können und daher gezwungenermaßen eine Aktivierung außer­halb der Norm weiterleiten müssen. Wir kommen damit von der rein anatomischen zur funktionellen Betrachtungsweise, die damit endigt, daß wir bei jeder Krankheit aus der Funk­tion eines Organs auf seine innervierenden Reize schließen und als Ursache gerade dieser Innervierungsart auf die da­zugehörige Aktivierung schließen. Haben wir diese Untersuchung hinter uns, dann kommt selbstverständlich der Reaktionszustand der zellulären Struktur selbst in Frage. Wir begnügen uns in Diagnose und Therapie nicht mehr mit dem Organ selbst und seiner Behandlung, sondern fahn­den auch nach ferneren Ursachen. Tatsächlich wird dieser Weg heute schon beschritten, dagegen wird die Innervations­aktivierungsursache nicht genügend beachtet, die beiden Ar­ten, reflektorische und seelisch bedingte. Die heute immer dringlicher werdende Forderung nach seelischer Kranken­behandlung kommt von selbst in Gang, wenn das seelische Geschehen als innervationsaktivierend herausgestellt wird und damit in der Lebenserregung sichtbar wird. Fügen wir noch den Begriff derzerebralen Norm hinzu, so erhellt weiter, daß der seelische Inhalt nicht frei, sondern gebunden ist, eine Norm besitzt, eine rote Linie einhalten muß, soll die Freiheit des Denkens nicht zu einer Gefahr der Freiheit selbst werden.

- Fassen wir die Normreaktion, die sich zwischen Patient und Arzt in der Zeitspanne der Diagnose abspielt, näher ins Auge, so erkennen wir in der Normempfindung diein­tuitive Diagnose wieder, die so oft Gegenstand leiden­schaftlicher Befehdung war. Unsere Analyse der intuitiven oder auch instinktiven Diagnose deckt sich mit dem Inhalt der Normreaktion und ist damit auch umschrieben als ein allgemeines Wissen aus dem Gefühl, das auch nur all­gemeine Gesichtspunkte, aber niemals spezielle Diagnosen vermitteln kann. Wir können diese intuitive Begabung auch mitAnlage zum Berufe bezeichnen und wissen nun, daß beste Begabung die Voraussetzung für den wissenschaftlich besten Arzt ist, der nie versäumt, Geahntes und Erfühltes wissenschaftlich zu untermauern. Der reine Wissenschaftler ist der Mediziner, der reine, intuitiv arbeitende der Kur­pfuscher, der intuitiv begabte, wissenschaftlich ausgebildete der Arzt. Damit sind die Werte verteilt.

Gewiß soll nicht bestritten werden, daß in der Normreak­tion oft mehr liegt als ein allgemeiner Eindruck über Schwere der Krankheit, Wirklichkeit der Krankheitsschilderung usw. Dagegen ist die Organbestimmung und vor allem die spe­zielle Erkrankungsweise fast immer als Erfahrung er­kennbar.

Ein besonders eindrucksvolles Bild der reflektorisch auf­tretenden Normreaktion bietet sich uns in der Empfindung sympathisch und unsympathisch. Es ist kein Zweifel, beim ersten Blick haben wir von den meisten Menschen irgend­einen gearteten, angenehmen, gleichgültigen oder direkt un­sympathischen Eindruck. Im/Reflex, in der Normreaktion, hat sich diese biologische Gleichung von Subjekt und Objekt vollzogen, und das Ergebnis ist eine zum Gefühl gesteigerte Empfindung, der andere ist dir angenehm, gleichgültig oder endlich unangenehm. Übersetzen wir diese Ausdrucksweise in die Sprache der Innervatiqnslehre, so würden wir sagen, in- n nerhalb oder außerhalb meiner eigenen Norm. Es ist zwei­fellos ein Ganzheitsausdruck, den wir in der ersten Begeg­

