Wissenschaftliche Sitzung der Seuckerr-

Frankfurt a. M., 16. März 1901.

Vorsitzender: Herr Oberlehrer I. Blum.

Herr Prof. l')r. M. Möbius spricht

Ileöer Affaitzerrgassen.

Der Vortragende geht von dem bekannten Gallapfel auf dem Blatt der Eiche aus. In demselben findet man im Herbst die ausgebildete Gallwespe, welche im Freien die Galle, nachdem diese abgefallen ist, im November oder Dezember verläßt. Die ausschlüpfenden Gall­wespen sind sämmtlich Weibchen, können aber auf parthenogenetischem Wege Eier legen. Sie bringen die­selben in die kleineren Winterknospen der Eiche, indem sie mit ihrem Legestachel die Knospenschuppen durch­bohren, sodaß das Ei gerade auf den jungen Stamm- scheitel in der Knospe zu liegen kommt. Erst jpl März oder April, wenn sich die Larve im Ei zu entwickeln beginnt, formt sich die angestochene Knospe zur Galle um und wird zu einem ovalen, 45 Millimeter langen, violetten Körper, der im Innern die Larvenkammer ent­hält, welche dadurch entstanden ist, daß das G'Hbebe des Stammscheitels das Ei vollständig umwallt hat. Im Mai oder Juni ist die Galle reif und dann schlüpfen die Gallwespen aus und zwar sind es in dieser Gene­ration theils Männchen, .theils Weibchen. Die befruch­teten Weibchen suchen die noch in der Entwicklung be-' griffenen, jungen Eichenblätter auf, setzen sich auf die Unterseite und bohren mit dem Legestachel die Nerven an,! sodaß das Ei in das Innere des Blattgewebes gelegt! wird. Die Galle entwickelt sich aus dem das Ei um­gebenden Gewebe und bricht dann durch die äußeren Gewebeschichten hervor. Sie wächst zu dem obenerwähn­ten Gallapfel aus und erhält eine eigenthümliche Struk­tur, indem sich um die Larvenkammer in der Mitte ver­

schiedene Lagen von Nührgewebes Schutzgewebe und Speichergewebe ausbilden.

Aus der Entwicklungsgeschichte dieser zwei zusammen- gehörenden Gallen können wir schon die wichtigsten Prinzipien über die Gallenbildung ableiten, nämlich: 1. die Galle ist eine Neubildung der Pflanze infolge der Einwirkung eines gallenerzeugenden Thieres, 2. der Reiz zu dieser Neubildung geht nicht von dem Stich oder dem Ei aus, sondern von der sich entwickelnder, Larve, welche vermuthlich ein Enzym abscheidet, 3. durch den Reiz werden nicht nur äußerlich neue Theile gebildet, sondern eS entstehen auch neue Zellenformen und be- ' stimmte chemische Stoffe werden in der Galle erzeugt/ - 4. zur Gallenbildung sind nur die noch ganz in der An- j läge befindlichen oder die unvollkommen entwickelten ' Theile einer Pflanze fähig, nicht diejenigen, deren innere I Disserenzirung schon abgeschlossen ist. Wir lernen ferner an diesem Beispiel den eigenthümlichen Genera- ' tionswechsel der Eichengallwespen kennen, wie er jetzt für eine große Anzahl hierhergehörender Arten nach­gewiesen ist.

. Hieran schließen sich noch Angaben über gallener­zeugende Thiere und gallentragende Pflanzen überhaupt und über die Gruppirung und Bestimmung derselben. Ausgestellte Demonstrationsobjekte, mikroflopische Prä­parate, Wandtafeln und andere Abbildungen dienten zur Erläuterung des Vortrags, welcher von den zahlreich versammelten Zuhörern mit lebhaftem Beifall ausge­nommen wird.

Zum Schluß dankt der Vorsitzende im Namen der Gesellschaft Herrn Prof. Dr. Möbius für seine interessanten Ausführungen.

L.

Wiffeuschaftliche Ausstellung rm SeuÄeuhergischeu Nuturhistorischeu

20- fatorp 1^07 - ' ( 2 i) ^

Museum,

In dem großen Vogelsaale des Senckenbergiscyen Museums ist wikderuiu eine Ausstellung besonders interessanter, naturwissenschaftlicher Objekte für cmiqe Wochen dem Publikum in gefälliger Form sichtbar gemacht worden, zu deren Besuch folgende Erlernte» ungen anregen mögen.

