Literarisches.
Abhandlungen, herausgegeben von der Senckenbergischen naturforschenden ! Gesellschaft. Bd. XXVI. Mit 40 Tafeln und 48 Tertfiguren. 586 S. O. Frankfurt a. M., Moritz Diesterweg.
. Dieser Band, der sich inhaltlich wie in. Ausstattung würdig seinen Vorgängern anschließt, bildet gleichzeitig den 2. Band der wissenschaftlichen Ergebnisse von Dr. A. Voeltzkows Kersen in Madagaskar und Ostafrika in den 1889—95. Er wird eingeleitet von Voeltzkow selbst mit dem 1. Theil einer Reihe von Arbeiten über die Entwicklung der Reptilien, zunächst mit der Abhandlung: Biologie und Entwicklung der äußeren Ko r p er form von Crocodilus madagasca» N8 i s G r a nd. Mit 17 Tafeln und 18 Textfiguren. Obgleich die Krokodile über die Tropen fast der ganzen Erde verbreitet sind, in manchen Gegenden zur Landplage werden und obgleich deren Eier als wichtiges Nahrungsmittel gelten und vielfach zum Kaufe angeboten werden, so sind Embryonen doch, schwer zu beschaffen, da die Eier ungemein empfindlich sind und die Kcimanlagen leicht verschwinden. Das Madagaskar-Krokbdil findet sich in jeder größeren Wasseransammlung, in jedem Flusse und auch in den schmalen Meeresarmen, die sich meilenweit in das Land hineinerstrecken; es ist das gemeinste größere Wirbelthier der Insel. Besonders zahlreich sind die Krokodile auf den Sandbänken mancher Flüsse zu beobachten; rudert man einen solchen Fluß hinab, so kann man innerhalb einer Stunde leicht hundert und mehr zuGesicht bekommen. Voeltzow hatte sich in Majuuga auf der Westküste von Madagaskar und dessen Umgebung zum _ Arbeitsgebiet für seine entwicklungsgeschichtlichen Studien erwählt und hier waren Krokodile in erforderlicher Zahl zu erhalten. Die Thiere werden ungefähr im zehnten ^zahre geschlechtsreif und haben alsdann eine Länge von 3 bis 3 y z Meter; doch gibt es auch bedeutend größere Thiere. Während ihres Aufenthaltes im Wasser sieht man gewöhnlich nur die Spitze der Nase und die Augen über die Oberfläche hervorragen und sie verschwinden lautlos beim geringsten Geräusche. Hier, im Wasser, sind sie dem Menschen gefährlich, während sie auf dem Lande feige die Flucht vor ihm ergreifen. Beim Austrocknen der Gewässer machen sie weite Reisen über Land, aber auch sonst unternehmen sie Nachts größere Wanderungen, um ihrer Nahrung nachzugehen, die in allem Lebenden besteht, das ihnen erreichbar ist. In ihrem Magen findet man stets eine Anzahl Steine, die vermutlich zum Zerkleinern der Nahrung beitragen. Der Panzer vermag den Kugeln nicht zu widerstehen; auf kurze Entfernung dringt selbst starkes Schrot noch in die Seiten- theile des Panzers erwachsener Thiere ein. Das Krokodilfleisch wird in Madagaskar von den Eingeborenen roh gegessen; in manchen Gegenden Ostafrikas jedoch wird der Schwanz als Leckerbissen hochgeschätzt. Die Eier sind ihres Moschusgehaltes wegen schwer verdaulich; sie sind hartschalig und erinnern in ihrem Aussehen an die unserer Gänse. Gegen Ende der trockenen Jahreszeit legt das Krokodilweibchen Nachts 20—30 Eier in eine etwa einen halben Meter tiefe Grube, die es an einer trockenen, sandigen Stelle in der Nähe des Ufers ausgescharrt hat. Nach der Eiablage wird das Nest mit Sand bedeckt und der Boden so sorgfältig geebnet, daß keine Spur von dem Neste wahrnehmbar bleibt.. Frische Nester verrathen sich nur durch eine Furche, die der Schwanz des Thieres beim Fortbewegen hinterläßt. Dieser Furche folgend durchsuchen die Eingeborenen, indem sie mit ihren Sperren sondiren, den Boden, bis sie auf das Gelege stoßen. Die Entwicklung im Ei nimmt etwa 2 l / 3 Monat in Anspruch. Während dieser Zeit kehrt das alte Krokodil in Zwischenräumen von wenigen Tagen zu dem Neste zurück, um sich von dessen ordnungsmäßigem Zustand zu überzeugen. Am Ende der Entwicklung entfernt das Mutterthier den Sand aus der Grube, die Jungen durchbrechen hierauf die Eischale, gelangen ins Freie, werden von der Mutter empfangen und zum Master geleitet. Das Räthsel, wieso das alte Thier so genau weiß, wann der