Harn, einem ctbenfcurgifdjen Ort an bet Weser, ist die deutsche Lampsfischerei-GcscllschastNordsee" ansässig, die mit 4V eigenen Dampfern'die Fischerei in der Nordsee, den isländischeir Gewässern, an der marokkanischen Küste und neuerdings auch im Weißen Meere betreibt. Cie ver­kauft einen großen Teil ihrer Produktion durch ihre in etwa 20 inländischen Städten eingerichteten Filialen direkt an die Konsumenten und hat sich um die Verbreiikmg des Seefisch-Konsums im Binnenlan.de große Verdienste- er- worben.

Durch die schnelle Ausbreitung der deutschen Fisch­dampferflotte hat die Segelfischerei, soweit sie den Frisch- sischfang betreibt, in den letzten 15 Jahren eine nicht un­erhebliche Einbuße erlitten. Die früher in Helgoland blü­hende Angelfischerei wird nicht mehr betrieben,-während die Flotte der unterelbischen Segelfischer auf einen Bestand von 120 Finkenwärder und 20 Bkankeneser Fahrzeuge zurückgegangen ist.

Da die Segelfischer ihrer hervorragenden seemännischen ' Eigenschaften wegen besonders geschätzt werden, so ist es erfreulich, daß sich neben der Daimpferfischerei, ein anderer Zweig der Segelfischerei, der Heringsfang . mit Segel­loggern die Produktion von Salzhering betreibt, in den ' letzten Jahren günstig entwickelt hat. Hervorgegangen ist diese Fischerei aus einer im Jahre 1870 in Emden ge­gründeten Gesellschaft, die aber, trotz vielfacher Unter­stützungen durch die preußisch.; Regierung, in den ersten 20 Jahren ihres Bestehens nicht prosperierte. Erst seitdem die Gesellschaft aus einem vom Reich zur Verfügung ge­stellten Fonds reichlich unterstützt wurde, hat sie die Kin­derkrankheiten überwinden können und gibt jetzt seit Jah­ren glänzende Erfolge. Die Einrichtung des Reichssee- sifchereifonds erfolgte auf Veranlassung des um- die Ent­wicklung der deutschen Seefischerei hochverdienten Wirkl. Geh. Oberrogierungsrates Dr. Herwig, des Präsidenten des deutschen Seesischerei-Bereins in Hannover, welch' letz, teren er im Jahre 1885 gegründet hat und der nun die Stelle der in Deutschland fehlenden Reichsfischereibehörde vertritt. Nach den Erfolgen der alten Emdener Gesell­schaft sind unter tätiger Mitwirkung des Präsidenten Her­wig und reichlich unterstützt aus dem Reichsseefischerei- fonds, in Emden drei weitere Heringsfischerei-Gesellschaf­ten, ebenso solche in Leer, Vegesack, Elsfleth, Brake, Geeste­münde und Glückstadt entstanden, sodaß heute die deutsche Heringsfangflotte aus 190 Fahrzeugen besteht.

Mit den Fortschritten, welch« die Entwickelung unserer Seefischerei in den letzten 20 Jahren geniacht hat, kann man ivohl zufrieden sein; ist es doch gelungen, Versäum­nisse von Jahrhunderten nachzuholen und einen Grund zu legen, ans dem weiter gebaut werden kann. Eine Weirer- -ntwickelung aber ist, abgesehen von den Vorteilen, die in der Versorgung größerer Teile unseres Vaterlandes mit einem gesunden und billigen Nahrungsmittel liegen, auch im Interesse unserer Wehrkraft zur See unbedingt erfor­derlich. Bilden doch die unserer Marine in der See- sischereibeoölkerung zur Verfügung stehenden Mannschaften ein Material, wie es besser keines gibt, das außerdem vor den auf der Handelsflotte-fahrenden Kauffahrtei-Matrosen, die in allen Meeren verteilt sind, den Vorzug hat, daß cs am Mobilmachunastage erreichbar und disponibel ist.

VII. Wissenschaftliche Sitzung der SenÄen- 1 bergifcherr NaLnrforschenVerr Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 9. Dezember 1905.

Vorsitzender: Dr. A. Jassoy.

Vor Beginn des Vortrages fand in feierlicher Wesse die Uebergabe der von dem Bildhauer Professor /Haus­mann in Marmor ausgeführten Büste des am 4. Septem­ber 1904 so tragisch ums Leben gekommenen Mitgliedes der Gesellschaft, Carlo v. Erlanger, statt.

