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und Todten - Lager jetzo aufrusset. Mein Hertz, das am besten weißt, was ich ihr, wegen so vie­ler an mir erzeigten mütterlichen Liebe, schuldig bin, wird sich, wann es auch schon halb erstor­ben seyn wird, gegen ihr aus Liebe und Danck- barkeit rühren und bewegen. Dann wem bin ich die Geburt in dieses zwar elende Leben schul­dig , als ihr, als die mich unter tausend Schmer- tzen und Thränen gebohren, unter vielem Elend gesogen, und mit grosser Mühe aus dem elende­sten Koth herausgezogen hat. Mein Leben hat kaum angefangen, so hat sich ihre mütterliche Liebe und Treue auch gleichbalden für meiner Seelen Heyl gezeiget, da sie mich nebst dem ge­liebten Vatter zur heiligen Tauss mit befördert, und ein Kind der Seeligkeit aus mir machen lassen; O! gewiß jetzund isi mir die Erkänntniß dieser herrlichen Gutthat auf meinem Buß-La­ger erst recht offenbahr worden. Dann was kan seeligers seyn, als ein Kind und Erbe GOttes heissen. Ferner damit sie mich vor dem rohen Welt-Hauffen verwahren möchte, warnete und straffte sie mich auch gleich in meinen Kindes- Jahren mit denen Christlichsten Vorstellungen, so daß meine Seele selbiger Zeit in einem ziemli­chen .guten Zustand sich befände. Allein, wie die höllische Schlange ihr Gisst bey denen noch jungen und unerfahrenen Gemuthern am meisten anzubringen sucht, so war auch ich von dieser leydigen Seuche ergriffen, daß ich in meinen er­sten Jünglings - Jahren das Hertz meiner lieben Mutter mit vielen Sorgen plagte, indeme ich

vor

c Jo. Leid. GmellNö / Med, Uc, re. 41 vor die schon oben gerühmte treue und liebreiche Auferziehung, statt tausendfachen Dancks und schuldlgen Gehorsams, lauter scheußliche Sün­den und Ubelthaten gethan, ihre treu- mütterli­che Ermahnungen sowohl hier, als aufder Uni­versität, verachtet, und dadurch billich, wie den gerechten Zorn des grossen GOttes, also auch die Entziehung ü)rer mütterlichen Liebe unzahlich offt verdienet hatte , wann nicht die Langmuth und Barmherzigkeit GOttes so unaussprechlich groß, und auch ihre Liebe und Gedult so ausnehmend gewesen, daß sie mich nicht nur in meiner Ruch­losigkeit mit aller Langmuth getragen , sondern auch nebst dem lieben Vatter der völligen Ver­gebung aller meiner schwehren und handlichen Beleydigungen bey letzterer Lommunior, nachEm- pfang der Heil. Absolution von meinen Sünden, und derselben gläubigen Hinwegwerffung auf Christum, von ihnen versichert worden, daß, wie mein JEsus meiner Sünden nimmer gedencken wolle, der sie durch sein Blut getilget, und aus dem Mittel gethan, also wolle sie ihrer auch nim­mer gedencken.

,Und welche grosse mütterliche Liebe, welche zärtliche Treue sie mir unwürdigen unverdient erst noch in meiner letzten Schwach -und Kranck- heit erzeigt, das setze der treue GOtt ihr zum un­endlichen Seegen , er erhalte ihre schwache und strauchlende Fuffe auf dem ebenen Weg zur See­ligkeit, und lasse die meiner Jugend entgehende Krafften an ihren ersetzet werden. Allein das Hertz bricht mir, wann ich an ihre mütterliche C 5 Liebe

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Fleisches, und Lüsten der Jugend, den Weg des Todes, und der zum Verderben führet, nicht erwählest, sondern festiglich glaubest, daß GOtt förchten allen Menschen, jungen und alten , ge­lehrten und ungelehrten, zugehöre, und daßder- felbige alles vors Gericht bringe, auf daß du die­sen Weg des Lebens, nehmlich die Heil. Furcht GOttes, erwählest, die nicht nur der Weißheit und aller Künsten Anfang ist, sondern wer dar­nach thut, dessen Lob und Wohl bleibet ewiglich.

Mein Friderich Wilhelm, und Maria Fride- rica! ihr führet beede den Nahmen Friderich. Ach l so bewahre, doch auch eure annoch junge Hertzen der Friede GOttes: dann wo uns die­ser bewahret, so ist uns hier zeitlich , und dort ewig wohl. Gedencket an mich euren getreuen riderich, besonders in seinem letzten Buß- ampff.

Meme liebe Elisabeth, die du die Ruhe GOt­tes heissest, wie wohl ist dir zu wünschen , daß GOtt seine Ruhe in dir haben möge, und dich von aller Unarth des sündlichen Unwesens befreye, hingegen dein Hertz dahin bereite, daß es immer <bey dir heissen möge: stille, stille, JEsu ey nun, hilffmirdarzu, daßichfein stillewerd wie du.

Endlich, mein lieber Augustus, td> habe den Kinder - Reyhen angefangen, und du hast ihn eine Zeitlang beschlossen, wie bald kan es gesche­hen , daß du ihn auch hier nimmer beschlössest, sondern noch vor andern den Beschluß an deinem Leben machen müßtest; laß dir doch die Milch deines JEsu als die beste Speise schmücken, da-

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welcher ich leyder'. die meiste tmt> beste Zeit mei­nes Lebens deinen gnaden - reichen Anklopffungen widerstrebet habe, und dir den Eintritt in mein Hertz nicht gestatten wollen, sondern die treueste Ermahnungen aus deinem heiligen Wort, und die süsse Reitzungen zum Guten in meinem Ge­wissen, als vom Wind zerstäuben lassen, und sie wie einen Spreu geachtet habe. Ach erbarme dich auch über mich armen Sünder, und nehme mich zu Gnaden an. Heile meine bedürfftige Seele mit dem köstlichen Balsam deiner Heilig­keit, seegne und heilige mich, so will ich dir dan- cken ewiglich.

Nun Vatter Sohn und Geist! der duDrey- einig Heist;

- Erhöre meine Vitt, die ich erst ausgeschütt.

Hohl mich aus dieser Nacht, zur seelgen Him­mels-Pracht,

Daß ich auch könn austhönen, mit allen Him­mels-Söhnen ,

Die Krafft und Herrlichkeit, so Frommen ist bereit.

Da ich nun meine schwache doch auffrichtige Abbitte und Danckfagung gegen dem Dreyeini- gen GOtt abgelegct, so wende ich mich in kind­licher Demuth und Zuversicht auch zu mernen kindlich zu ehrenden und hertzlich zu liebenden El­tern : Forderist gehe ich nach der von GOtt ge­setzten Ordnung an meinen hertzgeliebten Vatter: Dem sage ich gebührenden Danck vor die, da ich noch in Mutter-Leibe war, getragene Vor­sorg und Liebe, noch mehrers aber vor die nach C z meiner