Besonders bemerkcnSwcrth sind zirka 80 in natür­lichen Färben und Größen ausgrführte Bilder von in der Umgebung Frauksurts vorkommenden Gräsern, welche von der in, Jahie 1898 hier versiorbcuen Malerin Fräulei n E tisabeth Schulz mit seltener Meisterschaft und hervorragender botanischer Sach- kenntuiß gemalt worden sind. Fräulein Schulz hat alle wild wachsenden Pflanzen der H'cimath zirka 1300 an der Zahl in säst scchzigjähriger Thätigkcit ,m Bilde dargcstellt und so einen Blumeu-Atlas ge­schaffen, der wohl einzig in seiner Art dastcht. Durch letztwillige Versügnnq machte die Künstlerin die Scncken- bergische Naturforschcude Gesellschaft zur Hüterin ihres Lebenswerkes, mit der Litte, dasselbe durch wechselnde Ausstellungen der allgemeinen Besichtigung zeitweise zugänglich zu machen.

Die Verdienste der Malerin hat die Senckenbergische Gesellschaft durch ihre Ernennung zum außerordentlichen Ehrenmitglicde anerkaiiiit. Ihrem letzten Wunsch jucht sie nunmehr wiederum durch die Ausst llung 'fceu Aquarelle, welche die Gräser denstellen, »achzukommen.

Die Bilder sind durch ihre Naturtrcue ebenso hervor­ragend wie durch ihre küusttcrische Aussübruug.

Ferner sind ausgestellt die von Professor Küken- that auf den Motntken gesammelte,i uuü von Hvfralh Dr. Brunner vo u W a t te u w y l in Wie» bestimmten Orthopteren (Gradflügler). Es saller, darunter

* i,.uu|; i. unter den Blallidcn (Schaben): die große Panaesthia javaaica, d,e Männchen mit Hörnern am Kopfende. 2. Unter den Mantiden (Fangt,?,» schrecken): die Gottesanbeterin Donvdsra snpsrstitiosa F. mit mächtigen Fangarinen und Deroplatys sicci» folium Sauss., einem welken Blatt ähnlich. 3. Unter den Phasmidcn (Gespensthenschrccken): d,e sehr j große Orxines xipliias \Vestw, die stachelige lietero- pte yx echinata Eedtb., d,e Riesena, t Anchiatee maculata 01. und das wandelnde Blatt Phyllium sicci olium L. 4. Unter den Acrididen (Fetdhcu- jchrccken): Oraoae Kükentliali Br., sehr schön schwarz und gelbroth gezeichnet; Acridium succintuin F./ eine Art Wanderheuschrecke. 5. Unter den Lvcnstiden (Laubhenschrecken): Oorrocepba'us longiceps Eedtb., mit langzugefpitztem Kopf, die lackartig glanzende isalomona coriacea Eedtb., mehrere Arten Giyllacris nut schön gezeichneten Unterftügeln und die flügellose, wohl an dunkeln Orten lebende Ehaplndopa'pa nigerrima. 6. Unter den Gryllide» (Giabheuschrecken): Gryllotalpa africana Palis., eine Verwandle unserer Maulwurfsgrille, und verschiedene Gryllus - Arten. Daran schließen sich 3 Käste» mit Libellen aus der Kükenthatjchcn Neiseausbcute, bearbeitet vo» Prof. Dr. Karfch in.Bertin und. wie die Orlhvptercn, in dem 21. Band der Eeackenberg,scheu Abhandlungen verösfenilicht. Unter den Libellen sind bemerkenswert!.): blsurobasis Eaupi Er., daS Mäiliichc» mit leuchtend blauen Hinterftügeln, die beim Veibchen aber gashill j sind wie die Vorbeistüget beider Geschlechter. Recht seiten ! ist die hier durch 2 Arten vertretene Gaitung Ehyothemis,

I die sehr pariabcle Esurotlremis stiglnatiLans F. ist ! in vielen Stücken vorhanden, die 3 verjchiedeneil Formen