Wissenschaftliche Sftzrmg der S.ncken- hergischen Natnrforschenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., fccn 15. Dezember 1900. i

Wie der erste Direktor, Herr Dr. August Ä n o 6 * l a u ch mittheilt, ist zu der Feier der heute vollzogenen Enthüllung des Goethe-Denkmals in Wien auch eine Einladung an die Gesellschaft ergangen, welcher Goethe bekanntlich vom 13. Juli 1820 analsMit- l g l' e d angehört hat. Als Vertreter der Gesellschaft hat das korrelpondirende Mitglied derselben, Herr Professor Dr. Eduard S ü.ß, Direktor des geologischen Uni­versitäts-Museums in Wien, der Enihüllungsseier beige­wohnt und im Aufträge der Direktion einen Lorbeercranz am Fuße des Denkmals niedergelegt.

Sodann bespricht der Vorsitzende den soeben erschiene­nen XXVTTI. Band derA b h a n d l u n g e n", welcher eine hervorragende Arbeit des Herrn A. v on R e i n a ch Ueber Schildkrötenreste aus dem Mainzer Tertiärbecken und den benachbarten gleichaltrigen Ablagerungen" ent­hält. Seit den vor etwa 40 Jahren erschienenen kurzen Notizen Hermann von Mevers über w unserer Gegend stammenden fossilen Schildkrötenreste hat sich im Senckenbergischrn Museum und in den Museen der Nachbarstädte viel Material neuer Funde angesam­melt. Von Rein ach hat diese Reste soweit als mög­lich zusammengesetzt, ergänzt und mit den Originalen anderer deutscher, schweizer, italienischer, englischer und französischer Funde vergleichend bearbeitet. Aus seinen sorgfältigen Studien sind -wichtige Ergebnisse hervorgegangen.

Aus der älteren Tertiärzeit haben sich in Europa seit­her keine Reste eigentlicher Landschildkröten gefunden. Dagegen sonderte sich von der großen Familie der Sumpfschildkröten die Gattung Ptychogaster ab, welckie sich durch allmähliche Veränderungen im Bau dem theclweiscn Leben auf dem Lande anpaßte. Diese Gattung zeigt, wie es von R e i n a ch nachweist, einen großen Formenreichthum, sowie ein ausgedehntes Ver­breitungsgebiet. Aus unserer Gegend hat der Autor acht verschiedene Arten beschrieben, von denen einige auch in französischen, italienischen und schweizer Tertiärab- lagerungen nachzuweisen sind. Mit dem Schlüsse der mittleren Tertiärzeit sterben die Ptycliogaster dea aus, und an ihre Stelle treten die ersten echten Landschrld- k r ö t e n (Testudiniden). Die damals in unsrer Gegend hauptsächlich verbreitete, durch den Autor neu ausgestellte Art Testudo pi omarginata ist, wie es schon durch den Namen besagt wird, die direkte Vorgängerin der heute in Griechenland lebenden Testudo iuarginata. Weiter fanb der Autor in unserem Becken Vertreter der jetzt in Nordamerika lebenden Gattung Malocoelemmys, sowie der verwandten, jetzt in China verbreiteten Gattung Oeadia, beides Sumpfschildkröten. Die Flußschild- k r ö t e n' (Trionychiden) waren in der Tertiärzeit bei uns in zwei Untergckttungen vertreten, von denen hie Reihe der Trionyx protrinnguis unmittelbar b's zu der jetzt in Egypten lebenden Tr_triunguis zu verfolgen ist, während Tr. inesseliauus einer anberen Reihe an­gehört. Das jetzt nur noch in Nordamerika vorkom­mende, im Süßwasser lebende Genus (Xcelydra ist iw Mainzer Becken ebenfalls durch einige Reste vertreten.

Die 44 künstlerisch ausgeführten Ta­feln, auf welchen sämmtliche in der Arbeit speziell be­handelten Sch.ldkrötcnrcste abgebildet sind, liegen auf.

In hochherziger Weise hat Herr v. R e i n a ch alle die­jenigen Schildkrötenreste und Abgüffe, über welche er ver­fügen kann, für das Scnckenbergische Museum bestimmt.

Schließlich macht der Vorsitzende auf ein Geschenk der Kaiserin Friedrich be­sonders aufmerksam, ihre Portrait- Medaille in Silber, welche die Kaiserin für die M e d a i l l e n - S a m m l u n g der Ge­sellschaft bestimmt hat.

Es folgt nunmehr eme eingehende Erläuterung der stattlichen Zahl von ausgestellten Thieren und Pflanzen, welche im ablaufenden Jahre für das Museum erworben worden sind. Aus der Bereicherung der S ä u g e t Hier­sammlung hebt Herr Dr. F. Römer besonders die Schädel und Bälge von Halbaffen (Lemuren) her­vor, welche Herr Dr. V o e l tz k o w auf Madagaskar ge­sammelt und in denAbhandlungen" der Gesellschaft (Vd. XXI.) beschrieben hat. Darunter ist auch dir Gattung Propithecus in drei Arten vertreten, ein weißer, dichtbehaarter Schleier-Maki mit brauner

Zeichnung des Kopfes, der Arme und der Brust, über dessen Lebensweise bisher wenig bekannt war, da es im vergangenen Sommer zum ersten Male geglückt ist, ein lebmdes Exemplar nach Deutschland zu bringen.

