II. Teil

War es im ersten Teile unsere Aufgabe, dieBiologische Norm 1 ' zu jundamentieren und zu umschreiben, so ist es im zweiten Teile, den Wert dieser Norm für das Leben überhaupt und für das ärztliche Denken im besonderen her­auszustellen.

Wie wir früher gesehen haben, können die Reize peri­statischer Natur oder auch der Nahrung nicht einfach in unseren Organismus eindringen, sondern erleben ihre Be­gegnung mit dem Organismus in einer Reaktion. So ist der Anblick und der Geruch des Fleisches für den Hund eine lustbetonte Reaktion, die sich durch die Magensafterzeugung kenntlich macht. Diese Reaktion trägt deutlich den Stempel einer lebensbejahenden, es ist eine lustbetonte Bezogenheit zwischen Subjekt Hund und Objekt Fleisch. In der Norm­reaktion erkennen wir also eine objektbezogene Reaktion, die den biologischen Wert des Subjekts zum Objekt erkennen läßt und so muß das Objekt schon die Eigenschaften besit­zen. die ihm in der Normreaktion vom Subjekt zugeteilt werden. Diese biologische Wertzuteil,ung in der Normreak­tion ist eine reflektorische, also aus letzter Lebenstiefe her­aus gesteuert und nur als Wesensinhalt des organischen Lebens unveräußerlich zu verstehen.

Die Normreaktion mit ihren Attributen der sinneszugäng­lichen Welt ist also keine gedankliche Konstruktion, wie manche Philosophen behaupten, sondern eine Urtümlichkeit biologischen Geschehens, die allen Lebensformen eigen ist. Betrachten wir nämlich den reflektorisch erweckten organi­schen Erregungszustand beim Subjekt, hervorgerufen vom Objekt, dann sind die sinneszugänglichen Eigenschaften ei­nes jeden Dinges die innervationsaktivierenden Elemente beim Subjekt, die im Reflex ihre biologische Antwort, ihre Stellung innerhalb oder außerhalb der Norm erhalten. Erst auf Reflexfunktionen, die ohne unser Bewußtsein zustande­gekommen sind, beginnt das erkenntnistheoretische Ver­mögen, das nun mit Hilfe der Denkgesetze zu Urteilen und Schlüssen gelangt.

Gerade der Arzt ist an die Sicherheit der vorhandenen Umgebung seiner Beobachtungen gebunden, denn diese sind die Grundlagen seiner Diagnose und der davon abhängigen Therapie. Alle Dinge, die in unseren sinnesphysiologischen Reaktionskreis kommen, erwecken sich in der Normreaktion ihre Attribute, die darum auch vorhanden sein müssen und keine blutleeren Begriffe sein können. An Hand seiner Me­dikamente stellt der Arzt weiterhin die reale Wirksamkeit dieses Prinzips fest, indem er die dadurch erregten neuen Lebensfunktionen beobachten kann, die im Endergebnis die größte biologische Wirklichkeit, Gesundheit oder Tod, er­langen. Es ist selbstverständlich, daß die Normreaktion auch nur bei normalen organischen Wesen beobachtet werden kann. Und so gelangt der Arzt beim Studium der normalen Reaktionsweisen am Krankenbett von selbst vom einzelnen Krankheitsbild zur Konstitution, der Ganzheit des Organis­mus, in dem diese Krankheit sich so und nicht anders aus­drückt. Vor allem wird er gezwungen, nicht nur die Vielfalt somatischer Vorgänge zu sichten, sondern diese unter der Führung des zerebralen Geschehens, unter zerebraler Prä­gung, erneut wiederzuerkennen. Eine Aufgabe, die wiederum das Verständnis fürfunktionelles undorganisches Ge­schehen erfordert.

Wir waren gewöhnt, eine funktionelle Erkrankung, be­sonders wenn das Wörtchen psychogen noch hinzukam, als eine nebensächliche Erkrankung anzusehen, die keinen orga­nischen, wohl aber einen seelischen Hintergrund in sich schloß. Eine neue Betrachtungsweise mußte in dem Augen­blick auch für diese Erkrankungsform aufkommen, als man erkennen mußte, daß jede seelische Tätigkeit auch eine In­nervationsaktivierung bedeutete, und zwar sogar eine dem reflektorischen übergeordnete. Nunmehr wurde es klar, daß es nicht nur eine somatische, eine organische Ordnung gab, die in der Krankheit gestört wurde, sondern daß diese so­

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matische Ordnung von einer seelischen, einer zerebralen, überlagert war, die den eigentlichen Rahmen auch für das somatische Geschehen mitgab und die ursächlich als möglicher Krankheitserreger sich entpuppte. Mit andern Worten, für unsere körperliche Gesundheit ist der Gedankeninhalt nicht einerlei, auch für unsere Gedankenwelt besteht eine Norm, die nicht ungestraft überschritten werden kann, wenigstens nicht für den eigenen .Körper. Eine Bestätigung erbringen die heute geläufigen Ansichten überseelisch bedingte, echte Organerkrankungen.

