XVI. Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 25. März 1305.

Borgender: Dr. August Jassoy.

Karl Fischer spricht über:

Bergstürze und Felsschlipse im Gefolge der Eiszeiten."

Das Diluvium oder die Eiszeit stellt die vorletzte^ Periode in unserer Erdgeschichte dar. Es ge- hört ihm die Gesamtheit der meist lockeren Gerolle, Saud und Lehmbildungen an. Während des größten Teiles dieser Zeitepoche war der ganze europäische Norden vom In­landeis, die Alpen dagegen von mächtigen Gl et- schern bedeckt. Man nimmt nun nach neueren Unter­suchungen eine viermalige Eiszeit an, deren Absätze getrennt werden durch Sedimente, die in wirtlicheren Zer- ten sde n I n terg! a z ia lz e it e n) entstanden sind. Diese mußten infolge der ungeheueren, beim jedesmaligen Rück­zug der Gletscher entstchenden Wassermassen Zeiten star­ker Erosion sein. Gegen diese Gletschersiröme sind selbst der jetzige Rhein mir seinen Nebenflüssen kleine Bäche, wenn man bedenkt, daß der diluviale Rhein die ganze Ebene in ihrer vollen Breite durchflutete. Was diese gewaltigen Kolosse an lebendiger Kraft besaßen und in welcher Weise sie den Untergrund, über den sie sich wälzten, bearbeiteten, das zeigen uns heute noch die Katastrophen, die sie hervor­zurufen imstande waren, besonders die riesigen Berg- stii r z e in den Alpen an der Glärnischkette und im Vorder- Rheintal bei Jlims.

Auf zweierlei Art kann man sich die eiszeitlichen Schutt- und Felsrutschungen entstanden denken. Einmal dadurch, daß der Fuß des Berges von dem Gletscherbach unterspült wurde, oder daß nach dem Rückzuge der Gletscher der den Absturz hindernde Gegendruck beseitigt war und die ge­lockerten Massen, die sonst allmählich abgebröckelt wären, auf einmal fielen.

Durch letzteren Umstand wird sowohl am Glärnisch wie im Vorder-Rheintal, wo viele Millionen Kubikmeter Fels- masscn sich loslösten und das ganze Tal verbarrikadierten, die Katastrophe hereingebrochen sein. Hoch über dem heu­tigen Talboden lassen sich heute noch die Grenzen des zum See gestauten Vorder-Rheins konstatieren.

Reimer gibt nun, angeregt durch die Untersuchungen von Heim und O b e r h o l z e r, die eine eingehende Mono- graphie der Bergstürze an der Glärnischkette gegeben haben, ein Bild dieser Erscheinungen, um dann seine eigenen Beobachtungen über Jelsbewegungen in näherer und weiterer Umgebung von Frankfurt zu demonstrieren.

Am R öderberg, der jedenfalls seit der Eiszeit be­deutend an Höhe und Steilheit der Gehänge eingebüßt hat, sind Rutschungen zu konstatieren. Eingebettet zwischen eis­zeitliche Bildungen (diluviales Moor und Löß) sind dort Schuttmassen gefunden worden, die den überlagernden ter- klären Kalken entstanimen. In Rheinhessen, wo ähnliche geologische Verhältnisse obwalten, sind die Untersuchungen gerade dieser Tiluvial-Erscheinungen noch nicht weit ge- dichen. Nur die verrutschten Cyrenen-Mergel am Zeilstück bei Weinhcim werden schon lange als eiszeitliche Bildungen angesehen. Auch bei Elm im Vogelsberg zeigen isolierte! Hügel in der Talsohle, die aus Dergsturzschutt bestehen und zum Teil von Kies und Schotter bedeckt sind, daß hier einstmals Bergbewegungen stattfanden und ein Stausee das jetzt nur noch von einem kleinen Bach durchströmte Tal bedeckte.

In Württemberg sind es besonders zivei Horizonte der dort weit verbreiteten Trias und Juraschichten, die öfters Anlaß zu Felsbewegungen gegeben haben. Es sind die Keuper-Mergel und die plastischen Jmpressatone, auf denen sich der Steilrand der Mb aufbaut.

Auf den gipsführenden Keuper-Mergeln des Neckartales schossen einst große Schuttmassen in die Tiefe, die nun in dem berühmten Ma m m u t f e l d von Cannstatt viele Me­ter mächtig den Boden bedecken, die Knochen zahlreicher Mammute einhüllend, die wahrscheinlich von der Kata­strophe überrascht wurden.

