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Samstag, den 1. Dezember 1900. r r
Hirschen und anderen Ccrvidcnsormen sehen, wahrend aus der anderen Gruppe meist Formen hervorgingen, w* »rtr.fiW'ftnVv nur din Rede sind die eirniae rezente
, Vorsitzender: Herr Dr. August Knoblauch.
Herr Forstmeister Ad. Rörig hält einen Vortrag „Hitöcr den gegenwärtigen Stand unserer Kenni- »rß der Herniden, sowie deren OeweiHentwitülung und GewerhiiikLnng."
Einleitend bespricht der Redner die wichtigsten Cha- rattere des Skelets der Cerviden. Diese sind besonders am Schädel scharf ausgeprägt. Der Schädel der amerikanischen Cerviden weicht von dem der altweltlichen nicht unwesentlich ab. Er stellt einen älteren Typus dar. Auch der Metacarpus zeigt Charaktere, welche diese beiden Gruppen von einander trennen. Hierauf geht der Vortragende zur Besprechung des Geweihes über. Es sind durchaus neue Anschauungen, zu denen er im Laufe seiner eingehenden Studien über Gcweihentwicklung und Gew^ihhildung gelangt ist, i und aus denen erstens die ExistKiz'gewisser korrelativer ^ Beziehungen zwischen dem Geweih und anderen Organen des Cervidenkörpers und zweitens das Walten fest be- 1 stimmter Gesetzmäßigkeiten sich ergeben haben.
Zunächst geht der Redner auf die phylogenetische Entwicklung des Geweihes ein, für welche einerseits die fossilen Reftfunde, andererseits die ontogenetischen Entwicklungsvorgänge die Grundlage bilden. Das Geweih ist ein im Sexualkampse erworbener Charakter. Vor Erwerbung desselben wurde dieser Kampf, mittelst der starken Eckzähne, welche die Vorfahren der echten Cerviden im Oberkiefer trugen, ausgekochten. Selbst die echten Cerviden waren nach Erwerbung des Geweihes noch im Besitz solcher starken Eckzähne. Eine neue Kampfmethode, bestehend in Stößen Stirn gegen Stirn, harte sich bei den geologrsch ältesten Hirschen geltend gemacht. Aus dieser Kampfmethode gingen zuerst Stirnzapfen und unmittelbar darauf Ge-- weihe hervor. Geweihe sind nämlich nichts anderes als Produkte der Stirnzapfen; beide bilden ein organisches Ganzes. Ursprünglich waren die Geweihe sehr klein.
' Das primitive Geweih bestand lediglich in den von Haut entblößten Stirnzapfenspitzen. Mit dieser Ent^ blößung von Haut mußte diese Knochenspitze in Folge mangelnder Ernährung zum Absterben kommen und schließlich abfallen. Diese Stirnzapfenspitze war demnach ein wirkliches Geweih. Aehnliche Vorgänge beobachtet man heute noch im ontogenetischen Entwicklungsprozeß. Nach Abfall dieses primitiven Geweihes entwickelte der Stirnzapfen ein neues Geweih, in einfachen Spießen bestehend. Fossile Geweihreste aus untermioeaenen Ablagerungen, sowie die Ontogenie be-' zeugen die Richtigkeit der hier dargestellten Entwicklungs- Vorgänge.
Bereits in derselben Zeitperiode ging aus der Fortentwicklung des Spießgeweihes das Gabelgeweih hervor. Es unterliegt beute keinem Zweifel mehr, daß die Geweihe der geologisch ältesten Cerviden ebenso dem Wechsel unterlagen, wie die der rezenten Hirsche. An Häufigkeit überwog in jener ältesten Zen das Gaöel- geweih das Spießgeweih ganz bedeutend, so daß anzll- nchmen ist, daß die Fortentwicklung schon sehr frühzeitig sich vollzogen hat. In der That war in dem Gabelgeweih eine an seine Funktion als Kampforgan sehr gut an gepaßte Form entstanden, die sich ebenso für große wie für kleine Individuen, als vortheilhast erwies. Denn in der Hinteren und längeren Sprosse war eine gute Kamps- sprosse, in der vorderen, kürzeren Sprosse eine zweckmäßige Wehrsprosse entstanden.
Eine Tendenz zur Vergrößerung des Geweihes machte sich erst im Beginne der Pliocaenzeit bemerkbar. Der Erfolg dieser Tendenz bestand darin, daß aus der Spitze der Kamp.fsprosse eine neue Gabel sich entwickelte und somit' das Geweih eine größere Länge erhielt. So entstand das. G e w ei h von sechs Enden. Der Träger eines solchen Geweihes hatte damit ohne Zweifel : ein Uebergewicht über seinen ein Gabelgeweih tragenden Gegner erlangt.