In der Normreaktion, die Patient und Arzt gegenseitig erleben, ist die äußere Erscheinung des Menschen nicht nur ein Konstitutionsausdrude krankhafter wie gesunder körper­licher Anlage, sondern auch des seelischen Inhaltes. Seine Erscheinung ist sein Kommentar, der mitunter mehr besagt, als der gegenwärtige Mensch sagen kann. Es gehört daher zum unbedingten ärztlichen Rüstzeug diagnostischer Fähig­keit, daß unsere persönliche Ganzheit, körperliches und see­lisches in seiner funktionellen Einheit, im Reflex eine Kennt­nis der Umgebung, hier eines Menschen, vermittelt, die nicht in unserem Verstand ihren ersten Ursprung hat, sondern nur aus der letzten biologischen Tiefe heraus ihre Steuerung erlebt.

Es ändert an der Tatsache dieser Normreaktion nichts, daß der Mensch willensmäßig diesen Normeindruck ändern und fälschen kann, ja einfach, was noch schlimmer, nicht mehr erlebt, wenn er voreingenommen der Normreak­tion keinen reflektorischen Ablauf mehr beläßt.

Wir wissen, daß dieser Zustand derVoreingenommen­heit der erheblichste Hemmschuh wissenschaftlichen Fort­schritts werden kann, wir wissen aber auch warum; weil seelische, besonders rein willensmäßige, Innervationsaktivie­rungen den reflektorischen im Ablauf übergeordnet sind. Als Beispiel möge die .Innervationsschau selbst dienen.

Es kann nicht bestritten werden, daß z. B. peristatische Einflüsse innervationsaktivierend wirken, somit einen erheblichen Zugang zur Lebenserregung und damit zu Gesundheits- wie Krankheitswirkung erlangen, weil unter dem Bewußtsein, nennen wir diese Form der Innervations­aktivierung reflektorisch. Es kann aber ebenso keinem Zwei­fel unterliegen, daß unser seelisches Leben, vor allem der Willensakt, eine direkte Innervationsaktivierung bedeutet, wie jeder Handgriff und jeder Schritt uns beweist, denn vor dem Schritt und vor dem Handgriff steht die Innervie- rüng der zugehörigen Muskulatur und als aktivierendes Moment kommt nur der Willensakt in Frage. Zwangsweise ist die nächste Frage nach der Gleichberechtigung reflektori­scher und seelischer Innervationsaktivierung, die nur im Sinne desübergeordneten Ablaufs seelischer Innervations­aktivierungen beantwortet werden kann. Daß diese Be­trachtungsweise eine ungeheure Perspektive für biologische Forschungen in sich trägt, kann nur dem zweifelhaft sein, der sich nicht damit beschäftigt. Wer dagegen diese reinen Beobachtungstatsachen grundlegend berücksichtigt, dem taucht z. B. bei der Diagnose von selbst die Frage nach dem orga­nischen und seelischen Hintergrund der Krankheit auf. Er muß sowohl die reflektorische wie die seelisch be­dingte Störung berücksichtigen, die sich im Krankheitsgesche­hen offenbart. Er muß es zwangsweise, weil er ja auch nur über diese beiden Wege wiederum die Gesundheit anregen kann. Reflektorisch über seine Medikamente, suggestiv über den seelischen Anteil. Wer aber glaubt, daß diese Art der Innervationsschau so leicht überzeugend gemacht werden könnte, der irrt gewaltig. Wir sind noch zu sehr gewöhnt, nur dieFunktion als Ergebnis der Innervierung als ge­sund oder krank zu betrachten und von hier auf das Organ der Krankheit zu schließen, anstatt nach derAktivierung der innervierenden Reize zu fragen. Hier liegt die Ant­wort für den Kern der Erkrankung, in dem Zusammenspiel zwischen Aktivierungursache und Zustand der innervierenden Reize, die entweder in der Normreaktion eine Abwehr organi­sieren oder der Aktivierung keinen Widerstand mehr bieten

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