II. Wissenschaftliche Sitzung der Sen§errbergischen NaLnrsorschenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 29. Oktober 1904

Vorsitzender: Dr. med. August Knoblauch.

Mit herzlichen Worten begrüßt der Vorsitzende den So, kannten Afrikaforscher Karl Schillings aus Weiher- hof bei Düren, der seit einer Reihe von Jahren der! Senckenbergifchen Gesellschaft als korrespondieren- des Mitglied angehört. Mit Blitzlicht und Büchse hat Schillings zu wiederholtenmalen dies Massai-Steppen vom Kilimandjaro zum Viktoriasee durchs streift und während seines Aufenthaltes in Deutschostafrika mit unvergleichlichem Mut seine ganze Kraft in den Dienst der Idee gestellt, das Großtierleben der afri­kanischen Wildnis an Ort und Stell« selb st in photographischen Augenblicks-, a u f n a h m e n f e st z u l e g e n. So hat er der Wissen­schaft einen kostbaren Schatz unanfechtbarerUrkunden der! Natur" gesanunelt, die für alle Zeiten einen unvergäng­lichen Wert besitzen. Wer auch reiches Material an Säuge­tieren und Vögeln hat S ch i l l i n g s aus dem äquatorialere Ostafrika heimgebracht und damit freigebig den Berlins Zoologischen Garten und verschiedene naturhistorische Museen Deutschlands bedacht. Auch das hiesige Museum besitzt reiche Schätze aus seiner Ausbeute, vor allem eine prachtvolle, alte Giraffe, die den Namen des kühnen ForschersOiratka schillingsi"| trägt, eine Zebra-Familie, zahlreiche Antilopen und Ga-' zellen, Hyänen und andere Tiere, die in der Schausamm­lung des neuen Museums zu einer biologischen Gruppe Deutschostafrikanisches Tierleben" vereinigt werden sollem Für diese zahlreichen Zuwendungen spricht der Vorsitzende dem Redner den warmen Dank der Gesellschaft aus.

Hierauf hält Herr Karl Schillings einen durch prachivolle, z, T. farbige Lichtbilder erläuterten, hochinter­essanten Vortrag, der von den außerordentlich zahlreich erschienenen Zuhörer:? mit lebhaftem Beifall ausgenom­men wird:

Die Tierwelt der Maffai-Hochländer mit besonderer Berücksichtigung ihres Aussterbcns."

I In seiner Einleitung schildert der Redner zunächst die! Landschaft der von ihm bereisten Gebiete Deutsch, ostafrikas Photographische Aufnahmen der Massai- Steppen mit vorüberziehenden Karawanen, in der Zerns graue Berge und der mächtige Kilimandjaro, wechseln ab mit tropischen Seelandschaften und mit Bildern des afri­kanischen Urwaldes. Sodann bespricht der Redner das Verfahren des Photographierens in der Wild­nis und die großen Schwierigkeiten, denen dasselbe be­gegnet. Schillings hat sich nicht nur auf Tagesauf­nahmen niittelS Fernphoiographie (bis zu einer Entfernung von 600 Meter) beschränkt, zu denen ihm die vorzüglichen Apparate der optischen Anstalt C. P. Goerz in Friedenau zur Verfügung standen; er hat auch eigenartige, selbst­tätige Vorrichtungen ersonnen, durch die cs ermöglicht worden ist. die wilden Tiere bei Nacht aus allernächster 'Nähe mittels Blitzlicht auf- z u n e h m e n. So ist es gelungen, das Tierleben der Wildnis in seinen charakteristischsten Zügen auf die photo­graphische Platte zu bannen und ausgezeichnete Bilder zu schassen, die mit geradezu plastischer Klarheit die Fauna des äquatorialen Ostasrika zur Anschauung bringen.

, In ungeheuren Scharen sammelt sich miser heimischer ! Storch, in den weiten Ebenen am Viktoriasee, u,n die Rückreise über das Mittelmeer in die nordische Heimat an- I zutreten; zahllose Flamingos beleben den Salzsumpft sher Mnssoi-Steppe und an den überhängendcn Zweigen Hoch über den: Wasserspiegel sind die kunstvollen Nester her Webervögel befestigt. Ganze Rudel Strauße sverlieren sich in 'der weiten Steppe; Gruppen von Meiern streiten sich zeternd mit Hyänen und Scha­kale« um die verwesende Beute und eine Herde von Pavianen tummelt sich spielend zwischen den gestrüpp. bewachsenen Felsen.

