IraMsutter

fomttfag dm 2. November 1902

Wissenschaftliche Sitzung der SenÄen-

Samstag, den 1. November 1902., Vorsitzender: Dr. E. Roediger.

Professor Dr. L. E d i n g e r, welcher der Gesellschaft in früheren Jahren wiederholt Mittheilungen aus seinen Vorstudien zur vergleichender: Psychologie ge- , macht hast Mcktheilungen, die denGehicnbau derFifche, Amphibien und Reptilien betrafen, berichtet über den vorläufigen Abschluß einer größeren Arbeit über das Gehirn der Vögel, welche demnächst in den A b h a n d l u n g en" der Gesellschaft erscheinen soll, und legt die Tafeln mit Abbildungen von Präparaten vor. Die Untersuchung des Vogelgehirns war deshalb eine besonders mühevolle, weil die Formen, die es darbietet, sich zunächst durchaus nicht mit denen an­derer, bereits bekannter Gehirne decken, es mußten deshalb experimentelle und. entwicklungsgeschichtliche! Untersuchungen und auch die mannigfachsten Färbe- ' Methoden herangezogen werden. So kam es, daß die Arbeit sich über acht Jahre erstreckte. Der Vortragende erläutert die äußeren Formen, die Gruppen von Ganglienzellen und den Verlauf der Fasern, welche imVogelgehirn gesunden wurden, er hat über 70Arten, zumeist aus dem hiesigen Zoologischen Garten, unter­sucht. Ganz neu und unerwartet war zunächst der Befund, daß die Gehirns der einzelnen Vogelarien sich außerordentlich nach ihrem inneren Bau von ein­ander unterscheiden, es gibt solche mit sehr reicher Faserung und Zellenentwicklung und solche, welche relativ sehr arm daran sind. Zwischen dem Gehirn einest Taube etwa und eines Papagei oder einer Gans ist der llnterschied nicht geringer, als etwa zwischen demGehirst eines Kaninchens und dem eines Hundes oder Weist Die Thiergröße hat damit gar nichts zu thun. Der Vortragende hat unter Anderem an vier Strauß» gehirnen eine relativ niedrige Entwicklung konstatiren können; vielleicht am komplizirtsften im Bau, am reichsten an Verbindungsmöglichkeiten sind die Ge-, Hirne der Papageien und dann das Gehirn der Gans^ Für die mannigfachen Beobachtungen über psychische Fähigkeiten der Vögel, welche wir bereits besitzen, lassen sich jetzt, wo die Anatomie des Gehirnes besser bekannt ist, vielfach befriedigende llnterlagen finden. Aber man muß, so schloß der Vortragende, nie ver­gessen, daß wir uns eigentlich keine rechte Idee machen! können über die seelischen Prozesse, welche in einem Gehirn ablausen, das so außerordentlich verschieden nicht nur von dem der Menschen, sondern auch von dem der anderen Säugethiere gebaut ist. Die Ergebnisse dex hier mitgetheilten anatomische Untersuchung fordern vielfach zu neuen und nun exakteren Fragestellungen in der Thierpsychvlogie aus, auch-wird es jetzt erst möglich sein, von dem Experiment, das heißt von der Entfernung einzelner Hirntheile und der Beobachtung des überlebenden Thiere^ wichtige Ausschlüsse zu er-! halten. Die zahlreichen Details, welche eine solche * anatomische Untersuchung notwendiger Weise bringt,

' konnten vom Vortragenden nur angedeutet, manche ; auch an Tafeln und Präparaten demonstrirt werden^

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