Giftlösung getrennt erhalten. Die Giftlösung hat dann ihre Eigenschaft als Blutgist verloren, behält aber ihre auf dem Vorhandensein des Nervengiftes beruhende Fähigkeit, Tiere zu töten. Man gelangt also auf diese Weise auch zur Trennung der beiden Giftkomponenten.

Die Erscheinung, daß durch das Zusammenwirken zweier an sich ungiftiger Substanzen erst ein eigentliches Gift em- steht, ist in der Natur weit verbreitet. Ebenso wie das Schlangengift verhält sich auch das Skorpionengist, das als Blutgist gleichfalls erst durch Lecithin zur Wirkung gelangt.

Dann aber ist ein analoger zweiteiliger Bau charak­teristisch siir eine große Gruppe von Giften, welche im Tierreich allgemein verbreitet Vorkommen und denen eine große praktische Bedeutung zukoimnt. Es sind die zell- sötenden Substanzen des Blutserums, die sowohl auf Kör­perzellen anderer Art als auch auf Bakterien giftig wirken. Ta man solche Fähigkeiten im Blutserum der Tiere durch Immunisierung mit Bakterien gegen diese gefährlichen Zer­störer des Lebens künstlich Hervorrufen kann, so stehen sie in der Serumforschung im Vordergrund des Interesses. Sie werden schon jetzt vielfach als wirksame Stoffe ge­wisser Heilsera verwandt und auf sie gründen sich weitere Hoffnungen auf eine erfolgreiche Be­kämpfung der Infektionskrankheiten.

VI. Wissensckastliche Sitzung der Scnckeirbergischen Naturforschenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 3. Dezeniber 1904 .

Vorsitzender: Dr med. August Knoblauch.

Ter Vorsitzeirde begrüßt zunächsi mit herzlichen Worten das korrespondierende Mitglied der Senckenbergischen Ge­sellschaft, Prof. Tr Max Verworn aus Güttingen, dessen ausgezeichnete ArbeitTie Bewegung der lebendigen Substanz" am 7. April 1893 mit dem Sömmerrrng- preis gekrönt worden ist.

Hierauf hält Prof. Verworn einen hochinteressanten, von den zahlreichen Zuhörern mit lebhaftem Beifall auf- genourmcnen Vortrag:

Physiologie des Schlafes".

Nach einem kurzen lieberblick über die verschiede­nen Theorien des Schlafes, wie sie in der Wissen­schaft geäußert worden sind, erörtert der Vortragende zu- nächst die Frage, welche Teile des Körpers am Schlafe beteiligt sind. Die Muskeln und andere ! Organe ohne Automatie, die während des Schlafes ruhen, schlafen nur sekundär; primär dagegen schläft das Ncr- ! v e n s y st e m, das ihre Tätigkeit und Ruhe beherrscht. Aber auch in, Nervensystem schlafen nur bestimmte Gebiete, speziell die Großhirnrinde. Diese müssen wir nach physiologischen und pathologischen Erfahrungen am Men­schen als denjenigen Teil des Nervensystems auffassen, mit dem die Bewußtseiiiserscheinungen in engerer Beziehung stehen. Der Schlaf aber ist charakterisiert durch das Erlöscheii der Bewußtseinsfunk- t i o n e n. Fragen wir weiter, welche Elemeiite der Groß- himrinde speziell an den Bewußtseinserscheinungen betei- ligt sind, ob Ganglieiizellen oder Nervenfibrillen, so müssen wir im Gegensatz zu der neuerdings geäußerten Ansichi, die die Nervensascrir hierftir in Anspruch nehmen will, an der bisherigen, durch die Untersuchung der Erniüdungserschei- nnngen und durch andere Erfahrungen gut begründeten Anschauung festhalten, daß die spezifisch nervösen'Prozesse, durch die das Bewußtsein bedingt ist, in den Ganglien­zellen selbst sich abspielen. Neuere Studien über die Vorgänge in den Ganglienzellen haben ergeben, daß die Bewußtseinserscheinungen nur mit d i s s i m i l a t o r i s ch erregenden Reizwirkungen verknüpft sind, daß alle anderen Prozesse m der Ganglienzelle wie die Läh­mungen, Hemmungen, Narkose-Zusiände usw. nicht durch die Nervenfasern von einer Ganglienzelle zur anderen ge­leitet werden. Eine solche Leitung der Erregungen ist aber nötig, nur die Ganglienzellen der, verschiedenen Rinden­gebiete mit einander assoziativ zu verknüpfen und dan>it die Bedingung für die Bildung von Vorst eil ungs-

