Frankfurter Nachrichten. Bonntag -en 30. November 1902

Wissenschaftliche Sitzung der Senckeu-

Frankfurt a. M., den ,29. November 1902.

Vorsitzender: Dr. August Knoblauch. .

Der Vorsitzende, welcher in Verhinderung der beiden Direktoren statutengemäß die Sitzung leitet, erinnert Zu­nächst daran, daß am kommenden Donnerstag, am 4. De­zember, hu'n dert-Jchchdecheifldssen sein werden, seit­dem eins der verdienstvoÄDkn Mtglieder der Gesellschaft G u st a v Ad o. l f. S pidß/geboren wurde. *

Ausgestattet mitMer- vielseitigen Begabung und mit : reichem Wissen, mit hohem Streben und ernster Aus- > dauer, hat sich Spieß in jungen Jahren nicht nur ' als Arzt eine führende Stellung unter seinen Fach­genossen erworben; er-hat auch mn dem ganzen wissen- i schastlichen und künstlerischen." an dem politischen und kirchlichen Leben Frankfurts einen hervorragenden An- theik genommen und durch, organisatorische Begab­ung vielfach schöpferisch auf. dasselbe eingewirkt. Zeug- niß dessen ist seine segensreiche Wirksamkeit als Mitglied in unserer Gesellschaft, im Aerztlichen und Mikroskopi- I scheu Verein, im Frankfurter Verein vom Rothen Kreuze j und im Pflegamt der Irrenanstalt, in der Administration des Städel'schen Kunstinstituts, in der Museumsgesell- schast und im Caecilienverein, im Presbyterium der Deutsch-reformirjen Gemeinde, im Vorstand der Muster- ischule und im Gesetzgebenden Körper der Freien Stadt ^Frankfurt.

Ein Theil dieser Korporationen zählt Spieß mit Stolz zu seinen Gründern, in anderen hat er Jahre- -und Jahrzehntelang mit großer Umsicht den Vorsitz geführt. Der Direktion der Senckenber gischen Maturforschenden Gesellschaft hat Spieß während seiner 43-jährigen Mitgliedschaft in drei Amts­perioden angehört, 1843/44 als korrespondirender Se­kretär, und 1853/84 und 1863/64 als e r st e r D i r e k - tor; zudem war er bis zu seinem am 22. Juni 1875 ! erfolgten Tode Mitglied unserer Kommission zur Er- theilung des S o e m m e r r i n g - P r e i s e s.»

Zweimal hat Uhn die allgemeine Hochachtung seiner Mitbürger, und namentlich der wissenschaftlichen Kreise Frankfurts auf hervorragende Posten gestellt, im Jahre !*1844, als er bei der Enthüllung des Goethe- d e n k m a l s die Weiherede gehalten, und im Jahre i1867, als er die in den Mauern unserer Stadt tagende glänzende Versammlung DeutscherNatur- forsch erund Aerzte als erster Geschäftsführer ge­leitet hat. Und als am 2. September 1873, die Srncken- bergische Gesellschaft in ihrem Vogelsaalc die Feier des fünfzigjährigen Doktorjubiläums ihres verdienstvollen Mitgliedes festlich beging, da kam die allgemeine Ver­ehrung, deren sich der Jubilar erfreute, in glänzender Weise zum Ausdruck. Zur Erinnerung an diese. Feier wurde eine silberne Denkmünze geprägt mit dem Relief- Lporträt des Jubilars und mit der Aufschrift:

Dem Arzte, dem Forscher, dem Förderer von Kunst und Wissenschaft,

: von Schule und freiwilliger Krankenpflege." ^

A Weit hat Spieß emporgeragt über seine Zeit und , das Andenken anisein segensreiches Wicken ist unver- gessen geblieben. In dankbarer Erinnerung dessen, was er uns war, werden wir an seinem hundertsten Geburts- |, tage de.n verdienten Lorbeer an seinem Grabe nieder­legen. Und wenn wiederum hundert Jahre in die Welt gegangen sein werden und keiner von uns mehr übrig ist, wir.d eine andere Generation sein Andenken dankbar ehren, ^ denn Gustav Adolf Spieß bleibt unvergessen."

Hierauf spricht vr. mecL F.Blu in über das Thema:

Iniraffsandukäre Entgiftung oder innere Secretion 1

Die Hypothese, daß gewisse Organe, wie Geschlechts­drüsen, N-benniere, Schilddrüse, Milz usw. in der Weisendem Gesammt-Organismus dienen, daß sie Stoffe zur Ernährung anderer Organe' an den Kreislauf abge­ben hierin gipfelt die ursprüngliche Lehre von der- inneren Secretion hat im Laufe der letzten Jahre immer mehr an Boden verloren. Die Erkenntniß. daß schwere Vergiftungserscheinungen dem Ausfall, z. B. der Schilddrüsen- oder der Nrbennierenthätigkeit folgen- Hab zu der Anschauung geführt, daß diese Organe normaler Weise entweder Gegengifte an den Kreislauf abgeben, die dort das schädigende Agens binden, oder daß sie die Gifte in ihrem Innern fesseln und unschädlich machen (intraglanduläre Entgiftung).

j Für die Thätigkeit der Schilddrüse und Nebenniere, in t denen sich reichlich Giftstoffe abgelagert finden/ läßt sich chie intraglanduläre Entgiftung im höchsten Grade wahr-, scheinlich machen, wie der Vortragende darchut. ' Die Hyphophyse scheint eine Gewißheit läßt sich hier jedoch nicht anssprechen eine ähnliche Funktion zu besitzen. Die Milz ist ganz evident em Ablagerungsorgan, über dessen Beziehung zu Blut und Körperausscheidungen der Vortragende einige neue.Forschungsresultate zu geben vermag. Die Geschlechtsdrüsen, durch deren Funktion ja offenbar der Gesammtorganismus mächtig beeinflußt wird man denke nur an die augenfälligen Unterschiede zwischen Stier und Ochse sind noch zu wenig in ihrer inneren Thätigkeit erforscht, um heute über sie mehr aus- zusagen, als daß sie eine innige Beziehung zur Entwick­lung und dem Wohlbefinden des Körpers besitzen.

Das Pancreas, die Bauchspeicheldrüse, deren Ausfall Diabetes hervorruft, ist wohl das einzige Organ, bei dem mit Wahrscheinlichkeit eine innere Secretion. die Abgabe . eines zuckerverdauenden Fermentes an das Blut, zu ve:- muthen ist.

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