bewaffnet in die Sonne schauen; die Gehörsnerven sind nicht jeder Schallwirkung gewachsen, außergewöhnliche Kälte- und Wärmereize entfesseln heftige Unlustreaktionen, überstarke Druckempfindungen führen zu energischen Schmerzwiderständen.
Die mittelbare und unmittelbare Auslese, die durch diese Widerstände veranlaßt wird, ist durchaus sinnvoll und bedeutet für Tier und Mensch eine zweckmäßige Selbstschutzvorrichtung von unschätzbarem Wert. Sie wäre es aber nicht, wenn beim Menschen ähnlich wie bei den niederen Lebewesen die Grenze zwischen reibungsloser und reibungsbetonter Innervierung straff und einmal gezogen wäre und jede Dehnbarkeit und Anpassungsfähigkeit vermissen ließe. Davon kann jedoch keine Rede sein, denn, wie die Erfahrung beweist, passen sich innerhalb gewisser Grenzen nicht nur die motorischen, sondern auch die sensitiven Nerven jeweils den neuen Situationen von innen und außen an. Die Haut kann sich allmählich an stärkste Kälte- und Wärmereize gewöhnen, das Auge an grelle Lichtwirkungen, die Zunge an widerwärtige Geschmacksempfindungen. Freilich darf nicht verkannt werden, daß diese elastische Anpassung, diese Erweiterung oder Verengerung der Norm im Einzelfall nicht automatisch und ohne Überwindung von Widerständen vor sich geht. Automatisch ist nur Flucht und Abwehr, also das, was dem unmittelbaren, dem augenblicklichen Selbstschutz dient; was darüber hinaus liegt, kommt wenigstens beim Menschen nur durch willensmäßige und bewußte Selbstbeeinflussung oder wenigstens Mitwirkung zustande. Diese Einflüsse aber sind keine Normzerstörer, denn einmal heben sie die somatische Norm nicht völlig auf, sondern akkomodieren sie nur an wechselnde äußere und innere Verhältnisse; zum andern besteht neben der unteren Norm noch eine höhere zerebrale Norm, die ihren Einfluß auch nach unten hin geltend macht und die den eigentlichen Rahmen abgibt für das innervatorische Handeln und Empfinden des Menschen.
Weder die Erweiterung noch die Verengerung der Norm sind an sich wertvoll; wertvoll ist nur die Verstandes- und willensmäßig dirigierte elastische Anpassungsfähigkeit, die auch den verwickelsten Situationen gerecht wird und sich nicht wund stößt an unerwartet auftauchenden Schwierigkeiten. Wertvoll ist eben immer nur das, was zweckentsprechend ist; zweckentsprechend für den ganzen Menschen aber ist nur eine dynamische Norm, die eine gewisse Bewegungsfreiheit gestattet, während für das Tier in seiner engen Lebenssphäre eine im ganzen statische Norm vollauf genügt.
In der Novembernummer von „Natur und Volk“ 1932, Frankfurt, Senckenberg-Naturforschende Gesellschaft, wird über zwei englische Forscher berichtet, welche die Wirkung eines starken Tones von 8900 Schwingungen pro Sekunde auf Lebewesen aller Art ausprobiert. Der Erfolg war der. daß Tiere, wie Fische und Frösche, in nächster Nähe der Tonquelle in wenigen Minuten zugrunde gingen, wobei sie in ihren Geweben in großer Zahl Gasbläschen entwickelten. In Bakterienkulturen verschwanden die Bakterien nach einiger Zeit zum größten Teil. Auf Grund dieser Ergebnisse haben die beiden Forscher mit Erfolg ein Verfahren ausgearbeitet, mit dem Milch und die bei der Sterilisierung durch die Hitze eintretenden Veränderungen des Eiweißes usw. fast völlig keimfrei gemacht werden kann. Dieses Verfahren der Entkeimung mit hohen Tönen von großer Intensität kann für die Praxis noch sehr bedeutungsvoll werden. Es ist kein Zweifel, die hier erwähnten Tonschwingungen waren für die erwähnten Lebewesen außerhalb deren Norm und führten zur Normzerstörung.
In der Med. Welt vom 18. 4. 42, Nr, 16, wird berichtet: M. Kasahara und Mitarbeiter, Universitätskinderklinik, Osaka-Nippon, teilen neue, erstaunliche Wirkungen über den Einfluß ultraakustischer Schallwellen mit. Durch 3 Minuten lange Einwirkungen der Schallwellen gelingt es, Tetanustoxin völlig zu zerstören, wie im Tierversuch nachgewiesen wird. Das Wesen derartiger Wirkungen scheint in der Oxy
dation, verursacht durch intensive Schwingungen der Wellen, gesucht werden zu müssen. (Mschr. Kinderhk., Bd. 78, 5/6: 345.) Auch hier führten Reize außerhalb der Norm zur Normzerstörung.