Jedoch vollzog sich dieser Prozeß weder gleichzeitig, noch gleichmäßig. Aus verschiedenen Ursprüngen entwickelten sich Geweihe mit „Augfprossen" und solche ohne Aug- sprossen.' Nur die erstere Gruppe brachte es zur Entwicklung derjenigen vollkommeneren Formen von Stnngengeweihen, die wir z. B. bei den heutigen Edel-
Form dieser Art. _ ,
Van nicht geringerem Interesse sind die Auseinandersetzungen des Vortragenden über die Entstehung der sogenannten „S ch a u f e l g e w e i h e". Schaufelgeweihe von enormer Größe trugen bekanntlich die ausgestorbenen Riesenhirsche. Unter den jetzt lebenden Hirschen sind die Elche und Damhirsche die einzigen Cerviden, welche Schau selgeweihe tragen.
In Amerika haben sowohl die Cerviden selbst wie auch deren Geweihbildung einen von den altweltlichen Hirschen völlig abweichenden Entwicklungsgang genommen. Dieser ist aber in Folge der geringen Anzahl aufgefundener fossiler Reste bisher noch wenig erforscht.
In Amerika sowohl'wie in der alten Welt hat die Geweihentwicklung im Laufe der Zeit in Folge Anhäufung von Gabeln zu sehr komplizirten Bildungen geführt. Bildungen, welche der dem Kampfe dienenden Funktion in zunehmend geringerem Grade entsprachen. Dies ergibt sich aus der Thatsache, daß diese Kom- plizirtheit nicht selten zu Verschlingungen der Geweihe zweier sich bekämpfenden Hirsche führt, die beiden Individuen unabwendbar den Untergang bereiten, ferner auch aus der Thatsache, daß das große Gewicht starker Schaufelgeweihe, das bei Elchhirschen bis zu 25 Kilogramm cmsteigen kann, und das bei Niesenhirschen bis zu 40 Kilogramm stieg, sowie die unzweckmäßige Form derselben bei der Flucht hinderlich sein mußten.
Die gesammte Geweihentwicklung und Geweihbildung hatte also von der Zeit der Fortbildung des Gabelgeweihes an eine Richtung genommen, die im großen Ganzen, wenige Fälle ausgenommen, vom Zweckmäßigen zum Unzweckmäßigen geführt hat.
Es folgt nun eine eingehende Schilderung der h i st o- genetischen Entwicklung des Geweihes. Der Gewcihabfall wird durch physiologische Prozesse, die genau beschrieben werden, herbeigeführt. Der Aufbau des neuen Geweihes, für welchen die Stirnzapfen die Grundlagen bilden, geschieht aus einer durch Blutgefäße und Nerven gespeisten Grundsubstanz. Elftere entspringen der Arteria temporalis, letztere theils dem Nervus facialis, theils dem Nervus trigeminus. Die Knochenbildung geht unter dem Schlitze eines Jntegumentcs vor sich. Zum Aufbau des Geweihes werden organische und anorganische Stoffe verwendet. A'.rs der organischen Grundsubstanz sondern sich Osteoblasten ab. welche zu strahligen Knochenzellen werden. Auf der äußeren Kante des oberen Stirnzapfenrandes entsteht zuerst eins ringförmige Knochenmauer, an die sich immer neue Knochensubstanz ansetzt, wodurch sie sich, verdickt. Gleichzeitig wächst diese Mauer aufwärts. Sobald eine Geweihsprosse sich zu bilden beginnt, erfolgt eine Theilung des Geweihes am distalen Ende, und es entsteht eine Gabel, deren beide Sprossen gleichmäßig zunehmen, so daß Sprosse und zugehöriger Stangentheil gleichzeitig fertig werden. Dasselbe wiederholt sich bei jeder folgenden Sprosienbildung und ebenso Lei der Entwicklung der Endgabel. Nach Beendigung des äußerlichen Aufbaues des Geweihes beginnt die Ausreifung desselben im Innern, indem fortwährend Knochensubstanz im spongiösen Theil abgelagert wird. Diese Ausreisung vollzieht sich von der Spitze des Geweihes bis zu dessen Basis. Schon vor Beendigung dieses Prozesses kommt das das „K o l b e n g e w e i h" bedeckende Integument zum Absterben; Haut und Gesäße desselben vertrocknen, der „B a st" des Geweihes fällt ab oder wird durch „Fege n" vom Hirsch entfernt.
Diesen eingehenden Schilderungen folgt die Besprechung der Ursachen abnornier Geweihbild- u n g. Monströse Geweihe hatte man bisher vielfach als Produkte einer launenhaften Natur angesehen. Sie sind dies keineswegs. Auf diesem bisher unbearbeiteten Gebiete kennten die auf Grund eines reichen Thatsacken- Materials voni Vortragenden unternommener: Forschungen völlig neue Gesichtspunkte zur Geltung bringen. Die Existenz von Korrelationen zwischen der Geweihbildung und den übrigen Organen des Cervidenkörpers kennte in solchem Grade erwiesen werden, daß jeder Zweifel an der Dichtigkeit der ausgesprochener: Thesen ausgeschlossen erscheinen muß. Jede Erkrankung, sogar