spezifische, direkte, oder unmittelbare Wirkung zu, was übrigens fast als selbstverständlich erschien.
Gc^n diese alte Lehre der spezifischen Wirkung der Kälte und Wärme wendet sich aber der Vortragende, gestützt aus die im Jahre 1894 gemachte, im höchsten Grade verblüffende Beobachtung, daß bei einem seiner Wärme- Experimente nicht eine Wärme-, sondern eine Kälteform resultirte, als wären die Puppen in Kälte« (über Eis) aufbewahrt worden.
In diesem Faste wirkte also die Wärme (-st 38 bis 42 Grad Celsius) ganz gleich, wie die Kälte (0 Grad bis ~j- 5 Grad)! Dies führte den Redner Zur Aufstellung seiner „H e m m u n g s t h e o r i e", wonach oie Kälte und Wärme nicht spezifisch, nicht direkt wirken können, sondern nur auf einem Umwege, und zwar durch H e rn m u n g der Entwicklung.
Diese Ansicht, daß Wärme gleich wirke wie Kälte, und daß sie zudem die Entwicklung hemme, fand anfänglich wenig Zustimmung. Weitere experimentelle Forschungen haben aber die volle Bestätigung derselben ergeben. Als der Vortragende im Jahre 1895 die Kälte- > Experimente durch Anwendung sehr tiefer Grade« (— 4 Grad bis — 20 Grad Celsius) wesentlich erweiterte, traten neue, von der Normalsorm enorm stark ab-1 weichende Formen, sogen. „Aberrationen", auf, und diele nämlichen Aberrationen konnte der Redner auch durch hohe Wärme erzielen, wie die Hemmungstheorie es vorausgesagt hatte. Weiter bestätigte es sich auch, daß wirklich die Entwicklung bei diesen tiefen und hohen Temperaturen langsamer, also gehemmt verlief, was Standfuß direkt beobachten konnte.
Es blieb indessen noch übrig, zu zeigen, daß auch die durch schwache Kälte (0 Grad bis -st 8 Grad Celsius) erzeugten Varietäten ebenfalls durch Wärme erzielt werden könnten, daß auch da keine spezifische Wirkung, sondern Hcmmnngsvorgänge die nächste Ursache der Färbenverändcrung sind. Ter endgültige Beweis hierfür wurde im Laufe der letzten 3 Jahre erbracht. Alle charakteristischen Kälte-Varietäten traten aus bei Einwirkung einer Warnte von zirka 38 Grad bis 41 Grad Celsius, und auch da ließ sich beobachten, daß auch die mäßige erniedrigten und mäßig erhöhten Temperaturen hemmend wirkten, was bisher durchaus bezweifelt worden war. Recht drastisch wirkt in dieser Hinsicht schon die eine Thatsache, daß es so gelang, die in Norwegen und Lappland lebende var. polaris unserer Vanessa ur-tieae durch Wärme zu erzielen, während man sie bislang einzig und allein durch. Kälte erhalten zu können glaubte.
Damit war nun die alte Lehre der spezifischen, direkten Wirkung der subnormalen Temperaturen umgestoßen!
Weiter hatte sich bei diesen Untersuchungen herausgestellt, daß die künstlich erzeugten Veränderungen in Zeichnung und Farbe nach den Eimer'scheu Gesetzen erfolgten; d. h. die Längsstreifung ging über in Fleckung und diese in Querstreifung; ferner veränderten sich die ! Farben in der Richtung von unten nach oben und von hinten nach vorn. Diese letztere Gesetzmäßigkeit erlitt indessen eine Ausnahme, sobald die Aberrationen statt durch tiefe Kälte mittelst hoher Wärme hcrvorgerufen wurden. Die Veränderungen verliefen alsdann in umgekehrter Richtung, und dies führte den Vortragenden zu einem Versuch, die Ursachen der in der freien Natur als enorme Seltenheiten auftretenden Aberrationen zu erklären; diese liegen nach Ansicht des Redners in der Bestrahlung (Insolation) der frischen Puppen durch die Sonne während mehrerer (3 bis zirka 10) Stunden. Auch unter die Wirkung von Frostnächien, langdauernder, relativ niedriger Herbsttemperatur und der Winterkälte gelangte Puppen der Vanessen können solche Aberrationen ergeben.
