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rtß einmütig in der Freude darüber, daß Professor Dr. Carl '»eigert, den nach Cohnheims Tode die Leipziger Tätigkeit ffch mehr befriedigte, und der schon in die Misere der allgemeinen ärztlichen Praxis zurückzukehren gedachte, 1885 dem Rufe gern Folge leistete. Es wurde ihm gleichzeitig die Leichenöffnung, das sogenannte Prosektorat, in den größeren Hospitälern Frankfurts übertragen.
Wäs Weigert in den verflossenen zwei Jahrzehnten allen Aerzten der Stadt und der Umgebung von Frankfurt gewor- den ist. wie er sich als Prosektor der Anstalten, als Lehrer im Aerztlichen Vereine und in alljährlich veranstalteten und stark besuchten Demonstrationskursen und Vorlesungen auswuchs zum E Zentrum wissenschaftlich-medizinischer Bestrebungen, das ist noch frisch im Gedächtnis der Gegenwart, die um ihn Dauert. Wieder war es seine glanzvolle mikroskopische Technik, ^e ihn schon in Leipzig die Ideen des berühmten „Schanze- ifijen Mikrotoms" finden ließ, die ihn auch zu einem Meister ■ ber Färbungs-Methoden mikroskopischer Schnitte stempelte und allen seinen Schülern Bewunderung einflößte. Hunderte von Ausländern, besonders auch Amerikaner, Russen und Norweger waren es, die sich hier wie in Breslau und in Leipzig um ihn scharten. Seine Gabe, mit einem Blicke während der Obduktion, bei der er mit chirurgischer Meisterhand zu Werke ging, den Zusammenhang der verschiedensten Krankheitsprozesse zu übersehen, seine präzise, dem Chirurgen unschätzbar wertvolle Erkennung der Geschwulstarten waren geradezu weltbekannt.
W e i g e r ts ch e F ä r b u n g! Das Wort löste oft wie mit einem Zauber die Rätsel, deren Offenbarung die Natur uns für immer vorzuenthalten schien. So schrieb er über Markschäden (1885—86), Fibrin (1886), elastischeFasern und deren Färbung. Endlich folgten vielleicht als das letzte abgeschlossene Werk in dieser Richtung „Beiträge zur Kenntnis der normalen menschlichen bkeu- , b o g 1 i a" : die Festschrift zum 50jährigen Jubiläum des / hiesigen Aerztlichen Vereins. In seinen dort niedergelegten ' geistvollen Anschauungen über die wissenschaftliche, von Mißerfolgen nicht zu erschütternde Arbeitsfreudigkeit, in den Schilderungen der siebenjährigen Geduldsprobe, die nötig war, um die neue Gliederfärbung zu finden, in der bescheidenen Art, wie er einen von seinen geliebten dänischen Dichtern B e r g- ! s o e zitiert, um die Unvollkommenheit der gefundenen Tat- I fachen poetisch zu verklären, drückt sich in Wahrheit die „Me- ' - thode Weigerts" aus: Kühn im Weiterdringen, aber selbst- „ JloS im Ausnützen des Erreichten und trotz mancher Ent- ^/täuschung unermüdlich in Forschen und Streben erscheint er uns in diesem Buche.
Er bekennt sich dort wiederholt gegenüber den Leuten, die da meinen, daß man in der Naturwissenschaft „noch nichts weiß", zu der Ansicht, daß man dort nicht oas, was wir jetzt wissen, mit dem vergleiche, was wir wissen müßten, sondern mit dem, was man früher gewußt hat. In Edinger fand er hier einen jüngeren Arbeitsgenossen, der neben ihm
auf seinen ganz speziellen, von ihm zumteil erst neugeschaffenen Gebieten der vergleichenden Gehirnforschung an Menschen und Tieren im Senckenbergischen Institut mit ausgezeichneten Erfolge neues findend wirkte und lehrte.
