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XIV. Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergifche« Naturforfchenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 4. März 1903.

Vorsitzender: Dr. August Jassoy.

Mit herzlichen Worten begrüßt zunächst der Vorsitzende den Redner des Abends, Oberstudienrat Prof. Dr. K u r r L a m p e r t, Direktor des Königlichen Naturalienkabinetts in Muttgart, der der Gesellschaft seit einer Reihe von Jahren als korrespondierendes Mitglied an- gehört. Hierauf hält Prof. Dr, Lampert den ange- kündigten Vortrag:

DaS winterliche Tierlebe« des Süßwassers «nd fei« Erwachen im Frühlings

Der Redner führt in der Einleitung Äie Zuhörer hinaus auf die spiegelnde Flüche eines gefrorene« Sees. Tot und leer scheint das Wasser und die Winter» liche Einsamkeit bildet einen schroffen Gegensatz zu dem - sommerlichen Leben,> das der Redner in einzelnen Zügen vorführt. Wo sind all« die Tier« hingeschwunden, die hier im Sommer z« beobachten sind? W>e bringen über­haupt die Bewohner unserer Gewässer, der Sümpfe, Teiche und Seen, der Quellen, Bäche und Flüsse de« Winter zu? Der Redner erinnert zunächst an die physikalischen Verhältnisse der Gewässer im Winter. Sehr seichte Tümpel können völlig ausfrieren bis tief in den Grund hinein; aber schon mäßig tiefe, stehende Ge­wässer frieren bekanntlich me aus, sondern unter der Eis­decke, die ein schlechter Wärmeleiter ist, liegt die Wasser- temperatur über Null und hat in größerer Tiefe die Tem­peratur der größten Dichtigkeit des Wassers, -M Grad Celsius, was besonders von allen tiefen Gewässern gilt. Quellen bewahren das ganze Jahr über, auch im heißen Sommer, die gleiche Temperatur und die anderen fließenden Gewässer sind durch ihre Bewegung meistens vor dem Zufrieren geschützt. Schon hieraus läßt sich schließen, daß die Tierwelt in den verschiedenen Ge­wässern sich verschieden verhalten wird. Am meisten ver­ändert sich das faumstische Bild im Winter in weniger tiefen Gewässern, zu denen ja die Mehrzahl un­serer Wasserbecken gehört und denen sich in physikalischen Verhältnissen die Uferzone der großen See - b ecken anschließt. Auch hier schlägt die Natur die ver­schiedensten Wege ein, uw ihre Geschöpfe die schlimme Jahreszeit überstehen zu lassen. Unter Anführung von Beispielen schildert der Reimer, wie die einen Tiere in einen Winterschlaf verfallen, entweder im Schlamm des Teiches oder sogar zu diesem Zweck das Land aus­suchend. Bei anderen ist wenigstens die Lebenslötigkcit herabgesetzt, ohne daß es zu einem eigentlichen Winter­schlaf kommt. Bei einer dritten Kategorie wird zwar das Individuum aus der Liste der Lebenden gestrichen, allein in winterharten Eiern oder Dauerseimen wird die Erhaltung der Art gewährleistet. Diese Schutzeinrich­tung als Anpassung an die physikalischen Verhältnisse des Wohnortes und her auf diese Weise sich ergebende regel­mäßige Wechsel zwischen verschiedenen FvrtpslanzungS- arten gehört mit zu den interessantesten Kapiteln der mo­dernen Wissenschaft der Seenkunde. Für eine Anzahl Süßwasser-Tiere endlich aber bedeutet die winter­liche Zeit durchaus nicht di« Zeit der Ruhe, sondern sie sind auch im Winter in voller Lebenstätigkeit, ja für manche fällt sogar die F ,o r t p f l a n z u n g s * Periode in den Winter; unter ihnen sind sogar Ar­ien, die nur in der kalten Jahreszeit ihre ExistenKbedin- gungem finden: erwärmen sich unter den Strahlen der steigenden Frühlingssonne die seichten Gewässer, so sterben sie ab. Für die Mehrzahl der Bewohner unserer Ge­wässer beginnt aber dann neues Leben- Die Winterschläfer erivachen; ans den Dauerkeimen und Eiern entstehen neue Individuen und bald herrscht wieder das reiche, üppige Leben des Frühlings.

X\. Sitzung

der Sen«kenbergisch-tr Naturforfchender, Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 11. März 1905. Vorsitzender: Dr. A u g u st Jassoy.

