(Nachdruck verbotcuZ

Museenwassdemmgerr.

i»)

Das SenckenVergische uaturhistorische Museum.

Von Forstmeister a. D. 2t. Nörig.

. Anregung zur Entstehung des Senckenbergischen naturhrstorrschen Museums ist von dem Arzte Dr. Phil.

~ av ausgegangen, welcher an dem von ^oh. Christian Senckenberg gestifteten medizinischen Jn- Nltute über Anatomie des Menschen las und zu diesem Zwecke eine zoologisch-anatomische Saminlnng geschaffen hatte. Er war eifrig bemüht, neben dieser seiner Samm­lung ein großes Naturalien-Kabinett entstehen zu lassen. Seine nach dieser Richtung geübte Propaganda war nicht ohne Erfolg; überall fand Cretzschmars Projekt unter der Bürgerschaft Frankfurts und anderer Orte Zustimmung und Wohlwollen. Viele Besitzer von Naturalien-Samm- lungen erklärten sich bereit, für die Begründung des Natu­ralienkabinetts ihre Sammlungen zur Verfügung zu stelleii. Andere Freunde der Natur traten zusammen, um die Mittel zur Erbauung eines eiitsprechcnd schönen Lokales rn ihrer Vaterstadt zur Aufstellung der entstehenden Samm­lung aufzubringen. Und um dem gesamten Projekte eine feste Organisation zu geben, vereinigte sich eine große Zahl aller dieser Gönner am 22. November 1817, dem hundert­jährigen Geburtstage Joh. Ehr. «enckenbergs, zur Bildung eurer wissenschaftlichen Gesellschaft, welche sich den Namen Senckenbergischc naturforschende Gesellschaft zu Frank- ftirt a. M." beilegte. An dieser Gesellschaft beteiligten sich Personen der verschiedensten Berufssteilungen, alle'von dem lebhaftesten Verlangen beseelt, auf dem Gebiete der Naturwissenschaft, insbesondere dem der Zoologie, der Botanik, der Mineralogie, der Geognosie und der Geologie sich gegenseitig zu belehren, diese Wissenschaftszweige zu fordern, andere ähiiliche Institute in ihren Bestrebungen zu unterstützen, das Interesse für dieselben unter ihren Mitbürgern anzurcgen, sowie die hierzu dienlichen Gegen­stände zu sammeln.

Am 16. April 1820 konnte zu dem Vau des Museums der Grundstein gelegt und am 22. November 1821 das Fest der Eröffnung desselben begangen werden. Dieser Erfolg, auf den der noch jugendliche Verein mit Gcnuq- thuung zurückblicken konnte, war ein glänzender Beweis für die Opferwilligkcit der Frankfurter Bürgerschaft, welche neben ihren auf ganz anderen Gebieten liegenden Vcrufs-

*) In einer Reihe tum Aufsätzen sollen an dieser Stelle von berufenster Seite die Schätze der Frankfurter Museen unseren Lesern geschildert werden. Der zweite Vorsitzende der Sencken- bergischen naturforschenden Gesellschaft, Herr Forstmeister a. D. R ö r i g , stellt unZ die zwei ersten Artikel zur Verfügung. In der Folge werden wir aus der Feder der Santen Prof. Dr Weizsäcker, Dr. H. v. T r e n k w a l d , Prof. Dr' O. Heuer und Dr. F. O u i l l i n g Aufsätze über die ihrer Leitung unterstehenden Institute zu veröffentlichen in der Lage sein: über das Stüdeksche Kunstinstitut, das Kunstgewerbe­museum, das Goethchaus und Goethemuseum, das Städtische historische Museum. Die Red, ^

thätigkeiten ein so hohes Maß von Interesse für die För­derung wissenschaftlicher Bestrebungen sich bewahrt hatte.

In dem neuen Museumsgebäude, das lediglich in dem­jenigen Teil bestand, in dessen unteren Räumen gegen­wärtig der Säugetiersaal und im oberen Stock der schöne Vogelsaal sich befindet, konnten die bis dahin in einem Privatgebäude untergebrachten und der Gesellschaft zur Verfügung gestellten Sammlungen zur Aufstellung ge­langen. Und keineswegs unbedeutend waren diese Samm­lungen. Zu ihnen hatten beigcsteuert Dr. I. G. Neuburg, Hofrat Dr. Br. Metier in Offenbach und Schneidermeister I. C. Fritz ausgestopfte Vögel in großer Anzahl, Professor Dr. W. A. Miltenberg eine Mineralien-Sammlung, Ober­leutnant C. H. G. von Heyden eine Jnsckten-Sammlung, Glasermeistcr I. G. Bloß eine vorzügliche Sammlung von Insekten, insbesondere von Schmetterlingen, ferner eine Sammlung ausgestopfter Vögel und überdies natur- wisscnschaftliche Werke, Handelsmann G. A. Völckcr eine Schmcrterlingssammlung und Doubletten einer Vogel­sammlung, I. F. Helm eine Conchhlicnsammlung, Dr. Sal. Stiebel eine Amphibien-Sammlung.

