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(Nachdruck verboten.!

I.

Das Scnckcnbergische naturhistorische Museum.

Von Forstmeister a. D. A. Nörig.

(Schluß aus Nr. 172 ds. Bl.)

,.W as kann man im Senckenbergischen Museum zu sehen bekommen?" Diese Frage wird gewiß oft von denjenigen aufgeworfen, die zum ersten- male im Begriffe sind, die Hallen derselben zu betreten. Die Antwort lautet: Für den, der mit der Absicht, sein Wissen zu erweitern und seine Kenntnisse zu bereichern, hier eintritt, giebt cs gar Vieles zu sehen und viel Neues kennen zu lernen; in welchem Maße, das hängt von dem Grade seiner Vorkenntnisse sowie davon ab, ob ihm ein kundiger Führer zur Seite steht oder nicht. Jur Allge­meinen läßt sich sagen, daß man hier sehen kann, welchen Lauf die Entwickelung unseres Erdkörpers genommen hat, aus welchen Bestandteilen dieser Körper zusammengesetzt ist, welche Pflauzenarteu ihn bekeidet, welche Tierarten ihn be­lebt haben und noch gegenwärtig beleben, In der That, diese Aussicht scheint vielversprechend, und ein jeder wird gespannt sein zu vernehmen, wie er dies alles in der, wenige Stunden umfassenden Besuchszeit sehen und er­fassen könne. Wer da glaubt, er könne während weniger Stunden Aufenthaltes oder während einiger Besuche, alles, was die Sammlungen des Museums bergen, kennen und begreifen lernen, der befindet sich in einem großen Irrtum. Darum ist es vielleicht ein dankenswertes Unternehmen, hier mit wenigen Zeilen eine Anleitung zu geben, wie man sehen und verstehen lernen kann.

Zunächst beachte man, che man die Objekte in Augen­schein nimmt, die überall angebrachten Plakate. Diese bereiten den Beschauer auf das Wesentliche der ausge­stellten Naturkörper vor. Ferner nehme der Besucher sich vor, nicht alles sehen zu wollen, was die Sammlungen bieten, sondern konzentriere seine Aufmerk­samkeit auf das, was chm Interesse cinflöht und was ihm verständlich zu werden verspricht. Und drittens fasse er den Entschluß seine Schritte öfter in diese Räume zu lenken, denn die auf das Studium der Natur verwendete Zeit ist keine verlorene Zeit.

Nach diesen Vorbemerkungen soll versucht werden, die Schätze des Museums in ihrem wissenschaftlichen Zu­sammenhänge zu beleuchten.

Es wurde oben bemerkt, man könne im Senckenbergischen Museum sehen und kennen lernen, welche Art der Entwickelung unser Erdkörper genommen I) a t und aus welchen Bestandteilen er zusammengesetzt ist. Viele der Leser haben wohl schon gehört, daß die Erde ursprünglich ein Gasball war, herrührend aus dem Zerfall eines Urnebcls. Aus diesem Gasball ging eine feurig­

flüssige Kugel herpor. In Folge fortgesetzter Wärme­entstrahlung bildete sich auf der Oberfläche' dieser Kugel eine Rinde aus festen Substanzen. Diese bestanden aus verschiedenen Mineralien in sehr verschiedenen Mischungs­verhältnissen. Sie bildeten das Ur- oder Grundgebirge. Die der Erde inne wohnende hohe Temperatur sank mehr und mehr und gestattete endlich die Bildung von tropfbar flüssigem Wasser, das bis dahin in Dampfform die Erd­kugel eingehüllt hatte. In diesem Wasser waren große Mengen von Kohlensäure und anderen Stoffen enthalten. Dieses kohlensäurehaltige Wasser begann nun in Ver­bindung mit den in der atmosphärischen Luft enchaltenen Gasen den Zersetzungs- und Auflösungs­prozeß an den Oberflächen des kaum entstandenen Ur- gebirges. Aus diesem Prozeß gingen zunächst schlamm­artige Gebilde hervor, die zu festen, schiefrigen Sedimenten erhärteten und neue Gebirgsarten bildeten.

