Sinnesorgane pochenden Umweltvorgänge hier restlos Ein­gang erhält, sondern nur diejenigen, welche ihrer Art und Stärke nach den Empfangsapparaten zugeordnet sind; die zweite zeigt sich darin, daß nur die fördernden, wohltätig wirkenden eine volle, ungeschmälerte Empfangsbereitschaft finden, d. h. widerstandslos aufgegriffen und lustbetont weitergegeben werden, alle andern aber entweder gegen den Widerstand des Subjekts sich gewaltsam aufdrängen oder durch Willenseinflüsse ausgeschaltet werden. Diese doppelte Auslese (vor allem die zweite), die zweifellos eine Schutzvor­richtung des Organismus gegenüber dem umgebenden wilden Spiel der. Kräfte bedeutet, bezeichnen wir als ..Inner­vationsnorm''. Und diese Norm besagt, daß die Lebenszen­tren nicht wehrlos sind gegenüber dem Ansturm äußerer Kräfte, daß sie manches von vornherein aussieben, anders nurbedingungsweise leiten, d. h. unter Auslösung mehr oder weniger heftiger Schmerz- und Unlustwiderstände. Ähnlich wie bei den sensitiven verhält es sich bei den mo­torischen Nerventätigkeiten und ihrer Wirksamkeit; auch sie besitzen Grenzen ihrer gesunden Leistungsfähigkeit und kräf­tige Abwehrmittel gegen Überschreitung derselben. Jede längere Zeit hindurch fortgesetzte Tätigkeit führt schließlich zur Ermattung und am Ende zur völligen Ausschaltung der Arbeitsdisposition. Die Wirkung erstreckt sich immer (ganz gleichgültig, ob es sich um geistige oder körperliche Arbeit handelt) nach zwei Seiten hin, nach der seelischen und kör­perlichen. Die physiologischen Symptome, welche das Über­schreiten der Norm ankündigen, sind: Zunahme der Atem­züge. Beschleunigung des Pulses, Temperaturerhöhung im arbeitenden Organ. Psychische Symptome sind: Abnahme der Arbeitslust. Verringerung der Reizempfänglichkeit, Nach­lassen der Aufmerksamkeit, Gleichgültigkeit und Verstim­mung. Dieser Zustand verminderter Leistungsfähigkeit ent­steht nach der gangbaren Erklärung durch Anhäufung von Ermüdungsgiften, das ist von Stoffwechselschlacken (Fleisch­milchsäure, saueres phosphorsaueres Kali) im Körper. Nach der Innervationsschau wäre als neues Symptom, aber als kausales Moment, hinzuzufügen, Verlust der Innervations­energie. Bezeichnend ist es, daß jeweils erst Gehirn und Nervensystem von der Ermüdung ergriffen werden und diese sich dann dem übrigen Körper mitteilt. Es gibt also eine Norm für die Tätigkeit der motorischen Nerven und das Überschreiten .derselben ist gekennzeichnet durch das Auftre­ten der Ermüdungsgifte und den Innervationsverlust. Ebenso feststehend wie das Vorhanden­sein dieser Norm ist ihr- dynamischer Cha­rakter: Eine normale Waage reagiert auf ein und das­selbe Gewicht immer mit demselben Zeigerausschlag, ein bestimmtes Metall reagiert auf eine bestimmte Säure unter gleichbleibenden Umständen immer in der gleichen Weise. Aber ein und dieselbe Tätigkeit bringt in ein und derselben Person nicht immer dieselbe Ermüdbarkeitswirkung hervor. Das Ermüdungsresultat ist verschieden, je nach der Arbeits­disposition, der Aufmerksamkeit, dem persönlichen Inter­esse. der Ablenkungsmöglichkeit, dem Arbeitsrhythmus u. a. Auch Autosuggestionen spielen hier eine Rolle, sonst wäre es nicht denkbar, daß nicht selten selbst ganz kurze Ruhe­pausen genügen, um starke Ermüdung zu kompensieren. In erster Linie wird die Ermüdungszone eingeschränkt durch die positive Stellungnahme des geistigen Menschen zur Tä­tigkeit und zum Zielobjekt der Tätigkeit. Es ist eine alte Erfahrungstatsache, daß, wer Interesse an seiner Arbeit hat, nicht leicht dabei ermüdet. Im Interesse zeigt sich der gei­stige Mensch, offenbart sich die Verbindung des Subjekts mit der objektiven Wirklichkeit. Interesse ist also spezifische menschliche Anteilnahme, und diese Anteilnahme ist geeig­net, die rein somatische Ermüdungsbereitschaft bei länger währenden Arbeitsverrichtungen zu verringern und so den Primat des Geistigen aufs neue in hellstes Licht zu stellen. Gewiß, die Norm wird dadurch nicht beseitigt, aber sie wird aus einer animalisch-starren zu einer menschlich-labi­len erhoben.

