Der Redner geht dann weiter auf die viel kompli- zirteren Verhältnisse ein, welche der Entstehung der antibakteriellen Immunität zu Grunde liegen. Durch Einführung pathogener Bakterien in den Thierkörper entstehen bekanntlich im Serum Stoffe, welche gerade diese Bakterien zur Auflösung bringen, ge­wissermaßen verdauen. Auch diese Vorgänge lasten sich j auf Grund der Seitenkettentheorie befriedigend erklären. Besonders aufklärend in dieser Richtung wirkten die Ver­suche mit den H a e m o l y s i n e n , das heißt mit Sub­stanzen, die im Blutserum von Thieren nach Vorbehand­lung mit den rothen Blutkörperchen fremder Thier- sf)ezies entstehen und die Eigenschaft haben, diese Blut­körperchen im Reagensglas aufzulösen. Auch in diesen Fällen sind Analoga der haptophoren und toxophoren Gruppen nachweisbar.

Die die Bakterienimmunität bedingenden B a k t e r i o l y s i n e" bestehen ebenso wie die Haemo- lysine aus zwei verschiedenen Bestandtheilen. Der eine derselben (C o m p l e m e n t"), der meist außerordent­lich labiler Natur ist, findet sich schon im Serum nor­maler Thiere und wirkt nach Art eines Fermentes aus­lösend auf die Bakterien ein. Die Wirkung desselben kann aber auf die Bakterien nur durch die Vermittlung desImmunkörpers" übertragen werden, der eben durch den Vorgang der Jmmunisirung entsteht und

der von den betreffenden Bakterien eine spezifische che­mische Bindung erfährt. Der Mißerfolg vieler anti- bakterieller Heilsera beruht wohl darauf, daß dieselben zwar genügend Immunkörper enthalten, jedoch der ge­nügenden d Menge vonComplement" entbehren. Nur solche antibakteriellen Heilsera können therapeutisch ver­wertet werden, deren Immunkörper im Organismus die ausreichende Menge paffenden Complements vor- sindet oder die selbst ein Complement mitbringen, wel­ches im menschlichen Körper existenzfähig ist. Im Stu­dium dieser Verhältnisse und im Aufsuchen wirksamer unda n t h r o p o st a b i l e r" Complemente sieht der Redner die nächste und wichtigste Aufgabe der Jmmu- nitätsforschung und hofft, daß durch deren Lösung auch für die praktische Serum­therapie weitere Erfolge zu erzielen sind.

ReicherBeifalllohntdenVortragen- tenfürseinehochinteressanten durch zahl- k reiche Zeichnungen erläuterten Ausführungen. Der Vorsitzende spricht beiden Rednern den Dank der Gesellschaft aus und schließt die Sitzung mit einem kurzen Rückblick auf die zwölf wissen­schaftlichen Sitzungen des abgelaufenen Winter­semesters, welche sich stets des lebhaftesten Interesses von S-lten der zahlreichen Zuhörer zu erfreuen gehabt haben.

Frankfurt

Der erste Direktor, Herr Dr. A u g u st K n o b l a u ch, begrüßt die zahlreich erschienenen Mitglieder in der ersten Sitzung des Wintersemesters und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß sich auch in diesem Jahre die wissenschaft­lichen Sitzungen, deren vollständiges Programm bereits veröffentlicht worden ist, wiederum des gleichen, leb­haften Interesses erfreuen mögen wie in den früheren Jahren.

- ' Als besonders wichtig unter den Vorkommnissen des . vergangenen Sommers hebt der Vorsitzende die Au­fstellung eines wissenschaftlichen Kusto­den hervor, zu welchem in der Verwaltungssitzung vom 47 August d. I. der Assistent am Kgl. Zoologischen Institut und Museum der Universität Breslau, Herr Dr. phil. Fritz Römer, ernannt worden ist. Der­selbe, ein Schüler Professor Kükenthals, welch Letzterer in den Jahren 1893 und 1894 im Aufträge der Gesellschaft den Malavischen Archipel bereist hat, hat sich durch eine Reihe hervorragender Arbeiten sowohl auf dem Gebiet der Systematik, wie auch der Biologie ausgezeichnet; er hat die Gordiiden der K ü k e n t h a l - scheu Reiseausveute bearbeitet und in denAbhand­lungen" der Gesellschaft, Bd. XXIII. 2, beschrieben pnd Hai selbst im Jahre 1898 eine zoologische Forsch­ungsreise in das nördliche Eismeer unternommen. Herr Dr. Römer wird am I. November seine Stelle an- . treten und in der wissenschaftlichen Sitzung am 17. No­vember einen Bortrag über den interessanten Verlaus seiner Polarfahrt halten.