Ununterbrochen entsendete die Erdkugel ungeheure Wärmemengen in den Weltenraum; sie kühlte sich mehr und mehr ab, ihr Umfang mußte sich aus diesem Grunde verringern. Die Folge war der Zusammenbruch der Erd­rinde an verschiedenen Stellen, so daß die Kugelform ver­loren ging. Die entstandenen Einsenkungen nahmen die Gewässer der Urmeere in sich auf, so daß festes Land und Meere von einander geschieden waren. Die fortgesetzt lvirkenden mechanischen und chemischen Kräfte erzeugten ununterbrochen neue Sand-, Dhon-, Kalkmassen, die an den tiefer gelegenen Stellen der Erdoberfläche zum Absatz gelangten. Im Laufe der vielen Millionen von Jahren, welche über die Erde dahingingen, bildeten dieselben be­ständig neue Sedimentgesteine, welche hier Salze und Erze, dort zu Kohlen umgewandelte Hölzer und an anderen Orten unverkohlte Pflanzen und Tiere in sich aufnahmen.

Von Zeit zu Zeit fanden Durchbrüche von feurig-flüssigen Massen durch die Erdrinde statt, welche die anfänglich hori­zontal geschichteten Sedimente in größerer oder geringerer Ausdehnung und in verschiedenem Grade aufrichteten. Die Erdrinde war also keineswegs eine starre unbewegliche Masse, man kann an vielen Stellen derselben sehr gut wahrnehmen, daß Hebungen und Senkungen zu ver­schiedenen Zeiten stattgeftinden haben, und daß ursprüng­licher Meeresboden nun den Gipfel von Gebirgen bildet. Das hat man schon vor nahezu zweitausend Jahren ge­sehen, denn der römische Dichter Ovid schreibt schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in seinen Meta­morphosen:

Was vor Zeiten noch war ein sicher gegründetes Erdreich,

Wurde banit Meer, und dem Schoße der Fluten entstiegen die Länder.

Fern vom Gestade der Wogen erscheinen nun glänzende Muscheln.

Diese hier kurz geschilderten Entwickelungsvorgänge, welche an dem Erdkörper sich vollzogen haben, können an Zahlreichen Objekten des Senckenbergischen Museums

studiert werden. Ja, noch viele andere Produkte dieses

Entwickelungsprozesses sind hier zu sehen. Es sei hier nur aus die wundervolle Mineralien-Saigmlung hingewiesen, welche die kostbarsten und glänzendsten Edelsteine, die schönsten, .nach bestimmten Gesetzen sich vollziehenden Kristallbildungen, das als Meteor aus dem Weltenraum auf die Erde gelangte gediegene Eisen, Gold und andere Metalle in Kristallen und Erzstufen in merkwürdigsten Bildungen aufweist.

Es ist oben bemerkt worden, man könne im Sencken­bergischen Museum auch die verschiedenen Pflanzen­arten, die seit Millionen von Jahren bis auf den heu­tigen Tag den Erdboden bekleidet haben, sehen und kennen lernen. Soweit man nicht übertriebene Ansprüche erhebt, ist dies thatsächlich der Fall. Es gehört das Studium dieser Flora zu den interessantesten und lehrreichsten Ge­nüssen, welche das Museum bietet. Wer sich mit der Pflanzenwelt der Gegenwart schon ein wenig befaßt hat, wird gefunden haben, daß in diesem Teile der organischen Welt eine große, von einem Menschen allein nicht zu über­schauende Mannigfaltigkeit herrscht. Er wird erkannt haben, daß es sehr kleine Und sehr einfach organisierte Wesen in der Pflanzenwelt giebt, die sich von den größeren und höher organisierten Pflanzen sehr scharf unterscheiden. Zu jenen einfachen Pflanzcngebilden gehören bekanntlich Algen, Pilze, Flechten, Moose. Farne, Schachtelhalme und Bärlappgewächse. Sie unterscheiden sich von den höher organisierten Pflanzen dadurch, daß sie keine Blüten, also auch keine Früchte entwickeln, sondern sich durch soge­nannte Sporen fortpflanzen. Die höher organisierten Pflanzen entwickeln Blüten und Früchte, und man kann bei diesen nackt- und bedeckt-sämige unterscheiden. Die letzteren nehmen eine höhere Stufe in der Entwicklungs- rerhe der Pflanzen ein als die elfteren.

