Meter hohe Böschung hinab; die Insassen blieben aber unver­letzt. Und ein anderer Wagen Nummer 85 bremste kurz vor der Kurve sehr scharf. Da die Bremse nur auf der einen Seite angriff, wurde das Automobil in voller Fahrt auf eine Seite geschleudert, blteb aber, da ein Meilen­stein die Wucht erheblich gemildert hatte, in dem Gesträuch hängen. Wäre der Wagen nur einen Viertelmeter mehr nach rechts zum Stehen gekommen, so wäre er eine hohe Böschung, die von 80 Personen besetzt war, hinuntergefahren. Zwei kleine Mädchen wurden noch von dem Automobil erfaßt, glück­licherweise aber nur ins Gebüsch geschleudert. Ein Zuschauer erlitt eine stark blutende Kopfwunde.

Empfang in Darmstadt.

In Darmstadt empfing der G r o ß h e r z o g die Auto- Karawane. Die Geduld der zum Willkomm bereiten Hof­gesellschaft wurde auf eine harte Probe gestellt. Wäre nicht, so schreibt uns ein offenbar kindersreundlicher Mitarbeiter, Der kleine Erbprinz gekommen und hätte, von seiner Bonne geführt, jedem der Damen und Herren die Hand ge- reicht,, es wäre zu langweilig gewesen. So freute man sich an der munteren Laune des kleinen Burschen, der seinen Kummer vom Tag vorher gänzlich vergessen zu haben schien. Denn er hatte in der Ausstellung von seinem Vater ein Steckenpferd gekauft haben wollen, der Vater aber hatte den erbprinzlichen Wunsch unerfüllt gelassen, wofür dieser mit lautem Weinen und Jammern quittierte. Auch Prinzen bekommen eben nicht alles, was sie wollen. Endlich kam die wilde verwegene Jagd. Eine erquickende Erdbeerbowle und ein freundlicher Empfang durch die Großherzogin wartete ihrer. Nach dreiviertelstündigem Aufenthalt ging es weiter nach Frankfurt.

* * *

Die Leidtragenden.

. Wir haben gestern bereits hervorgehoben, daß die Prinz Heinrich-Fahrt, die für Tourenwagen gedacht war, durch die Beteiligung von maskierten Rennwagen in ihrem Wert beeinträchtigt wurde. Das ist besonders bedauerlich, weil dadurch Schädigungen des Publikums unvermeidlich wurden. Unfälle sind ja glücklicherweise kaum vorgekommen, aber wie sehr bei einer Wettfahrt von 120 Automobilen Straßen und Häuser leiden, kann man sich denken. Unsere Straßen sind nun einmal nicht für solche Fahrten ein­gerichtet, und besonders bei der jetzigen Trockenheit entsteht ein geradezu unerträglicher Staub, der die ganze Gegend stundenlang wie in einen Nebel hüllt. Besonders aus der Rheingegend sind uns zahlreiche Beschwerden zugegangen, die Protest einlegen gegen den angerichteten Schaden an Ge­sundheit und Eigentum. Wer unparteiisch ist, wird das begreiflich finden, mag er auch sonst dem Sport und der

Automobilindustrie noch so wohlgesinnt sein.

* * *

Unser Zeichner hat mit flinkem Stift einige Skizzen von dem bunten Treiben an der Forsthausstraße entworfen, die wohl keiner näheren Erklärung bedürfen.

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Von dem Zuschauertreiben bei dem großen Rennen in Longchamps, bei dem der amerikanische MiÜiardär Vanderbilt den großen Preis von 3 8 3,0 00 Francs gewann, ent­wirft unser Pariser Mitarbeiter folgende Schilderung:

Auf der Pelouse, wo die Menge der Hunderttausende sich drängt, herrscht mehr Sportinteresse wie vor den großen eleganten Tribünen, wo man sich fast ausschließlich mit den Toiletten beschäftigt. In diesem Jahr trugen nicht jene, die den größten Luxus entfalten, den Sieg davon, son­dern jene, die sich am frivolsten und extravagantesten kleiden. Eine Dame war im authentischen Louis XVI.-Kostüm erschie­nen, das gut erhalten war und ihr vortrefflich stand; es han­delte sich, wie es scheint, um eine Wette. Weniger historisch getreu, aber umso auffallender waren wieder die modernen Direktoire-Roben, die auch von sehr vornehmen Damen getra­gen wurden, deren Körpervollkommenheit nichts von der Schau- ftellung zu fürchten hat. Man konnte wieder einmal sehen, daß auch die raffiniertesten Toiletten, Tüll fast ohne jede Unterkleidung, von Frauen der Gesellschaft anstandslos (ohne Gänsefüßchen) getragen werden können, und daß sie nur Skandal erregen, wenn sie den üppigen Körper weniger distinguierter Persönlichkeiten umhüllen. DieMannequins", Modelldamen, die wieder von verschiedenen großen Schneider­firmen ausgesandt waren, um diese neue Mode zu lancieren, sind oft aufgeregt, raffen zu häufig den vorn und hinten sehr lang niederfallenden Rock, den sie dabei so lüften, daß die

