impfungen halten sich zum größten Theil an diesen natürlichen Vorgang und sind gewissermaßen Kopien desselben. Als sichtbares Zeichen der eingetretenen Immunität treten im Blut Schutzstosfe aus, welche ent­weder abtödtend auf die spezifischen Krankheitserreger (z. B. Cholera, Typhus, Pest) oder entgiftend auf die von den Milroben produzirten Gifte (z. B. Diphtherie) wirken.

Mit dem Blut von Personen, welche solche Schutz- stofse durch Ucberstehen einer Infektionskrankheit erwor­ben haben (aktive Immunität), läßt sich die Immunität auf andere Individuen übertragen (passive Immunität).

Eine Schutzimpfung erklärt der Vortragende für Cho­lera, Typhus und Pest unter normalen Verhältnissen nicht für nothwendig, da mit hygienischen Maßnahmen der Infektionsgefahr vorgebeugt werden kann; anders liegt es bei den Pocken, für welche die obligatorische Schutzimpfung unter allen Umständen eine absolute Nothwendigkeit ist.

Der Redner wendet sich dann zur Besprechung der ein­zelnen Schutzimpfungen.

Die Schutzimpfung gegen Cholera ist praktisch von Haffkine zuerst in Indien in großem Maße durchgeführt toorden. Nach einer Schilderung der Ge­winnung des Impfstoffes (die Impfung besteht in subkutaner Einspritzung von Cholerabazillen) wurden an

der Hand von statistischem Material aus der Zivil- und Militärbevölkerung Indiens die glänzenden Erfolge der Impfung demonstrirt.

Auch gegen die P e st kann erfolgreich geimpft werden. Die Impfung wird entweder mit Pestserum (Jersin) ausgeführt, doch überträgt dieses nur eine kurzdauernde Immunität, oder mit abgetödteten Pestbazillen (Haffkine). Die Erfolge sind ganz vorzügliche. Selbstver­ständlich könnte mit Hülfe dieser Schutzimpfung die Pest in Indien nur dann ausgerottet werden, wenn sie zwangsweise und allgemein durchgeführt würde.

Ueber die Typhusschutzimpfung sind die Akten noch nicht geschlossen. Die Impfung wird mH abgetödteien Lyphusüazillen ausgeführt. Die Erfolge sind immerhin schon jetzt, wie an Beispielen aus Indien und Südafrika (britische Arniee) gezeigt wird, recht be­friedigende und sicherlich bei weiterem Studium der Ver­besserung fähig.

Zum 'Schluß wendet sich der Vortragende noch zur Be­sprechung der Pockenschutzimpfung und schließt mit einer Demonstration der glanzenden Erfolge, welche dies- segensreichste aller Schutzimpfungen in Deutschland erzielt hat.

Lebhaftester Beifall wird dem Redner zu Theil, wel- cheni der Vorsitzende den Dank der Gesellschaft für sei­nen außerordentlich interessanten Vortrag ausspricht.

WiffsulchaMiche der SsnÄerr-

Frankfurt a. M., 2. März 1901.

Vorsitzender: Herr Oberlehrer I. Blum.

Herr Dr. metl. E. Hübner spricht:

Aeöer Adeenassoziation".

Jede Empfindung, welche durch die Sinnesorgane unferm Gehirn zugesührt wird, erregt in irgend einem Gebiet der Hirnrinde eine Vorstellung.

Ganz unwillkürlich geht die Erregung, welche uns ! diese Vorstellung ins Bewußtsein gerufen hat, noch auf andere Zellkomplexe über, wodurch uns eine Reihe von Gedanken entsteht, die irgend eine Beziehung zu der ersten Wahrnehmung haben. Wir sehen eine dunkle Wolke; in diesem Moment taucht eine Reihe von Vor­stellungen in uns aus, etwa wie Blitz, Donner, Platz­regen, Droschke, Regenschirm usw. Manchmal irrt eine solche Gedankenreihe so weit ab von ihrem Ausgangs­punkt, daß wir uns schließlich der ganzen Gedanken­kette nicht mehr zu erinnern vermögen.

