Formoso und RibeirLo das Pombas, von denen man annehmen mußte, daß sie zum Schingü gehörten, auf schmalen, selbstverfertigten Rindenkanus ein, während der Botaniker mit -der Tropa ostwärts^ zu den Quellen des K u l i s e h u zog, um dort die Zu-^ rückkehrenden in einem Standlager zu erwarten. , Die ersten acht Tage der Flußfahrt gingen ohne, Unfall vorüber, da der Fluß verhältnißmäßig ruhige zwischen mäßig hohen, von dichtem Urwald bekleideten! Ufern dahinftrömt. Doch war das jungfräuliche Ge-! Wässer oft von mächtigen Baumriesen versperrt, die viel Arbeit und Aufenthalt verursachten. In sehr anschau- i licher Weise schildert der Reisende das Leben im Kanu, und das reiche Thierleben des Uferwaldes.

Nach dem Eintritt in das Hochland aber toste der Fluß in fürchterlichen Stromschnellen und Fällen da­hin, die nur unter den größten Mühen und Gefahren zu überwinden waren und der Expedition unersetzliche v Verluste verursachten. Weit über 100 Stromschnellen und > Fälle, darunter der am 7. Juni entdeckte, an 20 Meter! hohe B a st i a n s a l l, mußten unter steter Lebens­gefahr passirt werden. Fünfunddreißig Bootsuntergänge waren zu beklagen. Der vielfach tiefe Strom enthielt keine Fische, der öde Campo oerrado an seinen Ufern wenig Wild. Die großen Verluste an Lebensmitteln in den Stromschnellen hatten bittere Noth im Gefolge, so daß die Expedition zweimal zu Jaguar- und Schlangenfleisch ihre Zuflucht nehmen mußte. Besonders schwer litten die Reisenden unter dem gänzlichen Mangel der Zerealien und des Salzes, das sie volle drei Monate entbehren mußten. Indianer waren weit und breit nicht zu sehen. In Folge der unzureichenden und unnatür­lichen Ernährung tagelang stillte man mit Palm­sprossen den quälenden Hunger und der ungeheuren Strapazen brachen Krankheiten, Dysenterie und, seit dem Auftreten zahlreicher Moskiten, Malaria aus,! die durch völlige Entkräftung und Erschlaffung, des Körpers und Geistes die Reisenden dem Tode, nahe brachten, und schließlich kam es zu offener Revolte der Mannschaft. So sahen sich die Reisenden, als sie, endlich nach achtwöchentlichen Leiden am 24. Juli den Zusammenfluß der Schingü-Quellflüsse erreichten und damit die Gewißheit bekamen, daß sie den Hauptquell­fluß, den bisher unbekannten R o n u r o , in seiner ganzen Ausdehnung erforscht hatten, schweren Herzens gezwungen, die Paranayuba-Tcur, die neue ethnologische Forschungen bringen sollte, aufzugeben und den durch von den Steinens zweite Expedition schon be­kannten K u l u ö n e und K u l i s e h u aufwärts zuriick- zukehrcn.

Auf dieser Fahrt wurden die zum Theil noch wenig berührten Stämme der Trumai, Kamayurü, Daulaviti,

' Auetö, Mehinaku, Nabaquü, Bakairi besucht, bei denen! allen umfangreiche ethnographische Sammlungen an­gelegt und mancherlei Beobachtungen über ihre Sitten und Gebräuche und ihr Geistesleben gemacht werden konnten. Mitte September kamen die Reisenden zu den Quellen des Kulisehu und zum Lager des Botanikers Dr. Pilger, von wo die Heimreise nach Cuyaba angetreten wurde, wo man Mitte Oktober 1899 eintraf.

Das Gebiet des oberen Rcnuro wird von keinem seß^

1 haften Jndianerstamm bewohnt, sondern nur von j streifenden Kamp-Indianern, wahrscheinlich K a y a p 6 , durchzogen, von denen die Reisenden öfters Zeichen und den fernen Rauch der Lagerfeuer sahen.

Am mittleren Lauf des Ronuro traf man ein Dorf eines unbekannten Stammes, der ohne Kenrtt- niß der Metalle war und noch nie Berührung mit Europäern gehabt hatte. Leider ließen sich keine Be­ziehungen mit diesen Indianern anknüpfen, da sie ent­setzt vor den ungewohnten Erscheinungen das Weite

lucyten. Doch möchte der Vortragende sie aus gewissen ethnographischen Gründen als einen der großen Tucku- Nation angehörigen versprengten Stamm des benach­barten Tapajoz-Gebiets ansprechen.