durchbrochenen Strümpfchen in wirklich undezenter Weise sicht­bar werden. Als die Probiermamsells in ihren fabelhaften Kostümen und grgantesken Federhüten den Rennplatz verlie­ßen, und auf der Suche nach ihrer Droschke mitten unter die wilde Menge der Zaungäste gerieten, entstand eine wahre Emeute, die wieder einmal zeigte, daß der Pariser Plebs der ungezogenste der Welt ist; die drei Schönheiten wurden halb totgedrückt, Pakete mit den Resten von Ehwaren flogen ihnen auf die Hüte, und als man sie schließlich in ein Automobil rettete, waren sie nur noch von einigen Tüllfetzen behängen, die tatsächlich nichts mehr von den Reizen dieser modernen Venusse verbargen. Gesagt muß werden, daß auch Aristo- kratinnen größten Namens sich diesmal mit Kleidern und Hüten so ungewöhnlicher Art schmückten, wie man eS in Lang« champ noch nie gesehen. Den Vogelsträuhen ganz Afrikas scheinen die letzten Schwanzfedern ausgerissen worden zu sein, damit die Hutungeheuer der Pariserinnen zu bespicken. Die Gattin eines Ministers trug zu Häupten ein Büschel von schwarzen und weihen Straußenfedern, die kaum weniger als einen Meter Länge erreichten; das wogte und wankte nach allen Seiten und bildete einen wahren Schirm, der die schönen Schultern der eleganten Frau beschattete. DieMerveilleu- ses", die den Helden der Direktoire-Zeit in ihren politischen Sorgen freudige Erholung bereiteten, mögen gewiß nicht leichtere Roben und schwerere Hutmonumente getragen haben, wie heuer unsere Mondänen. Damals war man noch nicht so weit in der Kunst, Blumen nachzuahmen. In Longchamp gab es Chapeaux, die mit fünfzig der wunderbarsten roten Rosen in duftiger Pyramide geziert waren. Was die Modistinnen früher an Schmuck auf zwanzig Hüte verteilten, pflanzen sie jetzt auf einen einzigen. Es war nur schade, daß die Sonne sich beharrlich weigerte, die Farbenorgie auf der grünen Wald­wiese von Boulogne zu beleuchten vielleicht hatte sie ästhe- tische Bedenken. . . .

Der getreue Chronist muß jedoch anfügen, daß es noch viele Pariserinnen gibt, die wahrhaft vornehmen Geschmack in einer gewissen Zurückhaltung erblicken; so trug die Marquise de Mun eine RcBe aus weißem Seidenmousseline nebst einem Mantel aus rosa- Tuch und einem weißen Federnhut, die wirklich als ein Muster diskreter Eleganz gelten konnten; die Comtesse de C aste ja zeigte sich in einer grauen Lussortoi- lette mit den sehr in Mode stehendenSoutaches"-Broderien und einem Hut, den blau-grau getönte Federn zierten, Mme. Vanderbilt erschien in einer Robe ausliberty pain brule" (Farbe: verbranntes Brot), dazu ein Spitzenüberhang und ein kastanienfarbener Hut. Auch die Comtesse La Roche­foucauld kam in einem transparententerre de Sienne"« Kleid über weißem Mousseline und einem Hut mit Chocolade- farbenen Straußenfedern. Die berühmtesten Künstlerinnen erschienen fast sämtlich in blauen Roben blau soll die Mode­farbe dieses Sommers sein; manche hatten als letzte Neuheit' den HutCharlotte Corday" aufgesetzt, einen Stroh-Capothut mit roter Schleife. Sehr beliebt als Farben sind auchvieux- mauve", lila de Perse",safrano",sweetkhaki" und clicquot ros4", lauter Nuancen, über deren Beschaffenheit man sich bei einigem Nachdenken dank der sehr subtilen Be­zeichnungen klar werden kann.

Die traditionelle Rückfahrt in die Stadt, die vom Präsi­denten Falliöres in seiner vierspännigen, von Jockeys in blauen Galablusen und weißen Hosen geführten Equipage a la Daumont eröffnet wurde, bot wieder ein sehr schönes Bild, doch muß gesagt werden, daß die immer zahlreicheren Automobile mit den sie umgebenden Staubwolken nicht so ele­gant anmuten, wie die Viktorias und Mailcoachs, die in früheren Jahren ausschließlich zu sehen waren.

* LawN'Tennis-Turnier in Frankfurt. Nach fiinfiägiger Dauer wurde am Dienstag das internationale Lawn-Tennis-Turnier des Frankfurter Sportklub Forsthausstraße be­endet. Infolge des guten Wetters konnten sämtliche Spiele ohne Unterbrechung zu Ende geführt werden. Im Herren-Einzelspiel er­rang Oskar Kreuzer durch sein Spiel gegenFloda" mit 61, 61,62 zum zweiten Mal den Wanderpreis der Stadt Frankfurt. Die Herren-M ei ft erschuft von Frank­furt überlies; O.Kreuzer ohne Kampf dem Straßburger O. Froitz­heim. der indessen.Floda" erst nach hartemKampsmitö0, 46und 1210 bezwingen konnte. Das Herren-Doppelspiel um die süddentsche Meisterschaft errang das Paar F r o i tz - heim-O. Kreuzer mit dem Spiel gegen Fitting-K. Kreuzer 63, 63, 86. Das Damen-Einzelspiel tun die Frankfurter Meisterschaft errang FräuleinBerg« m a n n gegen Frau Gardner mit 64, 62 Das gemischte Doppelspiel ohne Vorgabe gewannen Frl. Bergmann« O.Kreuzer gegen Frl. N Stettheimer-v. Bissing im Walkover. Das Herren-Einzelspiel mit Vorgabe Klasse A entschied Bruns (+ */r.) für sich gegen v. Bissing (IS 3 .'«) mit 63,62. In der Klasse 8 bliebWeller" (15 3 ' 6 ) nur

