X. Wissensck'aftliche Sitzung der Senckendergischen Naturforschcndcn Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 21. Januar 1905.

Vorsitzender: Dr. August Jassoy.

Der Vorsitzende leitet die Sitzung mit folgenden Worten ein:Zunächst danke ich unserem korrespondierenden Mit- gliede, Herrn Prof. Dr. H. C o n w e n tz aus Danzig, dem Direktor des Mestpreußijchen Provinzialmuseums, für die große Bereitwilligkeit, mit der er sich für den heutigen Vortrag zur Verfügung unserer Gesellschaft gestellt hat. In weite Kreise hinaus ist bereits des Vortragenden verdienst- volle Anregung gedrungen, die Naturdenkmäler der Heimat zu schützen und zu pflegen; sie hat die vollste Anerkennung des preußischen K u l t u s m i ni­ste r i u m s gefunden, von dem Herr Pros. C o n w e n tz seit Jahren mit dieser Angelegenheit betraut ist. Auch unsere Gesellschaft hat auf Anregung des Herrn Ministers für Landwirtschaft, Domänen und Forsten ge. meinsam mit den übrigen naturwissenschaftlichen Vereinen der Provinz als erste Vorarbeit wirksamen Naturdenk, j malschutzes ausgenommen, was unsere engere Heimat > noch von urwüchsigen und seltenen Gewäch­sen aufweist. Herr Forstmeister A. Rörig hat in müh. sanier Arbeit das Material gesichtet, vermehrt und druck- fertig zusammengestellt; es wird demnächst alsJvrstbota» nisches^ Merkbuch für die Provinz Hessen-Nassau" im Ver. läge von Gebrüder Bornträger in Berlin erscheinen. Wei. ; tere Schritte werden folgen müssen, wie sie bereits in un- serem hessischen N a ch b a r st a a t e, der als erster voranging, getan worden sind. Dort sind durch Gesetz vom 16. Juli.1902, den Denkmalschutz betreffend, hervor­ragende Naturobjekte in staatliche Pflege genommen. In allen Landesteilen des Großherzogtunis wurden Wald, und Wiesenflächen mit sel enen aussterbenden Pflanzen, Rheininseln mit Auwald, Moore und Felsvor- spränge für unantastbar erklärt und so ein erster Schutzwall gegen das Vordringen der alles nivellierenden Kultur des Bodens wie gegen die völlige Ausrottung der seltenen Tieb- und Pflanzenwelt errichtet.

Wir hoffen, daß auch unsere städtischen Behör. den sich bereit finden lassen, durch dichte Einzäunung eines wenn auch noch so kleinen Teils des Frankfurter Stadt- Waldes etwa in der Gegend desMörderbrunnens" zu diesen Bestrebungen beizutragen, ehe es für immer zu spät sein wird! Eine hierauf bezügliche Ein­gabe werden wir dem Magistrate baldigst vorlegen.

Auch die urwüchsigen Distrikte des westlichen Schwan, htz im er Wäldes mit ihrer eigenartigen Vegetation und Fauna sind von hoher wissenschaftlicher Bedeutung alsNa- turdankmäler". Wir werden ein Gesuch um ihre Erhal­tung Im gegenwärtigen Zustand alsbald auch an die Gemeinde Schwanheim und an die König, liche Forstaufsichtsbehörde richten. Wir hoffen, daß der heutige Vortrag des rim den Heimatschutz so ver- dienten Gelehrten die hohen staatlichen und st ä d t i - scheu Behörden wie weite Kreise der Bürger­schaft überzeugen wird, wie eilig und wichtig die Sache ist, für die wir einzutreten uns beru. f e n fühlen!"

Nach diesen einleitenden Worten des Vorsitzenden hält Prof. Dr. H. Conwen tz einen von zahlreichen Licht­bildern begleiteten Vortrag:

Schutz der natürlichen Landschaft, ihrer Pflanzen- und Tierwelt."

Der Vortragende geht davon aus, daß die ursprüngliche Natur durch die fortschreitend« Kultur bei uns wie überall immer mehr verändert, beeinträchtigt und stellemreis« ver­nichtet wird. Vom wirtschaftlichen Standpunkt ist es er­freulich, daß die Naturkräste in so intensiver Weise ausge- nützt werden; aber vom wissenschaftlicher. und ästl)etischen Standpunkt ist es beklagenswert, daß hervorragend« Denkmäler der Natur unwiederbringlich dahin­schwinden.