Die Trumai-Jndianer, die nächtlicherweile die beiden Medizinal- und Jnstrumentenkoffer der Expedition stahlen, waren wieder einmal von den ge­fürchteten Suyü-Jndianern zwecks Weiberraubs überfallen worden, wobei ihre Dörfer niedergebrannt' worden waren und einige bei der Vertheidigung das Leben verloren hatten. Wegen Erkrankung seiner Ge­fährten unternahm der Redner allein einen Ausflug zu den volkreichen Dörfern der Kamayura-Jndia- n e r , die an einer großen Lagune landeinwärts wohnem Es war ihm hier gute Gelegenheit geboten, das Leben dieser harmlosen Naturkinder, ihre Sitten und An­schauungen eingehend kennen zu lernen.

In einer Hütte fand er die Ueberresie jener nord­amerikanischen Gummisucher-Expedition, die von den Kamayurü im Verein mit den Suyä wohl durch eigene Schuld ermordet worden war, in Gestalt von europäi­schem Geschirr und Kleidungsstücken vor.

Des Weiteren weist der Redner noch auf einzelne interessante Züge aus dem Verkehrs- und Geistesleben dieser Naturvölker hin. Zwischen den Schingü-Stämmen herrscht ein ausgedehnter Handelsverkehr, der dadurch noch erleichtert wird, daß Kinder eines Stammes früh­zeitig bei einem anderenin Pension"'gegeben werden» um die fremde Sprache zu lernen und später als Dolmetscher zu dienen. Fast jeder Stamm hat das Monopol für gewisse Kunst- und Gebrauchsgegenstände, und die Preise sind im Tauschhandel fest. Der Häupt­ling hat nur für Ordnung im Dorf zu sorgen, aber keine Strafgewalt. Bei semem Tode gilt sein Bruder als Nachfolger; ist keiner da, der älteste Sohn. Sehr streng ist die Etikette bei feierlichem Empfang und Ver­handlungen zwischen den einzelnen Stämmen.

Die sogenannten religiösen Vorstellungen dieser Indianer gipfeln in einem reinen Ahnenkult, der lediglich aus der Furcht hervorgegangen ist, die sie vor!. den Geistern der Vorfahren hegen. Furcht ist es, die den Indianer zwingt, die Gräber der Todten zu be­wahren, Speise und Trank dabeizustellen oder ein Feuer zur Seite anzuzünden und den Verstorbenen mit Allem

versehen, was er im Leben nöthig hatte. Aus Furchk vor der Rache des Geistes und um ihn zu beruhigen, bricht der Indianer bei einem' Todesfall in häufig er­künstelte Klagen aus, wie der Redner an einem eklatanten Beispiel beobachten konnte. Die nächtelangen Todten- iänze entspringen keinem anderen Motiv. Auch Krank­heit und Tod glaubt der Indianer durch diese Todten- geister verursacht und sucht ihnen durch die Beschwör­ungen der Zauberärzte entgegenzuarbeiten. Seine Er­fahrungen auf diesem Gebiete, sowohl was den Geister­und Jenseitsglauben, als auch die Entstehung des Seelen­gedankens überhaupt anbetrifft, hat der Vortragende in seinem Buch:Zum Animismus der süd­amerikanischen Indianer" niedergelegt, das! kürzlich als Supplementband zumInternationalen Archiv für Ethnographie" zu Leiden erschienen ist.

Schließlich spricht der Redner bedauernd von dem rapiden Schwinden der einheimischen Kultur und Kunst, der Ursprünglichkeit, in Folge des Einführens euro­päischer Werkzeuge und Hülfsmittel durch Vermittlung der Zahmen Bakairi-Jndianer des Paranatinga.

In seinem Schlußwort spricht der Vorsitzende Herrn Lehramtsassessor K o ch den Dank der Gesellschaft für seinen mit lebhaftem Beifall aufgenommenen, hoch- interessanten Vortrag aus, zu dessen Anschaulichkeit die ausgestellte reichhaltige ethnographischeSamm- l u n g aus den bereisten Gebieten wesentlich beiträgt.