6 1, 1 6, 61 gegen Gosewisch (15) Sieger. Das Tamen-Einzel« spiel mit Vorgabe sah F r a u V o s s e n (-H/e) mit 63, 64, sieg­reich gegen Frl. Flinsch (+15). Das Herren - Doppelspiel mit Vorgabe fiel an das Paar v. Baumbach-Bruns ( *f 0 ) gegen Gebr. Kleyer (+30 2 / 6 ) 63, 63, während die Damen-Toppel« konkurrenz an Frau G ardner-Frau Vossen (15) gegen Frl. Fl. Horkheimer-Frl. Fl. Stettheimer (+15+ 6 ) fiel. ' Das gemischte Doppelspiel mit Vorgabe, Klasse A, wurde von Frau Vossen-Bruns (+15) gegen Frl. Gans-Gerdes {+ 2 / 6 ) mit

7 5, 86 gewonnen, während der Sieg in Klasse 8 an Frl. Strauß-Weller (+ V«) siel, die in der Endrunde Frl. Herr­mann-Gosewisch ( !/«) mit 63, 62 schlugen. Stadtrat Dr. L e v i n nahm nach Beendigung des Turniers die Preisverteilung vor.

* Schwimmen in Hamburg. D-as Hamburger Schwimm­fest brachte am zweiten Tag die mit Spannung erwartete Be­gegnung des Ungarn Zoltan v. H a l m a y mit dem Australier S p r i n g f i e I b. Letzterer siegte nach scharfem Kampf, in­dem er die 100 Meter-Strecke in 2 Min. 45 Sck. durch­schwamm. Einen weiteren Erfolg errang der Australier im Schwimmen über 600 Meter um den Staats preis von Hamburg, wo'er den Hamburger Meyn sicher schlug. Die Meisterschaft von Hamburg im Springen ge­wann A. Zürn er. Springfield wird auch an den Olympi­schen Schwimmkonkurrenzen in London teilnehmen.

* Segelsport und Motorbetrieb. Auf dem W a n n s e e bei Berlin kenterte dieser Tage ein gemietetes Segelboot mit zwei Insassen. Diese konnte,: sich infolge des hohen Seegangs nur mühsam am Boot festhalten. Aber gerade als ihre Kraft zu Ende ging, erschien anls Retter in der Not Generaldirektor Gustav B r a u n b e ck, der bekannte Sportsmann, mit seinem MotorbootStuttgart". Er brachte die beiden Schiffbrüchigen, wie wir im BerlinerLokalanzeiger" lesen, mit eigöner Le­bensgefahr in Sicherheit.

Kleins Rundfchau.

Eine Köchin, die esin sich hat." Unter dieser Spitzmarke berichtet dieBerl. Morgenpost": Die Köchin Hedwig Z. aus Berlin, die von einem Restaurateur in Span­dau zur Aushilfe angenommen war, gehört zu den sympa­thischen Menschen, die immer gleich aufs Ganze gehen. Als der Abend nach des Tages Mühen herangekommen war und die Köchin, eine 43 jährige verheiratete Frau, ihren Lohn in Höhe von 12 M. in Empfang nehmen wollte, erregte sie be­gründeten Verdacht durch ihren im Laufe des heißen Tages auffällig vergrößerten Körperumfang. Da dies unmöglich mit natürlichen Dingen zugehen konnte, wurde sie durchsucht und dabei entdeckte man an ihrem Unterkleide zwei Taschen von riesigem Umfange, die bis oben mit gestohlenen Eßwaren^ an­gefüllt waren. Es wurden daraus zutage gefördert: 6 Pfund Butter, ein 6 Pfund schweres Rinderfilet, 7 Pfund Kalbfleisch, 1 gerupftes Huhn, 8 Bratwürste, 2 Pfund Kalbsschnitzel. 1 halbe Kalbszunge und 1 Pfund Kasseler. Alles hatte sie aus der Küche des Wirtes ihren Taschen einverleibt. Die em­pfehlenswerte Köchin wurde in Haft genommen.

= Leichenschändung in einer Familiengruft. Eine tolle Leichenschändung wurde, wie derTägl. Rundsch." aus Glogau gemeldet wird, an einer Gruft in der Kirche zu Schönau ver­übt. In jener Gruft befinden sich vierzehn Särge, in denen Leichname der Familie v. Zedlitz beigeseht find. Diese Särge sind nach demNiederschl. Anzeiger" alle durchwühlt und zerschlagen worden, auch wurde ein vollständiges Manngerippe aus dem Sarg herausgenommen und an die Wand gestellt. Von den Leichenschändern fehlt bis­her jede Spur.