Die hier vorliegenden Fälle sind wiederum ein schlagender Beweis für das Vorhandensein und das Sichauswirken einer Innervationsnorm, die nicht ungestraft überschritten werden kann. Gewiß entbehrt diese Norm nicht gänzlich der Anpassungsfähigkeit an die wechselnden Umstände, und in dieser Dehnbarkeit wurzelt zum guten Teile ihre biologische Zweckmäßigkeit. Aber der Radius der Anpassungsfähigkeit ist nicht unbegrenzt groß, sonst hätte die Norm ihren Sinn, ja praktisch ihr Dasein verloren. Es gibt Innervations-Aktivierungsursachen, die lebensfördernd wirken, direkt und indirekt, und diese liegen innerhalb der Norm; es gibt weiter I-Aktivierungsursachen, die weder sichtbar fördernd noch schädigend wirken, und diese liegen an der Grenze der Norm; es gibt aber drittens I-Aktivierungs- ursachen, die biologisch schädigend, ja lebensvernichtend sich auswirken, und diese liegen jenseits der Norm. Dabei gibt es unzweifelhaft individuelle Schwankungen, die im ersten Augenblick frappieren, aber das Prinzip nicht aufheben. Aber schon die Tatsache, daß es sich hier um verhältnismäßig seltene Ausnahmen handelt, weist auf den unangreifbaren Kern der Norm hin und rettet das Prinzip, das nur ein biologisches und kein mathematisches ist. Will man aber dem Begriff der Norm graphisch zum Verständnis bringen, so möge folgende kleine Zeichnung ein Versuch dazu sein:
a c + d + b
An einem bestimmten Sinnesorgan, dem Gehör, wollen wir den vorliegenden Sinn der Normbegrenzung erläutern. Die gesamte Reaktionsbreite des Gehörs umfaßt also die Strecke a—b. Innerhalb dieser Strecke liegen alle Tonschwingungen, die wir überhaupt hören können, angenehme, lustbetonte, wie unangenehme, lebensfeindliche.
Die lustbetonten Töne für den Menschen, also seine Normbreite. liegen dagegen nur im mittleren Ausschnitt zwischen c—d. Wir besitzen im Klavier etwa die Summe und Breite der akustischen Norm und empfinden auch die Klavierbreite sowohl die Einzeltöne wie vereinigt innerhalb der Gesetze der Harmonielehre als lustbetont, angenehm. Unangenehm und unlustbetont sind dagegen die Tonerregungen unter und über der Normbreite, also außerhalb der Norm. Geräusche sagen wir, denen wir ausweichen, die uns unlustbetont erregen, ja die bis ^ur Gesundheitsstörung reichen können und in der Tierwelt auch wirklich führen, wie wir an Hand von Beispielen gesehen haben.
Norm ist also Gesundheit, ist die Reaktionsbreite von Mensch und Tier, wenn auch in art-individuellem Grade verschieden, innerhalb deren die lustbetonten, lebensbejahenden Reize Eingang zur Lebenserregung finden. Normempfinden setzt aber auch normale Veranlagung in den betreffenden Sinnesorganen voraus. In der Normreaktion erkennen wir alle von außen ankommenden Reize — der Peristase und Nahrung — als innerhalb oder außerhalb der biologischen Norm eines Wesens. Die Normreaktion ist somit Kunde aus der letzten, biologischen Triefe, zeigt uns also den Gesundheitszustand des ganzen Organismus in einem Teile.
Die Energie, die nun in der Normreaktion diese biologische Wertigkeit erkennen läßt, weil sie in Reaktion tritt, kann nur die Summe der Innervationsreize sein, die Innervationsenergie, und in dem Umfange ihrer reaktiven Ausdrucksfähigkeit erkennen wir den Inhalt ihres Wesens, erkennen wir eine umfassende Eigengesetzlichkeit. die sie immer dem Reiz offenbart, der sie aktiviert. Und diese Eigengesetzlichkeit liegt genau so forschungsberechtigt und bedürftig vor uns wie die Gesetze von der anatomischen Struktur und der psychologischen Eigenart des Menschen. Die Innervationsreize sind die funktionelle Verbindung von somatischem und zerebralem Geschehen.
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