Dr- med. L. La quer spricht über:

Die Grundlagen der geistigen Minderwertigkeit." Geistig hochwertige Gehirne, so beginnt der Redner, sind leider rwch wenig erforscht; geistig unterwertige Denk- organe haben reiches Material für die Forschung ergeben. Ausgehend von den anatomischen Hirnbefun- den bei der im späteren Leben durch Krankheit erworbe­nen Geistesschwäche (progressive Paralyse), die wir in den letzten Jahren besonders den Forschungen von W e i g c r t, N i ß l und Alzheimer verdanken, bespricht der Vor­tragende die anatomischen und anthropologischen Grund­lagen der drei wesentlichen Formen der angeborenen gei- fügen Minderwertigkeit, der Idiotie sBlödsinnis-Jor- men), der I m b e z i l l i t ä l (Schwachsinn) und der Debilität (Beschränktheit). Er schildert des näheren die bei Idioten bestehenden geistigen Defekte im Gebiete des Verstandes, des Gefühls und der Willensvorgänge und die Veränderungen im Bau des Gehirns, die sie be­dingen. Es sind zumeist mehr krankhaft entzündliche Vorgänge, um- die es sich hier handelt, als atavistische Rückschläge in frühere tierische Entwicklungsstufen des Menschengeschlechtes. Der Vortragende verteidigt die mo.! dernen Anschauungen Guddens und Weygand ts gegenüber der alten Virchowschen Lchre, daß die Ent- Wickelung des Gehirns von den Wachstumsverhältnissen des Schädels abhängig sei (frühzeitige Verknöcherung usw.) Die Sache verhält sich gerade umgekehrt. An der Hand der Schilderung der Wasserköpfe (Hydrocephalcn-Gehirne) und der Microcephalen (kleinköpfige Gehirne), die der Redner an einer Reihe von Zeichnungen besonders nach Fleschs Arbeiten demonstriert, rät er zur Vorsicht bei Rückschlüssen auf geistige Fähigkeiten aus Schädelano­malien.

Eine ausführliche Darstellung widmet Dr. L a q u e r sodann dem Kretinismus, jener in verschiedenen, besonders gebirgigen Gegenden endemisch . auilreteuden geistigen und körperlichen Zwerghaftigkeit mit] schlaffer, welker Haut und Kropfbildung. Der Zu­sammenhang der kretinösen Entartung mit bakterienhal­tigem Trinkwasser, das Kropf erzeugt, und mit Giftwir­kungen, die durch Zerstörung oder Schädigung der ent­giftend wirkenden Schilddrüse im Stoffwechsel entstehen, führt ihn zur Würdigung der B l u m s ch e n Versuche an Tieren und der Kocher-Rcverdinschen Erfah­rungen ait Menschen, denen die gesamte Schilddrüse wegen gefahrdrohender Anschwellung entfernt worden war und die dadurch geistige und körperliche Kräfte einbüßten.

Die siir die Entstehung der Idiotie und der Imbezilli­tät sehr wesentlichen Momente der Erblichkeit und Entartung leiteten dann über zu den schulärzt­lichen Beobachtungen Dr. Laquers an den schwachsinnigen Schulkindern der Frankfurter H ü l f s s ch u l e n. Die körperlichen Gebrech-en und Miß­bildungen, Entartungsmerkmale, die. sich dort finden, wer­den ausführlich erörtert und ihre Bedeutung für die intel­lektuellen Fähigkeiten gewertet. Der Vortragende rühmt die Leitung und die Organisation sowie auch die baulichen , Verhältnisse in diesen Frankfurter Mustcran»

] st a l t e n.

Zum Schlüsse geht Dr. L a q u e r auf die Wichtigkeit der von der ärztlichen Wissenschaft erhobenen Befunde für die Pädagogik und für d« soziale Hygiene ein. Er weist nach, ein wie großes Kontingent die Schwachsinnigen zur Kriminalität stellen, wie sich aus ihnen ein großer Teil der jugendlichen und rückfälli­gen Rechtsbrecher, Bettler und Vagabunden sowie auch der Prostituierten rekrutiert. Auch die Fahnenflüchtigen und Gehorsamsverweigerer unter den Rekruten sind häm sig Imbezille.

Da auf dein Boden der geistigen Minderwertigkeit alle die ertrasozialen und antisozialen Elemente erwachsen, dro die Gesellschaft in besonderen Arbeitsschulen und Anstaltm versorgen oder unschädlich machen muß, so muß in rich­tiger Erkenntnis dieser von Pädagogik und Heilkunde m harmonischem Zusammenwirken wiffenschaftlich begrün ec Tatsachen von allen Seiten her der Kampf 8 e 8 den Alkoholismus, gegen dre Verbre - tung der Geschlechtskrankheiten und ge-

gen die Tuberkulose als wesentlichste Ursochew

der Degeneration uird der Minderwert^kei er , Bteifeen» das Menschengeschlecht an Geist und Korp s ,

oll!