= Höchstes Entzücken. In einer kleinen Gesellschaft er­zählt eine junge Dame, daß sie am nächsten Tage zu verreisen gedenkt, und sie äußert dabei Bedenken wegen des Wetters. Oh, gnädiges Fräulein," sagt der Herr Assessor, ein be­kannter Schwerenöter,wenn Engel reisen, lacht der Himmel." Es regnet aber am anderen Tage und als man sich wieder trifft, beklagt sich das Fräulein, daß sie keinen Anspruch auf die Bezeichnung Engel habe, denn der Himmel habe nicht gelacht. <Aber ich bitte Sie, Gnädigste," er­widert der Assessor, «sogar Tränen hat er gelacht."

kcmctwirtlctiirftlicdes.

*Dbstpreise. Nach den Mitteilungen der .Zentrale für »bstverwertung in Frankfurt a. M. vom 16. Juni Zelten 50 Kilo Erdbeeren erster Güte J(i 4050, zweiter Güte JL 25 is 35, Stachelbeeren JL 20, Kirschen JC 2535.

* Frankfurter Obstnachweisstelle. Die Frankfurter Obst­nachweisstelle, Obstverwertung und Obstvermittlung wird auch in diesem Jahre den Obstzüchtern, Händlern, Konservenfabri­kanten, Obstwein, und Aepfelwein-Produzenten im In- und Ausland den Ein- und Verkauf durch kostenlose Vermittlung erleichtern. Sie wird auch sehr in Anspruch genommen von Gemüsezüchtern, Grossisten, Kartoffel- und Zwiebel-Impor­teuren, Gemüsekonserven-Fabriken und hatte sich deshalb schon im vorigen Jahre entschlossen, auch eine kostenlose Vermitte­lung für Gemüseprodukte einzuführen. Damit ist sie das einzige Institut Deutschlands, das außer Obst- und Obstpro­dukten auch Gemüse und Gemüseprodukte usw. kostenfrei der- mittelt.

Schiffafiri.

Norddeutscher Lloyd:Prinz Friedrich Wil­helm" ist am 15. Juni in New-?)ork angekommen.

Norddeutscher Lloyd:Kaiser Wilhelm II." ist am 16. Juni in New - 2) ork, ,M a i n" am 17. Juni in B alt i- more angekommen.

> .

Stanlwinitttr 1, III V, ftankfurt a. M.

Münzqa sie 2.

Geöffnet an Wochentagen von 91 Ubr Vorm, und 36 Uhr Nachm.

Samstags Nachmittags nur sür Sterbesallsanzeigcn.

Juni Geborene.

10. Merten. Anna Elisabeth Auguste (Spittel). Liederbacherstr. 4. Weintchrod Erna Erika (Warelmann). Meiseng. 16.

Ochs Johann Adam (Müller). Textorstr. 66.

11. Mohr Frida Charlotte Pauline (langer). Koblenzerstr. 24. Albert. Heinrich Ernst (Endert). Waidmannstr. 29.

12. Lorenz Hermann Otto (Damitz) Graubeng. 26/27.

Mar sch all. Anna Amalie (Werte). Hciligkreuzstr. 17.

Landeck Anna (Hartmann). Mörtelder Landstr. 17.

Klüv Wilhelm Adolf (Heß) Gr. Ntiterg. t?9.

13. Hitzel Margarete Sophie (Weber). Kaulbachstr. 12.

14. Batterie Christian (Mose) Kaffeeg. 3.

Brocker. Olaa (Baron). Heiliqkreuzstr. 17.

Bürt!+ Wilhelm (Ellinger) Heiligkreuzstr. 17.

Bürkle, Otto (Ellinger). Heiligkreuzstr. 17.

Geiger. Karl Wilhelm Friedlich (Öasselbach). Dreikönigstr. 2a.

15. Keisler. Hermann Georg Erwin (Schill). Nordendstr. 94.

Derr. Elitabeth Katharina (Hammerau). Mittelweg 45.

Levy. Leo (Oberndorf). Seilerstr. 41.

Rachlitz Alwin Peter (Sckäscr). Oppenheimer Landstr. 56.

16. Schmidt. Karl (Scharmann). Petterweilstr. 16.

Bild. Friedrich Wilhelm (Mangold). Röderbergweg 183.

17. Magerkurth Wilhelm (Wiegand). Mainzer Landstr. 337. Herwig N. N. <Freiin v. Hanxleden) Spobrstr. 34.

18. Uhrig. Friederike Karoline (Braun). Höchsterstr. 50.

Nufgebotene.

17. Juni Hermann. Heinrich Jakob. Kaufmann, mit Kämpf, Katharina Margareta Karoline. beide dabier. Hahn. Wilhelm Ehrtstian Karl, Postbote, mit A m r h e i n. Amalie Else, beide dahier.

Eyeschlletzungen.

18. Juni Link. Heinrich Wilhelm. Magazinier, mit Bülzle. Friederike, beide dabier. Gcrlach. Friedrich Emil, Obsthändler, mit K i st n e r. Maria Margareta, beide dabier. Jung. Konrad Wagen- meister. mit D r u ck e n m ü l l e r. Maria Katharina, geb. Koch, beide dahier.

Mai Verstorbene.

19. O t t e r b a ch. Katharina Barbara. Köchin, ldg., 74 I.. Gartenstr. 229. Juni

9. Han. Ernst Herrschaftskutscher, Ida.. 27 I.. Mittk. Hasenpfad 13.

16. Keßler. Alma Frieda, ldg., Dienstmädchen, 19 I.. aus dem

Main gelandet.