Zeitpunkt zum Ausscharren der Grube gekommen ist, löst sich durch die Thatsache, daß die Jungen im Ei gegen das Ende ihrer Entwicklung die Fähigkeit erlangen, Töne von sich zu geben, die deutlich oberhalb der Saudschicht des Nestes vernommeki werden können. Naht sich also um diese Zeit das alte Thier dem Neste, so erfolgt von dem Jungen, angeregt durch die Erschütterung des Bodens, ein Schreien und dieses ist für das alte Krokodil das Zeichen, die Bahn frei zu machen. V. konnte das Rufen in den Eiern willkürlich veranlassen, indem er an einer Sandkiste, die Eier enthielt, mit festem Schritte vorüberging oder indem er die betroffenen Eier in bcr Hand bewegte. Ohne die mütterliche Hilfe würden die ausgekrochcnen Jungen das Tageslicht nicht erreichen. Da sich im Laufe der Untersuchung herausstellte, daß ein Theil der Entwicklung schon im Eileiter durchlaufen wird, so war V. gezwungen, ausgewachsene Thiere in großer Zahl zu fangen, um in den Besitz der frühesten Entwicklungsstadien zu gelangen. Im Ganzen erbeutete er in drei Jahren etwa bundert ausgewachsene lebende Krokodile, worunter sich jedoch nur sieben trächtige weibliche Thiere mit Eiern im Eileiter befanden. Der Fang der Krokodile geschah in der Regel vermittelst einer leicht zusammenziehbaren Schlinge aus starkem Tau An diese Schlinge lvurde der Köder befestigt und ein Ast aus frischem Holze derart angebracht, daß sich die Sckilinae im Wasser aufrecht erhielt und geöffnet blieb. Beim Erareifen des Köders löste sich der Ast los und die Schlinge ,oa sich und den Ober- oder Unterkiefer des Thieres infolge seitlicher Bewegungen zusammen. Nun konnte dieses mit dem Tau das mit der Schlinge verbunden war, an das Land gezogen werden. Hier war die schwierige Aufgabe, den gefährlichen Schlägen des Schwanzes dadurch zu begegnen, daß
man ihn mit Hilfe eines Baumstammes solange an den Boden andrückte und den Kopf dabei, um dessen seitliche Bewegung zu verhüten, so lang nach vorn zog, bis das ganze Thier. Kopf, Rumpf und Schwanz, der Länge nach an einem Balken befestigt war. Die Gliedmaßen wurden nach dem Rücken zu festgebunden. In dieser Lage trugen Eingeborene die Thiere oft meilenweit bei glühender Tropensonne nach dem Hause Voeltzkows. Voeltzkow beschreibt nunmehr Form, Schale und Inhalt des Eies und schildert dessen Vorbehandlung zum Zwecke, späterer Untersuchung. Voii diesem, dem anatomisch-entwicklungsgeschichtlichen Theile, wollen wir hcrvorheben, daß B. jederseits längs des Rückens in der Muskulatur mit einem Ausführungsgange versehene stecknadelkopfgroße Organe entdeckte. Dem Werk ist ein sehr ausführliches, 38 Seiten umfassendes Literatur-Verzeichniß beigegeben.
Ein zweiter Beitrag Voeltzkows zur Entwicklungsgeschichte der Reptilien betitelt sich „Die Bildung der Keimblätter von Podornemis madagas« cariensis Grand", einer Süßwasserschildkröte. Zu dieser Arbeit gehören 4 Tafeln und 8 Abbildungen im Text. — In einem dritten Beitrage von A. Voeltzkow und I. Döderlein „Zur Frage nach der Bildung der B a u ch r i p p e n" (mit 2 Tafeln und 1 Textfigur) behandelt Jener die Ontogenie der Bauchrippen, während Dieser deren Phylogenie erörtert. Voeltzow weist nach, daß die Bauchrippen der Krokodile dermater Natur und ihre Beziehungen zur Bauchmuskulatur nur sekundär sind; Döderlein zeigt, auf paläontologischen Thatsachen basircnd, daß das Vauchrippensystcm der heutigen Reptilien nur ein Rest eines ehemaligen Schuppenklcides ist. — Ein vierter Beitrag Voeltzkows zur Entwicklungsgeschichte der Reptilien behandelt „Keimblätter, Dottersack und erste Anlage des Blutes und der Gefäße bei Crocodilus madagascariensis Grand". Mit 7 Tafeln und 5 Textfiguren. Besonders erwähnenswerth ist die eigenthümliche Umwandlung des Dotters, um ihn zur ( Aufnahme in den embrhonalen Körper geeignet zu machen, ferner das Eindringen des hühncreigroßen Dotters in den Körper des Fötus uud die komplizirteu Veränderungen, die die Wand des Dottersackes erleidet, um den Dotter zu verflüssigen und zu resorbiren.
