IV. Wissenschaftliche Sitzung der SenSerr- bergischen Nattrrfarschenven Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 11. November 1905. Vorsitzender: l)r. pbil. A. Jassoy.

Dr. jur. et pbil. Stephan Kekule von Stra- donitz aus Groß-Lichlerselde spricht über

Berühmte A l ch i m i st e n."

Die Geschichte der Alchimie und der Alchimisten ist bis­her in der Literatur wesentlich von Berufschemikcrn be­handelt worden. Weltbekannt sind namentlich die umfang­reichen Arbeiten von Kopp in Heidelberg.

Demgegenüber sucht der Vortragende den Gegenstand von der kulturgeschichtlichen und der kunstgewerblichen Seite aus zu beleuchten.

Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, zergliedert Red­ner sein Thema in folgende Unterabschnitte. Er spricht zu­nächst über fürstliche Alchimisten, dann über ge­kehrte Alchimisten, dann über Alchimisten als E r- sinder, endlich über alchimistische Schwindler und Abenteurer.

Die Alchimie oder Goldmacherkunst ist eine der merk­würdigsten Erscheinungen der Menschheit. Man ist gar leicht geneigt, über die Alchimisten und ihr Treiben heut, zutage den Stab zu brechen. Und doch scheint diese Ver­urteilung ungerecht zu sein. Nicht um Wahn oder Schwin­del hat es sich bei der Alchimie an sich gehandelt; man- gelnde naturwissenschaftlich« Erkenntnis ist vielmehr ihn Grundlage. Man glaubte eben damals, daß es mög.ich sei, die edlen Metalle (Gold, Silber) künstlich herzustelleu; daß es gelingen müßte, durch allerhand geschickte Mani­pulationen unedle Metalle in edle zu verwandeln. Dafür, daß es sich hierbei um eine unmögliche Umwarrdlung handeln müsse, fehlte der damaligen Naturerkenntnis je-.e Vorstellung.

Man stellte sich vor, es sei möglich, einen bestimnrten Körper herzustellen, welcher vor allem die Eigenschaft hätte, unedle Metalle in Gold zu verwandeln: dasgroße Geheimnis", dasgroße Magisterium",Stein der Wei­sen" genannt, fast stets gedacht als ein rotes, sehr mühe­voll herzustellendes Pulver. Sodann sollte es auch das kleine Magisieriuni" geben, welches wenigstens die Ueber- sührung unedler Metalle in Silber ermöglichte. Neben der Kraft, Gold zu erzeugen, sollte dem Stein der Weisen noch die Kraft, alle Krankheit zu heilen und das Leben zu verlängern, womöglich unsterblich zu machen, innewöhnen.

Unter den gekrönten Alchimisten ist Ru­dolf II. (1576 bis 1612) unzweifelhaft der merkwür­digste; er machte seine Residenz Prag zu einer Hochburg der Alchimisten, die aus allen Ländern Europas dorthin zusammenströniten und dem kunstsinnigen, aber allmählich immer tiefer in die Netze von Schwindlern geratenden Kaiser ungeheure Summen kosteien.

An erster Stelle unter den gelehrten Alchimisten ist zu nennen Philippus Aureolus Theophrastus Paracel­sus Bomdaslus von Hohenheim, geboren im Jahre 1493 bei Einsiedeln in der Schweiz. Er soll bereits in seinem 28. Lebensjahre den Stein der Weisen gewonnen haben und hat sich dadurch ein bleibendes Verdienst um die Menschheit erworben, daß er wesentlich zur Entwicklung der Heilkunde beitrug und der Entdecker der Kohlen­säure wurde.

Wichtiger vielleicht noch als Paracelsus ist der Berliner Tlpothekerlehrling Böttger, geboren am 4. Februar ,1682 zu Schleiz, der beinahe die Ursache eines Krieges zwischen Preußen und Sachsen geworden wäre und nach­her das Porzellan erfand. Er ist der Begründer der weltberühmten Meißener Porzellan-Manufaktur.

Ein weiterer hervorragender Alchimist war sodann Brand, ein Hamburger Kaufmann. Er suchte den Stein der Weisen im Menschen, und indem er diesen im Harn vermutete, fand er den Phosphor, dessen enorme Wichtigkelt sich schon aus der Tatsache ergibt, daß die von der deutschen Landwirtschaft für Phosphorverbindungen alljährlich aufgewcndete Summe sich auf etwa 80 000 000 Mark stellt.

