Frankfurt a. M., den 9. Jnni 1902.
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Die Senckcnbergische Naturforscherrde Gesellschaft richtet an die Stadtverordneten-Versammlnng ein Schreiben, worin sie zur Erbauung zweier neuen Gebäude für ihre und des Physikalischen Vereins Zwecke auf dein Terrain des Senckenbergischen Stistungsgeländes die Zustimmung der Stadtverordneten-Versammlnng erbittet. Das Bürgerspital soll nach dem Nibelungenring verlegt werden; der Zustimmung des Magistrats hoffen sie sicher zu sein.
Die Senckenbergische Stiftungsverwaltnng, welche dadurch eine große Einbuße ihres Vermögens erleiden würde, weigert sich nun selbstverständlich, diesen Töchteranstalten einen so großen Vermögensmrteil zu überantworten, da sie durch Hergabe des außerordentlich wertvollen Terrains an der Bleich- und Senckenbergstraße und durch die Verlegung des Senckenbergischen Bürgerspitals nebst den Neubaukosten nicht- in der Lage sei, ihre Zustimmung zu geben, wenn nicht eine gleichzeitige Subvention stattfände. Die Administration der Dr. Senckenbergischen Stiftung sagt darum wörtlich, „daß sie mit Rücksicht auf die allgemein-hygienischen Verhältnisse des Bürgerspitals, zu dessen Unterhalt«»- ste stiftrrngsgemiitz in erster Linie verpstichtet ist, nicht in der Lage fei, die Erlaubnis znm Beginn des Neubaues der Gesellschaft auf ihrem Terrain zu geben, bevor die Verlegung des Hospitals gesichert sei." Der Standpunkt der Administration ist darum der allein richtige.
Wie hat man nun magistratlicherseits die Sache einfädeln wollen? Die Jügel'sche Stiftungssumme von über 2 Millionen Mark sollte nun der Hebel sein, um das Bürgerspital aus den Angeln zu heben. Die Verquickung der Dr. Senckenbergischen Stiftung mit den anfangs kleinen Töchteranstalten „Museums-Gesellschaft" und „Physikalischer Verein" sollte noch eine Erweiterung erfahren dadurch, daß man mit den Geldern des Jügel'scherr Vermögens eine sogenannte freie Akademie für Philosophie, Litteratur re. in dem neuen Teil des jetzigen Bürgerspitals nach Umbau desselben errichten wolle, und dadurch unter Zahlung einer Millionensumme von Jügels Erbschaft die Administration der Dr. Senckenbergischen Stiftung in die Lage zu versetzen, am Nibelungenring ein neues, zeitgemäßes Hospital zu erbauen. Das Terrain dazu sollte städtischerseits auf 43 Jahre zinslos abgegeben werden. Außerdem sollte die Stadt die Unterhaltung, Verwaltung, Heizung und Beleuchtung der Jügel'scherr Akademie übernehmen. Diese . 1 ^
Auflage hätte die Bedeutung gehabt, daß eine Liebesgabe an die Museums-Gesellschaft uud an den Physikalischen Verein von jährlich vielleicht 100,000 Mk. einschließlich des Zinsverlustes ans der Terrain-Summe von 600,000 Mk. ans 43 Jahre gegeben worden wäre. Das alles bei dem auf's höchste gespannten Etat!
Nun war dies allerdings selbst der sonst so generösen Stadtverordneten-Mehrheit zu stark. Die Vorlage wurde mit knapper Mehrheit abgelehnt, trotzdem Herr Dr. Geiger, der Führer des Freisinns und Herr Dr. Fester, der Führer der Nationalliberalen, eifrig dafür plaidirten. Herr Dr. Rößler, welcher gur Zeit verreist war, brachte die Sache -nach- seiner Rückkehr wieder auf's Tapet uub die Versammlung lehnte es ab, nochmals zu verhandeln, wenn nicht ■ von genannten Tochtervereinen ein auf anderer Basis stehender Vorschlag gemacht worden sei.
So liegt nun die Sache. Die Senckenbergische Museums- Gesellschaft wird hoffentlich init ihrem Notschrei ebenso abfahren, wie es mit den Anträgen des Magistrats und des Herrn Dr. Rößler geschah, lieber das Jügel'sche Stiftungs- Vermögen hat leider die Stadtverordneten-Versammlnng keine Macht, da die Administration souverain ist und diese Souverainität rücksichtslos ausüben wird. Aber die Stadtverordneten-Versammlnng hat es in der Hand, die Sache dadurch zu vereiteln, indem sie es abweist, die Plärre dieser Wissenschaftler mit städtischem Geld zu unterstützen.
Ist eine Verlegung des Bürgerspitals und Erweiterrmg desselben notwendig oder auch nur wünschenswert, so gebe nran das geirarrnte Gelände am Nibelnngenring dem Bürgerspital meinetwegen auf 60 Jahre zinslos her. Man gebe es so groß, daß die jetzt so ansprrrchsvoll gewordenen Tochteranstalten ebenfalls für sich dort Gebäude errichten könnten. Dann weiß inan wenigstens, was die Sache derr Stadtsäckel kostet. Paßt es euch nicht, dann,laßt es! — Als man das Stüdel'sche Jnstitrrt nach Sachsenhausen verlegte, schrieen auch Gegner: „Nach Sachsenhausen? So weit hirraus?" Heute ist es weder zu weit draußerr, rroch sirrdet es jemand nnpassend, daß es in Sachsenhansen und nicht in Frankfurt liegt. Das Jrrstitut hat jetzt ein gutes Geschäft gemacht. — Wollen die Wissenschaftler nicht so weit hinausfahren, so mögen sie wegbleiben! Die ganz unnötig breiten Prachtringe würden einen Zrveck erfüllen, da solche monumentale öffentliche Gebäude Fremde und Ein-