So war in kurzer Zeit ein Grundstock entstanden, an den sich neu hinzukommende Naturalien ansetzen konnten, um allmählich zu einem recht reichlich ausgestattetenNatu­ralienkabinett", wie es in Crctzschmars Plane lag, hcran- zuwachfcn.

Ehrende Anerkennung muß der Einsicht der damaligen Mitglieder der neuen wissenschaftlichen Gesellschaft gezollt werden dafür, daß sie diese ihr sozusagen in den Schoß gefallenen Schätze nicht engherzig und selbstsüchtig ver­schloß, sonder» dieselben alsbald und zwar schon in dem der Eröffnung des Museums folgenden Jahre, dem Pub­likum zugänglich machte, indem sic die Pforten dieses Tempels der Wissenschaft an zwei Tagen in der Woche zu jedermanns Eintritt offen hielt.

In den Annalen des Senckenbergischen naturhistorischen Museums steht der Name Eduard Rüppcll mit gol­denen Lettern unvergänglich verzeichnet, eines Mannes, dessen ganze lange Lebenszeit der Förderung der Natur­wissenschaft und der Mehrung der Museumsschätze ge­widmet gewesen ist. Mit hingebender, ausdauernder Thäftgkeit hat er in fremden Ländern, namentlich in Cordofan, in Abessinien, an den Ufern des Roten Meeres und in diesem Meere selbst sowie an anderen Orten die seltensten und wertvollsten Naturalien gesammelt und der Senckenbergischen naturforschenden Gesellschaft als Eigen­tum für ihr Museum überwiesen. Und die Zahl der von ihm aus allen Zweigen der tierischen Lcbewelt gesammelten Objekte ist enorm; sie ist nicht allein eiwrm hinsichrlich der Spezies, also der Tierarten, sondern auch hinsichtlich der Individuen. Viele Tierarten fmiden sich in seinen Samm­lungen in zahlreichen Exemplaren, so daß die Gesellschaft in ihnen ebenso wertvolle als willkommene Tauschobjekte erwarb. Eine ganze Anzahl von Tierarten ist von Rüppell neu entdeckt und beschrieben worden und diese neuen Spezies bilden alsOriginale" eine wertvolle Zierde des Senckenbergischen Museums. Tange Zeit hindurch war .die Antilopen-Sammlung des Muleums. hauptsächlich von 'Rüppell zusammengebracht, in iMr Art unübertroffen. '

Ein Wachstum der Naturalien-Sammlung in einem solchen Grade und in solturzer Zeit hatte die Gesellschaft nicht im entferntesten veraussehen können. Bald zeigten sich denn auch die Räunt! des Museums als völlig unzu­länglich, so daß man scha» im Jahre 1828 den Plan eines Erweiterungsbaues in ernstliche Erwägung ziehen mußte. Sehr bald folgte dann auch die Ausführung des ent­worfenen Bauprojektes ipd bereits im Jahre 1832 konnte der längs der Bleichstrafe entstandene Neubau, der sich schon äußerlich von dem ursprünglichen Gebäude unter­scheidet, mit den bestäniig sich mehrenden naturwissen­schaftlichen Schätzen beseht werden. So war dem cinge- tretencn Notstände - wie es schien auf längere Zeit begegnet, Dank der Opfervilligkeit der Frankfurter Bürger­schaft, die sich aufs Neue glänzend bewährt hatte. Indes nicht allzulange Zeit HM die Gcnugthuung. der sich die Gesellsckiaft ob ihrer neüin Leistung hingeben konnte, an. Schon nach Ablauf einer kurzen Spanne Zeit machte sich die quälende Sorge um Unterbringung der sich mehrenden Schätze geltend und bewits im Jahre 1842 wurde das Hauptgebäude mit einemfOberstocke versehen, welches neuen Raum gewährte. In riesem Zustande sehen wir noch heute, also nach Ablauf von fast 60 Jahren, das Senckcn- bergische Museum. Wey könnte es nach den vorstehenden Schilderungen befremdch, wenn er vernimmt, daß das Bedürfnis nach einem neuen Erweiterungsbau sich schon längst wieder eingestellt hat, weil der Zuwachs der Samm­lungen unausgesetzt seinen Fortgang genommen hat und die Objekte schon seit längerer Zeit in allen verfügbaren Räumen notdürftig haben untcrgebracht werden müssen. So hat denn auch die Ersteigung, daß dem beständig wicder- kehrenden Platzmangel ' durch einen abermaligen Er­lveiterungsbau nur auf verhältnismäßig kurzen Zeitraum würde abgeholfen werdqn, den Plan eines vollständigen

und umfassenden M u s gebracht. Die Erkennt» Notwendigkeit hat selbst

ums-Neubaues zur Reife s dieser unabweisbar gewordenen außerhalb der Senckenbergischen naturforschenden Gesellschaft in weiten Kreisen der Frauk- furter Bürgerschaft sich Bahn gebrochen. Das ist zu er­kennen an der allgemein zu Tage getretenen Opfcrwillig- kcit dieser Kreise, in denen viele Persönlichkeiten durch hochherzige und reichlich gemessene Spenden ihr Interesse für Förderung der Wissoisschaft aufs Neue bekundet haben.