Herr Zahlmeister Hugo Koch im 1. ostasiatischen Feldart.llerie-Regiment hat eine interessante Kollektion schöner Antilopen- und G a z e l l e n -,G e h ö r n e geschenkt, welche im Treppenflur des Museums sachge­mäß aufgehängt worden sind und den Grundstock zu einer Gehörnsammlung abgegeben haben.

Auch die Lokalsammlung erhielt verschiedene willkommene Geschenke; darunter einen neugeborenen Edelhirsch und einen zwei Tage alten D a m - Hirsch von der Neuen Zoologischen Gesellschaft Hier­selbst, einen Rehbock von Frau Baronin v. E r l a n g e r in Rieder-Ingelheim, einen Iltis von H rrn F. R o h d e in Hanau und einen Dachs von Herrn Heinr. A n d r e a e in Maisenhau^en. Für die Sk.letts mmlu g sind u. A. mehrere Hirschschädel in interessanten Em- wicklungsstadien von Herrn Forstmeister Röriq ge­schenkt worden.

Einen besonderen Anziehungspunkt bilden in ihrer Farbenpracht die ausgestellten Vögel, welche der Sek- tionär, Herr R. de N e u f v i l l e erläutert. Aus den Mitteln der Cretzschmar-Stiftung konnte eine Reihe neuer Arten erworben werden, de: von den Key-Inseln stamniende, niedliche Zwergkakadu Nasiterna keiensis, 5 Tauben - Arten, 2 Kplieootheres flavi- ventris ebendaher und schließ ich c'ne hiichst inter­essante große R a l l e n - A r t, Ooydromus earli von Neu-Seeland. D.eser merkwürdige Vogel lebt in sumpfigen Wäldern, fliegt in Folge seiner wenig ent­wickelten Flügel sehr schlecht, ist dagegen ein vortrefflicher Läufer, wozu ihn seine kräftigen Beine besonders be­fähigen. Seine Nahrung besteht in Mäusen, Eidechsen, jungen Vögeln, Eiern und Insekten. Als Nachtvogel hält er sich tagsüber in hohlen Bäumen und Geklüft verborgen und kommt erst mit beginnender Dämmerung zum Vorschein.

Ferner wurden angekaust 7 neue Vogelarten von Neu- Guinea, 4 neue Arten von Port de Cruz, ein schwarzer Storch, zwei Haubentaucher, eine Reiherente und eine Mohrweihe.

Auch viele und werthvolle' Geschenke hat die Vogel­sammlung von Freunden der Gesellschaft erhalten, zum Theil einheimische Arten, den schmucken Tanmmhaher, d:n Mäusebussard in einem besonders prachtvollen Exem­plar, Hühnerhabicht, Sperber, Steinkäuzchen, Grün­specht, verschiedene Enten, Taucher und Möven, zum Theil farbenprächtige exotische Vogelarten aus Neu- Guinea, Celebes, Ecuador usw. Durch dce hochherzigen Zuwendungen des Scktionärs selbst ist namentlich die prachtvolle Sammlung der Paradiesvögel und der Papageien eine der schönsten im ganzen Museum vervollständigt worden, so daß die erst re jetzt 30 ver­schiedene Arten in 72 Exemplaren, die letztere 302 ver­schiedene Arten in' vielen hundert Exemplaren enthält. Von den reizenden Schmuckdrosseln besitzt das Museum durch dm diesjährigen Zuwachs (Pitta loriae und P. inspeeulata, gleichfalls Geschenke des Sektio- närs) nunmehr 20 Arten. Verschiedene Neuerwerbungen, zum Beispiel ein prachtvoller S i n g s ch w a n , wurden als Ersatz für ältere Exemplare der Vogelsammlung verwandt.

Herr Professor Dr. O. V o e t t g e r macht sodann einige Bemerkungen über die ausgestellten Kriechthiere und Lurche.

Vor Allem dürsten Neusunde in der heimischen Thier­welt interessiren. Da sind es nun zwei Lurche, die der Redner aus hiesiger Gegend vorlegen kann, die Kreuzkröte (Üufo caiamita Laur.), die er bei Isenburg wieder aufsand, nachdem seit 1838 kein Stück mehr in das Museum gelangt war, und der S p r i n g - frösch (Kana agilis Thorn.), den R.dner zu.rst 1880 als Bewohner deutschen Geb'.cws (von Straßburg i. E.) erkannte, und der seitdem, aber immer nur emzeln, im Rheingebiet, in Franken und m Oberbayern nachgew.esen werden konnte. 1898 glückte es, ein Stück hier an der Obcrschweinstiege zu sangen, 1899 wurde je ein weitcrcs Stück an der Ünterschweinsticge und bald darauf zwi­schen Schwanheim und Kelsterbach nachgewiesen, und