L u ck b a u s, Richard Franz. II I. Gartenstr. 229.

Günther. Anna Maria HauSmädcheu. ldg.. 42 I.. Langestr. 4. Zimmermann. Wilhelm. Schleifer. Wwer.. 50 I.. Langestr. 4.

17. Schulz. Wilbelm. Weißbinder. ldg.. 29 I.. Gartenstr. 229. Schwenke. Katharina Maria 13 I.. Forsthausstr. 20.

Sauer. Karl August. 10 M.. Gutleutstr. 170.

A u g u st Maria Theresia. geb. Kopp Wwe.. 70 I.. Weserstr. 1. Ntertz. Emil Karl. Kaufmann, ldg.. 50 I.. Eiserne Hand 7. Habicht, Karl, Postmeister a. D.. verh., 63 I., Feldstr. 78.

Auswärtige famüinmadicidjtcn.

Geborene. Ein Sohn dem Kaufmann I. ;l. Schwab in Offen­bach a M. Tamen'chiieidcr A. Grundei. Bäcker W. E. Gregor, beide in Wiesbaden. Bierbrauer I. Heymon. Postsckretär G. K. R. Jost, beide in Mainz.

Eine Tochter dem Schlosser L. O. Haas Fabrikarbeiter I. Leh­mann. beide in Offenbach. Heizer A- Ebert. Taglöbner M. Herrchen, beide in Wiesbaden. Fuhrmann F. H. Mohnlame. Chauffeur I. Göllner. beide in Ptainz

Verlobte. Anna Hoffart mit Hch. Hartmann, Steinbach-Michel« stadt i. O.

Aufgebotenr. Sattler A. I. Löb mit Margar. Marie Held, beide in Offenbach. Sebriitsetz-r A. Thinm mit Anna Maria Kinsky. beide in Tarmstadt. Lithograph I. Bauer in Bieber mit Rosa Maria Straub in Ncunkirchen. Maler I. Witte in Schierstein mit Katbar. Etisab. Machet in Niederwalliü. Metzger H. P. Augstein in Geisen­heim mit Margar. Bertolt in Kastei. Tapezierer H. K. Matbes in Mombach mit Anna Etisab. Sophie Steinmann in Worms. Fuhr­mann Nt Beck mit Christina Roth beide in Ludwigshasen. Hilfs- Weichensteller H. Medinger mit Christina Hesch. beide in Biebrich.

Verehelichte. Gürtler E. F. Jlchmann mit Friederike Ferdinande Hermine Sophie Herzmg. Tapezierer F. O. Suhl mit Anna Margar.^ Schultheiß beide in Offenbach. Motkcrei-Berwalter I. Wagner in Wiesbaden mit Maria Gasteyer in Biebrich.

Gestorbene. Jos. Sachsenmeier 63 I.. Kathar. Bender geb. Schnei­der. 61 I.. beide in Beusbcim. Rickchen Meyerseld. 57 I.. Rentner C. Becker I.. 89 I. beide in Gießen. Katharina Meurer geb. Lott in Büdingen. Ludwig Tern in Alsfeld. Hilssbremscr K. Schleen­becker in Krofdorf. Leonh. Korber II. in Bullau. 83 I. >v. Dr. tut. B. Schröder in Darmstadt. Wegemcister C. Schwieielmann in Hof­heim a. T. 61 I. Albert Schimmel. Wilh. Reinschmidt. 70 I.. beide in Offenbach. Katharina Giebel geb. Fürst in Mainz. Schneidermeister A. Hill in Udenheim, 56 I.

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Israelitischer Gottesdienst.

Haupt-Shnagoae. Freitag, den 19. Juni. Abendgottesdienst 7.30 Uhr. Samstag. 20 Juni. Morgengottesdienst 9 Ubr Predigt. Nachmittags- Gottesdienst 4 Uhr. Sabbat-Ausgang 9.30 Ubr. Wochengottesdienst Morgens 7 Uhr. Nachm. 4 Ubr.

Neue Gemeinde-Synagoge. Samstag. 20. Juni. Vorabend 7.45 Uhr. Morgens 8 Uhr. Nachm. 6 Ubr. Ausgang 9.40 Uhr. Wochengottesc dienst Morgens 6 Uhr. Nachm. 7 Ubr.

Gemeinde-Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft« Samstag 20. Juni. Dorabendgottesdienst 8 Uhr. Morgens 7.30 Uhr. Nachm. 5 Ubr. Sabbatausgang 9.40 Uhr. Wochengottesdienst Morgens 5.55 Uhr. Nachm. 7.15 Uhr.

Westend-Synagoge (Unterlindan 23). Somstag. 20. Juni. Vorabend 7.45 Uhr. Morgens 8 Ubr. Nachm. 4 Uhr. Jugendgottcsdienst mit Ansprache. Ausgang 9.40 Uhr. Wochengottesdienst Ptorgens 6.30 Uhr. Nackm. 7 Uhr.

Gemeinde-Synagoge, Dockenheim. Samstag. 20. Juni. Vorabend 7.45 Uhr. Morqens 8 Ubr. i)tachm. 4 Uhr. Ausgang 9.40 Uhr. Samstag Vormütag Vortrag des Hrn. Rabb. Dr. I. Horovitz.

