Pt 305

Frankfurter Nachrichten, Sonntag den 3. November 1991

- Wissenschaftliche Lrtzrmg -er Seruken- \ bergischenNaturforschenden Gesellschaft.

t Samstag, den 2. November 1901.

' Vorsitzender: Oberlehrer I. Blum.

. Der Vorsitzende legt denBericht 1901" vor, wel­cher unter Anderem eme Beschreibung des projektir- t e n Neubaues des n a t u r h i st o ri s ch e n M u - s e u ms nebst einer perspektivischen Ansicht« desselben und zahlreichen Plänen enthält, und theilt alsdann mit, daß wiederum werrhvolle Geschenke dem Museum über­wiesen worden sind. Frau St. George-Sabel in Hove (Sussex) hat der Gesellschaft in pietätvoller Ge­sinnung eine reiche Sammlung von Schmetter­ling e n u n d K ä f e r n, die ihr sell Gemahl schon als Knabe in seiner Vaterstadt Frankfurt anzulegen be­gonnen und später fortgesetzt vermehrt hat, dem Museum überwiesen und dazu Zwei kunstvoll gearbeitete Schränke zur Aufbewahrung der Thiere. Die Gesellschaft wird dieses ansehnliche Geschenk in Ehren halten. Ein . anderes hochbedeutendes Geschenk besteht aus einer ' großen Anzahl Siiugethiere, zum Thei!

' seltene Exemplare, die Freiherr C. G. v. S ch i l l i n g s auf Weiherhof bei Düren von seiner Expedition nach Deutsch-Ostafrika mitgebracht hat und die die Gesell­schaft der Hochherzigkeit des Geh. Kommerzienrathes Max v. Guaita verdankt. Durch diese Schenkung, in Verbindung mit der des Freiherrn Carlo v. Er­langer und der R ü p p e l l' scheu Ausbeute, besitzt nunmehr die Gesellschaft eine Sammlung von afri­kanischen S ä u g e t h i e r e n, um die sie viele Mu­seen beneiden können. Auch die botanische Sammlung hat einen werthvollen Zuwachs erfahren; Martin Dürer, der genaue Kenner der Frankfurter Flora, hat sein großes Herbar geschenkt und wird es selbst in das allgemeine Herbar des Museums einreihen.

Nach diesen Mittheilungen des Vorsitzenden hält Dr. F. Römer, welcher im Jahre 1898 gemeinsam mit D r. F. S ch a u d i n n eine zoologische Forschungs­reise in das nördliche Eismeer unternommen hat, einen anziehenden Vortrag über

Die Meeresfauna von Spitzbergen nnir ilire Beziehungen zn den M»eresllrömungln."

Unter den Meeresthieren kann man zwei große Grup­pen unterscheiden, gewissermaßen zwei Lebensgemein­schaften: die Bodenthiere und die Plankton­thier e. Zu der Bodenfauna gehören alle am Boden des Meeres iestgewachsenen Thiere (Hydroiden, Moos- thierchen), alle Thiere ohne Schwimmfähigkeit (See­sterne, Seeigel, die meisten Schnecken und Muscheln) und alle schlechten Schwinimer (Krebse, auch manche Fische, z. B. alle Plattfische). Unter Planktonfauna versteht man diejenigen Thiere, welche sich in den hö­heren Wasserschichten und an der Oberfläche des Meeres umhertreiben. Auch viele Bodenthiere sind in der Jugend planktonisch, das heißt sie leben eine Zeit lang als Larven freischwimmend. Die Bodenthiere fängt man mit Schleppnetzen sog. Dredgen, die Planktonthiere mit Schwebenetzen, welche aus feinster Müller-Gaze bestehen.

In die Westküste Spitzbergens schneiden verschiedene größere Meeresabschnitte, die sich alle wieder in größere und kleinere Buchten gabeln. Die Westküste hat Fjord­charakter. Die Tiefe der Fjorde ist gering, kaum über 200 Meter; ihr Boden ist mit Schlamm bedeckt. Größere Tiefen trifft man erst 2030 Seemeilen von der Küste.

Ost - Spitzbergen besitzt Straßencharakter. Zwnschen den vielen größeren und kleineren Inseln zieht ein Labyrinth von Straßen, die alle von einer rapiden Gezeitenströmung durcheilt werden. Diese fegt allen Schlamm hinweg, der Boden ist daher im Osten steinig. Die Tiefe ist noch geringer wie im Westen. Zu diesen topographischen Differenzen gesellen sich noch andere, für das Thierleben wichtigere Unterschiede, welche durch die Meeresströmungen bedingt werden. Bekanntlich stoßen bei Spitzbergen zwei größere Meeresströmungen zusam­men, der von Südwesten kommende Golfstrom und der von Nordosten ziehende Polarstrom. Beide Strömungen

haben eine verschiedene Temperatur, verschiedenen Salz­gehalt (spezifisches Gewicht) und eine verschiedene Plank­tonfauna. Spitzbergen schiebt sich als eigentliches Boll­werk zwischen diese beiden feindlichen Strömungen. Der Golfstrom zieht an der Westküste Spitzbergens nach Norden und schiebt sich in höheren Breiten allmählich unter das salzärmere und daher leichtere Polarstrom- waffer. Die Wärme des Golfstromes nimmt mit der Zunahme der Breite stetig ab und dementsprechend ster­ben alle seine Planktonthiere, welche gegen eine Tempe­ratur-Verminderung empfindlich sind.

