Die speziellen Fragen, welche in diesen Arbeiten über die Phylogenie des Säugetierkleidcs behandelt werden, bewegen sich in zwei ganz verschiedenen Bahnen und diese müssen auch in unseren! Vvrirage getrennt behandelt werden.

In erster Linie ist die Frage zu entscheiden, ob die Be­ziehungen zwischen Schuppen und Haaren nur topographi­scher Natur sind, oder ob hier eintieserer, phylogenetischer Zusammenhang besteht, d. h. mit anderen Worten: Deutet die heute noch an schuppentragenden Säugetieren vorhan­dene Stellung der Haare darauf hin, daß die Haare sich ehemals nur zwischen oder unter den Schuppen entwickel­ten oder sind die Haare als umgewandelle Schuppen e ck- zufassen, die aus diesen selbst oder aus Teilen derselb-. hervorgingen?

Die ziveite Frage betrifft das Haar als Einzelorgan. Sind die Haare etwa aus anderen Hautgebllden niederer Wirbeltiere entstanden oder besitzen sie überhaupt keine phylogenetischen Vorläufer und sind als selbständige Neu­bildungen der Säugetiere aufzufassen?

Das Haarkleid ist für die ganze Klasse der Säugetiere so charakteristisch, daß Oken die Säugetiere auchHaar- riere" genannt hat. Allerdings kennen wir eine Anzahl von Säugetieren, welche der Haarbedeckung entbehren. Die Haut der Wale ist gänzlich nackt- Schuppentier und Gürtel­tier sind mit einein Schuppenpanzer bedeckt, der an die Reptilien erinnert, und bei vielen anderen Säugetieren zeigt sich eine solche Schnppenbildung an einzelnen Körper­stellen, namentlich an den Schwänzen, so z. B. beim Bieber, bei unseren Ratten und Mäusen, sowie bei manchen Klettertieren. Igel, Stachelschwein und der australische Ameisenigel sind mit starren und spitzen Stacheln ausge- irüstet.

Doch ist dieser Mangel der Haare nur ein scheinbarer, i Bei den genannten Wassersäugern sind die Haare durch Anpassung an die schwimmende Lebensweise geschwunden, spärliche Ueberrefte finden sich beim erwachsenen Tier nur noch am Kopf, die Embryonen sind aber teilweise noch niit! einem dichten Haarkleid bedeckt, das wohl zur Anlage, aber! Nicht mehr zum Durchbruch kommt. Die Wale stammen also von echten Haartieren ab- Ebenso haben manche Dick­häuter, wie Elefant, Nashorn und Flußpferd, die Haar­bedeckung größtenteils verloren und durch eine dicke, feste Haut ersetzt. Vereinzelle starre Borsten finden wir aber auch an ihnen überall. Bei den stachelbewehrten Tieren stehen zwischen den Stacheln zahlreiche Haare und die Bauchseite ist stets mit einem dichten Haarkleide versehen. And ebenso stehen bei den Panzertieren und an den be­schuppten Schwänzen stets zahlreiche Haare zwischen und unter den Schuppen. Man kann also behaupten, daß es kein einziges durchaus haarloses Tier gibt. Die funktio­nelle Anpassung der Haut an verschiedene Tätigkeiten und Existenzbedingungen führt im Verein mit der progressiven Vererbung zu höchst mannigfaltigen Differenzierungen der Hautgebilde. Trotz der-'verschiedenartigen Ausbildung, in welcher uns die Haare bei den einzelnen Tieren begegnen, ist aber der Grundplan des Haares doch stets der gleiche-

Wo Schuppen und Haare zusammen Vorkommen, und wir kennen nach den Untersuchungen von Reh wohl über 500 Arten Säugetiere, an'denen dies der Fall ist treten die Haare unter oder auf dem hinteren freien Rand der Schuppen an die Oberfläche und zwar in der Regel in 'Gruppen zu dreien oder zu mehreren, unter denen sich ein Haar, das sog. Mittelhaar, an Stärke und Länge hervor­tut. Tie Haargruppen liegen demgemäß ebenso wie die Schuppen in alternierenden Reihen, sie sind dachziegel­artig angeordnet. Besonders sind es die Schtvänze der Säugetiere, namentlich vieler Nager, tvelche solche Lage­beziehungen zwischen Schuppen und Haaren aufweisen. Weber, welcher in seiner schon erwähnten Arbeit über die Entwickelungsgeschichte des Schuppentieres die hohe phylogenetische Bedeutung des gemeinsamen Vorkonnnens pon Schuppen und Haaren betonte, hielt die Schuppen für has Priinäre, welche die Anordnung der Haare bedingen. iEr betrachtet die Schuppen der Säugetiere als den Rest einer früher allgemeinen Schuppenbekleidung, die man auf nicht zu langen: Umwege auf die Reptilienschuppe zu­rückführen kann. Bei manchen Tieren, wie beim Schuppen­der und Gürteltier, haben sich die Schuppen in spezifischer Weise weiter gebildet.

