Wissenschaftliche Sitzung der Sencken- bergischen NaL«rforschendeR Gesellschaft. >
Samstag, den 19. Oktober 1901.
Vorsitzender: Oberlehrer I. Blum.
Der Vorsitzende gedenkt Zn Beginn der ersten wissem schaftlichen Sitzung des neuen Wintersemesters des herben Verlustes, den auch die Senckenbergische Gesellschaft durch das Ableben Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich erlitten hat. Lange Jahre hat die entschlafene Kaiserin der Gesellschaft als Mitglied angehört und wiederholt durch persönliche Theilnahme an den Jahresfesten ihr lebhaftes Interesse an den wissenschaftlichen Bestrebungen derselben bekundet. Die Gesellschaft hat an Se. Majestät den Kaiser ein Beileidstelegramm gerichtet und an der Bahre der Verstorbenen einen Kranz niedergelcgt. Der Kaiser hat hierfür telegraphisch und durch ein Schreiben des Zivilkabinets der Gesellschaft danken lasten.
Aus den Vorkommnissen des abgelausenen Sommers hebt der Vorsitzende die vor wenigen Wochen erfolgte, ^ glückliche Heimkehr des arbeitenden'Mitgliedes, Freiherrn' Carlo von Erlanger von seiner dritten Forsch- > ungsreise nach Abessinien, den Galla- und Somali-Ländern hervor, die derselbe im Dezember 1899 angetreten hatte. Einen Theil seiner reichen Ausbeute, darunter eine ungemein wcrthvolle Sammlung von Sauaethierfellen und Skeletten, welche an die großartigen Schenkungen R ü p p e l l s erinnern, hat v. Erlanger dem hiesigen Museum als Geschenk I überwiesen.
Ferner gedenkt der Vorsitzende der am kommenden Montag, den 21. d. Mts. stattfindenden Eröffnung der Akademie für Sozial- und Handels- Wissenschaften. Die Senckenbergische Gesellschaft bringt der Akademie das lebhafteste Interesse entgegen und erhofft von ihr eine segensreiche Förderung des wissenschaftlichen Lebens in Frankfurt.
Sodann berichtet Geh. Med. - Rath Professor Dr. Weigert, durch welchen die Gesellschaft bei der Feier zu Rudolph Virchows achtzig st em Geburtstage am 13. d. Mts. vertreten gewesen ist, über den glänzenden Verlauf der Feier. V i r ch o w, gehört seit dem 23. Oktober 1847 der Gesellschaft^ als korrespondirendes Mitglied an und ist anläßlich seiner 60jährigen Mitgliedschaft zum korrespon- direnden Ehrenmitglieds ernannt worden.
Hierauf hält Prof. Dr. M. Möbius einen Vortrag über:
„Insektenfarrgende H>ffanzen".
Da im Allgemeinen die Pflanzen den Thieren zur Nahrung dienen, so machte die Entdeckung großes Aufsehen, daß es auch Pflanzen gibt, welche Thiere fangen' und verzehren. Bis jetzt sind zirka 400 Arten aus 7 Familien bekannt geworden, die zu dieser eigenartigen biologischen Gruppe der thiersangenden Pflanzen gehören" und die sich den Pflanzen anschließen, welche sich in anderer Weise Thiere nutzbar machen, sei es zur Uebertragung von Pollen oder zur Verbreitung von Samen oder zum Schutz gegen die Angriffe anderer ^Thiere. Wie diese besitzen sie besondere Anlockungsmittel durch Duft, Farbe und Lockspeisen; ganz besonders auffallend ausgebildet sind oft die Fangapparate, obwohl wir hier Nebergänge von einfacheren Einrichtungen finden, die nur zur Abwehr der Thiere dienen; eigenthümlich
ist ihnen aber die Verdauung der gefangenen und ge- tödteten Thiere und die Aufnahme der Säfte als Nahrung. Daß diese Ernährung vortheilhaft ist, hat man in einigen Fällen Nachweisen können, für die anderen Fälle schließt man es aus dem.großen und manchmal sehr komplizirten Apparat, der für den Thierfang von der Pflanze entfaltet wird.
Biologisch können wir die thiersangenden Pflanzen in 3 Gruppen theilen, nämlich 1. solche, die nur mit Klebvorrichungen ausgerüstet sind, 2. solche, die Fallgruben oder andere Fallen bilden, ohne dabei Bewegungen auszuführen, 3. solche, die Fallen mit Bewegungsapparaten besitzen.
Die erste Gruppe wird repräsentirt durch Droso- phyllum lusitanicum, eine Verwandte unseres Sonnenthaues, die in Portugal als Fliegenfänger im Zimmer verwendet wird. An diese Art schließen sich einige andere Pflanzen an, bei denen eine wirkliche Verdauung der gefangenen Insekten nicht so sicher ist und die zu solchen Pflanzen überführen, die an den Stengeln oder Blllthenstielen Leimspindeln ausbilden, um kriechende Insekten vom Besuche der Blüthen abzuhalten.
In der zweiten Gruppe haben wir zunächst einige P i l z e zu erwähnen, besonders einen kleinen eigenthüm- lichen Schimmelpilz, dessen Fäden in Schlingen Nematoden fangen und verzehren. Hierher gehört ferner ein A r o n s st a b, der in seiner Vlüthenhülle eine Art Kesselsalle besitzt, und vielleicht die S ch u p p e n w u r z (Imlllraea); vor Allem aber gehören hierher die Kannenpflanzen mit den eigenthümlich umgestalteten Blättern, die Sarraecnien, Heliamphora, Darling- tonia, Cephalotus und die Isepentlles - Arten. Die Falle besteht darin, daß wassererfüllte Zisternen gebildet werden, in welche die Thiere fallen und aus denen sie nicht heraus kriechen können. Fallen anderer Art, nämlich eine Reuseneinrichtung, besitzt Genlisea, Klappfallen Utrieularia.
In die dritte Gruppe gehören die am höchsten entwickelten Thierfänger. Schwache Bewegungen führen die Blätter von Pinguicula aus; Drosera dagegen sängt kleine Thiere durch klebrige Drüsen und Einbiegen des Blattes, Aldrovanda und Dionaea durch plötzliches Zusammenschlagen der Blatthälften in Folge eines Berührungsreizes,-der durch besonders empfindliche Haare wahrgenommen wird. Bei allen sind fezernicende Drüsen vorhanden, bei manchen verändert sich das Sekret nach der Reizung, indem erst ein verdaulicher Körper veranlaßt, daß es sauer wird und pepsinartig wirkt. Die Aussaugung der peptoni- sirten Theile oder der durch Verwesung entstehenden Zersetzungsprodukte (wie in manchen Sarracenia- Kannen) geschieht wiederum durch Drüsen, und zwar durch die auch sezernirenden oder durch eigenartige oder durch die ganze Oberfläche des Fangapparates.
Es ließen sich nach der Nahrungsaufnahme noch solche unterscheiden, die abgestorbene Thiere verzehren (Aasfresser) und solche, welche die Thiere sozusagen selbst tödten und verzehren. In physiologischer Hinsicht, was nämlich die Nahrungsaufnahme betrifft, würden stch die 1 thiersangenden und -verzehrenden Pflanzen den para-i sitisch und saprophytisch lebenden anschließen.
Eine große Anzahl lebender und gepreßter Pflanzen, Wandtafeln und mikroskopischer Präparate erläuterte die interessanten Ausführungen des Redners.