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Armeekorps Generalleutnant von Eichhorn.
In seiner Begrüßungsansprache wies der Vorsitzende zunächst auf die besondere Bedeutung der diesmaligen Jahresfeier hin, mit welcher die Grundsteinlegung zum Neubau des Naturhistorischen Mn. sei, ms verbunden ist, und hieß den Vertreter der Kaiserin und die glänzende Festversammlunq im Namen der Direktion herzlich willkommen. Sodann wandte sich der Vorsitzende an die zahlreicher als sonst erschienenen Mitglieder der Gesellschaft mit folgenden Worten: „Nicht zuletzt begrüßen Ivir auch Sie, cheine hochgeehrten Damen und Herren, die wir mit !Stolz und Freude zu unseren Mitgliedern zählen. Auf Ihren Schultern ruht unsere Jnsti- Mt ion , Der freundlichen Förderung, die^Sie allezeit s unseren wissenschaftlichen Bestrebungen zu teil werden ; lassen, danken wir es allein, daß wir bestrebt sein können, mH dem gewaltigen Aufschwung der Naturwissenschaften gleichen Schritt zu halten, deren Pflegestätte zu sein unser! Museum berufen ist.
Denken Sie an die rastlos fortschreitende Ausschließung bis dahin unbetretener Gebiete unserer Erde in tropischen Kontinenten wie in den Eismeeren der Pole, tvelche uns eine neue Tier- und Pflanzenwelt kennen gelehrt hat, und bleiben Sie eingedenk dessen, daß Ihre Mitarbeit es ist, die es unserer Gesellschaft ermöglicht, an den glänzenden Ergebnissen der Naturforschung einen kleinen Anteil zu nehmen.
In dem freundlichen Wohlwollen und in der tatkräftigen Unterstützung der frankfurter Bürgerschaft liegen die starken Wurzeln des Blühens und Gedeihens unserer Gesellschaft. 87 Jahre hindurch ist uns diese freundliche Gesinnung unserer Mütbürger ununterbrochen zu teil geworden, und hierfür aufs wärmste zu danken, ist auch heute wieder meine vornehmste Pflicht! Bewahre,: Sie uns dieses wohlwollende Interesse; tragen Sie es hinaus in imnier iveitere Kreise; dann werden tvir auch den neuen-großen Aufgaben gerecht werden können, die schon die allernächste Zukunft an uns stellen wird!
Mit dieser herzlichen Bitte heiße ich die erlauchte Festversammlung nochmals willkommen."
Hierauf hielt vr. Fritz Römer den hochinteressanten, durch zahlreiche künstlerisch ausgeführle Tafeln illustrierten ■ und mit lebhaftem Beifall cufgenommenen Festvortrag:
„Die Haut der Sänaetierc."
Hochansehnliche Festversammlung!
Nachdem D a r w i y uns durch sein epochemachendes Buch über die Entstehung der Arten den einheitlichen Gedanken für die Zoologie gegeben und Haeckel in seiner „generellen Morphologie" ein natürliches, auf der Erkenntnis der Blutsverwandtschaft beruhendes System der Tiere entworfen hatte, trat ein neuer Zug in der zoologischen Forschung hervor, das Suchen nach einem tieferen stammesgeschichtlichen Zusamnwnhang der einzelnen Tiergruppen. Tie Zoologie wurde nunmehr aus einer „beschreibenden" in eine „erkennende" Naturwissenschaft um- gewandelt.
Der Stammesaeschichte oder der Phylogenie der Wirbeltiere, zu denen tvir als oberstes Glied uns selbst, den Menschen, zu rechnen haben, hat sich das Interesse der Forscher von jeher aus naheliegenden Gründen weit mehr zugewandt, als allen anderen Klassen des Tierreiches.
Die vergleichende Anatomie, die Entwickelungsgeschichte und die Paläontologie, jene drei Geschichtsquellen, auf deren gleichmäßiger Verwertung und kritischer Vergleichung die Resultate der Stammesgeschichte beruhen, sind bei den Wirbeltieren von einer größeren Anzahl tüchtiger Forscher gefördert worden und haben eine Menge von trächtigen Er- ! gekniffen geliefert.
Freilich haben die hieraus gewonnenen Ansichten vielfach gewechselt. Die aufgestellten Stammbäume mußten mit der fortschreitenden Forschung in Einzelheiten oft kor- i rigiert, manchmal sogar von Grund auf umgestaltct wer- ! den- Aber dieser Wechsel wird bleiben, solange es überhaupt eine stamniesgeschichtliche Forschung gibt- !
; Die größere Mehrzahl der Zoologen und Anatomen neigt heute zu der Ansicht, die höheren Wirbeltiere — Reptilien, Vögel und Säugetiere — die wir mit dem gemeinsamen Namen Amniontiere bezeichnen, als zwei divergente Stämme der Wirbeltiere auszufassen, deren gemein- same Wurzeln ii: der Amphibien-Klasse zusammenlaufen.
Diese Amphibien-Ahnen dürfen wir aber aus vergleichendanatomischen und entwickelungsgeschichtlichcn Gründen nicht unter den heutigen nackten Amphibien suchen, sondern unter den ausgestorbenen Panzerlurchen der Steinkohlenzeit, den sog. Stcgocephalen, deren Haut gepanzert und mit knöchernen Schuppen bedeckt tvar. Aus ihnen haben sich einerseits die Säugetiere entwickelt und als andere.Hauptlinie, welche nach einer ganz anderen Richtung hin fortschreitend sich nmbildete, die artenreiche Gruppe der Reptilien und Vögel.
Wenn auch bei einer vergleichenden Betrachtung von lebenden und fossilen Tieren die Haxtgebildc, wie S kelett- system, Zähne, Verknöcherungen der Haut, in erster Linie Berücksichtigung finden, so kann eine Phylogenie doch nur dann Anspruch auf Vollständigkeit und bleibenden Wert haben, wenn alle Organe dabei gleichmäßig studiert und zur Begründung nutzbar gemacht werden.
Bei den Wirbeltieren ist aber die Haut, erst spät zu phylogenetischen Studien herangezogen worden.
Die verschiedene,: Hautgebilde der höheren Wirbeltiere, die wir bei den Reptilien als Schuppenpanzer, bei den Vögeln als Federkleid und bei den Säugetieren als Haardecke entwickelt sehen, sind alle drei Horngebilde der Haut, die in physiologischer Beziehung manche Aehnlichkeit zeigen. Ans Bequemlichkeit und ohne die Gründe dafür in: einzelnen zu prüfen, hat man lange Zeit Schuppe, Haar und 1 Jeder homologisiert und in den Schuppen der Reptilien den primitiven Zustand, von dem ans Haar und Feder sich entwickelt haben, gesehen. Kleine Unterschiede in der Entwickelung dieser drei Gebilde kamen dabei nicht in Betracht i und die Bedenken, daß das feine H«ar nicht mit der mäch- j ligen Jeder verglichen und auf dieselbe Schuppe zurück- j geführt werden könne, zerstreute man durch die Annahme, ' daß das Haar nicht einer ganzen Schuppe, sondern nur einen: Teile einer solchen entspräche.
Dieser entschieden bequeme Standpunkt hat sich bis in die neueste Zeit erhalten, obwohl schon G e g e n b a u r in der Art der ersten Anlage des Haares einen Grund sah, das Haar nicht für homolog der Schuppe und Feder zu halten. Gegembaur hat aber eine andere phylogenetische Ableitung der Haare nicht gefunden.
Erst in den neueren Hautarbeiten wurden die Besonderheiten in der ersten Anlage des Haares für so bedeutungsvoll erklärt, daß sich seine stammesgeschichtlichc Ableitung von Schuppen und Federn nicht länger aufrecht erhalten läßt.
Die Haare der Säugetiere sind lediglich aus eigentümlich differenzierten und ungeordneten Oberhautzellen zusammengesetzt. Tie erste Anlage des Haares ist eine rein epidermoidale; ihr erster Anstoß geht von der Oberhaut aus, deren tiefste Zellenlage durch Vermehrung eine zapfen- förmige Einsenkung nach unten in die darunterliegende Unterhaut treibt. Die Beteiligung der Unterha t in Farm einer Papillenbildung tritt aber erst später ein,''nachdem die Anlage der Oberhaut als solider Sproß beträchtlich in die Tiefe gewachsen ist.
Der erste Anstoß zur Anlage einer Schuppe und Feder geht aber von der Uuterhaur aus, welche durch Vermehrung ihrer Zellen an irgend einer Stelle eine papillenartige Erhebung gegen die Oberhaut vorwölbt, die sich weit über das Niveau der Haut erhebt und von der Hornkappe der Oberhaut erst später überwachsen wird. Die Haarpapille, welche als Ernährungs- und Vcfestigungsorgan erst sekundär in die Basis der Oberhautknospe hineinwächst, ist daher verschieden von der Schuppenpapille, welche primär die Bildung der Schuppen veranlaßt. Die Bedeutung ! dieses Unterschiedes wird uns noch klarer, wenn wir uns daran erinnern, daß die Oberhaut aus dem äußeren Keimblatt entsteht, die Unterhaut hingegen aus der äußeren Schicht des mittleren Keimblattes (Hautfaserblatt des Mesoderms).
Die ganze Frage nach der phylogenetischen Ableitung der Haare ist mit dieser Erkenntnis in ein neues Stadium getreten und die Veranlassung zu allen neueren Untersuchungen über die Haare und Schuppen ist in Max Webers Arbeit über die vergleichende Anatomie und Entwickelungs- aeschichte der Schuppentiere aus dem Jahre 1891 zu suchen. Sie war grundlegend für die Haar- und Schuppenfragc, denn alle weiteren Arbeiten, welche sich mit diesen: Thema befassen, sind direkt oder indirekt auf Webers Arbeit aufgebaut.. Es sind dies vornehmlich die Arbeiten von Emery, Keibel, Maurer, de Meijere, Reh, und ich selbst habe mich auch mit mehreren Arbeiten an der Klärung dieser Frage beteiligt.