Eine Arbeit von H. Strahl „Der stlterus gravidus von Galago agisjrmbanus", eines
Lemuriden, mit 8 Tafeln, verfolgt den Entwicklungsgang der Embryonalhüllen in ihren Beziehungen zum Uterus. Der Autor faßt am Schlüsse seiner Abhandlung die Ergebnisse in sechs Sätzen zusammen. — H. deSaussure beschreibt von den gesammelten Hymenopteren die sehr schwer auseinander zu haltenden Vespidae. Ein merkwürdiger Umstand in der madagassischen Wcspenfauna ist, daß bei zwei der beschriebenen Gattungen die Färbung oft ins Grüne übergeht, selbst ganz apfelgrün wird, während die Arten sonst in ihren Formen typisch dieselben sind wie die afrikanischen Arten. Die vier Textfiguren sind Abbildungen, neuer Ncstformen. Interessant ist der Hinweis, wie aus der Form der Zellen auf die Gestalt der Wespen und ihre Lage, in den Gallen zu schließen ist. Untersucht wurden 65 Arten/ von denen sich 17 als neu für die Wissenschaft herausstellten. — I. Thiele gibt ein Verzcichnitz der gesammelten marinen und litoralen Mollusken. Mit neun Textfiguren. Von den Aldaüero-Jnseln stammen 49 Arten, worunter eine neu, von Madagaskar 31 Arten und von Zanzibar 82 Arten. — Unter den von H. F riese aufgefübrtcn Apidae, Fossores und Chrysididae, weisen die Apidae 5 für Madagaskar neue Arten auf und 4'I> Arten, die überhaupt noch nicht bekannt waren..— H. d t' Saussurehat zusammen mit L.Z e h n t n e r dieM Y r i o-i p o d e n bearbeitet, die von der Westküste von Madagaskar; und von den benachbarten kleinen Inseln stammen; einige^ Arten wurden auf Zanzibar erbeutet. Die ganze Samm--! lung besteht aus 33, größtentheils noch unbeschriebenen Arten, (22), von denen 2 zu neuen Gattungen erhoben werden; mußten. Sie lehrt uns die Myriopodenfauna jener kleinen- Inseln einigermaßen kenne», und es zeigt sich dabei, daß fte! noch ganz madagassischen Charakter hat. Die meisten Arten; gehören der Familie der Juliden an, doch ist die Gattung Julus selbst nicht vertreten. Die Chilopoden liegen in einigen! interessanten Formen vor. Der Arbeit sind 2 Tafeln beige-, geben. — Eine Frucht des einmonatlichen Aufenthaltes au^ den im Indischen Qccan gelegenen Aldabra-Jnseln, bekamst:! als Wohnstätte der Riesen-Schildkröten, von denen Voeltz-/ kow einige Exemplare erbeutete, die dem Zoologischen Gar-, ten in Frankfurt a. M. übergeben wurden und fortgesetzt^ einen besonderen Anziehungspunkt dieses Institutes bilden.,, ist die folgende Arbeit des Reisenden, betitelt: „Hebern Coecolithen und Rhabdolithen nebst Be-> merkungen über den Aufbau und die Ent-y stehung der Aldabra-Jnseln. Mit 3 Abbildungen^ im Text. Die Untersuchung hat ergeben, daß wir es aufj Aldabra nicht mit einer Bank zu thun haben, als deren! Hauptbildner sich die Korallen erweisen, sondern daß die, Inselgruppe als ein gewachsenes altes Riff aufzufassen ist,! zusammengesetzt aus einem durch die Thätigkeit kleinster! mikroskopischer Lebewesen erzeugten homogenen Kalk und daß) erst durch eine spätere Ueberrindung mit Korallen ein Ko-s rallenriff vorgetäuscht wird. Die große Lagune ist eine spä-st tere Bildung und durch Auslaugung der zentralen Partien, unter Beihilfe der erodirenden Wirkung der Gezeiten ent-1 standen. Sollte sich die Vermuthung des Verfassers bestätigen,! daß sich auch bei andern im westlichen Theile des Indischen., Oceans als Korallenriffe bezeichneten Riffen eine gleiche! Bildung wie auf Aldabra Nachweisen ließe, so würde damit! unsere bisherige Anschauung von der Riffbildung überhaupt, wesentlich modifizirt werden müssen. — Im Anschluß an diese! Arbeit gibt Voeltzkow ei ne. Ucbe rsicht über „Die von, SUbabrabtS jetzt bc fannfft Flora und Fan- , rt a“ mit vergleichenden Bemerkungen über dre geographische, Verbreitung und die Verwandtschaftsbeziehungen der Flora^ und Fauna jenes Atolles. — Den Schluß des Bandes bilden. die „K o l e o p t e r e n der Aldabra-Jnseln", bearbeitet von H. I. K ol b e. Von den dort vorlommenden 34