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I. Wissenschafilrche Sitzung der Sencken- beriz^che» Naturfor^chendcn Gesellschaft.
Frankfurt a. M., den 21. Oktober 1906.
Vorsitzender: Dr. phil. A. Jas so y.
Der Vorsitzende begrüßt zunächst die zahlreich erschie- nenen Mitglieder zu Veginn des Winleesemcslers und teilt mit, daß für dasselbe nahezu alle acht Tage wissenschaftliche Sitzungen in Aussicht genommen sind. Ter vor kurzem erschienene umfangreiche Bericht für 1905, den die Bilder der im letzten Jahre verstorbenen arbeitenden Mit- glieder zieren, liegt vor und gibt über die Tätigkeit der Gesellschaft Auskunft. Tie Mitgliederzah! ist auf 773 gestiegen trotz der vielen und schmerzlichen Verluste, die die Gesellschaft gerade in letzter Zeit betroffen haben.
Tie Konservatoren sind eben mit den riesigen Erlanger- scheu Sannnlungen beschäftigt, riesig auch in Bezug aus die Große der mitgebrachtcn Tiere. Co mißt eine der Giraffen 4,50 Meter und konnte nur nach Durchschlagung der Decke' des unzureichenden Arbeitszimmers montiert werden.
Ter Museumsneubau hat rüstige Fortschritte gemacht und dürste im nächsten Frühjahr beziehbar sein. Kostenüberschreitungen sind nicht mehr zir ertvarten, da nunmehr alle Bauarbciten vergeben sind. Allerdings mußten auS Geldmangel die Ausführung dcS die Front der Neubauten verbindenden Arkadengangcs, auf 78 500 Mark berechnet, eines photographischen Ateliers, der Beleuchtung des Feslsaales und aller sonst irgend entbehrlichen Teile der Mobiliareinrichtung unterbleiben. Auch die Mehrvertvaltungs- und Betriebskosten des großen Neu- baues, der für Jahrzehnte ausrcichcn soll, auf jährlich eüva 15 000 Mark geschätzt, können nur bei äußerster Sparsamkeit bestritten werden. Ferner sind die alten und plumpen, undichten Sammlungsschränke ohne Rückwand allmählich durch freistehende, moderne Eiscnschränke zu ersetzen. Ter Durchschnittspreis eines solchen Schrankes betragt nach Ausgang einer im Juni abgehaltenen Probe- ' konkurrenz 1800 Mark und das ganze Museum würde demnach für etwa 300 000 Mark Schränke benötigen, tväh- j rend noch nicht die Hälfte dieser Summe zur Verfügung i ; steht. Auch die Schausammlung ist zum großen Teil erst ^zusammenzubringen; eine Unzahl von Crklärungstaseln, ein leicht verständlicher Führer durch das neue Museum! ' werden gebraucht. Sehr erheblich sind schließlich die Kosten ! des Umzugs, dessen Tauer auf % Jahr geschätzt, wird. Wir müssen unter solchen Umständen, fährt der f Vorsitzende fort, zumal wir keinerlei Subventionen beziehen, inimcr wieder aufs neue auf Ihrer Aller freundliche Unterstützung und Mitarbeit zählen, die uns bis jetzt stets zuteil ward. Auswärtigen, namentlich den in den Tropen lebenden Mitgliedern, liefern wir gern und kosten-1 los eine gedruckte Broschüre, worin eine kurz gefaßte An- , leitung zum Sammeln und Verpacken zoologischer Objekte enthalten ist, desgleichen praktische Versandgläser, denn nur mit größter Sorgfalt gesammelte und verpackte, mit genauen Jundangaben versehene Tiere sind Wissenschaft- lich verwertbar. Solche auswärtigen Mitglieder, die zu fremden Museen. Beziehungen haben, bitten wir dringend, cort etwa vorhandene Dubletten für uns nutzbar zu machen oder uns gute Abgüsse der ausgestellten Fossilien, die oft Unica sind, für unsere paläonwlogisch« Abteilung zu besorgen. Hier könnten uns vor allem die vielen Frankfurter in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Buenos Aires, sowie in London, Wien und Petersburg unschätzbare Dienste leisten und uns in unser schönes .neues Museum einige große Schaustücke als Paten-Geschenk übermitteln.
