-8 II. Legte Stunden

meiner sündlichen Geburt gethane Beförderung zu dem Bad der Wiedergeburt und der in meiner Kindheit bezeugten reichlichen Verpflegung des Leibes , sowohl als der glücklichen Emfloffung der Milch-Speise von der Liebe des Lammes GOttes, auch der bey den folgenden Knaben- Jahren unermudeten Unterweisung in denen nö­tigsten Wiffenschafften , biß zu der Promotion auf die Universität zu bringen, da er mich sowol mit einer trefflichen AHmemadon , als getreuen

Information in Studife Philofoph. und Medicis

versorget, und bey denen von mir unnöthig mit Oebaucken, und andere Extravagant» zugezoge- nett Unglücks - Fallen viele Unkosten auf wich verwendet; dabey ich mich selbsten, wegen be­ständig - erwiesenen Ungehorsams und Wider­strebung alles mir vorgeschriebenen Guten anzu­klagen habe, und jreylich eine grosse Straffe zu gewarten gehabt hatte, wann nicht immerzu die Waage der vatterlichen Liebe, mehrers als der vatterlichen Gerechtigkeit, den liebreichen Aus- und Vorschlag gegeben hatte. Ferner dancke ich meinem treuen Vatter für die nach ablolvirten Stud»; . und angenommenen Grad aufs neu ge­schehene Ausnahm in das Haus und getreue Inftru&ion in Praxi Clinica . bereue Mit lenliblen Schmertzen die ungerechteste Undanckbarkeit und Entschlagung alles kindlichen Gehorsams, für- uehmlich aber, daß ich den lieben Vatter durch Anführung und leydige Verleitung des Men­schen-Feindes des Jeufels, und dessen Werck- zeuge, als des unmäßigen Sauffens und Müßig­gehens,

Jo. Lrid. Gmeltns, Med. Lic. rc. 43

und daß noch heute der Tag des Heyls seye; dann wer sich nun an diesem nicht eilend und red­lich befleißiget, zu der Ruhe und Gnade GOttes zu kommen, der wird gewißlich ewig, ewig da­hinten , und garausgeschloffen bleiben.

Nun dann, meine liebe ältiste Schwester, un­sere Kindheit und Jugend hat unsere natürliche Liebe zusammen gefaßt, ich habe dir Danck vor deine schwesterliche Liebe und Treue, gedencke du an meine letzte an dich gethane brüderliche Erin­nerung , erwchle doch dieses einige, daß du recht an deinen GOtt gedenckest, und die grosse Ver­führungen der Welt doch ernstlich meidest; ja siehe zu, daß du schon jetzo , und dereinsiens als eine wahre himmlische Christinaprangen mögest.

Mein geliebter Philipp Jacob , du als ein Stu- diofusTheologiae weist des HErrn Willen, dar­um wo du ihn nicht thust, so wirst du doppelte Streiche leiben müssen; lasse dir doch dieses ein­geprägt seyn, daß Christum lieb haben viel, viel bester seye, als alles wissen, ja , daß wir nicht darfür halten sollen etwas zu wissen, ohne allein JEsumChristum den gecreutzigten, bedencke auch fleißig, wie schwehre Rechenschafft demjenigen Knecht dermahleins zu geben seye, der sein Pfund übel angewendt.

Die Gnade GOttes seye dann auch mit dir! Du mein geliebter Christoph, da du nunmehro den Weg des Lebens vor dir hast, indem du ein neu- angehender Academicus bist , so bitte und warne ich dich brüderlich, daß du doch ja durch eitele und ruchlose Compagnien, Reitzungen des

Fleisches,

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Liebe gedencke, deswegen ich sie kurtz dessen ver­sichere, daß auch mein letzter Seufftzer bey gebro­chenem Hertzen durch ein Danck- Lied und Ge- bett, sonderlich bey meinem nun so bald schau­enden GOtt seyn werde, daß er ihrGedachtnuS zu rechtem Seegen setzen wolle.

Sie lebe dann in GOtt wohl, meine hertzge­liebte Mutter! So viel Thranen, so viel Seuff­tzer ihr gegen mich so getreues Mutter-Hertz vor mich vergossen, so viel Seegens- Quellen lasse der HErr auf sie fliesten, und wische ihre bittere Zähren von ihren Augen ab. Ich befehle sie nochmalen davor der wunderbaren Liebe GOttes, so offt sie mich auch noch unter ihrem Hertzen derselben empfohlen, und wünsche sehnlich, daß er ihr beystehen, von allem Übel erlösen, und samt mir zu seinem Reich gnädig aushclffen wolle.

Ach nun und endlich trifft auch euch die Rey- he, meine sämtlich - gesiebte Geschwistrige. Ge- dencket an mich, euren ältisten, und nach meinem natürlichen Zustand allzeit getreuen Bruder. Se­het ihr mit anderen Menschen mein Erempel ja nicht mit leichtsinnigen, und obenhin-schweben­den , sondern mit wahrhafftig bußfertigen Augen an. O! meynet ferner nicht, daß es sogleich see- lig gestorben seye: gewiß, es kostet viel ein Christ zu seyn, und seinem Heyland JEsu zu gefallen.

Hütet euch alles Emsts, eure Buffe und Be­kehrung nicht auf die letzte Tage und Augenblick zu verjähren, sondern bedencket ja reifflich, daß ietzo, heute, heute die Gnaden - volle Zeit seye,

und

Jo. Frid. Gmelins, Med . Lic. rc. 39 gehens, mit Hindansetzung alles ernstlichen Ge­bets durch einen zweymaligen Sünden- Fall und Verschimpffung des lieben Vatters und unsers gantzen Hauses in die äufferste Betrübnuß gese- tzet, ^md hierdurch einer zweymaligen Verstos- sung und völliger Enterbung würdig mich gema- chet, da jedoch der liebe Vatter mich beedesmal wieder aus unermäßlicher Liebe als ein Kind wie vorhin ausgenommen. Meine letzte Dancksa- gung endlich gehet aus, die bey letztgehaltener Gommunion ertheilte vätterliche Versicherung, auf Zeit und Ewigkeit, der völligen Vergebung alles ihm gethanen Unrechts. Für alle diese Wohlthaten ruffe ich GOtt zu einem mächtigen Vergelter an, und bitte denselben, daß er dem lieben Vatter alle erwiesene Treue und Liebe durch seine gnädige Führung, Erhaltung langen Lebens, unverrückter Gesundheit, auch bestän­diger Gemüths - Zufriedenheit, reichlich belohnen wolle, recommendire mich auch als ein Sterben­der des hertzlieben Vatters beständigem Ange- dencken: tröste mich der gnädigen Erhörung mei­nes armen Gebets, und in Anhoffung die ewige Seeligkcit ehister Tagen zu erlangen, ersterbe ich meines hertzgeliebten Vatters, und nach GOtt allerhöchsten Wohlthäters, dessen zwischen Leben und Tod derinalen schwebender, nächstens aber den Kampff des Sieges freudig-erwartender erstgebohrner Sohn, Job. Fridericus Gmelin, Med. Lic. & Cand. Mortis.

Nun aber dancke ich auch meiner sonders Hertz­geliebtesten Mutter, darzu mich mein Krancken- C 4 und