Aber auch die wissenschaftlichen Nachbargebiete der Zoologie, der Botanik, der Chemie und der Physik, die in der Senckenbergischen naturforschenden Gesellschaft, im Physikalischen Verein, ja auch im traulich-gemütlichen Kreise der „Käfernschachtel" (des am Mittwoch Abend in der „Stadt Ulm" tagenden „Vereins für naturwissenschaftliche Unterhaltung") zogen ihn an. Dort lehrte und lernte Weigert in seiner Art: froh scherzend und lachend, dann wieder tief cusholend und weiter spinnend behandelte er in kurzen unvergleichlich anregenden Gesprächen mit v. Heyden, Bö ttcher, Richters, Reich enbach, Marx, König, Freund, Li b b e r tz u. a. die modernsten Errungenschaften der wissenschaftlichen Erkenntnis. Vom Metaphysischen und vom Transzendentalen war er kein Freund. Wenn ihm einer damit kam und nicht Ruhe gab mit Fragen und Deuteln und Besserwissenwollen, da pflegte er schließlich auf irgend eine ins Unendliche gehende Frage in echtem Sächsisch, das er so meisterlich sprach, zu antworten: „Ja, wissen Sie, mei Kutester, das kann ich Ihnen ganz genau sagen, das weeß ich s ä I b e r n i ch t!" — Andererseits verfolgte er einzelne tiefgründige philosophische Probleme, z. B. auch die neuesten Arbeiten von Driesch und O st w a l d , die in letzter Zeit eine Brücke zwischen Naturwissenschaft und Philosophie zu schlagen sich bemühen, mit großem Interesse.
„Suste nischt ock heem!" ... Weigert reiste gern; der Orient, Italien, Schweden und Norwegen, mtf fein Freund Gäbe lebt, England waren seine Reiseziele. Ibsen und Nansen begrüßte er schon zu freudigem Erstaunen in der Landessprache. Am liebsten aber ging er nach Schlesien, bis runter nach „Gruß-Brassei" (Breslau), gewöhnlich um die Weihnachtszeit! Da besuchte er seine Mutter, an ber er mit rührender Zärtlichkeit hing, seine Geschwister, für die er väterlich sorgte. Ueber Berlin kehrte er gewöhnlich zurück, nachde,m er, sich labend an den schlesischen Leibspeisen, die ihm im „Bürgerverein" versagt blieben, immer bei demselben alten Freupde und Kollegen den Weihnachtsabend verbrachte hatte. Die Sylvesternacht verschlief er fast regelmäßig im Eisenbahnwagen. Das war alles „Tradition" bei ihm! Aber wenn er wiederkam, da gab's nicht leere Hände, da packte er seine „Mittebringe" aus. Da erfuhren seineJntimen, was alles Ehrlich, sein zu höchstem Entdecker-Ruhm aut- gestiegenerVetter, wieder gefunden, die glänzendeEntwicklu ig der „Seitenketten-Theorie", die auf Weigertschen Forschungen sich aufbaute, und der „Jmmunitätslehre" —, was Robert Koch wieder im Werke hatte. Manchmal blinzelte oder schmunzelte er nur — denn er „durfte noch nichts sagen!" Anvertrautes wissenschaftliches Gut hütete er aufs
peinlichste. Rn Nranksurt a. M. ließ er sich im Freitag-
Kränzchen von Pfarrer Rade, vom Historiker S ch w e - wer, vom Ingenieur Lindley, vom Chemiker L e p s i u s, vom Philologen N e i ch a r d t u. a. belehren!
Die meisten Abende widmete Weigert der Geselligkeit im weitesten Sinne des Wortes. Er huldigte nicht bloß jenem chon erwähnten Verkehr, den ihm die Männer der Wissen- chaft bei ihren Zusammenkünften boten, sondern auch dem formlosen freundschaftlichen Geplauder bei Tische und im Rauchzimmer. Er trank aber seit Jahren keinen Alkohol, zur Fröhlichkeit brauchte er ihn wenigstens nicht. Die war ihm zur Hand, wo immer er sich befand, am Mikroskop bei seinen Schülern, im Ballsaale bei geputzten Menschen, bei Festessen, . wie beim einfachen Butterbrot im Familienkreise. Er blieb sich gleich an Haltung und Seele, wen er auch vor sich hatte. Hinreißend erschien überall und immer wieder die Art, wie er Ernstes und Heiteres milzuteilen wußte, wie er die verschiedensten Dialekte, z. B. in seinen „Drei Rätseln" handhabte. Nur an der Frankfurter Mundart versuchte er sich hier in den ersten Jahren vergebens. Er gab sie ganz auf, als ihm sein Freund Dr. Eifer einst bedeutete: er spräche die Mundart seines alten Anatomie-Dieners Heppe — das wäre nicht Frankfurtisch, sondern Oberhessisch! „Eine Geschichte von Weigert nacherzählen, hieße ein echtes Kunstwerk mit roher Hand zerstören!" sagte Ludwig Barnay von ihm, als man ihn bat, nur einen kleinen Teil des Gehörten wiederzugeben.