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Wettervoraussage

bei Physikalischen Vereins in Frankfurt a. M.

für Freitag, 19. Juni.

Im Rade des Tiefdruckgebiets, das gestern Mitteleuropa bedeckte, bat sich eine große Zahl von Randgebieten gebildet, die sür beute noch wechselnde Bewölkung, vorübergehend leichten Regen und verbreitete Ge­witter in Aussicht stellen. Dann dürften wir wieder in den Bereich hohen Druckes gelangen, das von SW bereits wieder vordringt. Prog­nose: Heute noät Gewitter; zu Niederschlägen und Gewitter neigend. Morgen voraussichtlich ausheiternd. trocken und warm.

Hessischer landwirtschaftlicher Wetterdienst, Gieße». kAmtlicher Drahtbericht derKleinen Presse".)

Voraussichtliche Witterung in Hessen am Freitag, den 19. Juni: Wechselnde Bewölkung, etwas kühler, südliche bis westlich» Winde, vielfach mäßige Regcnsälle.

Frankfurter Wetterbericht.

(Beobachtungen des Physikalischen Verein8.)

Tag und Stund» (Ortszeit)

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17. Juni 2 Uhr nachm.

748.7

d- 21.1

67

W 3

8

da 9 Uhr abends

750.0

+ 20.3

70

SW 4

8

18. Juni 7 Uhr morgs.

752.8

+ 16.2

91

NW 2

4

'

Höchste Temperatur am 17. Juni.. . 4. 24.7

Niedrigste Temperatur am 17. Juni + 18.7

TageSmittel der Temperatur für den 17. Juui.. . + 20L

Normales TageSmittel für den 17- Juni+ 17 H

Niederschlagshöhe 0.4 mm.

Wetterbericht vom Felvberg (Taunus).

Station TaunuS-Klub.

17./6.,

17./6..

16./6..

Luft­druck

2 Ubr mittags l 683 8 9 Uhr abends ! 684.0 7 Uhr morgs | 686.8

Feuch­

tigkeit

60

98

85

Wind

SW. 1

SW. 4 SW. 1

Bewöl­

kung

Tempe­ratur + 16,4 + 13.2 + 14.2

Niederschlag seit 24 Stunden 3.4.

Höchste Temperatur in den letzten 24 Stunden + 20.0°.

Tiefste Temperatur in den letzten 24 Stunden + 12.0 9 .

Verlauf gestern von 7 bis 2 Uhr Gewitter, 2 bis 9 Uhr bewölkt 9 bis 7 Uhr bewölkt.

Nebel.

Wasserstandsnachrichte«.

(tliachdruck verboten.)

W ü r z b u r g 17. Juni. Ptainv. 0 78 0.02 Mir. Lobr. 17. Juni. Ptainv. 1,25. 0.00 Mir.

Af cha if en v nra 17. Juni. Mainv. 1.17. 0,00 SJUti Hanau 18. Juni. Mainv. 125. 0 03 Mir. Frankfurt 18. Juni. Mainv. 2.08. 0.05 Mir.

Ko st heim 18. Juni. Staatsv. 1.34. 0.05 Mt+ Lüningen. 17. Juni. Rheinschleute 2 80. 0.03 Mir. Straßburg 17. Juni. Rheinichleuse 3,21. 0,00 Mir. Lauter l, urg 17. Juni. Nheinschleute 4.76, 0.04 Mt*. Kehl. 17. Juni. Rheinv. 3.12. 0.00 Mtr.

Maran. 17. Juni. Rheinv. 4.91. 0.00 Mir.

H e i l b r 0 n n 17. Juni. Neckar. 0 68. 0.00 Mir. Mannheim. 18 Juni. Nbeinv. 4,39. 0.04 Mtr- Mainz. 17. Juni. Rtieinp. 1.75. 0.03 Mtr.

Bingen 18. Juni. Rhein Staatsp. 2.38 0^03 Mtr. Cauv. 18. Juni. Rheinv. 2,75 0.03 Mtr.

Koblenz. 17. Juni. Rheinv. 2.80 0.06 Mtr.

Köln. 17. Juni. Rbeinv. 2.93 0.05 Mtr. Düsseldorf. 17. Juni, rllheinv. 2.69. 0.06 Mtr. Ruhrort. 17. Juni. Rheinv 2.89. 0.00 ÄUr.

Tri er. 17. Juni. Mosel 0 66 0.14 Mtr.

(Nachdruck verboten.),

Roman von Marie Stahl.

* 0*1

Mi

(Fortsetzung.) (3

..Aber Sie können sich nicht denken, wo der Ring sich schließlich fand! Stellen Sie sich, bitte, meine Lage vor! . Ich selbst fand ihn, als ich mit Frau von Rothenburg von jener traurigen Reise an das Sterbebett ihrer Tochter heimkehrte, in dem Geheiinschubfach meines Schreibtisches mit einigen an­deren Goldsachen. Es war eine Jntrigue gegen mich. Dis alte Maruschka Lischinska, die Kammerfrau Frau von Rothen­burgs, die immer ihr Hausfaktotum gewesen, neidete mir meine Stellung als erklärter Liebling ihrer Herrschaft und versuchte mich als Diebin zu brandmarken. Denken Sie, welch eine Schlechtigkeit! Natürlich jagte man sie fort, als sie ent­larvt war, aber nur einem glücklichen Zufall verdankte ich diese Entlarvung ich erzähle Ihnen das ein andermal ausführlich. Es war schrecklich für mich,^ beinahe wäre ich ins Wasser gegangen. Es kam damals so viel zusammen, der er­schütternd eTodesfall, Ihre plötzliche schwere Erkrankung, und dann noch das! Und wie froh und lustig waren wir vorher zusammen gewesen! Ist nicht das Leben zu grausam?"