Wenn der Golfstrom an der Westküste Spitzbergens anlangt, ist seine Planktonfauna schon recht spärlich ge­worden. Nun liefert aber das abst.'rben> Plankton die hauptsächlichste Nahrung für die am Boden des Meeres sitzenden Thiere. Die Westku^- Spitzbergens ist also, soweit die Nahrung vom Plankton geliefert wird, als nahrungsarm zu bezeichnen. Im Osten verhält sich die Sache ganz anders. Beide Strömungen steigert aus großer Tiefe auf das Plateau der flachen Spitz­bergensee und prallen hier unvermittelt aufeinander; sie können sich in dem flachen Waffer nicht vertikal sondern,

muffen sich vielmehr vermischen, wobei die starke, alle, sechs Stunden umsetzende Gezeitenströmung der vielen Straßen kräftig mitwirkt. Der kalte Polarstrom ist viel reicher an Planktonthieren als der Golfstrom, namentlich an kleinsten Lebewesen (Diatomeen). Im Osten Spitz­bergens rieselt daher ein unendlicher Nahrungsregen auf die Bodenthiere nieder, denn es sterben nicht nur alle gegen Temperaturveränderungen empfindlichen Thiere des Golf- und Polarstromes, es sterben auch alle Thiere, welche gegen eine Aenderung des Salzgehaltes empfind­lich sind. Die Ostküste ist daher nahrungsreich.

Diese Verschiedenheiten der Lebensbedingungen. die> durch ein Zusammenwirken geologischer, hydrographischer und biologischer Faktoren entstehen, haben es bewirkt, daß die Gesammtfauna des Meeresbodens an der Ost-! feite Spitzbergens einen anderen Charakter angenommen hat, als im Westen.

Der Westen ist viel ärmer an Thieren, an Arten sowohl wie an Individuen, als die Ostküste. Dieser Unterschied erklärt sich leicht aus der erwähnten Verschiedenheit der Nahrungsmenge. Im Westen überwiegen die Thiere, welche sich kriechend ihre Nahrung suchen, im Osten dagegen die festsitzenden Formen. Die Charakterthierr des Westens sind die Stachelhäuter (Seesterne, Seeigel, Schlangensterne). Sehr spärlich sind dagegen die Coelenteraten und die Foraminiferen vertreten. Im Osten stehen aber die Coelenteraten und die Moos- thierchen im Vordergrund, welche der ganzen Fauna den Stempel aufdrüüen und in geradezu fabelhafter Ent­wicklung gefunden werden. Dichte Wiesen von diesen Thieren bedecken den Meeresboden, so daß das schwere Schleppnetz oft bis zum Rande mit Thiersiöcken gefüllt an die Oberfläche kam und nicht einmal eine Boden­probe mit heraufbrachte.'

Die Erklärung für düs Ueberwiegen der festsitzenden Formen im Osten ist in den starken Strömungen zu suchen. Die angewachsenen Thiere sind gegen die Ström­ungen widerstandsfähiger, als die freibeweglichen, die stets Gefahr laufen, hinweggespült zu werden. Sie wachsen der Nahrung gewiffermaßen entgegen; die frei- lebenden müssen zwischen ihnen Schutz suchen und mit den Brosamen zufrieden sein, die ihnen übrig bleiben. Sie sind daher im Kampfe um die Nahrung schlechter ge­stellt und können die festsitzenden Thiere niemals über­wuchern. Die größte Anhäufung von Thieren findet man in den Straßen, wo die stärkste Strömung herrscht. Die rapide Gezeitenströmung, welche alle sechs Stunden umsetzt, bringt nicht nur frisches Waffer (Sauerstoff­zufuhr), sondern auch frische Nahrung.

Die Vorherrschaft der festsitzenden Formen hat sich im Osten Spitzbergens sogar auf die Foraminiferen erstreckt, unter denen sonst nur wenig festsitzende Arten bekannt sind. Redner führte hier noch zahlreich« speziellere Bei­spiele an. Eine Eigenthümlichkeit aller Meerestheile um Spitzbergen ist das Fehlen einer Litoralfauna im engeren Sinne. In der Küstenzone fehlen bis etwa zu 10 Meter Tiefe Thiere und Pflanzen fast ganz, iveil das Eis hier