II. Wissenschaftliche Sitzung der Sencken- bergifchen Naturforschenven Gesellschaft.
Frankfurt a. M., den 23. Oktober 1906- Vorsitzender: Dr. phil. A. Jassoy.
, Prof. Dr. G. Treupel spricht über:
„Ziele und Wege medizinischer Forschung.*
Die Ziele aller medizinischen Forschung sind: Sitz und Ursachen der Krankheiten zu erkennen, den Krankheiten vorzubeugen, sie zu heilen oder zu bessern und, wo beides nicht möglich ist, die Leiden der Kranken, soweit es in unserer Macht steht, zu mildern. Erst im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hat sich die Wissenschaft in Ver- folgung dieses Zieles aus dem Mystizismus vergangener Zeiten und den Jrrpfaden mittelalterlichen Geistes empor, gerungen und den geraden Weg exakter Naturbeobachtung brschritten-
Die Entdeckung der Zelle als Formelement des Pslan- zen- und Tier-Körpers, die Widerlegung der Lehre von der Urzeugung, die Einführung der Perkussion und Auskultation in die Diagnostik, die Fortschritt« der pathologischen Anatomie, der Physiologie, die neu entstehende experimentelle Pathologie waren die ersten, grundlegen, den Erfolge des neu aufblühenden medizinisch-wissenschaftlichen Lebens.
Mit der Entdeckung kleinster Lebewesen und ihrer oft ganz eigenartigen Uebertragung in den menschlichen Körper sz. B- der Malariaparasitcn durch bestimmte Moskito, arten) als Ursache der meisten akuten, fieberhaften Krankheiten, mit der Lehre von der Ausbildung hilfreicher , Antikörper im Blute des von einer solchen Krankheit Verfallenen wurde die Diagnose (Vidalsche Blutreaktion zur j Erkennung des Typhus), die Therapie sBehringsche > Diphtherieserumbehandlung) und die Prophylaxe (Schutz- ' impfung gegen Pocken, hygienische Maßnahmen gegen ^ Cholera) der Infektionskrankheiten mächtig gefördert.
Die epochemachenden Entdeckungen auf anderen natur. wissenschaftllchen Gebieten brachten der ärztlichen Diagnostik und Therapie ebenfalls großen Nutzen. Mit den Röntgenstrahlen, der Lichttherapie und den Wirkungen des Radiums wurde in kurzer Zeit viel wissenschaftlich und praktisch Wertvolles geschaffen. Das gleiche dürfen' n)ir von der noch im Ausbau begriffenen Lehre von der Vererbung krankhafter Eigenschaften und der Disposition für die Krankheit erwarten.
Zur Lindenmg der Leiden des Kranken hat vor allem auch die chemische Forschung in der Klarlegung des Zusammenhangs zwischen chemischer Konstitution und physiologischer Wirkung beigetragen, indem sie dem Arzte eine ganze Reihe von Mitteln zur Linderung der Schmerzen, zur Herbeiführung von Ruhe und Schlaf in die Hand gab, und indem sie mit der genaueren Kenntnis von den einzelnen Vorgängen des menschlichen Stoffwechsels die Möglichkeit heilbringender Erfolge durch eine bestimmte Diät begründete.
Gerade von der Physik und Chemie dürfen wir für die nächste Zukunft noch viel für die Förderung der inneren Medizin erwarten.
Bei allen diesen Fortschritten sind theoretisch-experimentelle Forschung und praktische Erfahrung am Krankenbett sich gegenseitig unterstützend handinhand gegangen; nichts ist falscher als die Ansicht, daß ein experimenteller Forscher nicht auch ein guter Arzt sein könne. DaS haben uns Männer gezeigt, die als Forscher und Aerzte gleich groß gewesen sind, wie .Kußmaul und Nothnagel.
HI. Wissenschaftliche Sitzung der SenÄerr- bergischen Raturforschenden Gesellschaft.