Sodann theilt der Vorsitzende mit, daß die Gesellschaft aus Veranlassung des M i n i ft e r s für Land- w i r t h s ch a f t, Domänen und Forsten ge- .meinsam mit den übrigen naiurwissensckiastlicben Ver-. einen der Provinz die Herausgabe einesF o r st - botanischen Merk buchs für die Provinz Hessen-Ra ssau" übernommen hat. Dasselbe soll ein vollständiges Verzeichniß der noch vorhandenen ur- wüchsigen Bäume und Siraucher unserer Waldungen, sowie auch einzelner Waldtheile enthalten, deren Pflege und Erhaltung als denkwürdige Zeugen früherer Kultur­epochen von Seiten des Staates anzustreven ist.

Schließlich legt der Vorsitzende die seit der letzten wissenschaftlichen Sitzung erschienenen Publikationen der Gesellschaft vor, °denBericht" für 1900 und : Abhandlunge n", Bd. XXV. 1, enthaltend die!

a. M., 20. Oktober 1900.

Fortsetzung der wissenschaftlichen Ergebnisse der zoologi­schen Forschungsreise Prof. Kükenthals in den Molukken und Borneo, und Bd. XXV. 2, die Fort­setzung der wissenschaftlichen Ergebnisse der Reisen Dr. B o e I tz k o w s in Madagaskar und Ostafrika.

Hierauf spricht das korrespondirendc Mitglied der Gesellschaft Herr Dr. med. E. Fischer aus Zürich über:

Experimentelle Alntersrrchungcn über Entstehung und Wesen der Schmetterlirigs-Warietäten und -Aberrationen"

(mit Demonstrationen).

Bereits vor 50 Jahren wurden D o r f m e i st e r in Graz und später Weis mann in Freiburg durch die an zwei einheimischen Falterarten gemachten Beobacht­ungen zu der Bermuthung geführt, daß die Kälte die Fähigkeit besitzen müßte, die Farbe und Zeichnung der Falter zu verändern. Diese Bermuthung wurde durch vie von beiden Forschern ansgeführien Experimente mit> Kälte (zirka -j- 2 Grad Celsius) bestätigt. Es gelang, die Sommergeneration einer Art (Vnne88rr levana) in die ganz anders gefärbte Wintergeneration zu ver­wandeln, und W e i s in a n n zeigte, daß die Winter­generation der levana eine alte Form sei, wie sie zur Eiszeit bei uns lebte, daß somit durch Kälte Rückschläge j zu uralten Formen erzeugt werden können.

Im Jahre 1892 griff der Vortragende diese Tem­peratur-Experimente, die bereits 17 Jahre lang in Stillstand gekommen, wieder auf, ließ aber nicht nur Kälte (0 bis -V 5 Gradl, sondern auch hohe Wärme (st- 35 Grad bis st- 42 Grad Celsius) auf die Puppen einwirken. Es gelang so, jede Art in eine Kälte- und eine Wärme-Varietät überzusühren, die auffallender Weise vielfach der nördlichen Varietät resp. der nörd­lichen der betreffenden Art entsprachen. Damit war experimentell bewiesen, das; die Varietäten- und Art- Bildung durch Temperatur-Einflüsse herbeigeführt wer- den kann.

Die Kälte- und Wärme-Varietäten verhielten sich gegensätzlich, d. h. wenn eine Farbe durch Kälte ab­nahm, so wurde sie umgekehrt durch Wärme vermehrt. Kälte und Wärme schienen also gegensätzlich oder umgekehrt zu wirken. Man schrieb daher der Kälte auf der einen und der Wärme auf der anderen Seite eine