Sie ließ ihni keine Zeit zur Antwort, sondern eilte nach ihrem Wagen, zu dem ihr Gatte vorangegangen war. Und er hätte tclnc Antwort gefunden, ihm war zu Mut, als hätte er einen schweren, betäubenden Schlag vor den Kopf bekominen, der ihm jede Fassung raubte. Er [tanb noch wie angewurzelt, als das Ehepaar Ampfer bereits in seinem Wagen saß; erst als Ampfer sich etwas erstaunt nach ihm umsay, besann er sich auf die Pflicht der Höflichkeit und trat grüßend an den Wagenjchlag.

Adieu, Herr Nachbar, vielleicht überlegen Sie sich s," rief Ampfer im Davonfahren. Marion neigte lächelnd und grüßend das graziöse Haupt mit dein kleinen, weichen, von blaf-qrauen Schleiern umwobenen Reisehut. Ihr Gesicht war weiß und unoewegt und seelenruhig, als hätte sie nicht eben eine große Lügegefagt, als hätte sie nicht eben dem Mann gegenüber- gestanden, dem sie das Leben zertreten.

Ja, war es eine Lüge?

Die Beantwortung dieser Frage würde ihn künftig zu einem rilheloscn Mann nrachen.

Langsam fuhr er in seinem einfachen leichten Kutschicrwagen durch die tiefen Sandgeleise des Fichtenwaldes von Hohen-

birken. Mit schlanken, hohen Stämmen stand der Forst im Mittagsschweigen; das grelle, stahlblanke Licht löschte alle Farben und verzauberte alles Leben. Nichts regte sich. Man konnte stundenweit durch die schmalen Pfade fahren ohne einer lebenden Seele zu begegnen. In dieser Waldöde sprachen die Gedanken um so lauter, sie wurden zu Gespenstern, die zwischen den grauen Fichtenstämmen auftauchten und ihm folgten, ein langer, unheimlicher Zug.

Da kamen all die Enttäuschungen seines Lebens und sahen ihn mit toten Augen aus leichenfahlen Gesichtern an. Aus Unterholz und Gestrüpp tauchten als häßliche Fratzen Mißtrauen und Menschenverachtung auf. Und auf dem stau­bigen, von Brombeerranken überwuchertem Steinhaufen am Kreuzweg hockte die Sehnsucht mit verdufteten Fieberaugen.

Er trieb seine Pferde zur Eile, und als er an einer Wcg- biegung eine Lichtung erreichte, traf ein wohlbekannter Ton sein Ohr, ein fernes leise anschwellendes Brausen, dunkeltief wie gedäinpftes Donnergrollen und klingen helle zugleich wie von einer Riesenorgel, die mit gezogenen Registern in demselben ntachtvollen Akkord fort und fort tönt in grandioser Monotonie. Das war das große Wasserwehr der wilden Neisse an der Düsterauer Brücke, dessen Wellensturz im weiten Umkreis ge­hört wurde. Da sollte die Papierfabrik gebaut werden, auf der Hohenbirkener Seite. Für den einsamen Mann mit den quälenden Gedanken, der trotz aller Energie seiner Lebcns- fichrung ein Träumer geblieben war. hatte die mächtige Stimme des Wasserfalls, die so laut in das Mittagsschweigen hineinsprach, heute etwas Drohendes, Unheimliches, wie böse Schicksalskündigung.

Brrrrr!" machte Kutscher August laut und vernehmlich zum zweiten Male und klappte mit der Peitsche.

Seine dicken Braunen mit der Halbchaise standen wie eine Mauer auf der Rampe des Gutshauses von Hohenbirken, aber keine Tür, kein Fenster öffnete sich.

Es war ein altes, gemütliches Haus. Viereckig, einstöckia, mit hohem Dach, von der Farbe des Sandes, der so reichlich m der Gegend vorhanden war.

Man sah ihm von außen die bohen, kühlen Wohnstuben mit dem altmodischen Hausrat und die behaglichen, baumversteck­ten Schlafzimmer an. Man konnte es sich gar nicht anders denken als mit veralteten Blumentapeten innen, und darauf Bismarck-, Kaiser- und Christusbilder, Familienpastelle und Daguerotypcn, wie zahllose Photographien in schwarzen Holz­rahmen an den Wänden.

Ueber der steinernen Veranda mit der Freitreppe nach der Hoffront,, rankten sich Kletterrose und Waldrebe bis zum Dach- ftrft hinauf, und die Veranda selbst, die ein mächtiger, uralter Wallnußbaum beschattete, zeigte alle Spuren des Familien­lebens.

Da standen Korbsessel mit bunten Kretonkissen und zier­liche Gartenstühle. Aus einem, wie es schien, eben verlassenen Kaffeetisch mit grau und rot gewürfelter Serviette jagen Tageszeitungen und ein Leihbibliotheksband friedlich neben der großbauchigen Kaffeekanne. Aschbecher und Körbe mit Näh­arbeiten vollendeten das Stimmungsbild.

