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Goethes und Okens als endgültig beseitigt angesehen werden. Erst Gegenbaur nahm 1872 die der Theorie zu gründe liegende Idee der ursprünglichen Gleichartigkeit von Wirbelsäule und Schädel wieder auf. Diese Gleich­artigkeit ist aber nicht mehr in dem Zustande des Knochen, systems zu suchen. Als Grundlage für die Beurteilung der ganzen Frage studierte Gegenbaur den Knorpel­schädel der Selachier. Seine Arbeiten stammen aus der klassischen Epoche der vergleichenden Biologie, örtlich und Zeitlich sind sie in innigem Zusammenhänge den grundlegenden Arbeiten. E. Haeckels entstanden. Ge- a e n b a u r beurteilte die Wirbeltheorie des Schädels in umfassender Weise vom Gesichtspunkte der Deszendenz­theorie. Damit fiel ein neues Licht auf alle die Fragen, welche sie birgt. Sie ist dadurch für lange Zeit zu dem Hauptproblem der vergleichenden Morphologie geworden. Er unterschied am Schädel einen hinteren vertebralen Teil, welcher bis zum vorderen Ende der Cb 0 rda d o r - s a 1 i 8 reicht, von dem prävertebralen Teile, von der Hypophysis bis zur Nasenspitze. Für den ersteren nahm er eine segmentale Gliederung an, fiir den letzteren schloß er eine solche aus. Tie wesentlichen Punkte dieser scgmen- talen Gliederung sah er in den Beziehungen der Kopfner- ven und ihrer Muskulatur zu den Kiemenbögen. Der Facialis und Glossopharyngeus stellen zwei derartige gleichförmige Kiemenbogennerven dar. Mehr von dem Typus hat sich der Trigeminus entfernt, welcher zu dem vordersten Viszeralbogen, dein Kieferbogen gehört und vielleicht aus der Vereinigung zweier oder mehrerer segmentaler Viszeralbogennervcn entstanden ist. Aus dem Vorhandensein der Lippenknorpel ist dies zu vermuten. Auch der Vagus besteht aus der Vereinigung einer größe­ren Zahl solcher segmental geordneter Nerven, welche am Durchgang durch die Schädelwand zu einem Stamme vcr. einigt sind. Aus der Gleichartigkeit der peripheren Aus-< -breitung der Kopfnerven und der'auf einen gemeinsamen j Typus zurückzuführenden Form der knorpligen Kiemen- lbögen vermutete Gegenbaur, daß auch die Zusam­mensetzung der jetzt bei den Selachiern einheitlichen Knor° chelkapsel im Bereiche der Chorda dorsalis wie bei den Wirbeln einst eine segmentale gewesen sei. Die im Be- -reiche der Wirbelsäule mrstretenden Spinalnerven i sich nicht ohne weiteres mit den segmentalen Kiemenbogen, nerven des Schädels vergleichen. Denn während bei den Kiemenbogennerven motorische und sensible Bestandteile vereint am Gehirn entspringen und den Schädel verlassen, sind die ventralen motorischen Wurzeln der Spinalnerven von den dorsalen sensiblen, ein Ganglion führenden, weit getrennt. Er verglich die dorsalen Wurzeln der 'Spinal­nerven allein mit denen der Kopfnervcn und nahm an, daß die einst auch für jeden Kvpfnerven vorhandene ven­trale motorische Wurzel bei einigen rückgebildet worden sei, bei anderen in ihrem Verlaus unabhängig von der dor-. salen Wurzel geworden fei.' So rechnete er zum Trige­minus den Oculomotorius, zum Facialis den Abdu- cens, und auch für den Vagus fand er kleine unabhängig von ihm verlausende motorische Wurzeln, welche sich mit! Spinalnerven vereinigt zur Zungenmuskulatur begeben. Er bezeichnete sie als die ventralen Vaguswurzeln. Die die motorischen Muskeln des Viszeralskeletts (Kiemenbogen- skelettsj versorgenden Bestandreile der echten Kopfnerven schied er also aus dem Vergleich mit den ventralen Wur­zeln der Spinalnerven aus und verglich sie mit motori­schen Fasern der Spinalnerven, welche zur Darmmusku- ( latur gelangen. Anatomisch und physiologisch ist später das Vorhandensein solcher Nervenfasern in den dorsalen Wurzeln der Spinalnerven bestätigt worden. So war die' Uebereinstimmung zwischen Spinalnerven und Kopfnerven als eine weitgehende anzusehen und die Annahme, daß die jetzt noch in allen Hauptsachen übereinstimmende Gliede­rung der Organe des Schädels und der Wirbelsäule sich einst auf die Skeletteile des Schädels erstrecke, hatte ihre volle Berechtigung. Gegenbaur machte die entwicke- lungsgeschichtlich von vornherein einheitliche Knorpelanlage des Schädels durch die Anpassung an die Funktion als Schutzorgan für Gehirn und Sinnesorgane verständlich.

