Bildung der Schuppe gibt aber, wie bei der Feder, die Papille der Unterhaut. Dieser embryonale Unterschied, der eingangs schon betont wurde, gibt allein schon dem Haar eine Sonderstellung gegenüber der Schuppe und Feder und verlangt, daß man die, Haare von den Schuppen und Federn trenne.

Der Ansicht, zwischen Schuppe und Haar als Zwischen­stufe den Stachel und die Borste einzuschieben und der An­nahme, daß der EntwickelungsgangSchuppeStachel BorsteHaar" lauten müsse, widerspricht unsere genaue Kenntnis von der Entwickelungsgeschichte der Stacheln. Bei unserem Igel und beim australischen Ameisenigel ist die An­lage des Stachels völlig gleich der Anlage des Haares, eine rein epidermoidale, und erst nachdem der Zapfen der Ober­haut in die Tiefe gewachsen ist, entwickelt sich an seinem Grunde genau wie beim Haar eine Papille zur Befestigung und Ernährung. Der ersten Anlage kann man es gar nicht ansehen, ob sie zu einem Stachel oder zu einem Haar wer­den will. Ter einzige Unterschied zwischen Stachel und Haar besteht darin, daß beim Stachel die einzelnen Schich­ten stärker ausgebildet sind. Dadurch verliert der Stachel aber niemals seinen Haarcharakter und wird in keiner Be­ziehung der Schuppe oder der Feder ähnlicher, mit denen er also auch nicht in phylogenetische Beziehung gebracht werden darf. Die Stacheln und Borsten sind weiter nichts als stark entwickelte Haare.

Wie wir sahen, liegt im Bereich einer Schuppe stets eine größere Anzahl von Haaren. Wir müßten also doch min­destens die ganze Haargruppe einer Schupp« homolog sein lassen, so daß also ein Haar nicht einer ganzen Schuppe, sondern nur einem Teil einer solchen entspräche. Dem ist aber entgegen zu halten, daß nirgendwo eine Andeutung der Sonderung einer Schuppe in mehrere Teile zu konstatieren ist. Bei keiner Wirbeltiergruppe ist etwas derartiges beob­achtet worden, auch nicht bei den Säugetieren, die neben einem Schuppenpanzer ein Haarkleid tragen. Sodann ist als Beweis für die phylogenetische Ableitung des Haares aus einer Schuppe noch hervorgehoben worden, daß die Haare in der Schuppenpapille wurzeln. Emery fand bei einem Embryo des Gürteltieres an den hinteren Extrem i- täten eine Gruppe von Haaren mitten auf den Hautschil­dern. Dieser Befund will mir aber bei der eigentümlichen sekundären Natur des Panzers der Gürteltiere nicht beson­ders beweiskräftig erscheinen Die Untersuchung der Ent- Wickelung des lsKinzers der Gürteltiere hat nämlich gezeigt, daß eine jede größere Schuppe, die wir am erwachsenen Tiere sehen, durch Verschmelzung mehrerer kleiner Schup­pen entstanden ist. Zwischen diesen sog. FurchunMhuppe« stehen einzelne Haare, die Mit der zunehmenden VerschänA- zung verdrängt werden, so daß schließlich nur nach dis Haare am hinteren Rande der Schuppen übrig MtüxnJ | Die Haare standen zwischen den kleinen Schuppe». Es, ' reiht sich also dieser Fall allen anderen an. DassÄLe gilt von Clämydophorus und sonst ist kein Tier bekannt, Lei! dem Haare mitten in der Schuppe aus der Haut her-i vortreten, sondern überall da, wo Haare in der Schuppen» Papille wurzeln, durchbrechen sie die Haut stets auf twn hinteren freien Rand der Schuppe. Es ist ja auch ganz erklärlich, daß die Haare, die sich an schuppentragenden Tieren entwickelten und darin sind ja alle Forscher einig, daß die Vorfahren der Säugetiere einen Schuppenpanzep besesien haben nicht die harten und festen Schuppe« durchbrechen, sondern nur in den Einsenkungen unter dem hinteren Rande der Schuppen, dort wo die Hart weich und ohne Hornüberzug ist, sich entwickeln konnten. Die Be­ziehung der Haare zu den Schuppen ist also eine rein topo­graphische.

Zu dieser Ansicht fiihrt mich besonders eine biologische, Erwägung. Das Haarkleid müssen wir uns doch wohl als einen Wärmeschutz in einer Zeit der Erdgeschichte ent­standen denken, als die Wkühlung des Klimas immer mehr zunahm- Da man sich nun nicht vorstellen kann, daß erst nach einen: 'Schwund des Schuppenkleides der erste Schritt zur Entwickelung des Haarkleides getan wurde, ist man zu der Annahme gezwungen, daß die Entstehung der Haare wahrscheinlich mit den: Schwund der Schuppen Hand in Hand ging, und daß die Haare bereits auftraten, als die Schuppen noch vorhanden waren. Aus mechani­schen Gründen können sich die Haare zunächst nur uMer dem hinteren freien Rande der Schuppen entwickelt haben, wodurch zugleich die platte Form der Haare, die wir bei manchen Säugetieren finden, verständlich wird- Hier wird

