Frankfurter Nachrichten, Sonntag den 16. November 1902
bergischerr NaLurfsrscheNDeu Gesellschaft.
• Samstag, 15. November 1902,
' Vorsitzender: vr. weck. E. Roediger.
Oberlehrer vr. M. Levy spricht
„Ueöer die Nerzbewegungen der Instanzen."
. Unter Reizbewegungen versteht man diejenigen Be->
. wegungen, welche au.f äußere Einflüsse hin erfolgen,
; Sie tonnen zu Lauernden oder vorübergehenden Ge, staltanderimgen führen. Die Reize selbst sind Physikalische, wie Schwerkraft, Licht, Wärme usw. oder chemische. Eine Bewegung auf die Reizquells zu heißk positiv, im entgegengesetzten Falle negativ.
Alle Gewächse unterliegen dem Reize der Schwerkraft. Die Sprosse sind positiv, die Wurzeln negatip geotropisch, die Aeste und Blätter nehmen eins Zwifchenstellung ein. Sie sind plagiotrop — georrops Dis Reizbewegungen auf andere Reize kommen in be-l forideren Fällen Zur Beobachtung.
Rankende und windende Pflanzen find auf der der; Stütze zngewcndeten Seite reizbar und es genügt ein geringer Druck, um diese Bewegungen auszulösen: bei der Passionsblume 1 mg. Die Reizbarkeit ist nicht von Anfang da, die Ranken müssen Z. B. % ihrer Länge erst erreicht haben. Auch die Saugwurzeln sind mechanisch reizbar und umklammern die sie berühren- deir Erdtheilchen. — Manche Ranken entwickeln Klammerpolster, mit denen sie sich sesthalten. Diese wenden sich dem Lichte ab. Das Licht zieht die Sproß- theile in der Regel an und stößt die Wurzeln ab^ Blanche niederen Pflanzen fliehen die Helligkeit, wie die Lohblüthe, die sich in die Lohe flüchtet. Tie Sporen .von Ullothrix theilen sich in zwei Lager, von denen die einen dem Lichte zueilen, die anderen sich abwen-- den. Hier spielt aber nicht nur die Richtung, sondern mich die Intensität eine Rolle, schwaches Licht zieht die Schwärmer an, starkes Licht stößt sie ab. Aehn» lich verhält sich die Wärme, wie man an den Stengeln! der Erbsen und Bohnen Nachweisen kann. Sie krümmen sich bei. mäßiger Wärme der Quelle Zu und ( bei starker von ihr ab. Gegen geringe Wärmeunter- l! schiede sind besonders manche Blumen enrpfindüch^ lpwie unsere Tulpenarten, die ihre Kronen schon!; schließen, wenn eine Wolke ihnen die Sonnenstrahles ' entzieht.
Bei dem Reiz durch das Wasser müssen wir untcr- . scheiden zwischen dem, welchen das Wasser als solches ; ^ und dem, welchen es als fließendes Wasser ausübÜ K Die Wurzeln bewegen sich nach der Feuchtigkeit hin, ■' die Fertpflanzungsorgane scheuen sie. Dem Stroms ' entgegen wachst dis Wurzel des Maises, die Fäden des Schimmelpilzes folgen der Richtung des Stromes.' Die Schlcimpilze überwinden sogar Hindernisse, um zum Wasser zu kommen.
Alle diese Reize sind andauernde, aber es gibt auch Bewegungen auf plötzliche. Die Mimose senkt ihrs Blätter bei Berührung, die Fliegenklappe schlägt ihrs ' Blatthälften zusammen, wenn man die steifen Borsten^' die darauf stehen, berührt. ' '
Tie Schlafbewegungen, die besonders deutlich beim Sauerklee nnd den Leguminosen zu beobachten sind, erfolgen mit Eintritt der Dunkelheit.
Von den chemischen Reizen fallen besonders diejenigen auf. die als Chemotaxis bekannt sind. Manche niederen Pflanzen werden durch chemische Substanzen angezogen, wie die Schwärmsporen der Farne durch
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Aepfelsäure und die Schwärmsporen der Moose durch Rohrzucker. Die Schleimpilze bewegen sich auf ihre Nahrung zu.
Auch das Hinwachsen der Ernährnngsorgane der ^Parasitischen Pflanzen auf ihre Wirthe ist dem chemischen Reiz der letzteren beizuzählen.
Ganz besonders merkmürdig verhält sich die Kleeseide, ihr fadendünner Sproß treibt nur dann Haftwurzeln, wenn er sich auf seiner Wirthspflanze befindet, sonst wird nur die Stütze umschlungen, um von ihr aus zu einer Nährpflanze zu gelangen.
Soweit bis jetzt bekannt ist, werden die Neizbeweg- ungen durch Turgorschwankungen hcrvorgerufcn. Bes der Mimose ist es gelungen, den Wasseraustritt aus den Zellen des Bewegungsgewebes nachzuweisen.
Tie Reizbewegungen sind für die Pflanzen zweckmäßig. Ein Fortleitung des Reizes ist nachgewicsen- doch kennt man keine reizleitenden Gewebe.
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SR