Neuere naturwissenschaftliche Errungenschaften in ihrer Bedeutung für die Kriminalistik.* 4

Ter bedeutende Aufschwung auf allen Gebieten der Naturwissenschaften, der sich bekanntermaßen in den letzten Dezennien vollzogen hat, übte nicht nur einen mächtigen Einfluß auf unser ganzes Kuliurleben aus, indem er zum Teil unsere alten Anschauungen über Weltall und Mensch­heit umstürzte, zum Teil dieselben in neue Bahnen lenkte, sondern er machte sich auch in denjenigen Disziplinen geltend, welche sonst streng konservativ an alten Formen haften, wie in der Theologie und in der Jurisprudenz.

In letzterer ist es namentlich die K r i m i n a l Wissen­schaft, welche sich der Naturwissenschaften in immer wach? sin dem Maße bedient und welche von den neueren For­schungen und untersuchungstechnischcn Hülfsmitteln Nutzen gezogen hat.

Die Kriminologie hat als eine ihrer Unterabteilungen nach Groß die Kriminalistik, welche sich einerseits mit der Erscheinungslehre des Verbrechens und anderseits mit der U n t e r s u ch u n g s k u n d e befaßt. Letztere stand bis vor wenigen Jahren wissenschaftlich auf einer sehr ge­ringen Stufe, und man begnügte sich bei der Nachforschung! von Verbrechen meist mit den Wahrnehmungen, welche ! subalterne Kriminalbeamte innerhalb des Kreises ihrer meist oberflächlichen Allgemeinbildung Zu machen verniochten.

Da wo es unvermeidlich war, zog man wohl einen Arzt zur Erstattung eines Gutachtens heran, doch ließ man den­selben in den seltensten Fällen einen wesentlichen Anteil an dem Untersuchungsgang selbst nehmen. Die Mitwirkung des Chemikers beschränkte sich meist auf die Untersuchung von Leichenteilen auf Gifte, von Medikamenten, Nahrungs- Mitteln usw. ohne daß er aber im übrigen sich weiter : an der Voruntersuchung beteiligte.

Erst im letzten Dezennium hat man sich gewöhnt, außer dem Arzt auch andere geschulte Milroskopiker und Natur­wissenschaftler heranzuziehen, und man erkannte bald, wie wichtig die Mitwirkung derselben im Kriminalfall von erster Stunde an, und in innigem Konnex mit dem Untersuchungs­richter, zu sein vermag.

Die heutigen Darlegungen des Redners verfolgen den Zweck, an Händen von einigen Beispielen aus der Praxis zu zeigen, wie fruchtbringend die Verwendung i von Mikroskop und Photographie unter Berücksichtigung der neueren naturwissenschaftlichen Erkenntnisse für die Kriminalforschung zu sein vermag.

Es würde zu weit führen, hier darauf einzugehen, welche Fortschritte die Chemie, die Elektrochemie, die Bak­teriologie und die wissenschaftliche Photographie in den letzten Jahren gemacht haben, und inwiefern diese Fort­schritte in einzelnen Fällen fiir die Kriminalforschung von Nutzen zu sein vermögen. Darüber könnte man ein se­mesterlanges Kolleg lesen; doch erinnert der Redner daran, daß es heute zum Beispiel möglich geworden fft, mit Hülfe der Elektrolyse und nachfolgender Anwendung von chemischen Reaktionen noch ein Million st el Gramm Arsen mit Sicherheit nachzuweisen, ja, daß man durch Züchtung verschiedener Schimmelpilze aus dem arsenhaltigen Nähr­boden noch Arsen in einer Verdünnung von 1:10 000 000 durch eine Geruchsentwicklung wahrnehmen kann. Ebenso geringe Spuren von anderen Giften lassen sich noch in der Wirkung erkennen, welche sie unter dem Mikroskop auf Mikroorganismen auszuüben vermögen, und endlich hat die Biochemie in neuerer Zeit die Differenzierung verschiedener Blutarten in Blutflecken, ja in mehrere Jahrtausende alten Mumien ermöglicht.

Auf diese Verhältnisse kommt der Vortragende an Han. den der am Lichtschirm vorgeführtcu Beispiele aus seiner' Praxis als Gerichtschemiker und Mikroflopikcr weiter zu sprechen.