Die verschiedensten Antilopen- und Gazellen- Ärten bewohnen die weiten Ebenen der Massai-Hochländer. Soweit das Auge reicht, scheint die Steppe von Wild b> H>t; bald sind es einzelne Tiere, bald ganze Herden. In der Maren Luft läßt sich jedes einzelne Stück erkennen, nur wo durch tausei:de von Hufen der Staub ausgetvirbell wird, verschwimmt das Mld in einer undurchsichtigen Wolke. Es sind W-eißbartgnus, Kuhantilopen vnd Zebras. IwHerden acht daS prächtige Tigerpferd zm Tränke, voran der führende Zebrahengst, vorsichtig und sichernd; ihm folgt die Masse der Herde, wenn sie kein Warnruf des Leittieres in das Dunkel des Urwaldes zn° rückschencht. Zur selben Tränke wie Zebra und Gazelle schlecht auch der Leopard und der Löwe, und nicht einzeln; Schillings konnte, als einer der ersten, das rudelweise Zusammenleben des Löwen in der Wildnis beobachten. Seine Löwenanfnahmen zeigen imposante Ge­stalten des Königs der Tiere, einen alten Mähnenlöwen an der Tränke, eine Löwin, die einen Ekel beschleicht, Löwe und Löwin beim Niederreißen eines Stieres u. a.

Am gewaltigsten treten uns aber jene Riesen des ägua- torialen Afrikas entgegen, die uns anmuten wie Neber- bleibsel aus einer längst entschwundenen Zeit, Giraffe, Elefant, Flußpferd und Nashorn; ein ganzes Rndek Giraffen, dicht Aneinander gedrängt im lichten Mi- Nwsenwalde, ein alter Giraffenhengst in Gemein­schaft mit zwei gewaltigen Elefantenbullen mit Mächtigen StoßMnen, Flußpferde schwimmend imd auf einsamem Pfade nächtlich zur Aestmg ziehend, das zweihörnige Rhinozeros im Ansturm auf den mit größter Seelenruhe photographierenden Schützen.

So tritt uns ans diesen Bildern das Tierleben entgegen, wie es augenblicklich noch im Norden des riesigen Kili­mandjaro dem Auge des kühnen Forschers sich darbietet. Aber mit dem Vordringen der Kultur in das Innere des dunkelen Erdteils wird der Wildbestand sener Steppen und Urwälder Mehr und mehr gelichtet und bald genug werden jene gigantischen Formen der zentralaftikanischen Fauna der Vergangenheit angehören. Dann werden Schillings Lichtbilder sichere. Kirnde gäben können von -cm reichen Tierleben, das heute noch in den Massai- Hochländern entwickelt ist. _ ,

III. Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 5. November 1904.

' Vorsitzender: Dr. med. August Knoblauch.

Dr. I. Wilhelm: spricht über:

Regeneration und Entwickelung".

Alle Organismen verfallen dem Tode, aber an Stelle des Zerstörten sprießt neues Leben. Dieses ewigeWerden und Vergehen" in der Natur bezeichnet Goethe so tref­fend mit den Worten:Das Leben ist die schönste Erfin­dung der Natur und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben." Fast möchte es uns aber scheinen, als ob nur die höheren Tiere den Tod erleiden. Während nämlich die niederen Tiere, die einzelligen, sich durch Teilung fort­pflanzen, wird bei den höheren Tieren das Leben nur durch einen kleinen Teil, den Keim, aus die Nachkommen vererbt. Durch diesen Prozeß werden ebenso viel neue Tiere geschaf­fen, als alte zu gründe gehen. Denselben Wechsel sehen wir in dem Lebensprozeß des einzelnen Individuums, in den Erscheinungen des Stoffwechsels. Verbrauch und Er­satz des Stoffes in besonderen Fällen, wie z. B. Neubildung von roten Blutkörperchen (Regeneration im engeren Sinne), Geweihneubildung und Häutungen der Gliedertiere (phy­siologische Regeneration) leiten uns zu der eigentlichen Regeneration, deren Ursache eine außergewöhnliche oder pathologische ist.