Die Zähigkeit der Regeneration ist im ganzen Tierreich weit verbreitet und entspricht der Zweckmäßigkeit, wie die folgenden Beispiele zeigen werden. Die einzelligen Tiere kann man beliebig zerschneiden und alle Stucke wach­sen, wenn sie einen Teil des Kernes enthalten, zu vollkom­menen Tieren aus. Hier erhebt sich die Regeneration nicht viel über die Erscheinung der ungeschlechtlichen Fortpflan­zung durch Teilung. Bekannt ist die Regenerationsfähigkeit unserer Süßwasserpolypen, die man in die klein­sten Stücke zerhacken kann- alle Teilstückchen wachsen wieder zu vollkommenen Individuen aus. Auch die Würmer besitzen großenteils eine bedeutende Regenerationsfähigkeit. Die Versuche von Morgan, Lob, Voigt u. a. haben gezeigt, daß die Planariden (Süßwasserturbellarien) nahezu jede Verstümmelung mit vollständiger Wiederherstel­lung beantworten. Alle Teilstücke einer zerschnittenen Pla­naride bilden in kurzer Zeit den Kopf mit Gehirn und Augen und alle Organsysteme wieder. Durch Einschnitte lassen sich an beliebigen Stellen des Tieres Bildungen von Köpfen mit Gehirn und Augen Hervorrufen (Hdteromor- p h o s es und so kann man Planariden mit mehreren Köpfen und Schwänzen züchten. Diese Versuche hat der Vortra­gende, wie die aufgestellten Präparate zeigen, wiederholt.

Besonders deutlich läßt sich die Zweckmäßigkeit der Re- j generation bei den Krabben und anderen Gliedertieren erkennen, die auf Selbstamputation eingerichtete Extremi­täten besitzen sA u t o t o m i e). Bei den Salaman­dern, denen von Wasserkäfern usw. leicht der Schwanz und j die Beine abgebissen werden, bilden sich die verloren ge­gangenen Teile in nicht zu langer Zeit neu.

Ta also gerade die leicht verletzbaren Teile am besten regeneriert werden, so müssen wir die Regeneration als eine sehr nützliche Eigens ch.aft der T iere be­trachten. Da sie aber in sehr ungleicher Weise auf die einzelnen Tiere verteilt ist, so steht sie demnach in keinem Verhältnis zur Organisationshöhe der Tiere, sondern hängt von der Art der Verletzbarkeit des betreffenden Teiles und der Verleßungswahrscheinlichkeit ab; sie ist demnach eine, Anpassung 'an die Lebensbedingungen, also sekundär erworben. Da es sich bei der Regeneration um die Neubildung der verschiedensten Gewebe und die Umbildung eines Teiles des alten Gewebes handelt, so liegt ein Vergleich der Regenerationserscheinungen mit de­nen der embryonalen Entwickelung nah.

Die ungeschlechtliche Fortpflanzung der einzelnen Tiere durch Zellteilung (Amitose) deckt sich im wesentlichen mit , den Erscheinungen der Regeneration derselben. Alle höhe- i ren Tiere entwickeln sich ebenfalls durch Zellteilung einer einzigen Zelle, der Eizelle; die Vorgänge bei dieser Kern- und Zellteilung sind freilich etwas kompliziertere (Karyo- kinesc).

Bevor die Eizelle befruchtungsfähig ist, muß sie eine Reihe von Veränderungen, die Reifeerscheinungen, durchmachen. Die E i r e i f u n g besteht im wesentlichen in der Viertei­lung der Eizelle, in dem sich drei kleinere Zellen (Richtungs- körper) mit ie einem Viertel der in dem ursprünglichen Eikern liegenden Vererbungssubstanz (Kernschleifen) ab­schnüren. Ganz ähnlich verläuft die Bildung der Samen­zellen aus den Urkeimzellen. Durch zweimalige Teilung derselben (Spermatocyten erster und zweiter Ordnung) ent-j stehen vier Zellen (Spermatiden), die je ein Viertel best in dem Kern der ursprünglichen Keimzelle liegenden Ber-' erbungssubstanz enthalten. Die durch komplizierte Vor­gänge der Kern- und Kernschleifenteilung (Aequations- unhj Reduktionstheorie) bei der Eireifung erfolgte Entfernung von dreiviertel der ursprünglichen Kernschleifenanzahl be­wirkt also, daß nun bei der Vereinigung der männlichen und weiblichen Zelle (Befruchtung) die Vererbungssub-^ stanzen (Kernschleifen) von männlicher und weiblicher Seiten in gleicher Anzahl zusammen kommen. Nach der Befruch- tung, deren Wesen in der Vereinigung des Kernes dev Samen» und der Eizelle besteht, beginnt die regelmäßige; Zellteilung (Blastula) und Sonderung zu den Keimblättern (Gastrulation). Die bei der weiteren Entwickelung beob­achtete Erscheinung, daß höhere Tiere Organe niedriger organisierter Tiere embryonal vorübergehend aufweisen, lehrt, daß bei der Entwickelung des einzel-. neu Individuums (Ontogenie) die Entwicke­lung des Stammes (Phylogenie) teilweise wie­derholt wird (biogenetisches Grundgesetz); erwähnt sei hier die Aehnlichkeit des menschlichen Embryos mit den niedrigsten Wirbeltieren, den Fischen, bezüglich der Kiemen­spalten, des Herzens, der Arterienbögen und der Skelett­bildung.