die Entwicklungsmöglichkeit die größte gewesen sein, denn die Haare wurden hier in ihrer Entwicklung am wenigsten beeinträchtigt, weil ihre Stellung und Richtung mit der der Schuppen übereinstimmt. Die Aus breitun g der Haare und Haargruppen^st zunächst nicht weiter in die Schuppe hinein, sondern nur über ihren freien Rand erfolgt. Nach­dem sie an biologischer Bedeutung und somit auch an Aus­dehnung getvannen und infolgedessen mächtiger und größer wurden, bedurften sie auch einer besseren Befestigung und drangen tiefer in die Schuppenpapille ein. Als dann späterhin die Schuppen imnrer mehr an Bedeutung ver- loren und allmählich schwanden, haben sich die Haare erst ihrer Plätze bemächtig n und allgemein über die Haut aus­breiten können. Biologisch läßt sich diese Annahme so ver- stehen, daß dem Wärmeschutz gegen eine geringe Abkühlung des Klimas durch das spärliche Haarkleid unter dem Rande der Schuppen Genüge geleistet wurde. Gegen eine weitere Abnahme der Tenrperatur konnte es aber nicht hinreichen­den Schutz gewähren; es bedurfte dazu eines viel dichteren Haarkleides, welches aber erst entstehen konnte, als die Schuppen an Bedeutung verloren und schwanden. Aus dem gleichzeitigen Nebeneinandervorkommen ergibt sich un- l bedingt, daß die Beziehmigen der Haare zu den Schuppen i nur eine topographische gewesen sein kann.

Die Temperaturabnahme betrachten wir soniit als den maßgebenden Faktor bei der Entstehung des Haarkleides. Aber nicht nur die Entstehung der Haare findet hierdurch ihre Erklärung, sondern auch die des warinen Blutes und der Schweißdrüse. Tiere mit einem schlecht wärmeleiten­den und deshalb warmhaltenden Haarkleid konnten der Wkühlung des Klimas bessep trotzen. Die amphibien­ähnlichen Vorfahren der Dugetiere mit chrem wechsel- warn:en Blut hätten aber doch'H Kälteschutzes gar nicht bedurft, denn sie konnten doch,,. wie heute noch die Amphibien und Reptilien, durch..Erstarrung und Winter- schlaf die kühlere Zeit überdauern. Es muß daher mit der Entstehung des Haarkleides eine Erwärmung des Blutes gleichzeitig stattgefunden haben oder ihr schon voran­gegangen sein- Aber mit der Erhöhung der Körperwärme und ihres Schutzes allein war auch noch nichts gewonnen; es bedurfte noch eines Wärmeregulationsapparates und das waren die Schweißdrüsen. Entstehung des Haarkleides, Erwärmung des Blutes und Entwicklung der Schweiß­drüsen sind drei wichtige unzertrennliche Stufen in der > Phylogenie der Säugetiere,'welche einzeln für sich genom- I men nicht zu erklären und jur verstehen sind. Sie bilden 1 eine zusammenhängende Gruppe.

Somit wird uns auch der innige Zusammelchang zwi­schen Haar und Schweißdrüse, der bei den meisten Säuge­tieren konstatiert werden kann, verständlich. Die Schweiß­drüse ist ein Anhangsgebilde oder vielmehr ein Zwilling des Haares, denn sie entwickelt sich ebenso wie die Talg- drüse aus der Haaranlage. Derselbe Epideriniszapfen ent­hält die gemeinschaftlichen, Anlagen für Haare, Schweiß­drüsen und Talgdrüsen und an den behaarten Körperstellen entwickeln sich meist alle drei Gebilde aus ihm. Er kann aber auch gerade so gut nur -eine Schweißdrüse oder nur ae Talgdrüse oder endlich nur ein Haar oder einen Sta­pel aus sich hervorgehen lassen. Man bezeichnet daher den ursprünglich einfachen Oberhautfortsatz besser nicht als .Haarkeim, sondern als primärenEpithelkeim", aus dem sich Haarkeim, Schweißdrüsen- und Talgdriisen-Anlagen ab­scheiden können.

Ursprünglich kommt jeder Haargruppe nur eine Schweiß­drüse zu und an den meisten Tieren, selbst bei manchen höheren Affen, mündet die Schweißdrüse noch in den Haar­balg ein, aus dem sie auch chre Entwickelung nahm. Die selbständige Ausmündung der Schweißdrüse ist die Aus­nahme und kommt auch nur bei wenigen Tieren vor. Meist zeigt ihre Lage zu den Haargruppen auch dann noch, daß sie ursprünglich an die Haargruppe gebunden war. Haare und Schweißdrüsen sind nicht nur topographisch, sondern auch ontogenetisch und phylogenetisch miteinander verknüpft, und dort wo diese Beziehungen heute nicht mehr sichtbar sind, liegen sekundäre Verhältnisse vor.

Die erwähnten verschiedenen Stufen in der Phylogenie des Haarkleides sehen wir heute noch an verschiedenen Tieren in schönster Deutlichkeit ontogenetisch zum Ausdruck ^ gebracht. Beim Stachelschwein gewähren die in breiten alternierenden Gruppen stehenden mächtigen Stacheln auf dem RüHeL.den Anblick, als ob sie hinter Schuppen her-