Das erste Bild zeigt einen Fleck in der Jacke einer Kinddmörderin, welche die stattgehabte Geburt leugnete. Die mikrochemische Analyse der "herausgeschnittenen Flecke ermöglichte es festzustellen, daß diese Flecke durch Frauen­milch veranlaßt wurden und nicht durch eine andere seröse Körperflüssigkeit, denn die Flecke enthielten, auf Trocken­substanz mit 2 Prozent Wassergehalt berechnet, 21,22 Pro­zent Milcheiweiß, 18,6 Prozent Jett, 48,8 Prozent Milch­zucker. Ferner ergab die mikroskopische Prüfung eines wäs­serigen Auszuges aus den Flecken, daß in denselben zahl­reiche Milchkügelchen vorhanden waren, dabei aber keine Colostrumkörper. Es konnte auf diese Weise noch monaie- , lang nach dem Entsteherr der Flecke die angebliche Provc- ! nienz derselben auf ihre Richtigkeit geprüft werden.

! Eine sehr vielseitige Anwendung findet die mikroskopische Untersuchung von Schriften und die mikrochemische Analyse der dazu benutzten Tinte. Es ist aber in stielen Fällen nicht notwendig, die Schrift an der betreffenden Stelle durch chemische Reagentien zu zerstören, sondern die j orthochromatische Mikrophotographie^

läßt feine, dem Auge ohne weiteres nicht sichtbare Farben-! unterschiede auf der photographischen Platte zur Erscheinung bringen. Dadurch ist es dem Untersucher möglich, objektiv^ den Beweis zu erbringen, ob in einer Urkunde Einfügungen stattgefunden haben, ob dieselben kürzere oder längere Zeih nach Anfertigung der Urkunde geschrieben wurden, ob an-! dere Tinte dazu verwandt worden ist, oder was selbst nach, Auslöschung der Schrift mit Chemikalien oder unter Um»! ständen auch nach Rasuren an der betreffenden Stelle ge-i standen hat.

Findet man unter der Lrrpe an einem des Gebrauchs als Mordwaffe verdächtigen Messer Stofffäden, dis! bei oberflächlicher Betrachtung nach Analogie der Farbe und Faser mit dem durchstochenen Kleidungsstück überein- stinimen können,-so ermöglicht die Mikrophotographie, ob- jektiv den Beweis der Identität für jeden Laien klar zu erbringen. Namentlich aber ist die.Erbringung des Iden­titätsbeweises jetzt möglich in Bezug auf'die Farbe, und zwar durch Anwendung der Photographie in natürlichen Farben, die kürzlich 'durch Dr. König in den Höchster Farbwerken auf eine sehr vollkommene Stufe gebracht worden ist.

Die Untersuchung von Blutflecken durch das Mi­kroskop, sowie durch chemische Reaktionen allein war seit­her nur in vereinzelten Fällen genügend beweiskräftig, beim die Frage, ob das Vorgefundene Blut Menschen­blut sei, war bisher kaum mit Sicherheit zu lösen. Erst die biochemische Methode von Uhlenhuth, Wasser­mann und Schüße zeigte mit Hülfe des Serums von Tieren, welche mit-der nachzuweisenden Blutart vorbehan?- delt wurden, einen Weg zur einwandfreien Differew- zierung der verschiedenen Eiweißarten und damit auch der Provenienz eines Vorgefundenen Blutfleckes. Cs ist nach Weichardt selbst gelungen, Affen- und Menschenölut, sowie das Blut verschiedener Menschlicher Individuen durch Verfeinerung der Uhlenhuth'schen Methode zu differen­zieren. Parallel mit dieser Methode geht die von Land» st e i n e r und Richter angegebene Differenzierungs- Methode, welche darauf beruht, daß Menschenblut durch heterologe Blutarten aoglutiniert wird.

Zur Aufsuchung unscheinbarer Blutflecken sind durch den Redner farbige Lichtfilter, das sind gefärbte. Glasplatten oder Gelatinefolien, welche zwischen Auge und Gegenstand eingeschaltet werden, in vielen Fällen mit Er­folg benutzt worden, und die Fermentreaktionen gegen­über Leukofarbstoffen und Wasserstoffsuperoxyd ermöglich­ten es, die gefundenen Flecke an Ort und Stelle einer klaren Vorprüfung zu unterziehen.

Der Vortragende wendet sich dann zu der in den letzte« Jahren schon vielfach mit Erfolg angewandten Dakty­loskopie, das ist der Erforschung der Zeichnungen dev. Papillarlinien an Fingerspitzen, deren Mannigfaltigkeit zur Identifizierung von Personen im allgemeinen Polizeidienst sowohl, wie auch namentlich auf Grund von hmterlasftnen Fingerabdrücken am Orte des Verbrechens, ein sicheres Hülfsmittel bietet.

Zahlreiche Lichtbilder, unter anderen aus 8eN! bekannten Mordprozessen gegen Groß und Stafforst in Frankfurt, gegen Rothermel in Darmstadt, gegen G o e r l a ch in Gießen illustrieren diese Ausfiihrungen und beweisen den Nutzen, welchen die moderne Naturwissenschaft bei der Aufdeckung und. Klarstellung von Verbrechen zu leistem! vermag.