Unsere deutschen Jäger und Jagdsreunde lenken wir endlich wiederholt auf die heimische Tierwelt hin, der wir einen hervorragenden Platz im Museum widmen wollen. Ter Jahresbericht erwähnt auf Seite 161, was besonders gewünscht wird. Ich schließe in der festen Zuversicht, daß Sie Alle uns wie seither Ihre Unterstützung weiter gewähren, damit wir im Geiste unserer Stifter die Natur- Wissenschaften in Frankfurt pflegen und fördern können. Ist es doch gewiß keine zu kühne Prophezeiung, daß Fort- schritte der naturwissenschaftlichen Erkenntnis vor allen anderen dereinst unseres Dichters Ruf nach mehr Licht erfüllen und die Menschen auf eine höhere Kulturstufe er. beben tverden.
Hierauf beginnt Pros. Dr. R. Burckhardt aus Basel, von dem Vorsitzenden herzlich begrüßt, einen mit großem Beifall aufgcnommenen Vortrag über:
„Hirnbau und StammcLgcschichte der Wirbeltiere."
Bei den vergleichend anatomischen Studien hat das Ge. Hirn der Wirbeltiere weniger Berücksichtigung erfahren als andere Organe, wie Skelett, Haut, Zähne usw.. Erst die neuere Zeit mit ihren modernen Einrichtungen und Ge. legenheiten, Material an ausländischen Tieren zu beschaf. sen, hat hier eine Besserung herbeigeführt und die For- scher veranlaßt, vom Gehirn des Menschen überzugehen auf die Erforschung des Gehirnes anderer, besonders nie- derer Wirbeltiere, und Gehirn und Nervensystem im Zusammenhang zu bearbeiten. . Tie Eehirnsorschung be. schränkt sich jetzt nicht mehr auf einzelne Typen, sondern greift gleichmäßig alle Wirbeltiere an und namentlich der Vortragende mit seinen Schülern — von Professor Edinger z» seinem heutigen Vortrag ausgefordert —l hat an dem Ausbau der neueren Eehirnsorschung einen bahnbrcck)enden Anteil.
Für die stammesgeschichtliche Auffassung des Gehirnes ist das der Haie und Nochen am geeignetsten, weil es sehr viele typische Gehirne, die der Stammlinie der Gehirne nahestehen, enthält. Aus diesen Grup^n verfügte Redner über ein reiches Untersuchungsmaterial von über 60 Gattungen.
Ausgehend von der Entwicklungsgeschichte deS Gehirnes, wobei er dem Stützgewcbe und der Nenroglia die hauptsächlichste Bedeutung bciniißt, erläuterte Redner die Umbildungen, die während der Entwickelung im Gehirne vor sich gehen. Namentlich die seitlichen Teile werden von diesen Umwandlungen betroffen. Sie bilden zuerst die psychischen Zentren aus und von hier aus tverden die mittleren Teile beeinflußt. Diese letzteren sind die primitivsten und zugleich die konservativsten; sie zeigen die größte Uebereinstimmung und sind daher für die Vergleichung und Stammesgeschichte am brauchbarsten.
Tie Sinnesorgane aller Wirbeltiere sind nach den neueren Ansichten auf eine gemeinsame Grundform zu- rückz,«führen und als Fortbildung der Hantsinncsorgane niederer Wirbeltiere anszufassen. Auch die Rase ist nach von Kupfer aus einer solchen Umwandlung hervor- gegangen. Das Auge hat dieser Auffassung am längsten widerstrebt. Von Kupfer sicht in der Linse. ebenfalls eine solche Umwandlung Wenn diese Theorie von der Einheit der Sinnesorgane richtig ist, wie läßt sich dann der Bau des Gehirnes daraus erklären? Dazu muß man auf nie-s dere Wirbeltiere zurückgreiscn, wie Verfasser an der Entwickelung des Auges usw. näher erläuterte. Tie rezeptiven Leuchtorgane der höheren Wirbc'lticre entwickeln sich ebenso wie die produktiven Leuchtorgane der niederen Wirbeltiere. Ter ganze Körper der Wirbeltiere hatte ursprünglich viele allgemein verteilte Sinnesorgane, aus tvclchen einzelne sich zu höheren Sinnesorganen ausbil- dcten. Redner sprach dann noch über die Gliederung drs Gehirns und andere Punkte der Gehirnenttoickelung, bei deren Entstehung er dem Zirkulationssystem einen erheb- lichen Einfluß zusprach. Auch das Auge kann bedeutend in den Ban des Gehirnes eingrcistm. Ueberhaupl beeinflußt die Mechanik der Kopfmasse die Echirnentwickelung. Professor Burckhardt besprach schließlich noch andere Momente, welche am Ausbau des Gehirnes teilnehmen und erläuterte seinen inhaltsreichen Vorlrag an einer Reihe von übcrsichilichcn Tafeln und Photographien und gab zmn Schluß einen Ausblick auf die Bedeulung der modernen Gehirnforschung für die Stammcsgeschichte der Wirbeltiere.