Ähnlich wie bei den Bewegungsnerven verhält es sich bei den Empfindungsnerven; auch hier finden wir eine zwar weitgespannte, aber keine unbegrenzte Leistungsfähigkeit vor. Man spricht dann von Reizschwelle und denkt hier an den für ein Sinnesorgan schwächsten Reiz, der eben noch bemerkbar ist. Der Reizvorgang muß ja eine gewisse Stärke haben, damit Empfindung entstehen kann. Diese Schwelle ist keine immer und überall gleichbleibende Linie, sie hängt stark von allen möglichen Umständen ab; sie ist verschieden für verschiedene Individuen, für verschiedene Stellen des Sinnesorgans. Worauf die Tatsache der Reizschwelle unmit­telbar beruht; ob sie einen physiologischen oder psychologi­schen Grund hat, ist umstritten. Man spricht auch von einer Unterschiedsschwelle und meint damit die unterste eben noch mögliche Unterscheidungsfähigkeit mehrerer Reize. Ist die Grenze nach oben die Reizhöhe, so ist die Grenze nach unten die Reizschwelle. Die Empfindung nimmt nun mit dem Reiz nicht unbeschränkt zu. Man versteht unter Reizhöhe die Grenzlinie, von der an bei weiterer Steigerung der Inten­sität die Empfindung nicht mehr zunimmt, sondern unver­ändert bleibt. Einige Beispiele mögen das Gesagte veran­schaulichen:

Die Schwelle etwa für die Geruchsempfindung liegt zwar sehr tief, ist aber, eben doch vorhanden. So läßt sich V 2 oc><>»»» mg Rosenöl noch deutlich in der Luft des Zimmers wahrnehmen, und von einem andern Riechstoff (Merkaptan) beträgt nach neueren Untersuchungen die eben noch wahr­nehmbare Gewichtsmenge gar nur Vmooooooo mg- Für die verschiedenen Geschmacksempfindungen ist die Reizschwelle nicht dieselbe; am empfindlichsten scheint die Zunge für die Elementarempfindungenbitter zu sein. Dann folgen sauer, salzig und süß. Auffallend ist, daß die Reizschwelle für bitter etwa um das tausendfache niedriger liegt als die für Süß. Auch in bezug auf die Temperatur der unmittelbaren Umgebung trifft das menschliche Empfindungsnervensystem eine Auslese. So ist unbedingt notwendig für das Entstehen der Wärme- und Kälteempfindung, daß die einwirkende Temperatur sich über bzw. unter dem physiologischen Null­punkt, d. h. der Eigentemperatur des betroffenen Körpers, befindet. Die extremen Temperaturen bewirken nur Schmerz, welcher bei Kälte und Wärme gleichen Charakters ist.

Auch die Gehörsnerven treffen eine Auslese: Die untere und obere Grenze der von uns noch hörbaren Schwingungs­zahl variieren bei verschiedenen Menschen und liegen durch­schnittlich bei 12 000 bzw.. 20 000 Schwingungen in der Se­kunde. Überdies kann das menschliche Ohr höchstens 9 ge­trennte Laute in der Sekunde deutlich unterscheiden. Von Wichtigkeit ist auch die akustische Unterschiedsempfindlich­keit: Bei 500 Schwingungen ist ein Unterschied von 0,3, bei 1000 von 0,5 Schwingungen bemerkbar. In einer mittle­ren Oktave sind über 1000 Töne ihrer Höhe nach unter­scheidbar. Die Genauigkeit wird sehr viel kleiner gegen die Grenze der Hörbarkeit hin. So irren sich bei 40 Schwingun­gen auch Geübte um eine Schwingung. An der oberen Grenze gar kann man Töne nicht mehr unterscheiden, die Tausende von Schwingungen voneinander abweichen.

Ähnlich liegen die Verhältnisse bei den Gesichtsnerven, wo bekanntlich die ultravioletten und ultraroten Strahlen des Spektrums optisch nicht wahrgenommen werden. Die Unsichtbarkeit des Ultrarots und des Ultravioletts beruht nicht bloß auf Absorption ihrer Strahlen in den Augen­medien, sondern auf der mangelnden Erregbarkeit für die Strahlen. König berechnete im Spektrum etwa 165 unter­scheidbare Farbtöne, Tichner berechnete die Gesamtzahl aller unterscheidbaren Gesichtsempfindungen auf etwa 35 000.

Aber die Auslese der Sinnesorgane beschränkt sich nicht nur darauf, eine Unsumme von Umweltsvorgängen nicht zu registrieren, es kommt vielmehr zu aktivem Widerstand gegenüber Eindrücken, die den Empfindungsnerven nicht angemessen sind, und diese Widerstände treten selbsttätig, reflektorisch in Erscheinung. So schließt sich das Auge vor allzu grellem Licht, es kann nicht längere Zeit hindurch un-

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