In-dem ersten Teile des Vortrages führt der Redner aus den verschiedenen Teilen Deutschlands und anderer Länder zahlreiche Beispiele dafür an, daß die Schönheiten und Seltenheiten in den einzelnen Gebieten der Naiur in ihrem Weiterbcstehcn bedroht lverden. Die Wasser­fälle und Strom sch nellen sind ganz besonders der Gefahr ausgesetzt, dem Ansturm der Industrie zu unter-

liegeir. Ihr Wasser lvird zum Kraftbetrieb abgeleitet und Fabrikgebäude ragen, wo das Auge sich an der keuschen Natur erfreuen mochte, in aufdringlicher Weise empor- Es ist soweit gekommen, daß bei uns überhaupt kaum noch ein Wassersall unverändert besteht. Selbstverständlich darf nichts, geschehen, uni diese Wasserkräfie jeder Nutzung zu entziehen; aber cs ist doch wünschenstvert, daß hier oder da eine hervorragende Stromschnelle oder ein ausgezeich­neter Wasserfall in der ursprünglichen Schönheit bewahrt bleibt. Ebenso sind die F e l s b i ldu n gen, namentlich die Bauimaterial liefernden Gesteinsarten, wie Granit, Basalt, Sandstein, Kalkstein usw-, örtlich in ihrem Bestand gefährdet. Beispielsweise reiht sich im EIbsan d ste in- g e b i r g e an, Stromufer zuweilen kilonieicrweit ein Steinbruch an den andern und die vielgepriesene N a j u r - s ch ö n h e i t der Sächsischen Schweiz ist stellen-; weise zu einem Zerrbild der Natur geworden. Auch a m i Rhein und in anderen Gebieten ist so manches Land­schaftsbild durch Abbau bedroht, teilweise schon entstellt.

Besonders gefährdet ist der Wal d; der Privatwald, weil er oft sachkundiger Oberaufsicht entbehrt, und der Staatswald, weil hierin vielfach Kahlschlag herrscht. Durch Abhieb werden die urwüchsigen Bäume nahezu gänzlich vernichtet; zugleich enischwindet das Unterholz und die übrige Pflanzenwelt. Statt des Waldes kommt durch Neuanpflanzung die k ü n ft l i ch e F o r st zustande, die nur nach Grundsätzen des Ertrages angelegt wird Wie die Gewächse schwinden auch die Tiere des Waldes, da sie der natürlichen Lebensbedingungen beraubt werden; denn von der beträchtlichen Zahl von Arten, die einst den Wald belebten, findet sich in den künstlichen Forsten nur ein geringer Prozentsatz wieder. Sie müssen aus- st erben, wenn nicht Reservate geschaffen werden, lvo die natürlichen Beding ringen zu ihrer Existenz tunlich st unverändert bleiben.

Die industrielle Ausnützung macht arich vor den Herr- lichsten Aussichtspunkten nicht Halt. Sie entstellt sie durch Zahnrad- und Schwebebahnen, elektrische Aufzüge, Stauwerke, bekrönt ihre Höhen mit Gasthäusern, Türmen und minderwertigen Denkmälern. Auch hier räumt der Redner willig berechtigte Forderungen ein; er kämpft nur gegen die Geschmacksverirrungen, gegen die Entstellung, wo die Natur in ihrer Größe und Jungfräulichkeit tveit mächtiger wirkt.

Aber nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen wird die Landschaft und Lebewelt erheblich beeinträchtigt; auch dem M a n g e l an Bildung, der Unkenntnis oder deni Unverstand ist schon manch Denkmal der Natur zum Opfer gefallen. Es werden bestimmte Fälle angeführt, in denen auch bei uns Standorte bemerkenswerter Pflanzen durch Schüler vernichtet, Bestände seltener Tiere durch Jagdliebhaber dezimiert wurden u. a. m.

Sodann geht der Redner auf den ziveiten Teil seines Vortrages über, worin er die Aufgaben einer planmäßigen Naturdenkmalpflege skizziert und die Wege zeigt, tvie dieselbe wirksam gefördert werden könne. Im allge­meinen entstehen hierfür dreierlei Aufgaben, >vie Prof. C o n w e n tz schon in seinemF o r st b o t a n i -! schen Merkbuch für die Provinz West- Preußen" hervortzehoben hat, Inventarisierung der Naturdenkniäler, Herausgabe von il­lustrierten Merkbüchern und anderen Veröfseut- lichungen, sowie Schutz Vorkehrungen im Ge» lände. Um diese Aufgaben zu lösen, bieten sich drei verschiedene Wege, die freiwillige, die administrative und die gesetzgeberische Naturdenkmalspflege. '

Erstens also der Weg freiwilliger Mitwirkung durch Einzelpersonen und Vereine. Wie beispielslveise Fürst Putbus den Bestand der Insel Vilm und Fürst Schwarzenberg eine ansehnliche Fläche am Kubany im Vöhmerwald unberührt erhält, wie Für st Stolberg-Wernigerode die Genehmigung zum Bau der Walpurgishalle auf dem Brocken versagte, möchten weitere Grundbesitzer entsprechende Vorkehrungen tresseu. Jnsl^esondere erwäcbsi den n a t u r f o r s ch e n d e n und verwandten Vereinen hier eine dankbare Ausgabe. Viele sind schon mit gutem Beispiel vorangegangen; manche haben die Ausgabe sogar direkt in ihre Stalulen ausge- nomnien.

Der zweite Weg zeigt sich in der administrativen Mitwirkung. Manche G e ni e i n d e verfügt über ansehnlichen Besitz an Wasser, Felsen, Walt usw. und könnte ohne weiteres anordnen, daß hier-