Nach dieser Vorbemerkung wird der Leser vermuten, daß die zuerst erwähnten blütenlosen, sporenerzeugenden Pflanzen die ursprünglichen und zuerst auf der Erde ent­standenen bezw. entwickelten Organismen gewesen sein möchten. Diese Vermutung ist vollkommen richtig. In den ältesten Sedimentgesteinen, in welchen überhaupt Organismen sich erhalten haben, finden wir ausschließlich Reste dieser niederen Pflanzen. Ja, in den Steinkohlen­schichten findet man ausschließlich Reste von Holzgewächsen, die den tief in der Reihe stehenden Pflanzen angehören. Reste derselben, größtenteils im verkieselten Zustande bietet die Sammlung des Senckenbergischen Museums in zum Teil sehr schönen Exemplaren. Wir sehen da Reste von Bärlappbäumen (Lepidodendron), von Siegelbäumen (Sigillaria und Stigmaria) von baumartigen Schachtel­halmen (Calamaria) und von verschiedenen Farnbäumen. Die viel jüngeren Braunkohlenlager sind aus der Ver­kohlung höher organisierter Pflanzen hervorgegangen.

Für die Thatsache, daß in den älteren Sedimenten nur Pflanzen niederer Entwickelungsstufen Vorkommen und daß in dem Maße, in welchem die Ablagerungen später

stattfanden, die Sedimenre also jünger sind, die OrUau- sation der Pflanzen Foclichrirre macht, so^daß zuerm runkr- samige und danach büeckrsamige Mürenxflanzrn erschrrnrr^ für diese Thatsache sinder man in den Sammlungen 1*3 Museums zahlreiche Belege.

Auch aus der jetzt existierenden^ Pflanzenwelt findet man daselbst viele hochiicheresiante Objekte: Stämme und Früchte tropischer und einheimischer Gewächse und vieles andere.

Unendlich mannigfaltig sind die Tierarten, welche die Oberfläche unserer Erde im Laufe unmehbar langer Zeiträume belebt haben. Im Vergleich mir der ausge­storbenen Tierwelt erscheint die Gesamtheit der heurigen Tierwelt arm. Es mutz daher für den Besucher des Senckenbergischen Museums von besonderer Wichrigkeir sein, nicht bloß die Tierwelt der Gegenwart, die er auch in Zoologischen Gärten sehen und beobachten kann, sondern auch die vorweltliche, die ausgestoibene, wie sie nur in paläonwlogischen Sammlungen anziftreffen ist, kennen zu lernen. Für die Entwickelungsgeschichte der tierischen Organismen ist nun von höchster Bedeutung, daß es in der Vorzeit gewisie Tiere gegeben hat, welche Charaktere in sich vereinigt besaßen, die bei den Nachkommen derselben differenziert, d. h. auf m e h r e r e Tierarten verteilt sind. Jene hat man daher als Kollektivtypen oder auch als Embrhonaltypen bezeichnet. So bildet z. B. die Ureidechse Uroterosaurus Zpeneri eine Mittelform zwischen Eidechsen, Krokodilen und den ausgestorbenen Dinosauriern; so vereinigen die südamerikanischen Toxo- dontiden in sich Charaktere der Huftiere und oer Nage­tiere. Man wird daher von diesem Gesichtspunkte aus unter den ausgestorbenen Tieren sehr merkwürdige Formen finden.

Es liegt aber auch in der Natur der Sache, daß in jeder paläontologischen Sammlung fossile Tierreste immer nur rn beschränkter Menge vorhanden sein können und man darf deshalb nicht mit zu hoch gespannten Erwartungen an sie herantreten.

Bekanntlich unterscheidet man innerhalb der jetzt leben­den Tierwelt in der Entwickelung tief stehende Tiere von solchen, die höhere Stufen eimrehmen. Zu den ersteren oder wirbellosen Tieren rechnet man Urtiere (Wurzel­füßler, Infusorien, Schwämme), Hohltieve (Medusen, Polypen, Stachelhäuter (Haarsterne oder Seelilren» Seesterne, Seeigel, Seegurken), Würmer (Platt-, Rund- und Ringelwürmer), Gliederfüßler (.Krustentiere, Spinnen­tiere, Tausendfüßler, Insekten), Weichtiere (Muscheln, Schnecken, Kopffüßler) und Manteltiere. Die höh«xn oder Wirbeltiere umfassen, wie bekannt, die Fische, die Amphibien, die Reptilien, die Vögel und die Säugetiere.

Die Erforschung der fossilen Tierwelt hat nun, wie zu erwarten war, ergeben, daß in der geschichtlichen Ent­wickelung dieses Zweiges der Organismen die niederen Tiere zuerst in die Erscheinung getreten sind und daß allmählich im Lause der Zeit die höher stehenden SEtex*