Mit dem Aufbau eines neuen naturhistorischen Museums wird aller Voraussicbt utch im Frühling des Jahres 1902 begonnen werden. Ein umfangreiches und monumentales Gebäude wird entstehen, welches sowohl mehr als ein Jahr­hundert hindurch allen, selbst den weitestgehenden Anfor­derungen, die man an qin solches Gebäude zu stellen be­rechtigt ist, genügen als auch der Stadt Frankfurt zur Ehre und zur Zierde gereichen wird.

In dem Senckenbergischen natVhistorischeu Museum haben wir ein Gebäude vor uns, welches das. Eigen­tum einer wissenfchaftlichen Gesellschaft ist. Mit seinen Sammlungen soll es zunächst den Zwecken dieser Gesellschaft dienet,. Wir haben diese Zwecke schon erwähnt: sie bestehen neben gegenseitiger Belehrung m der Förderung der Naturwissenschaft so­wohl im Allgemeinen als besonders auch

in der Stadt Frankfurt. Die Gesellschaft lvill also die Sammlungen, die in einem wesentlich durch Bei­steuern der Frankfurter Bürgerschaft errichteten Museum aufgestellt sind, nicht ausschließlich im eigenen wenn auch rein wissenschaftlichen Interesse benutzen, sondern auch die Bewohner Frankfurts, ja alle, welche sie zu sehen und zu gleichen Zwecken zu benutzen wünschen, daran Teil nehmen lassen. In diesen Bestimmungen, welche die Senckenbcrgische naturforschende Gesellschaft sich im Jahre 1819 selbst auferlegt hat und welche noch heute gelten, ist also auch der Zweck der Sammlungen ihres Museums fcstgelegt. Diese Bestimmungen entsprangen schon damals einer unabweisbaren Notwendigkeit. Denn welcher Naturforscher wollte heutigen Tages studieren und forschen, wenn ihm die Sammlungen der Museen nicht zugänglich wären? Und dies galt auch schon vor 60 Jahren.

Mit der Zunahme der Naturobjekte, welche dem Museum im Laufe der Zeit zugeführt wurden, wuchsen die Arbeiten, deren sie bedurften, bevor sie Aufstellung finden konnten. Das alte, in früherer Zeit übliche Verfahren, Häute und Bälge von Säugetieren, Vögeln. Schlangen, großen Knorpelfifchen u. s. w. zu behandeln, um die Körper der Tiere, denen sie entstammten, nachzuahmen, bestand im sogenannten Ausstopfen, einem Verfahren, bei welchem Häute und Bälge mit weichem Material (Heu oder der­gleichen) so lange angefüllt wurden, bis nichts mehr hinein­ging. Auf diefe Weise war es unmöglich, einen Körper herzustellen, der dem lebenden Tiere einigermaßen glich; da waren weder Spuren eines inneren Knochengerüstes erkennbar noch waren Muskeln oder Gelenke sichtbar, alles war ein wurstähnliches Gebilde. Leider zeigt ein großer Teil der jener Zeitperiode entstammenden, oft sehr wert­vollen und gegenwärtig selten gewordenen Tiere des Senckenbergischen Museums solche Verunstaltungen. Die der neueren Zeit angehörigen Tierpräparate sind ungleich lebenswahrer und demnach für den Beschauer in höherem Grade belehrend geworden.

Waren nach dieser Richtung hin von den Präparatoren Schwierigkeiten, freilich mehr mechanischer Natur, zu über­winden, so boten sich in anderer Richtung den Gelehrten, die cs mit seltenen, oft noch unbekannten Naturobjektcn zu thun bekamen, ungleich größere Schwierigkeiten dar. Hier galt es, die Charaktere dieser Objekte zu erforschen, ihre systematische Stellung und ihren wissenschaftlichen Namen zu ermitteln, beziehungsweise dem Objekte, weil cs bisher noch unbekannt und daher namenlos war, einen Namen zu geben, alles Arbeiten, deren Schwierigkeit nicht für jedermann erkennbar ist.

Alle diese, hier nur andeutungsweise erwähnten Arbeiten waren und sind notwendig, um in die Sammlungen dieses Museums eine einheitliche Organisation zu bringen und sie zu einer dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft entsprechenden zu gestalten. Der allergrößte Teil der Be­sucher dieses Museums hat keine Ahnung von der Summe dcr Arbeiten, welche in den Sammlungen steckt, deren mustergültige Anordnung gegenwärtig von allen Kennern bewundert sind die Sammlungen zu einem reichen Schatze thaUächlicheW Materials geworden für die weitestgehenden Stufen und