Zahlreich sind die Beispiele, die man für Rutschungen an der Steilwand der Alb anfiihren könnte. Bei Geis­lingen und am Michelsberg bei Ulm sind solche nachge- wiesen. Leider läßt sich jedoch ihr eventuelles Alter nicht mehr genau feststellen. Am Galgenberg bei Weißenstein

hat einst ein ganzer Schichtenkomplex, in sich kompakt blei­bend, den Weg nach dem Tale eingeschlagen. Liegen auch gleich oft die Gebirge äußerlich scheinbar in bester Ordnung, so ist doch manches zerrütteter, als wir meinen. Besonders die Eiszeit hat umqestallend gewirkt und überall sind noch ihre Spuren zu verfolgen- Sie ist vor allem der Bildner der heutigen Formen in Berg- und Flachland geworden und in ihr waren es neben den Flüssen oft Bergstürze, die uns den breiten, fruchtbaren Talboden mit Aeckern und Wiesen

geschaffen haben, ans dem sich die Kulturvölker ausbreiten konnten.

XVII. Wissenfckaslliche Sitzung der Scnckenbergifcheu Naturforschenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 1- April 1908. Vorsitzender: Stabsarzt Professor Dr. Ernst Marx. Da heute der letzte Vortrag im ablausenden Winter- semester stattfindet die wissenschaftliche Festsitzung in der nächsten Woche ist der Erteilung des Sömmerring- Preises gewidmet gibt der Vorsitzende einen kurzen Ueberblick über die Vortragsreihe des letzten Winters. Auch diesmal rvar es möglich, fast jeden Samstag eine wissenschaftliche Sitzung abzuhallen. Ihr reger Be­such hat gezeigt, wie sehr dies dem Wunsche der Mitglieder entspricht. Freilich hat der große Hör­saal oft nicht ausgereicht, die Zahl der Besucher zu fassen. Der Vorsitzende bittet deshalb die Mitglieder, noch einen Winter mit diesen engen Räumlichkeiten vorlieb zu neh­men, da erst im Herbst 1906 die Hörsäle des neuen Museums an der Viktoria-Allee, dessen Bau bereits mächtig emporgewachsen ist, bezogen werden kön­nen. Wie diese Sitzungen, so waren auch die V o r l e s u n- gen der Dozenten zahlreich besucht. Auch die Zahl der Mitglieder der Gesellschaft hat erfreulicher­weise in den letzten Moimten wieder bedeutend zu- genommen. Während Ende des vorigen Winters etwas über 600 Mitglieder der Gesellschaft angehörten, sind es heute mehr als 730. Der Vorsitzende richtet zum ! Schluß an die Mitglieder die Bitte, auch fernerhin ihr Interesse der Senckenbergischen Naturforschenden Gesell- schaft und ihren Bestrebungen zu bewahren, denn nur dann kann die Gesellschaft ihre großen Aufgaben erfüllen, die noch viel Hilfe und Mittel erfordern!

Hierauf hält Stabsarzt Dr. D r ü n e r einen durch über, sichtliche Tafeln erläuterten hochinteressanten, von den zahl» reichen Zuhörern mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag:

lieber die Wirbcltheorie des Schädels".

G o e t h e ist von seinen Zeitgeirossen als Naturforscher wenig anerkannt worden. Seine Pslanzen-Metamorphose und seine Lehre vom Zwischenkiefer des Menschen wurden sehr kühl ausgenommen, ja vielfach abgelehnt. Dies mag vielleicht der Grund gewesen sein, weshalb er mit der Ver. öffeutlichung seiner eingehenderen Begründung der Wirbel- theorie so lange zurückgehalten hat. 1790 auf der italieni­schen Reise in Venedig kam ihm der Gedanke bei der Be­trachtung eines Schafschädels. Er hat damals seine Ideen über den Freundeskreis hinaus nicht bekannt werden las­sen. Ein ganz ähnlicher Fund, der eines macerierien Schädels einer Hirschkuh, brachte unabhängig von Goethe 1806 Oken auf ganz ähnliche Ideen und 1807 wurden dieselben von ihm veröffentlicht. : So gehört Oken in der Veröffentlichung zweifellos die Priorität. Oken Nohm drei Wirbel als Bestandteile des Schädels an, Goethe 6. In den folgenden Jahrzehnten erfreute sich die Wirbelthcorie wechselnder Anerkennung, bis 1358 Huxley ihre Haltlosigkeit nachwies.

Hurley zeigte auf Grund des durch zahlreiche For­scher gewonnenen Materials daß die Entwicklung von Wirbeln und Schädelknochen eine grundverschiedene ist- Da die Gleichartigkeit der Entwickelung aber die Vorbe­dingung für die Homologisierung sein muß, kann mit den Ausführungen H u x l e y s die ursprüngliche Wirbellheorie