Ter Vorsitzende dankte im Namen der Gesellschaft mit warnen Morten den tiefgebeugten Eltern wie dem genia­len Künstler für das schöne, kostbare Geschenk mit dem Versprechen, das Andenken des Verstorbenen in hohen Ehren halten zu wollen, vor allem durch sorgfältige Hü­tung seiner der Gesellschaft übergebenen wissenschaftlichen Hinterlassenschaft, die er, ein zweiter Eduard Rüppcll, in beispiellos kühner und glücklicher Reise mitten durch

das Aufstandsgebiet des Mullah zusammengebracht und so eine der großartigsten und erfolgreichsten Leistungen in der Geschichte der Asrikasorschung vollbracht habe. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Resultate seiner For- schungsreise werde Carlo v. Erlanger ein Denkmal setzen, ebenso dauernd, wie das schöne, heute übergebene Marmorbild, ein Denkmal, das dieser Tote wahrhaftig Wohl verdient habe.

Hierauf hält Dr. E- Teich mann einen irchalts- Zeichen Vortrag über

den modernen Vitalismus", dessen Gedankengang etwa folgender war:

Vitalismus nennt man die Betrachtungsweise organi­schen Geschehens, die zu dessen Erklärung ein besonderes vom Anorganischen unterschiedenes Prinzip, Lebenskraft genannt, verwendet. Diese Anschauung ist, so lange es eine biologische Wissenschaft gibt, immer vertreten ge- wesen. Sie hat, nachdem sie unter dem Einfluß der Dar­winschen Theorie stark in den Hintergrund getreten war, neuerdings eine Auferstehung gefeiert.

Unter den modernen Vitalisten nehmen R e i n k e, Driesch und Pauly besonders prononcierte Stellun- gen ein. Redner entwirft ein Bild der Anschauungen je­des dieser drei Forscher. Gemeinsam ist ihnen das Zu- röckgreisen aus psychische Faktoren, wie es für jeden. Vitaklsmus charakteristisch ist. Am weitesten geht hierin! Pauly, der Psychisches und Physisches geradezu gleichrtzt-I Hier hat jede Kritik vitalistischer Anschauungen einzu­setzen. Die moderne Psychologie zeigt, daß eine p'ycko-. physische Wechselwirkung im Sinne des Vitalismus nichts annehmbar ist, weil sie mit den Grundgesetzen des An­organischen, nämlich den Gesetzen von der Erhaltung der Energie und der Erhaltung der Materie, in Widerspruch geraten muß. Ter Vitalismus kommt zu einer Behaup. tung psychophysischer Wechselwirkung auf Grund eines Bcgriffsvitalismus, in dem er Degrisfe wie Leben, Zweck- Mäßigkeit, Mittel, Bedürfnis usw. hyposiasiert und als' wirklich existierend betrachtet. In diese Begriffe legt er dann das, was zur Erklärung steht, hinein. Damit ist ober Wissenschaft zur Metaphysik geworden. Die vita­listische Hypothese erweist sich so als wissenschaftlich un­fruchtbar und muß deshalb zurückgewiesen werden. ,

*

YIII. Wissenschaftliche Sitzung der SenSen- bergischcn Natursorschendeir Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 6. Januar 1906! '

Vorsitzender: Dr. A, Jassoy.

Der Vorsitzende heißt die zahlreich erschienenen Mit­glieder im neuen Jahre willkommen und gibt der Hoff­nung Ausdruck, daß sie das so stark gewachsene Interesse an der Gesellschaft auch weiterhin betätigen möchten.

An Stelle des satzungsgemäß ausgeschiedenen II. Di­rektors Stabsarzt Prof. Dr. E. Marx ist Herr Ro­bert de Neufville getreten, an Stelle des II. Se­kretärs Dr. med. O. Schnaudigel, dessen Amtszeit gleichfalls abgekaufen war, Dr. med. H. von Metten-

heimer. Ter Vorsilbe dankt den ausgeschiedenen Herren für ihre selbstl^ Pflichterfüllung, die durch das Gedeihen der GcsellscMt ihren schönsten Lohn finde, und fährt dann fort: i

Der Neubau hat^o gute Fortschritte gemacht, daß vor­aussichtlich die r^elmäßigen Vorlesungen und Vorträge vom Herbst anm. neuen Museum gehalten werden. Der Umzug und di^Meuaufstellung der Sammlungen wird allerdings Xa.vM.xt Zeit in Anspruch nehmen, doch wer­den etwa imMommer oder Herbst 1907 auch die Schau» sammlungen wenigstens teilweise dem Publikum zugäng­lich gemacht werden können.

Aus Amerika erhielt die Gesellschaft fiir diese Schau­sammlung ein großartiges Geschenk. Auf Veranlassung von Freunden der Gesellschaft hat uns das New Jorker iMuseum of Xatural History" das Skelett eines der :riesigen, in Amerika gefundenen, Dinosaurier als I Geschenk angeboten. Es handelt sich hier wohlbemerkt ! nicht um einen Gipsabguß, wie einen solchen Herr Car- !