und Gedanken reihen herzustellen. Dissimikatorisch erregende Reize, ivie sie während des Wachzustandes am Tage durch die Sinnesorgane andauernd auf die Ganglien­zellen einwirken, ermüden und erschöpfen aber die Gang­lienzellen und setzen damit ihre Erregbarkeit herab. Das i st das eine Moment, das bei der Ent st e - hung des Schlafes in Betracht kommt. Das andere, das noch wichtiger'speziell für die Bestimmung ides Zeitpunktes des Einschlafens ist, liegt in der Aus- schallung der Sinnesreize. Infolge dieses Vor­ganges, der durch einen Akt der Selbstreguiierung ini Kör­per ansgelöst wird, sinkt die dissimilatorisch« Erregung in den Ganglienzellen in kurzer Zeit stark ab und nun beginnt nach dem allgemeinen Gesetz der inneren Selbst­steuerung des Stoff- und Energiewechsels der lebendigen Substanz durch Ueberwiegen der Assimilation die Erholung der Ganglienzellen. Da­mit steigt die Erregbarkeit allmählich in den Ganglien­zellen »nieder an bis zum Erwachen. Der Schlaf ist also am tiefsten unmittelbar nach dem Einschlafen und am flachsten gegen Morgen. Mit der Narkose hat der Schlaf nichts zu tun; beide sind zlvar mit Bewußtlosigkeit verknüpft; aber der Schlaf bedeutet Erholung, die Narkose Lähmung. Die Träume repräsentieren partielle Wach­zustände der Großhirnrinde, die durch äußere Reize oder Lurch langsames Abklingen der Erregung in ihren Ganglien­zellen bedingt sind. Eine übernatürliche Wahrkrast kommt den Träumen selbstverständlich nicht zw

VII. Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergischen Naturforschenden Geseüschast.

Frankfurt a. M., den 16. Dezember 1904. Vorsitzender: Dr. med. August Knoblauch.

Dr. Eugen A l b r e ch t, Direktor des Dr. Sencken- bergischen pathologisch-anatomischen' Instituts, spricht über:

Ziele und Wege der Entwickelungsmechanik."

Der Vortragende definiert die Entwickelungsmechanik .als'die Forschung nach den Gesetzen.und Ursachen der orga­nischen Formbildung, msl-esoiwere der K e i m e s c n t- Wickelung. Hauptsächliche Methode ist das Experi­ment, daneben die Untersuchung der von der Natur selbst in Form von Abarten und Mißbildungen angesielltenExperimente", der Ergebnisse künstlicher Züchtung sowie der von der vergleichenden Anatomie und von der Paläontologie beige­brachten Tatsachen. An der Hand eines summärischen Ueberblickes über den Lauf der Keimentwickelong werden die Hauptaufgaben der Entwickelungsmechanik kurz er­läutert und eine Anzahl ihrer bisherigen Ergebnisse kurz besprochen.

Vor allem wichtig ist die Trennung der äußeren von den inneren Ursachen der Entwickelung. Die erftercn, wie Temperatur, Licht, chemische Beschaffen, heit der Unigebung, Schwerkraft usw., vermögen zwar tief­greifende Unterschiede der Entwickelung zu erzeugen; aber sie stellen doch in der Hauptsache nur Bedingungen oder Reize dar, unter deren Einwirkungen das verwickelte Spiel der inneren Ursachen verschiedene Richtungen einschlägt. So wirken Wärme, blaue Strahleuarten und.gewisse chemische Stoffe Wachstum fördernd; Kälte wirkt hemmend; durch entsprechende Temperatur- b e c i n f l u s s u n g lasten sich. ;. B. aus Schmetterlings- puppcn die Formen südlichen und nördlichen Klimas, pri­mitivere Formen usw. von Schmetterlingen erzielen, deren .abgeänderte Zeichnung sich zum Teil auch bei Aufhebung der abnornien Bedingungen auf die nächste Generation vererbt. Eineerbliche Uebertragbarleit" wenigstens von gewissen chemisch bedingten Grundrichtungen der Entwicke­lung ist durch diese und ähnliche, z- B. durch Fütte­rungsversuche an Raupen erwiesen. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei aber um direkte Beeinflussung der Keimzellen im Sinnechemischer Umstimmung" durch die äußeren Einflüsse, nicht um eine Wirkung bestimmter Or­ganveränderungen auf bestimmte, entsprechende Teile den Keimzelle.