> Die frühere Annahme, daß jeder Organismus von An­fang an in allen seinen Tellen vorhanden sei (Präforma- tionstheorie) und zur Entwickelung nur des Wachstums und der Entfaltung (Evolutio) bedürfe (Theorie der Lehre von der Einschachtelung), wurde durch den Nachweis der Neu- bildung (Epigenesis) aller Teile des Embryos umgestoßen. Diese Theorie ist nun in neuer Zeit durch W e i s m a n n insofern wieder etwas modifiziert worden, als für die Zel-, len immerhin eine Verschiedenheit ihrer Anlage, ihrer Erb- viafse, angenommen werden muß (Neopräformismus).

Mit den Vorgängen der embryonalen Entwickelung decken sich nun die Erscheinungen der Regeneration nicht, indem verloren gegangene Teile durchaus nicht immer aus der Anlage regeneriert werden, aus der sie embryonal hervor­gegangen sind. Diese Anlagen sind wohl gleicher Abstam­mung, aber zur Erklärung der Regeneration muß eine Um- und Rückdifferenzierung der Anlage angenommen! werden.

Zur Erläuterung des Vortrags sind zahlreiche im Museum neu angefertigte Präparate von der Em­bryonalentwickelung aufgestellt, ferner die ver­schiedenen Regenerat ionsstadien der See­sterne, Regeneration der Regen Würmer, Krebse, Amphibien und Reptilien, sowie neu angefertigte T a f e l n mit Zeichnungen von der R e g e n e r a t i o n und. Hetoromorphose der Planariden, Auto tomie der Krebse und von der Spermatoge- nese. Auch durch zahlreiche mikroskopische Prä parate mit erklärenden Zeichnungen wird die Rege-! neration und Hetoromorphose bei Würmern und die Samenbildung, Eireifung, Eifurchung und Embryonalent­wickelung zur Anschauung gebracht.

IY. Wissenschaftliche Sitzung -er Senckenbergischen Natursorschenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 19. November 1904

Vorsitzender: Dr. med. August Knoblauch. Privatdozent Dr. phil. Fr. Dreoermann aus. Marburg i. H. spricht über die Entstehung und Geschichte des rheinischen Schiefer- gebirges.".

In Nordwestdeutschland liegt ein Gebirgskomplex, der im wesentlichen aus sehr gllen Gesteinen besteht und den wir deshalb als geologische und geographische Einheit auffassen dürfen. Dieses sogenannte ^rhei­nische Sch ief er gebirge" erstreckt sich von der Tiemel und Eder bis zur Maas, ja in seinen äußersten Ausläufern bis an den Aermelkanal. Es setzt sich fast voll­kommen aus gefalteten devonischen Ge st einen zchammen, die. im ganzen von Nordosten nach Südwesten streichen, wobei aber zahllose Störungen die Erkennung des Aufbaues ganz außerordentlich komplizieren. Das Gebirge hat im Laufe der Erdgeschichte alle möglichen Wandlungen durchlaufen, die der Vortragende an der Hand zahlreicher Karlen und Profile bespricht.

Von der Urgeschlch te des Gebirges wissen wir gar nichts. Tie ältesten Gesteine des ganzen Komplexes liegen am Südhang des Taunus und auch linksrheinisch haben sich im hohen Venn und an anderen Orten' einige alte Gebirgskerne erhalten. Sehr alte Ge­steine finden sich auch im Kellerwald und in einein schmalen Zuge, der sich von dort aus nach dem Westerwald fort- fetzt; aber all diese ältesten Bausteine des ganzen Gebirges sind noch recht wenig bekannt. Besser wird es, wenn wir in das Devon eintreren; in dieser Zeit wurden die Ge­meine abgelagert, die der Hauptsache nach das ganze Ge­birge zusammensctzcn. Zur Unterdcvvnzeit bedeckte em flaches Meer mit sandigem Boden ganz Nordwest­deutschland; zahllose Tiere bewohnten seine Fluten und hiuterließen uns ihre Schalen als wertvolle Dokumente bis auf die heutige Zeit. Ziemlich einheitlich findet sich diese Tierwelt im Osten und Westen, im Süden und Norden des ganzen Gebietes wieder, so daß wir große Differenzen m der Mecrestiefe nicht annehmen dür;en. Zur Mit e evo ° zeit wurde es anders; linksrheinisch ein flaches M«r, da in der Aachener Gegend wohl an die Küpe brandete (vielf