Eben dieselbe Erfindung machte auch der Alchimist Kunkel, geboren 1630 bei Rendsburg. Tiefer ist bei seinen aus der Pfaueninscl bei Potsdam gemachten Experi­menten der Erfinder des weit berühmten goldhaltigen Rubinglases geworden.

Ein alchimistisches Produkt ist auch der im Jahre 1663 von Cassius in Leyden entdeckte Goldpurpur Wenn man Goldchlorid m Wasser löst und ebenso Zinm lesgul-ChIorld und beide Lösungen auf einander einwirken laßt, so erhält n,an ein Präparat von schön roter bis dnnkel-violetter Farbe, den Goldpurpur. In der aller- Neuesten Zeit ist es Zsigmondy gelungen, in dem be­kannten Schortschen giaStechnischen Labora- torium zu Jena den Nachweis zu führen, daß man Gold, sein verteilt, auch in reinem Wasser suspendieren

kann. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Kuntelsche Rubinglas seine schöne Farbe gleichsalls einer Suspeirdie- rung feiner Goldteilchen verdankt. Kunkel starb als könig. kich schwedischer Bergrat, unter dem Namen Kunkel von 2'örvenstjern geadelt, im Jahre 1702 oder 1703.

Von besonderem Interesse ist noch Leonhard Thurneyßer, der Leibarzt des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg. Er schlug seln Laboratorium im heutigen Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin auf und erwarb sich als Arzt, Buchdrucker, Wahrsager und Amu- iettsabrikant ein großes Vermögen, starb jedoch nach mehr- I fachen Irrfahrten Lm Jahre 1595 in Dürftigkeit. Wahr- l fcheinlich ist Köln a. Rh. die Stätte seines Todes gewesen.

Steht Thurneyßer im Gegensatz zu Kunkel schon auf der Grenze zwischen einem Gelehrten und einem Aben- i teurer, so ist der neapolitanische Bauernsohn Ton Domeni-

> cus Caetano Conte de Ruggicro ausschließlich Aben- ! t c u r e r. Dieser kam im Jahre 1705 mit großem Ge­folge nach Berlin. Hier hat er einerlei, wie er es möglich machte in Gegenwart des Königs, des Kron­prinzen und Zahlreicher hoher Würdenträger unedle Me­talle in Gold verwandelt. Schließlich aber endete er am

> 23. August 1709 zu Küstrin am Galgen. Hier ist auch noch eines anderen Alchimisten des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg zu gedenken, nämlich des Alexander B l i n ck l i n g aus Straßburg, der, im Jahre 1585 mit Vincenz Reuß nach dein ungarischen Bergstädtchen Schem- nitz behufs Cinlauss seltener Mineralien gesandt, hier we­gen Ermordung seines Rei^begleilers Neuß am 7. März >586 hingerichtet worden ist. Diesen eigenartigen Fall hat Herr Eduard Richter, Direktor des archäologischen Museums zu Schemnitz, entdeckt und dem Vortragenden mit- geteilt. Unter die größten alchimistischen Schwindler zäh­len schließlich noch der Graf St. Germain, Cag° l i o st r o und Casanova, die in rafsiniertesler Aus­nutzung der Leichtgläubigkeit und Vertrauensseligkeit ihrer Zeitgenossen und Zeitgenossinnen das Menschenmöglichste geleistet haben.

i Als letzte Repräsentanten der deutschen Alchimisten sind zu nennen der Schriftsteller Karl Arnold Kortum lgeboren 1745, gestorben 1824), der bekannte Verfasser der Jobsiade", und die sogenanntehermetische Ge­sellschaft". Letztere trieb ihr Unwesen in demKai­serlich privilegierten Reichsanzeiger", und zwar bestand- ihre Tätigkeit in einer anonym geführten Korrespondenz trat den heimlichen Anhängern der Alchimie, denen Kor­tum teils gute, teils schlechte Ratschläge gab, sie aus Deutsch ein wenig an der Nase herumführend. Wahrscheinlich ist Kortum innerhalb gewisser Grenzen ein ehrlicher Anhänger der Alchimie gewesen. ^

Mi! einem interessanten allgemeinen Rückblick und Aus­blick schließt Tr. Kekule von Stradonitz seinen hochinteressanten Vortrag, dem die zahlreichen Lichtbilder einen besonderen Reiz verliehen. Tie Vorlagen zu diesen Lichtbildern hat der Vortragende, wie noch besonders her­vorgehoben werden mag, eigens zu diesem Vortrage aus den verschiedensten Museen und Sammlungen, teillveise aus den entlegensten Winkeln, in langwährender Sammel- arbsit zusammengebracht.