Der Vortragende erläutert sodann was Wesen der Aberrationen; ein wesentlicher Unterschied zwischen Aberration und Variation besteht nach seiner Ansicht sicherlich nicht; auch ersiere bewegen sich zum Theil aus der Bahn der erdgeschichtlichen Entwicklung der Art und können sowohl in der Vergangenheit existirt haben, als auch in Zukunst wieder auftreten, wofür Belege erbracht werden.
Den Schluß bildet die Darlegung eines Vererbungs- Experimentes bei Crotta caja, dem Bärenspinner.
Die durch einen äußeren Faktor (tiefe Kälte) erzeugte neue Eigenschaft (neue Zeichnung der Flügel) wurde tbatsächlich aus die Nachkommen übertragen. Diese Uedcrtragung schien aber nicht im Sinne L a m a r ck s , sondern Weismanns erfolgt zu sein, d. h. die tiefe Kälte veränderte nicht nur die Flügelzeichnung, sondern auch dir Foripslanzungszellen gleichzeitig und gleichsinnig, und sogar noch stärker als die elterlichen Flügel.
Zahlreiche D e m o n st r a t i o n e n unter den angegebenen Bedingungen gezüchteter, künstlicher Schmetterlingsformen dienen als Belege für die intereffanten Ausführungen des Redners, welchem der Vorsitzende in seinem Schlußwort den Dan! der Gesellschaft für den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag ausspricht. u '
Samstag, den 10. November 1900.
Vorsitzender Herr Dr. August Knoblauch.
Herr Professor Dr. Ferd. Richters spricht über: „Die Thierwelt der Moosrasen". Der Vortragende schildert zunächst die Entstehung der Moospolster, mit besonderem Hinweis auf den am Grunde derselben sich findenden, aus angewehtem Staube und Pflanzenresten sich bildenden, schwarzbraunen Mulm, der ein kräftiger Nährboden für die Moospflänzchen und der Aufenthaltsort einer reichen Thierwelt ist.
Die niedersten Thiere, die in den Moosrasen Vorkommen, sind die Amoeben, sandkornähnliche, aus einem Tröpfchen zähen Schleims bestehende Lebewesen, deren thierische Natur wir u. A. an ihrer Fortbewegung auf zapfenförmigen Scheinfüßen, an dem Austreten von Ausscheidungsprodukten, sog. pulsirenden Vacuolen, und an ihrer Nahrungsaufnahme erkennen/ Während die größeren, wasserbewohnenden Amoeben besonders von Kieselalgen und Wurzelfüßlern sich nähren, beobachtete der Vortragende, daß ^.rnoeba terricola Bärthierchen
frißt und gelegentlich sogar Thiere der eigenen " Art überfällt. Auch die ziemlich selten wahrgenommene Fortpflanzung dieser Thiere durch Theilung hatte der Redner zu beobachten Gelegenheit. ■ Neben den gänzlich schutzlosen Amoeben finden sich Urthiere, die zum Schutz ihres Zarten Schleimleibes Gehäuse bauen. Sie lesen feinste Sandkörnchen und Panzer von Kieselalgen' auf und fügen dieselben zu kugelförmigen oder birn- förmigen Schalen Zusammen (DilHugia, Trinema) oder reihen zierliche, ausgeschiedene Täfelchen dachziegel- artig in Reihen oder mosaikartig zu ei- und flaschen- förmigen Häuschen aneinander (Euglyplia, Nebela), aus denen ihre Scheinfüße wie Wurzeln heröorragen; daher die Bezeichnung dieser Thiere als Wurzel» f ü ß l e r oder Rhizopoden.
Besonders häufige Bewohner der Moosrasen sind kleine, ungegliederte Würmer, die Nematoden, und die zu den Würmern gerechneten Räderthier- ch e n, die ihren Namen nach zwei in der Nähe der Mundöffnung stehenden, wie ein Rädchen scheinbar sich drehenden Organen haben, mit denen sie die seinen, im