Die regelmäßige Anordnung der Haare können wir über­all da konstatieren, wo sie im Verein mit Schuppen in die Erscheinung treten. Aber auch bei dem dichten Haarkleide der schuppenlosen Säugetiere begegnen wir, so regellos die Haarstellung bei oberflächlicher Betrachtung auch zu sein scheint, bei näherem Zusehen einer äußerst gleichmäßigen und geregelten Anordnung der Haare. Zumeist überragt eine Anzahl längere Haare die übrigen, die sog. Granen- haare, und diese stehen in deutlichen Längsreihen. Dazwi­schen bildet die große Masse der Wollhaare den eigentlichen Pelz, aber diese.stehen auch nicht regellos, sondern bilden Gruppen Durch die ausführlichen Untersuchungen von -de Meij ere sind wir über die mannigfache Art der Gruppenstellung der Haare bei den verschiedenen Säuge­tieren unterrichtet. Ein« Haargruppe besteht im einfachsten Falle aus drei Haaren, einem Mittet- oder Haupthaar und zwei Nedenhaaren. Durch Vermehrung der Nebenhaare kommen aber auch Gruppen von 5, 8 und mehr Haaren zustande. Die Nebenhaave können aber auch Büschel bil­den, wie z. B. beim Schnabeltier, welche dann in bestimm­ter Anzahl ein Haupthaar umgebe::. Auch diese Büschel stehen wie die Haargruppen in alternierenden Reihen, und' wir brauchen nur die Haut einiger beliebiger Säugetiere anzusehen, um diese regelmäßige Anordnung der Haare auch auf den unbeschrrppten Teilen der Säugetierhaut zu er- kennen. Ja selbst beim Menschen, dessen Haarkleid die größte Reduktion erfahren hat, sehen wir am Handrücken meist zwei, oft auch drei Haare zusammenstehen.

I Die Haare einer Gruppe liegen meist in einer breiten 1 Reihe nebeneinander und rufen somit unbedingt den An­schein hervor, als ob sie hinter Schuppen hervorträten. Die Schuppen sind aber nicht mehr vorhanden.

Am schönsten zeigt uns diese vermeintliche Schuppe::- stellung der Haare ein Embryo van Aulacodus (Röme r) und von Erethizon (So tu eg). Am Rücken, Kopf und an den Extremitäten liegen die Haare in regelmäßigen alter­nierenden Gruppen von 3 bis 12 Haaren, welche unbedingt den Anscheir: erioecken, als ob sie hinter Schuppen stünden, denn die Haut zwischen den einzelnen Gruppen ist haar­los. Doch ist, wie die mikroskopische Untersuchung der Haut i ergab, keine Spur von Schuppen an jenen Stellen vor- Händen- Beim Stachelschweine stehen die Stacheln in ähn­lichen Gruppen von 5 bis 8 oder 10 bis 12 größeren und kleineren Stacheln in einer geraden Linie nebeneinander. So entsteht der Anblick eines nach Schuppen sich regelnden Stachelkleides, dem aber die Schuppen entschwunden sind. Beim Ameisenigel, besten Stachelkleid aus zwei Sorten von Stacheln besteht, stehen die großen Stacheln ganz regel­mäßig in fast gleichgroßen Abständen und bilden deutliche Längsreihen.

Wenn man nun in Erwägung zieht, daß die Haare auf den beschuppten Teilen der Haut in alternierenden Grup­pen stehen, und daß sie auf den unbeschuppten Teilen genau solche Gruppen bilden oder sich wenigstens auf eine der­artige Anordnung zurückführen lassen, so darf man daraus mit vollem Recht schließen, daß die jetzt schuppenlosen Teile der Haut früher gleichfalls Schuppen trugen. Di« Schup­pen selbst gingen verloren, die Anordnung der Haare und Haargruppen, die sich mehr oder weniger regelmäßig an allen Säugetieren findet, weist aber noch auf ihr früheres Vorhandensein. Das heißt mit anderen Worten:die Vor­fahren der Säugetiere sind unter schuppentragenden, niede­ren Wirbeltieren zu suchen." Dies ist die gemeinsame sichere Basis, auf der .alle Forscher, tvelche in den letzten Jahren über die Haut der Säugetiere gearbeitet haben, übereinstimmend und einwandsfrei fußen.

Nachden: wir diese Beziehungen der Haare zu den Schuppen kennen gelernt haben, ist die Frage zu erörtern, ob diese Beziehung eine rein topographische ist oder ob hier ein innigeres phylogenettsches Verhältnis vorliegt, das eine Meitung der Haare aus den Schuppen oder aus Teilen derselben rechtfertigt. Ich habe mich schon mehrfach zu der ersten Ansicht bekannt, tvelche die Beziehungen beider Haut­gebilde zueinander nur als topographische aufgefaßt wissen will. Gegen die stammesgeschichtliche Entwickelung des Haares aus einer Schuppe sprechen einmal nwrphologische Bedenken, daß das feine, runde Haar nicht einer mächtigen, flachen Schuppe entsprechen kann, und dann auch entwicke­lungsgeschichtliche Gründe. Die erste Anlage des Haare» ist eine knospenartige Einsenkung der Oberhaut, zu welcher die Haarpapille erst sehr viel später als Befestigung^ und Ernährungs-Organ hinzukommt. Den ersten Anstoß *ur