nung erleben, eine körperliche und seelische Ausdrucksform, die wir in uns aufnehmen. Nicht unter wissenschaftlicher, physiognomischer Analyse setzen wir diese Personenaufnahme durch, sondern im Reflex wird sie erlebt und kann sich ihr eigenes Bild auch darum nur selbst erwecken. Es ist deshalb auch kein Zufall, daß jeder anders erscheint. In der Sinnes­aufnahme erfolgte durch das Objekt eine inhaltliche For­mung und Gestaltung der Innervationsreize, die in der letz­ten somatischen Resonanz unser Bewußtsein von der lust- oder unlustbetonten Gefühlslage weckt. Nicht der beider­seitige Verstand war es, der sich im Blick getroffen und ge­wertet, sondern eine biologische Begegnung, die aus letzter Lebenstiefe ihre Wertigkeit mit einer andern biologischen Ganzheit gemessen hat.

Es ist selbstverständlich, daß der denkende Mensch sofort seine angenehmen oder unangenehmen Gefühle beim phy- siognomischen Ausdruck des Mitmenschen wissenschaftlich zu begründen sucht. Hat er in der Normreaktion die Synthese eines Menschen erlebt, so versucht er nun, in der Analyse sich die bewußte Berechtigung für eben diesen reflektori­schen Gefühlsempfang zu verschaffen, was ihm aber sehr oft nicht gelingt. Die Erscheinung eines Menschen ist ein Ganzheitsbegriff sowohl der Form wie des Inhalts nach, in­dem Körperbau und Charakter in ihrer gegenseitigen Korre­spondenz und Imprägnierungsfähigkeit sich auch äußerlich sichtbar und damit sinneserregend erweisen. Indem die In­nervationsaktivierungen von der Seele her auf die zelluläre Struktur ständig ihre ideoplastische Tätigkeit vollziehen, diese Struktur daher das Gipsbrett für die seelischen Tätig­keiten darstellt, drücken sich auf dem Antlitz des Menschen nicht nur die somatischen, konstitutionellen Eigenschaften und Anlagen^ sondern auch deren seelische, funktionelle Biegsamkeit und Formung hervor, die aber nicht nur Form, sondern auch Inhalt im Sinne der Norm besagen. Unter die­sem Gesichtspunkt ist die Erscheinung des Menschen sein somatischer und zerebraler Konstitutionsausdruck, seine Ganz­heit. Wer eine normale Veranlagung hat, sollte das unvor­eingenommene Gefühl seiner Normreaktion beim ersten An­blick eines Menschen nicht ohne triftigste Gründe beiseite­schieben. Der Arzt kann an diesem Problem nicht achtlos Vorbeigehen. Mit jedem seiner Patienten geht er in der Normreaktion eine biologische Ganzheitsgleichung ein, die auch seine Persönlichkeit als sympathisch oder unsympathisch erscheinen läßt, und nur der Patient wird eine sympathische Normreaktion erleben, der in seinem Arzte den höchsten Kommentar des Lebens erblickt. Es sei denn, daß sein Ruf schon eine autoritative Sphäre um ihn gelegt, so daß die Vertrauensbasis schon suggestiv besteht. Diese Erkenntnis legt dem Arzte hohe persönliche Pflichten in bezug auf kör­perliche wie seelische Eigendisziplin auf, die bekanntlich in der Normreaktion ihr Dasein ebenso verrät wie Ungehemmt­heit und triebhaftes Vegetieren. Die Überlegenheit des Arz­tes darf nicht nur in seinem Wissen bestehen, das ist nur Kennzeichen des Mediziners, sie soll vor allem in der kör­perlich-seelischen, konstitutionellen Ausgeglichenheit be­ruhen, die sittliche Reife und ernste Besorgnis für die Be­rufsarbeit erkennen läßt. Erst hier sieht und fühlt der Pa­tient sich in körperlicher wie seelischer Krankheit geborgen.

Schrifttum kann vom Verfasser erfragt werden.

i Anschrift: Schönecken. Eifel