Frankfurt a. M., den 4. November 1905. Vorsitzender: Dr. phil. Ä. Jassoy Der Vorsitzende teilt zu Beginn der Sitzung mit, daß die Aufforderung zuni Heimatsschutz bei den städtischen Behörden vollen Erfolg gehabt hat und nunmehr die Ge- gend der Försterwiefck und des Mörderbrunnens als Naturdenkmal geschützt werden soll. Ein gleicher Antrag in Schwanheim ist leider -soeben abschlägig befchieden wor- den. Der Vorsitzende schließt mit dem Dank an den Magistrat und die Forstbehörde für deren tatkräftige Hilfe. Darauf begrüßt er Herrn Regierungsrat Dr- R ö r i g vom Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin, der in weiteren Kreisen dürch seine umfassenden Arbeiten über die Nahrung verschiedener, heimatlichen Vögel und deren Nützlichkeit für "die Landwirtschaft bekannt geworden ist, und dankt ihm für die Bereitwilligkeit zum Vvrtrag in unserer Gesellschaft. Hierauf beginnt Regie-: rungsrat Dr. G. Rörig seinen interessanten mit großem Beifall aufgenommenen Borkrag über: I
„Die wirtschaftliche und ästhetische Be-l d e u t u n g der heimischen Böge I." j
Der Vortragende gab zunächst einen Ueberblick über die' Vogelschutzbestrebungen des vergangenen Jahrhunderts, die den Beweis liefern, daß man schon seit langer Zeit den Wert der Vogelwelt erkannt hat. Aber erst der neueren Zeit ist es Vorbehalten geblieben, diejenigen Grundlagen zu schaffen, auf denen sich eine gerechte Wür- digung der heimischen Vögel aufbauen läßt, denn das Studium ihrer Lebensweise und vor allem ihrer Nahrung hat den Beweis geliefert, daß sie in der Tat imstande sind, bei genügender Anzahl von bestimmendem Einfluß aus ble: Erträge unserer Kulturpflanzen zu sein. Deshalb ist es vom rein praktischen Standpunkt aus nützlich, sich ihrer in höherem Maße auzünehmen, als es bisher der Fall war, i und daß es auch möglich ist, zeigen die Versuche, welche > in dankenswerter Weise zuerst der preußische Landwirtschaftsminister in großem Maßstabe in den fiskalischen Forsten vor einigen Jahren hat ausführen lassen. Während aber die praktischen Gesichtspunkte vorzugsweise den Forstmann, Landwirt und Gärtner bei der Ausübung des Vogelschutzes leiten werden, hat die ganze Bevölkerung, und zwar nicht nur die des Landes, sondern auch der. Städte, aus ästhetischen Rücksichten allen Grund, sich der heimischen Vögel anzunehmen, denn sie sind es vor allen Dingen, die durch ihre Beweglichkeit, ihre ©elelligfeit, ihre Farbenpracht und ihren Gesang zur Belebung der Natur beitragen. Die Erholung, die der Städter draußen im Freien von anstrengender ■ geistiger Arbeit sucht, sin- det er leichter und vollständiger in der belebten Natur als in ausgestorbeneu Feldern und totem Walde. Durch das Beobachten der Vögel in ihren Flugspielen, ihrem Leben und. Treiben empfindet er einen hohen geistigen Genuß, über den die nüchterne Erwägung, ob es sich dabei um nützliche, gleichgültige oder schädliche Arten handelt, völlig zurücktritt. _ Das ästhetische Moment tritt also dabei durchaus in den Vordergrund, und dieses muß es auch sein, welches uns bei der Frage des Vogelschutzes zu allererst zu leiten hat. Aber noch ein anderer wichtiger Faktor spricht dafür: die Erziehung der Kinder, Durch kein anderes Mittel kann man so leicht auf das allzeit empfängliche Gemüt des Kindes einwirken, als da- durch, daß man frühzeitig in ihm die Freude an den bc» lebten Wesen und die Lust erweckt, dieses Leben auch zu erhalten. Derjenige, welcher in seiner Jugend Mitgefühl für die Tierwelt und Interesse an der uns umgebende^ lebendigen Natur zu empfinden gelehrt wurde, wird als Erwachsener niemals einer Roheit dem Menschen gegenüber fähig sein..