So ist durch Gegenbaur das Problem der Wirbel­theorie allmählich nur ein kleiner Teil eines umfassenderen Problems, des Problems der Metamerie des Schädels, ge­worden. Von nun an sind beide von einander nicht zu trennen. Es fanden sich bald neue Tatsachen, die Gegen- baurs Anschauungen stützten,. Bei Froschlarven wurde die

I Uebereinstimmung der Entwickelung des Hinterhauptes mit !

s der des Wirbels zuerst nachgewiesen. Dann folgte bald i ;

I derselbe Nachweis bei Haifischen, Ganoiden und Säuge­tieren, bei denen die Angliederung von mehreren Wirbeln an das Hinterhaupt festgestellt wurde. Gleichzeitig damit !

zeigte aber das Studium der zu diesen Wirbeln gehörigen Nerven, daß die von Gegenbaur als ventrale Vaguswur- zeln angesehenen Gebilde mit diesen Kopfnerven nichts zu tun haben, sondern daß sie die mit den Wirbeln in den |

Schädel eingewanderten Spinalnerven sind. Ja es fan­den sich sogar die Rudimente von Spinalganglien und dor. ,

salen Wurzeln, welche zu ihnen gehörten. !

Daniit war der Beweis geliefert, daß dieser hinterste Teil des Hinterhauptes, derjenige welcher zum 12. Ge­hirnnerven, zuni Hypoglossus gehört, tatsächlich aus Wir­beln, welche mit dem Schäoel verschmolzen sind, hervor­geht. Ihre Zahl ist nicht bei allen Klassen die gleiche und auch wenig sicher. M. Fürbringer, welcher die ganze Frage m einem wunderbaren- Werke neu behandelt hat, scheidet diesen aus -Wirbeln hervorgegangenen hinteren I Abschnitt des Schädels aus Neokranium von dem Paläo- '

| kranium, dem die echten alten Gehirnnerven bis zum ! Vagus-Accesorin s cmgeljören. Dieses letztere zeigt nie- . mals eine segmentale Gliederung des Skeletts und hat wahrscheinlich nie eine den Wirbeln ähnliche Gliederung besessen. Wohl aber sind Nerven und Muskeln in dem Bereiche des Paläokraniums segmental gegliedert.

Von der alten Wirbeltheorie Goethes und O k e n s ist wohl nicht viel übrig geblieben. Aber durch alle neuen j Untersuchungen klingt die alte Idee von der ursprüng­lichen Gleichartigkeit hindurch. Sie hat zahlreichen Arbew ten die Anregung gegeben. In den schwierigen und immer verwickelteren Problemen der Metamerie des Wirbeltier- körpers hat sie immer führend gewirkt und den durch die Vertiefung der Forschung neu gewonnenen Rätseln gegen- über wird sie sich weiter bewähren.

Alle Glieder bilden sich aus den ewigen Gesetzen >

Und die seltenste Form bewahrt im Geheimen dhs Urbild."'

(Goethe-1

Wissenschaftliche Festsitzung der 'SerrLerrbergischerr NatrrrforscherrSerr Gesell­schaft zur Erteilung des Sömruerring-Preises.

Frankfurt a. M., 7. April 1905.

Vorsitzender: Tr. Augu st Jassoy.

Zur Verteilung des S ö m m e r r i n g ° P r e i s e s ist der große Hörsaal des Bibliothekgebäudes mit Blattpflan­zen geschmückt, aus deren Mitte die Büste Sömmerrings hervorragt. Der Preis, zu Ehren des großen Gelehrten wurde 1837 zum erstenmale vergeben. Die Stiftung geht aber noch neun Jahre weiter zurück. Sie resultiert aus den Ueberschüssen einer Sammlung, aus deren Ergebnis, ursprünglich dem gefeierten Samuel Thomas bom Sömmerring zu seinem 50jährigen Toktorjubiläum eine Medaille überreicht werden sollte. Ta jedoch die zur Prägung einer Medaille erforderliche Summe weit über­zeichnet wurde, beschloß man, einPrämium" zu stisien, Las dem Andenken Sömmerrings für alle Zeiten gewidmet sein ' solle und das an dessen Ehrentag, dem 7. April, in vierjährigen Perioden demjenigen deutschen Naturforscher zuerteilt werden solle, der die Physiologie im weitesten Sinne des Wortes in dem verflossenen Zeit­raum am meisten gefördert hätte.

Preisgekrönt wurden bisher die folgenden Gelehrten: Ehrenberg, Schlvann, Bischofs, Wagner, Kölliker, Müller, Helmholtz, Ludwig, de Bary, von Siebold, Voll, Sachs, Flemming, Rour, Verworn, Born und Nißl. Die für die diesjährige Preisverteilung ernannte Komission bestand aus den Herren: Tr. Albrecht, Prof. Edinger, Prof. Lep- sius, Stabsarzt Prof. Marx, Prof. Möbius und Pros- Neichenbach. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Vorsitzendeir sprach Prof. Edinger als Vorsitzender der Kommission über die zum Vorschlag gebrachten ^Arbeiten, die den Gebieten der Chemie, Physiologie, Zoologie und der Botanik entnommen waren. Auf einstimmigen Vor­schlag der Kommission wurde der Preis der botanischen Ar­beit zuerteilt, über die Prof. Möbius m folgender Weise referierte: