:bie langen Wintermonate zweckmäßig, ja notwendig, die jungen Schwanzlurche schon in einer Zeit, in der wir ihnen eine ihren natürlichen Ernährungsverhältnissen entsprechende, abwechslungsreiche Kost bieten können, auch an arrdere Nahrung zu gewöhnen, deren Be- schaffung von der Jahreszeit mehr oder weniger unabhängig i st. Es sind dies die bekannten Mehlwürmer, sowie unsere gewöhnlichen Stubenfliegen und ihre Maden, die man in einein Einmachglas voll Sägespänen, mit Milch übergossen und mit einem Scheibchen Käse belegt, mühelos zu Hunderten und Tausenden züchten kann.
Bei einer solchen Ernährung wachsen die jungen Schwanzlurche langsam heran, und wie langsam ihr Wachstum erfolgt, ist aus eirrem Vergleich der kleinen Salainanderchen, die aus vorjährigen Larven gezüchtet sind, mit den ausgestellten zwei-- und dreijährigen Exemplaren ersichtlich. Freilich ist die Aufzucht mit einer großen Mühe verblinden; dafür bietet aber aüch die Gefangenhaltung unserer Salamander und Molche genug des Interessanten, und wenn sie auch schon viele hundert Jahre zurückreicht, so ist doch noch manche Frage offen geblieben, zu deren Lösung nicht nur der Gelehrte von Fach, sondern jeder Freund der Natur sein Teil beitragen kann. Bringt uns doch die Beobachtung der Sa- laniander und Molche, .ihrer Lebensweise und Entwicklung/ ihrer Juttertier« und. Feinde in die unmittelbarste Beriih- rung mit der großen, unerschöpflich reichen Natur und ihre Beobachtung ist einem jeden von uns, der im Ernst ^des Berufslebens steht, immer aufs neue eine Quelle der Erholung und des rein st en Genusses.
Neben der reichhaltigen Ausstellung lebender Tiere, Welche auch noch am Sonntag, den 27. März, von 11—1 Uhr zugängig ist, wird der Bortrag durch zahlreiche biologische und entwicklungsgeschichtliche Präparate aus dem Senckenbergischen Museum und durch eine Reihe kolorierter Zeichnungen erläutert, welche die Entwicklung der Fröscht! und Kröten, der Molche und Salamander und die verschiedenen Färbungs-Varietäten des Feuersalamanders zur Anschauung bringen-
In seinem Schlußwort gibt der Vorsitzende Prof. Dr. Marx einen kurzen Rückblick auf den äußerst befrie- digenden Verlauf der wissenschaftlichen Sitzungen in diesem Winter. Dieselben hatten sich, obwohl sie fast» alle acht Tage stattfanden, durchweg eines wesentlich stärkeren Besuches zu erfreuen, wie in allen früheren Jahren. Dasselbe gilt für die Vorlesungen der Dozenten Prof. Dr. R e i ch e n- ) a ch, Prof. Dr. Möbius und Privatdozent Dr. Oe st reich. Vor allem zeigt sich aber ck>as wachsende Interesse, welches der Sencken- bergischen Rat ur fo r sch enden Gesellschaft in allen. Kreisen der Bürgerschaft ent- gegengebracht wird, in dem steten An- wachsen-der Mitgliederzahl, welche in den letzten Tagen 600 überstiegen hat.
Schließlich teilt der Vorsitzende noch mit, daß zur Feier des 100. Geburtstages Matthias Jakob von Schleidens (geb. 5. April 1804 zu Hamburg, gest. 23. Juni 1891 zu Frankfurt a. M.j am 9. April d. Js. eine außerordentliche Sitzung geplant ist, in welcher Professor Dr. M. Möbius die Gedächtnisrede halten wird. I
Zu seinem 10 0. Geburtstag: 5. April 1904.* Von M. Möbius (Frankfurt)«
Am 5. April 1604 wurde in Hamburg Matthias Jakob Schleiden geboren und am 23. Juni 1881 starb er in Frankfurt, wo sich auf dem Frieobof sein Grabmal befindet und wo der Name einer Straße oaran erinnert, daß Schleiden in seinen letzten Lebensjahren hier gewohnt ! hat, in einer Zeit, als seine Tätigkeit sozusagen schon der Vergangenheit angehörte. Unvergessen aber ist heute noch und wird es lange bleiben, wcis er in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als ^Reformator auf dem Feld , der Naturwissenschaften gewirkt hat, denn die Methode, die er oamals zunächst für die wissenschaftliche Behandlung der Botanik einführte, galt zugleich für^ die anderen Zweige besonders der beschreibenden Naturwissen-
a und bedeutete die Vernichtung des Einflusses der unseligen Naturphilosophie eines Schilling und Hegel, die sich von Beginn des Jahrhunderts an jener Wissenschaften bemächtigt hatte. An Stelle nichtssagender Erklärungen und Schilderungen, die aus allgemeinen Begriffen, wie Polarität, Kontraktion und Expansion und dergl. abgeleitet waren. wurde die auf Anschauung der natürlichen Objekte und auf experimentellem Wege gewonnene Erkenntnis gesetzt, an Stelle der Deduktion, vom Allgemeinen zum Besonderen, die Induktion, vom Einzelnen zum Allgemeinen. „Die Botanik als induktive Wissenschaft" war deshalb der Titel, den Schleiden seinem bekannten Lehrbuche, den Grundzü- en der wissenschaftlichen Botanik gab. Obwohl er beson- eren Wert legt auf die lange methodologische Einleitung, in der er das System des Philosophen Freies als die einzige Quelle der Wahrheit anempfiehlt und auscinanderseht, so ist es doch weniger diese, als die von ihin in dem Buche selbst befolgte inbufttne Methode, die demselben einen so hohen Wert verleiht und mit einem . Schlage die wissenschaftliche Lehrmethode auf eine, ganz andere Grundlage gestellt hat.
* Eine ausführlichere Abhandlung über Schleiden von demselben Verfasser ist in Leipzig im .Verlag von W. Engel- ! Mann soeben erschienen. D. Reh, '
Entwicklungsgeschichte war jetzt das Schlagwort, und zum Prinzip wurde erhoben, daß ohne entwicklungsgeschichtliche Untersuchungen und ohne Zurückgehen bis auf die in den einzelnen Zellen sich abspielcnden Vorgänge ein Verständnis des Lebens nicht zu erwarten sei. In der Einführung dieser Grundsätze liegt das Hauptverdienst Schleidens und insofern ist das genannte Lehrbuch seine größte Tat.
Vielleicht ist aber der Name Schleiden noch bekannter dadurch, daß man ihn mit dein Schwanns zusammen nennt, als die Namen der Forscher, die die Entdeckung machten, daß alle Pflanzen und Tiere aus Zellen bestehen und entstehen, oaß die Zelle das Grundorgan sowohl oes tierischen wie des pflanzlichen Organismus sei. Jedenfalls war Schwann, der dies für die Tiere uachwies, durch Schleiden angeregt worden, der eine eigene Theorie für oie Entstehung der Zellen aufgestellt hatte. Es hat sich allerdings bald erwiesen, daß diese Theorie, für einzelne Fälle gültig, voreilig verallgemeinert worden war, doch hat es niemand so verstanden, wie Schleiden, zu betonen, daß alle Organe aus ursprünglich gleichwertigem Zellengewebe sich entwickeln. Fast zu gleicher Zeit wie seine Zellentheorie stellte er eine Theorie über die Entstehung des pflanzlichen Keimlings bei der Befruchtung der Samenanlage der Blütcn- pflanzen auf, war aber hier in einem Irrtum befangen, den er, so hartnäckig er ihn lange festhielt, doch schließlich als Irrtum einsehen und bekennen mußte. Schleidens Untersuchungen über diesen Gegenstand enthalten abgesehen von
Einladung zur ausserordentlichen Sitzung
auf Samstag, den 9. April 1904 6 Uhr abends
im grossen Hörsaal des Bibliothekgebäudes TAGESORDNUNG:
Vortrag des Herrn Prof. MÖBIUS: Matthias Jacob Schleiden, zur Feier seines hundertjährigen Geburtstages. (5. April 1904).