Dieser Vorgang entspricht dem, was wir als Jdeen- assoziation bezeichnen, er vollzieht sich unaufhörlich in unferm Gehirn; ein leichtes Spiel der Gedanken ist stets im Gange und sogar im Schlafe setzt es sich in der Form des Träumens fort.

Die anatomische und physiologische.Grundlage für diese Erscheinung bildet das wunderbare Netz von Fasern, welches die Ganglienzellen unserer Hirn­rinde verbindet und welches ermöglicht, daß Reize nach allen Richtungen hin gelangen und so die ent- . ferntesten Zellkomplexe mit einander verbinden können.

! Von außen nach der Hirnrinde geleitete Empfind­ungen können aber nur dann eine Vorstellungsreihe Hervorrufen, wenn bereits Erinnerungsbilder von vor- ' hergegangenen Eindrücken in unserem Gehirn nieder- gelcgt sind. Diese Erinnerungsbilder kommen in der Weise zu Stande, daß der Sinneseindruck auf ge­wissen Zellen eine materielle Spur hinterläßt, eine Dis­position, diese Vorstellung zu reproduziren.

Einen Gegenstand, den wir einmal gesehen haben, kön­nen wir uns in unserer Phantasie wieder vorstellen; sehen wir ihn zum zweiten Male, so wird sofort die Erinner­ung an das erste Erblicken lebendig. Solcher latenter

Erinnerungsbilder, das heißt solcher Spuren stattge­habter Eindrücke stapeln wir im Laufe der Jahre eine ungeheure Anzahl in unserem Gehirn auf: sie werden mit der Zeit blasser, sie verlieren an Deutlichkeit, können jedoch durch Wiederholung der Eindrücke, durch erneute Sinnesempfindungen oder durch Reproduktion in der Phantasie frisch erhalten werden. Dies ist der Einfluß der Uebung auf das Gedächtniß.

Vielleicht ist es der nimmer rüstende Stoffwechsel, welcher die materielle Veränderung in den Zellen wieder rückgängig macht, und dessen Einfluß durch erneute Ein­drücke immer von Neuem aufgehoben wird.

Diese mehrfach erwähnten Erinnerungsbilder sind das Material, mit dem die Jdeenassoziationen arbeiten; nie­mals können wir uns etwas vorstellen, für das wir keine Eindrücke aufbewahrt haben, wenn auch die einzelnen Theile unserer Erinnerungen in der bizarrsten Weise gruppirt uns neue Bilder Vortäuschen können. Nie­mals kann ein Taubgeborener sich Töne vorstellen, und niemals kann ein Blindgeborener von einer sarben- glühenden Landschaft träumen.

Die Verknüpfung der Vorstellungen nun kann sich in sehr verschiedener Weise abspielen, rasch oder lang­sam, nach äußeren Merkmalen oder nach einem inneren Zusammenhang, sie kann sich nur auf die Nächstliegenden Vorstellungen erstrecken oder eine weitreichende Kette von Gedanken bilden; kurz, der Ablauf der Jdeen­assoziationen bestimmt thatsächlich die geistige Persön­lichkeit des Menschen. Seit Jahrzehnten ist eine Reihe von Forschern an der Arbeit, das Verständniß dieser Vorgänge auf physiologischer Grundlage aufzubauen, aus der Selbstbeobachtung und der Kenntniß, welche wir über das Gehirn und seine Funktionen besitzen. Es ist ihnen gelungen, zu zeigen, daß die Jdeenassoziationen nicht nur nach Gleichzeitigkeit und Ähnlichkeit der Vor­stellungen gruppirte Gedankenkomplexe bilden, sondern daß auch komplizirtere Denkvorgänge durch sie allein erklärt werden können, wie das Denken und Schließen. Auch Begriffe wie: die Aufmerksamkeit, das Gedächtniß, das willkürliche Denken, der Wille, werden erklärt durch die Reihenfolge und den Ablauf unserer Vorstellungen,