„Neue Fragestellungen in der pathologischen Anatomie" lautet der Titel eines Vortrages, den Weigert auf der 63. Versammlung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Aerzte zu Frankfurt a. M. im September 1896 gehalten hat. Wer sich von dem feinsten Gedankengange dieses Mannes ein Bild zu machen bemüht, wer sich an seinen klaren und unwiderleglichen Schlüssen auf die Schädigung der Zelle durch ihre Funktion und die Grenzen ihrer Neparationsfähigkeit erfreuen will, der lese immer noch einmal jene prachtvollen, wissenschaftlichen Darlegungen, die in den Goetheschen Versen gipfeln:
„Siehst du daher dem einen Geschöpf besondereren Vorzug
Irgend gegönnt, so frage nur gleich, wo leidet es etwa
Mangel anderswo, und suche mit forschendem Geist;
Finden wirst du sogleich zu aller Bildung den Schlüssel."
Dieser Vortrag sollte das „Stützgewicht" bilden zu einem groß angelegten Werke über „die Biologie der Zell e"/dessen Inhalt er schon in einer seiner Vorlesungen vor einigen Jahren zu skizzieren versucht hatte, und das zu vollenden ihm leider nicht mehr möglich war. Er hat, obgleich er nach der von ihm wesentlich geförderten Errichtung des Serum-Instituts (Kgl. Institut für experimentelle Therapie) an der Sandhosstraße, die 1899 erfolgt war — uno die Prof. Dr.Mor. Schmidt und ihm dieErnennung zum Geh. Medizinalrat gebracht hatte,— durch dessenLeiter Paul Ehrlich und seine Mitarbeiter manche neue wissenschaftliche
ireauna empfing, in den letzten Jahren relativ twemg cöffentlicht. „Er vermied es, Kleingeld auszugeven, da iit großer Münze zu zahlen gewohnt war!" — Wissen- ftliche Streberei und Sucht, sich gedruckt zu lesen. Priori-
Anreg veröf er mit schaftln täts-Streitio ten waren
neiaung haben sich jüngere Forscher, die > melnamen als „Chor der Modifikanten" bezeichnet, häufig genug in nicht gerade schüchterner Weise zunutze gemacht und sich ungeniert mit den Weigertschen Farben geschmückt und vieles Anempsundene als Echtes und Eigenes ausgegeben. Nur einmal trat er wider seine Gewohnheit, aber schlagfertig in die Schranken, als es galt, einem verstorbenen Wiener Professor gegenüber Meister C o h n h e i m s
Verdienste vor schlimmer Anfechtung und Verdunkelung zu verteidigen. Dieser Kampf-Artikel war aber auch ein Meisterstück wissenschaftlicher Polemik!
Mit dem Beginne des kommenden Frühlings sollte Karl Weigert das 60. Jahr vollenden: Seine Freunde und Schüler — ich nenne hier die Dr. Carl Herxheimer, Professor Gotthold Rieder-Pascha, Hahn, Moenckebreg, seinen jetzigen Assistenten Dr.Liefmann, Prof. Liepmann u. a.— hatten sich zusammengetan, um die vielfach zerstreuten Werke Weigerts heimlich zu sammeln, neu herauszugeven und ihn auch mit einer größeren Stiftung zu überraschen.
Die Norweger und Schweden waren ihm besonders zugetan ; sie übertrugen ihm die ehrenvollsten Aemter in Schiedsgerichten wissenschaftlicher Art.
Bon materiellen Sorgen war er in Frankfurt allmählich freigeworden; lange genug hatten sie auf ihm gelastet; denn immer und immer wieder hatte ihn die Infektion, der er in seinem Berufe ausgesetzt war, gepackt und geschüttelt. Oertliche, auch allgemein verbreitete Blutvergiftungen hatten ihn mehrmals zu langem Krankenlager gebracht, ehe er sich entschloß, Schutzmaßregeln zu ergreifen, die ihn dann vor Wiederholungen der Hautentzündungen schützten. Einmal war er totgesagt worden: Blumen und Kränze waren von auswärts schon für ihn bestellt, und ein Nekrolog war in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erschienen. Die Freunde waren bestürzt; sie gedachten ihm die peinliche Geschichte vorzuenthalten; er aber schnitt die Bedenken ab, indem er in seiner Rekonvaleszenz die herrliche Gesichchte vom Königsberger Kanzleirat Rostochatzky erzählte, der geträumt hatte, er wäre in den Himmel gekommen, und wie er sich da gefreut hätte, alte Bekannte hohen und niederen Standes in den verschiedentlichsten'Anstellungen im Reiche des Himmels — aber auch der Hölle anzutreffen . . .
„Die bioplastischen Kräfte sind zwar" — so sagt Weigert in einem seiner Vorträge über die Zelle — „noch eine recht lange Zeit nach Beendigung des Wachstums anscheinend vollkommen in der Lage, die Gewebe nach Funkiionsschädigung wieder auf den alten Zustand zurück» zusühren, aber allmählich nimmt die Fähigkeit zur voll»
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