HIPPOKRATES

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/' Offizielles Mitteilungsblatt

der wissenschaftlichen Gesellschaft für naturgemäße Lebens- und Heilweise e.V.

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die Einheitsbestrebungen in der Medizin / Wochenschrift für neue deutsche Heilkunde Mitbegründet von Dr. E.Liek f / Gefördert von Reichsärzteführer Dr. G.Wagner t

§)chriftwaltung: Heinrich K.Kunstmann, Hamburg / Verlag: Hippokrates-Verlag Marquardt & Cie., Stuttgart

1943 Heft 6 (Seite 9498)

Zur Ganzheit in der Biologie

Die somatische Innervationsnorm

Von Dr. med. Jo h. Schreiber

I. Teil

In der Biologie ist dieNorm keine starre' Grenzziehung, sie ist vielmehr eine Grundlinie, auf die alles Lebens­geschehen bezogen werden muß, das sich aus der Summe des Lebens als lebenswert und unter allen Möglichkeiten als das Zweckmäßigste ergeben hat. Norm bedeutet also hier nicht einen Durchschnittswert, sondern stellt den höchsten biologischen Wert der jeweiligen organischen Welt heraus, zu dem extreme Pendelschläge immer wieder zurückkehren müssen. Diese Norm ist nicht nur für den Ablauf des Le­bensgeschehens innerhalb eines Organismus vorhanden, son­dern auch für die Beziehungen der gesamten organischen Welt zueinander und als Glieder innerhalb des Kosmos auch im kosmischen Geschehen. Wenn wir den biologischen Wert dei Norm aufsuchen, können wir nicht an der Peri pherie oder der ..biologischen Ausdruckszone stehen blei­ben. Hier, wo das Lebensgeschehen sicht- und meßbar ist. können wir Mittelwerte errechnen, z. B. der Blutsenkungs­geschwindigkeit. des Magensaftes usw. mehr. Aus dem Ab­weichen solcher Werte von dem Durchschnitt schließen wir auf eine lokale oder allgemeine Störung und sind uns der Fehlerquelle, die das evtl, individuelle Abweichen bedeutet, durchaus bewußt. Wir erkennen aber unzweifelhaft, daß die physikalisch und chemisch meßbaren Werte gesetzmäßigen Ursprunges sind, deren Ursache in tieferen Lebenshorizon­ten gesucht werden muß. wo die Innervationsreize ihre or­ganischen Aufträge erhalten und die Erfolgsorgane im Re­flex oder willensmäßig zugeteilt werden. Die Peripherie empfängt eben ihre Gesetzmäßigkeit aus der letzten Lebens­tiefe, wo keine mathematische oder chemische Formel noch eine Retorte oder Mikroskop hineinleuchtet oder erklärt.

In der Normreaktion ist also die Ganzheit eines Organis­mus enthalten und Begriffe wieinnerhalb oderaußer­halb der Norm umfassen somit die Beziehung eines Reizes zum gesamten organischen Wesen. In der Reaktion eines organischen Teiles, äußert sich zugleich auch die Gesamtheit des Organismus, wie andererseits in der Ganzheitsreaktion auch die Einzelteile sich sinnvoll ausdrücken und erkennbar werden. So tritt uns in der Reaktion der Einzelzelle der Gesamtorganismus als biologische Einheit entgegen und die Gesamtreaktion zeigt sich als eine Reaktion innerhalb oder außerhalb der Norm dieser biologischen Einheit.

Das Leben eines Organismus ist ein ununterbrochener Dialog, mit dem Gesamtkosmos. Das Außen fragt und das Innen antwortet, oder umgekehrt. Und Frage und Antwort gehen nicht aneinander vorbei, sondern fügen sich zusam­men wie eben Frage und Antwort, Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung. Gewiß ist 'der einzelne Organismus im Rahmen der totalen Wirklichkeit bedeutend mehr als Welle im Ozean, aber er ist doch auch nicht Insel im

Ozean, die vom umgebenden Element im wesentlichen nicht beeinflußt wird. Er steht als Zelle in einem Zellenstaate, als Atom in einem Molekül, als Kraftpol in einem Kraft­feld, er besitzt ein Strahlungsfeld; er wird geformt von außen und formt selbst das Außen. Wie der Mensch ein Mikrokosmos, so ist die Welt ein Makroanthropos. Der Mensch ist als Teil und Glied der Wirklichkeit auf diese Gesamtwirklichkeit abgestimmt.

Ein Sonderfall dieser kosmischen Harmonie ist die ..In­nervationsnorm, die Art, wie die Innervationsreize in sinn- und zweckvoller, in hygienischer Weise auf die Ein­drücke und Einflüsse von außen reagieren, wie sie in ih­rer Wirksamkeit nach außen und'innen in sich selbst die Ursachen einer sinnvollen Gesetzmäßigkeit vorfinden.

Die Innervationsreize sind ja nicht nur Mittler und Brük- kenpfeiler, welche die funktionelle Einheit des Körpers ga­rantieren. sondern sie schlagen auch Brücken zur Umwelt, die zentripetalen Leitungen, indem sie äußere Wirkungen reaktiv aufnehmen, die zentrifugalen, indem sie gestaltend an der Veränderung der Außenwelt teilnehmen. Ein Lebe­wesen ist nicht ohne weiteres einem jeden Reiz yon außen gewachsen; ist das Gesetz der universellen Proportionalität nicht gewahrt, wird das Maximum überschritten, dann wirkt die innervatorische Anregung von außen nicht mehr lebens­fördernd und bereichernd, sondern schädigend, ja zerstö­rend. Dabei hängen diese schädlichen und hemmenden Ein­wirkungen von der Reizintensität ab. variieren aber je nach der individuellen Empfänglichkeit und Reizbarkeit. Inter­essant sind in diesem Zusammenhang die Untersuchungen, welche J. v. Khreninger-Guggenberger (Arch. f. Hyg. 1933) an weißen Mäußen angestellt hat. Diese Tiere wurden einzeln in Gläsern gehalten, und man setzte sie ver­suchsweise Alltagsgeräuschen aus. was eine ganz außer­ordentliche Auswirkung zur Folge hatte. So führte das Ra­scheln mit einem Schlüsselbund, auch wenn es nur kurze Zeit dauerte, den Tod einiger Mäuse herbei. Andere Tiere, die offenbar etwas weniger akustisch empfindlich waren, zeigten doch immerhin vorübergehende Krämpfe und Läh­mungen oder wenigstens eine stark beschleunigte Atmung. Auch der Lärm eines in der Nähe der Versuchsgläser lau­fenden Motorrades genügte, um mehrere Tiere zu töten. Mäuse, die bereits eine Krankheit überstanden hatten und die nun Bazillenträger waren, bekamen als Folge solch star­ker akustischer Reize schwere Rückfälle. Hier war offenbar für die Gehörsnerven der betreffenden Tiere die Norm des Erträglichen und Zuträglichen weit überschritten. Eine zwei­fache Auslese^und Kontrolle wird an den Sinnestoren ge­übt, eine qualitative und eine quantitative. Die erstere be­steht darin, daß nicht die Gesamtheit der an die Tore der