Ein Haus hat seine Physiognomie wie ein Mensch, und gewöhnlich diejenige der Menschen, die es bewohnen. Das Gutshaus von Hohenbirken mußte jedem aus den ersten Blick ein Heimatsgefüyl geben.

Der große, im Viereck sich weit ausdehnende Oekonomiehof, auf den seine Front blickte, war ebenfalls weder modern noch prächtig, aber urgemütlich wie das Haus selbst. Zwei hohe, steife Pyramidenpappeln flankierten das Hoftor mit seinen backsteinernen Pfeilern und hölzernem Torweg, das in gerader Linie der Mitteltür des Hauses gegenüberlag, und viel von der Prosa der Landwirtschaft vor ben Ställen und Scheunen versteckte sich im Baumschatten von Linden und Ka­stanien hinter Sträuchergruppen. Ueberall war es grün und überall gab es für das Auge malerisch freundliche Bilder, sei es die stramnre Magd, die am Wasser'trog unter der Pumpe vor dem Kuhstall ihre Eier blitzblank scheuerte oder in dem Wasserpfuhl vor dem Pferdestall die Scharen von Enten und Gänsen, die fröhlich schwammen und plätscherten und gemein­sam mit Hühnern, Tauben und Puten den Hof belebten. Sonst war es ziemlich still auf dem ganzen großen Gehöft, denn alle Arbeitskräfte befanden sich aus dem Felde, wo die Roggenernte begonnen hatte.

Durch den Torweg blickte man auf die breite, linden­beschattete Dorfstraße, und an die Rückseite des Gutshauses sckiloß sich ein ausgedehnter Obst- und Blumengarten, dessen Wege ganz im alten Stil mit hohem Buchsbaum eingefaßt waren und der an Lauben und lauschigen Plätzen ebenso reich war, wie an köstlichen Obstsorten, wohlbestandenen Gemüse­pflanzungen und üppigem Blumenflor.

Mein Gott, August, kommt denn niemand?" rief eine hohe, weinerlich klingende Frauenstimme aus der Tiefe der Halbkutsche heraus, die mit Paketeit, Schachteln, Säcken und Kisten angefüllt war.Wo stecken sie denn nur alle? Ich kann ja nicht allein hier heraus!"

In diesem Augenblick scholl eine jubelnde Lachsalve aus dem Souterrain des Hauses, vermischt mit hellem Freudengekreisch aus weiblichen Kehlen.

Mit einem Ruck fuhr Fräulein Valdamus, die in Hohen­birken und meilenweit im Umkreis nur unter dem Namen Tante Iulchen" bekannt war, von ihrem eingeklemmten Sitz in die Höhe und machte den kühnen Versuch, über das Spiritus- fäßchen, den Sack mit Kleie und eine große Kiste mit Material­waren hinwegzuklettern, was ihr jedoch bei ihrer Körperfülle nicht belang.

Sie blieb hilflos auf dem Sack sitzen, August mußte von seinem hohen Kutscherbock herunterklettern uno sie aus dem Wagen ziehen, was keine leichte Arbeit war. Sie guiekte und sträubte sich, als Lluyust sie um die Taille faßte, aber der alte Kutscher, dem bei dieser Anstrengung der hohe Hut mit der mächtigen Kokarde vom Kopf siel und die Rampe herunter­kollerte, sagte beruhigend:

Nichts for ungut, Fräulein Valdamus, bet jeschieht ja nich zum Pläsier, und da schadet bet nich. Det jeschieht man bloß aus Höflichkeit und weil Sie zu hitzig waren."

Da ist was los, August, hören Sie nicht den Lärm? Ich glaube, ich bin zur rechten Zeit gekommen!" rief Tante Iulchen und stürmte, den Blumenyut schief auf einem Ohr, m das Haus hinein.

I wat," brummte August und fing bedächtig an, die Wirt- schaftseinlüufe, die Tante Iulchen in dem nahen Städtchen Priebus gentacht hatte, aus dem Wagen 31t räumen,man kommt ntcinalcn zur rechten Zeit, wo wat nich in Ordnung is."

Tante Iulchen dachte anders, als sie die Treppe in die Wirtfchastsräume hinnblief und die Tür zu der großen Back­stube aufriß, wo heute die ganze Weiblichkeit des Hauses be­schäftigt war. alles zu einem großen Backfest vorzubereiten.

Sprachlos blieb sie auf der Schwelle stellen. Was war das?

Ste erblickte sich selbst, ihr getreues Konterfei, eine mit Kissen ausgestopfte dicke Gestalt, mit ihrem alten Gartenhut, Tuch und Hausrock und mit ihrer Küchcnschürze angetan. Aber viel täuschender als das Aeußere war die Mimik und Sprache dieser Doppelgängerin.

Kinder, Kinder!" jammerte sie eben in höchsten Fistel- tvnen,wenn ich euch so bei der Arbeit sehe, wird mir schlimm, reineweg schliinm! Nun nehmt mal die Beine ein Bißchen unter den Arm und macht vorwärts! Hanne! faules Mensch I Du denkst auch wieder: komm ich heut nicht, komm ich morgen l

Allons, allons I-"

(Fortsetzung folgt.)